Topik des Antisemitismus am Beispiel der Neuhofer Rede Martin Hohmanns

Abstract: In antisemitischen Texten nach 1945 fehlen die klassischen Stereotypen oder Parolen meist. In Argumentationsmustern, die über einzelne Topoi hinausgehen, spielt Antisemitismus jedoch auch in der heutigen politischen Auseinandersetzung noch eine große Rolle. Am Beispiel der Aufsehen erregenden Rede des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann zeigt Andrea Geier, wie mit neuen Methoden das alte Vorurteil des Antisemitismus im politischen Diskurs weiter mißbraucht wird. 

 


Andrea Geier

Topik des Antisemitismus am Beispiel der Neuhofer Rede Martin Hohmanns –

Oder:

Woran erkennt man eine antisemitische Rede?

Vortrag bei den Ersten Salzburger Rhetorik Gesprächen 2004

Seit Anfang des Jahres 2002 kam es fast schon in regelmäßigen Abständen zu öffentlichen Diskussionen über Antisemitismus in der Politik und im Kulturbetrieb: Zunächst hatte der von den Grünen zur FDP übergetretene Landtagsabgeordnete Jamal Karsli in einem Interview mit der Jungen Freiheit vom Einfluss einer ‚zionistischen Lobby‘ auf die deutsche Politik gesprochen, im Sommer beschäftigte die heftige Auseinandersetzung um Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers die Kulturberichterstattung, bald darauf folgte der Skandal um das Wahlkampf-Flugblatt Jürgen Möllemanns, der schon als Verteidiger Karslis aufgetreten war. Die ‚Affäre Friedman‘ im darauf folgenden Sommer 2003 geriet wiederum zum Auftakt für eine ganze Reihe von Antisemitismus-Debatten: Im gleichen Monat fing über Ted Honderichs Buch Nach dem Terror sowie über Antijudaismus in Mel Gibsons Film The Passion ein Streit an (zum Kinostart 2004 erneut), und Robert Gernhardt stellte schließlich noch die Frage, ob Wilhelm Busch ein Antisemit gewesen sei. Damit schloss sich am Ende des Sommers 2003 im Grunde ein Themenkreis, da schon Klaus Briegleb Anfang des Jahres mit seiner Streitschrift Wie antisemitisch war die Gruppe 47? die Mitschuld der Schriftsteller und Intellektuellen an der Tabuisierung und Verdrängung der Schuldfrage im Nachkriegsdeutschland ins Blickfeld gerückt hatte. Die wichtigste Antisemitismus-Debatte des Jahres 2003 aber löste zweifelsohne die Rede des damaligen hessischen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann zum Tag der deutschen Einheit in Neuhof aus. 1

So unterschiedlich diese Akteure und Anlässe auch waren, sie alle verbindet, dass an den öffentlichen Reaktionen ein verblüffendes Ausmaß an Schwierigkeiten sichtbar wurde, antisemitische Einstellungen als solche zu erkennen oder anerkennen zu wollen. Weite Teile der öffentlichen Reaktionen auf die Rede Martin Hohmanns waren ebenso unverständlich wie erschütternd: Wie lässt es sich erklären, dass so viele Menschen ernsthaft glaubten, Hohmanns Rede sei gar nicht antisemitisch? 2

