Anapher

Der Satzanfang besitzt – ebenso wie dessen Ende – eine inhaltlich ausgezeichnete Stellung. Ihm wird durch die vorangehende Pause die besondere Aufmerksamkeit der Rezipienten zuteil. Deshalb verdient der Satzbeginn auch bei der rhetorischen Gestaltung von Text oder Rede besondere Sorgfalt. Verstärkt werden kann diese akzentuierende Wirkung, wenn der Anfang auf einander folgender Sätze wiederholt wird. Die rhetorische Figurenlehre verwendet für dieses Stilmittel den Begriff „Anapher“.

Eine Anapher ist eine rhetorische Figur, die durch die Wiederholung des Einleitewortes bzw. der Einleitewörter von Sätzen oder Satzgliedern gekennzeichnet ist. „Einleitewort“ meint hier jegliches Wort am Satz(glied)anfang.

Schematisch kann man dies folgendermaßen darstellen: x… . x…. . bzw. x…., x… .

Die Anapher erfüllt nun zwei wesentliche Funktionen. Die erste wurde in der Einleitung schon umrissen: Durch die Setzung eines Begriffes am Satzanfang und seine gleichzeitige Wiederholung in mehreren auf einander folgenden Sätzen wird ein Wort oder eine Wortgruppe besonders betont. Die zweite Funktion der Anapher besteht in deren gliedernder Wirkung. Besonders in längeren Sätzen gibt die Anapher eine Struktur vor und erleichtert so die Übersichtlichkeit bei Aufzählungen. Unterstützt werden kann eine solche Struktur noch durch die Verwendung von einem parallelen Satzaufbau (vgl. Parallelismus).

Beide Funktionen (Betonung und Gliederung) finden sich im abschließenden Wahlkampf-Statement von Heinz Fischer am Tag vor der Bundespräsidentenwahl 2004 (Hervorhebungen durch die Verfasserin):

Ich werbe um Ihr Vertrauen

Morgen wählen die Österreicherinnen und Österreicher ihr neues Staatsoberhaupt für die nächsten 6 Jahre. Ein wichtiger Tag für unser Land. Ich habe in den letzten Wochen immer klar gesagt, dass ich österreichischer Bundespräsident werden will. Weil ich die politische Erfahrung dafür habe, wiel ich von niemandem abhänge und meinem Gewissen folgen kann und weil meine Fähigkeit zum Ausgleich wichtig ist für dieses Amt, für Österreich – gerade jetzt. Ich will dazu beitragen, dass es in Österreich Chancen für die Jungen gibt, und Sicherheit für die Älteren. Ich will zu einer Politik beitragen mit sozialem Augenmaß und Verantwortung gegenüber unserer Neutralität. Ich will nach dem Grundsatz handeln, mit dem ich um Ihre Stimme geworben habe: Politik braucht ein Gewissen.

Politik braucht ein Gewissen. Dr. Heinz Fischer, © 2004 by Wahlbüro Dr. Heinz Fischer

(www-Datei: http://www.heinz-fischer.at/online/page.php?P=9072, 24.04.2004)

Während die einzelnen Sätze des Textes nur kurz oder mittellang sind, fällt der „Weil“-Satz schon rein quantitativ mit 32 Wörtern aus dem Rahmen (nichtsdestotrotz entbehrt er eines Hauptsatzes). Durch die Wiederholung des Einleitewortes „weil“ wird der Satz jedoch leicht erkennbar in drei Teile gegliedert und verliert somit an potenzieller Unübersichtlichkeit.

Die nachfolgende 3-fache Anapher von „Ich will“ rückt die Hauptbotschaft des Textes ins Blickfeld: „ich“. Das Wort kommt in dem kurzen Text von 122 Wörtern (inkl. Überschrift) neun Mal vor, besitzt also die höchste Frequenz. Die Anapher besteht jedoch aus der Aussage „Ich will“. In Kombination mit der vorangehenden Anapher formt sich beim Rezipienten daraus „Ich will…, weil….“. Nicht einzelne Inhalte finden sich im Zentrum dieses Schluss-Statements, sondern die Person des Kandidaten („ich“), sein Siegeswille („will“) sowie die Legitimation dieses Vorhabens („weil“). Eine klare und akzentuierte Präsentation – und hierfür steht eben die Anapher -, die offensichtlich auch bei den Wählern Gefallen fand.

Carmen Rob-Santer