Die zunächst zaudernde Reaktion der CDU-Führung, die Anhänger Hohmanns als Signal der Akzeptanz missdeuten konnten , 3 verschärfte die Situation zusehends, und so bemühten sich die Medien zu vermitteln, was eigentlich an Hohmanns Rede antisemitisch sei. Erst daran offenbarte sich allerdings, wie grundsätzlich die Deutungsprobleme waren: Denn die Rezeptionsschwierigkeiten lagen nicht nur bei denen, die glaubten, Hohmann habe ‚daneben gegriffen‘ und ‚überzogen‘ – und im Grunde sei doch der Antisemitismus-Vorwurf gegen ihn ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Vielmehr wurde auch auf Seiten derer, die Hohmanns Rede für antisemitisch hielten, ganz unterschiedlich wahrgenommen, was Hohmann ‚eigentlich‘ gesagt hatte und wie man den Antisemitismus seiner Argumentation nachweisen könnte. Man stritt sich: Hat Hohmann die Juden als „Tätervolk“ bezeichnet? Und wenn er das nicht hat oder am Ende seiner Rede zurückgenommen hat, ist die Rede dann überhaupt antisemitisch? Das waren jedoch, wie die folgenden Ausführungen zeigen sollen, schlicht die falschen Fragen. Denn der Schlüssel zum Verständnis eines antisemitischen Textes liegt, so meine These, nicht im einzelnen antisemitischen Vorwurf, sondern in der topischen Konstitution des antijüdischen Diskurses. Die Antwort auf die im Vortragstitel gestellte Frage „Woran erkennt man eine antisemitische Rede?“ liegt also im Nachweis, dass ein Text topische Argumentationsmuster aufweist. Dies ist insbesondere für den antisemitischen Diskurs nach 1945 von Bedeutung, der auf allzu plakative Vorwürfe und die Verwendung einschlägiger Stereotypen meist verzichtet (siehe hierzu Punkt 5).

Wolfgang Benz hat den exzeptionellen Status von Hohmanns Rede deutlich gemacht:

Einzigartig und neu am jüngsten antisemitischen Skandal ist die Tatsache, dass erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine geschlossene judenfeindliche Argumentation von einem Politiker einer demokratischen Partei vorgetragen wurde, die nicht als rhetorische Entgleisung oder als missglückte Phrase im Eifer des Gefechts mit einer Entschuldigung abgetan wäre. Die Rede ist elaboriert und mit Fleiß erarbeitet, dahinter steht Gesinnung und Literaturstudium, der Verfertiger fügt anscheinend bewiesene Fakten aneinander und stellt eindeutige Bezüge her. 4

Benz‘ Urteile – „geschlossene judenfeindliche Argumentation“, „elaboriert“, „Literaturstudium“ – beziehen sich auf Aspekte, die noch konkreter als Teil der topischen Konstitution des antisemitischen Diskurses benannt werden können. Hohmanns Rede enthält alle topischen Argumentationsmuster des Antisemitismus; diese Partizipation legt der Autor darüber hinaus bewusst offen.

Vorbemerkungen zur Untersuchung der Topik und zur topischen Konstitution des antisemitischen Diskurses

Die folgenden Ausführungen zu topischen Argumentationsmustern sind ein erstes Ergebnis meiner Untersuchung zur Kulturkritik des Antisemitismus. In diesem Projekt geht es mir um das Verhältnis von Identität und Differenz in antisemitischen Schriften, genauer noch um die Funktion der Diffamierungen des ‚Anderen‘ für die Beschreibungen der eigenen Kultur. Ich untersuche also nicht die diffamierenden Stereotype selbst, sondern analysiere den Antisemitismus als einen Diskurs der kulturellen Selbstverständigung, für den die „Fiktion des Fremden“ 5 als Spiegel des ‚Eigenen‘ konstitutiv ist. Leitfrage des Projektes im Hinblick auf die Kulturkritik ist: Inwiefern ist der antisemitische Diskurs aufgrund seiner besonderen Zuweisung von Identität und Alterität als ein Diskurs beschreibbar, in dem strukturell nicht nur das Lob des Eigenen, sondern auch dessen Kritik angelegt ist? Um in einem ersten Schritt herauszufinden, welcher Status der Kulturkritik im Antisemitismus zukommt, habe ich zunächst zwölf antisemitische Texte von der Frühen Neuzeit bis zum Nationalsozialismus untersucht.

Die antisemitischen Diffamierungen umfassen ein breites ‚Arsenal‘, das sich vorwiegend aus den Bereichen Religion, Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft/Soziales und Wertevorstellungen speist. Den Autoren des 20. Jahrhunderts stehen alle früheren antijüdischen Stereotype zur Verfügung; in ihrer Verwendung zeigt sich eine Tendenz zur Universalisierung, in der ‚ältere‘ Topoi aufgenommen, neu kombiniert und neu konnotiert werden. Religiöse Topoi verlieren dabei auch innerhalb primär nationaler oder rassenbiologischer Argumentationen nicht vollständig an Geltung. Zu den topischen Vorwürfen, die aus der religiösen Tradition stammen und bis ins 20. Jahrhundert tradiert und in ganz unterschiedlicher Weise neu konnotiert wurden, gehört etwa, dass sich die Juden als das ‚auserwählte Volk‘ verstehen sowie Christus nicht als Messias und Überwinder des Judentums anerkennen. 6

Wichtig ist, dass topische Argumente nicht per se wirken, weil sie an Bekanntes anknüpfen: Topoi sind stets auf neue Weise interpretations- und begründungsbedürftig: Die „problemabhängige, situativ wirksame Argumentationskraft (Intentionalität)“ 7 der Topik, wie Lothar Bornscheuer es formulierte, führt dazu, dass der Nachweis einer topischen Konstitution selbst noch nicht viel über die in einem Text verwendete Argumentationsstrategie und insbesondere über ihre jeweilige Überzeugungskraft aussagt. Man muss daher untersuchen, wie ein einzelner Autor einen Topos verwendet, um ihn überzeugungsfähig zu machen – z. B. indem er an die lebensweltlichen Erfahrungen seiner Hörer/-innen und Leser/-innen anknüpft. Topoi können also ‚veralten‘ und an Überzeugungskraft verlieren, aber auch wieder neu belebt werden. Die Untersuchung der Topik ist daher nicht ahistorisch, sondern im Blick auf die Topik verbinden sich eine rhetorische, kulturwissenschaftliche und diskursgeschichtliche Untersuchungsperspektive. Der Nachweis einer topischen Konstitution lässt also keinesfalls den Schluss zu, dass von einer historisch ungebrochenen Gleichartigkeit des antisemitischen Sprechens auszugehen wäre. Vielmehr werden hieran Aspekte von Kontinuität und Differenz gleichermaßen erkennbar.

Was für die Einzeltopik gilt, muss gerade auch im Hinblick auf die topischen Argumentationsmuster betont werden, um die es mir im Folgenden geht. Denn im vorliegenden Beitrag kann ich die einzelnen untersuchten Texte nur knapp als Beispiele für jeweils ein Argumentationsmuster heranziehen und eine genaue Analyse nur für die Rede von Martin Hohmann leisten. Meine These ist, dass den antisemitischen Diskurs von der Frühen Neuzeit bis heute fünf zentrale Argumentationsmuster durchziehen. 8

  1. Antisemitische Autoritäten und Genealogiebildung

  2. Die ‚jüdische Stimme‘ als Autorität

  3. Gestus der Aufklärung: ‚wahre‘ Täter und ‚wahre‘ Opfer

  4. Die Kulturkritik des Antisemitismus und die Sorge um die Nation

  5. Die Figur der zwei Antisemitismen

Die ersten vier Argumentationsmuster finden sich von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, die Figur der zwei Antisemitismen wird erst mit dem Ende des 19. Jahrhunderts topisch.

Erstens: Antisemitische Autoritäten und Genealogiebildung

Die Bezugnahme auf antisemitische Autoritäten ist ein zentrales Beweismittel in antisemitischen Texten, das zugleich zu einer Selbst-Kanonisierung (Genealogiebildung) des Diskurses geführt hat. Der Verweis auf die antisemitische Tradition kann in vier Formen auftreten 9 und hat jeweils legitimierende Funktion im Hinblick auf die Profilierung der eigenen Position und ihrer Glaubwürdigkeit. 10 So erwähnt etwa Heinrich von Treitschke in seiner Schrift Unsere Aussichten (1879) den Autornamen „Tacitus“, womit er auf die Darstellung der Geschichte Judäas in den Historien anspielt, um zu beweisen, dass „[e]ine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen […] von jeher bestanden“ hat. 11 Theodor Fritsch erstellt zu Beginn seines Handbuches der Judenfrage eine Genealogie verschiedenster Autoritäten, deren Auffassungen jedoch bisher nicht ins Volk ‚vorgedrungen‘ seien: Er nennt Luther, Goethe, Fichte, Schopenhauer, Moltke, Wagner, Lagarde, Treitschke, Dühring u.a.m. 12

Martin Hohmanns Rede 13 enthält zwei explizite affirmierende Anlehnungen an antisemitische Autoren, von denen einer eine anerkannte Autorität darstellt: Es handelt sich um den Industriellen Henry Ford und sein in Deutschland viel beachtetes antisemitisches Werk The international Jew (1920), 14 das in sehr enger Anlehnung an die berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion (dt. 1919) 15 die These von der jüdischen Weltverschwörung verficht. Der zweite Autor ist Johannes Rogalla von Bieberstein, Fachreferent für die Universitätsbibliothek Bielefeld, der die Theorie vom ‚jüdischen Sozialismus‘ nachzuweisen sucht. 16 Die Wahl Fords als einer im antisemitischen Diskurs unbestrittenen Autorität des 20. Jahrhunderts ist ein eindeutiges Signal, dass Hohmann sich als belesener, wenn nicht gelehrter Vertreter des antisemitischen Diskurses positionieren will. Ford ist Hohmanns zentraler Gewährsmann im Rahmen der Täter-Opfer-Aufrechnung, die eingeleitet wird von der „provozierende[n] Frage“, ob man nicht auch „die dunkle Seite in der neueren Geschichte“ des jüdischen Volkes beleuchten müsse: Hohmanns Verweis auf den Erfolg von Fords Buch – „eine Auflage von 500.000 Exemplaren“ in den USA, „Weltbestseller und in 16 Sprachen übersetzt – steht vor der Wiedergabe der These von den Juden als „Weltbolschewisten“ und dient an dieser Stelle implizit bereits als Argument, dass Fords Behauptungen wahr sein müssen; der ‚Erfolg‘ steht hier stellvertretend für das Argument der Quantität im antisemitischen Diskurs: Was so viele Menschen gelesen, gesagt, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte wiederholt haben, muss wahr sein. Auch wenn Fords Diffamierungen zunächst scheinbar neutral referiert werden und anschließend sogar die nahe liegende kritische Assoziation – „NS-Propaganda“ – thematisiert wird, will Hohmann mit seiner Antwort auf die Frage „Wieviel Juden waren denn nun in den revolutionären Gremien vertreten?“, dem Hinweis auf die ‚jüdischen‘ Mörder Zar Nikolaus II. und die ‚jüdische‘ Münchner Räterepublik den Beweis führen, dass Ford Recht hat. Dabei wird die scheinbare distanzierende Geste gegenüber dem Nationalsozialismus de facto zurückgenommen, denn die ‚Gleichung‘ ‚Juden = Bolschewisten = Mörder“ entspricht, worauf auch Wolfgang Benz hingewiesen hat, exakt der nationalsozialistischen Propaganda. 17

Dass sich Hohmann hauptsächlich auf einen Antisemiten des frühen 20. Jahrhunderts stützt, hat genau in diesem Zusammenhang taktische Gründe: Hohmann will die antisemitischen Behauptungen davor schützen, direkt mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht zu werden. Auf diesen Zusammenhang wird unter Punkt 5 noch genauer eingegangen.

Zweitens: Die ‚jüdische Stimme‘ als Autorität

Antisemitische Autoren berufen sich, um ihre Behauptungen zu belegen und einem breiteren Publikum die Glaubwürdigkeit ihrer antisemitischen Autoren zu beweisen, auf ‚neutrale‘, unverdächtige Personen und Schriften, auf Beispiele, die auf die lebensweltlichen Erfahrungen der Zuhörer/Leser zugeschnitten sind sowie auf Statistiken. Sie sollen die Objektivität des Gesagten bezeugen. 18 Von herausragender Bedeutung für die Herstellung von Glaubwürdigkeit ist die Aneignung und Deutung ‚jüdischer Stimmen‘. Der ‚jüdischen Stimme‘ wird im antisemitischen Diskurs eine besondere „Zitierfähigkeit“ zuerkannt: Denn ihr kommt die Funktion zu, angeblich ‚unwiderlegbare‘, da ‚authentische‘ Aussagen über Juden zu machen. So beruft sich etwa Achim von Arnim in seiner Rede Über die Kennzeichen des Judentums, die er 1812 vor der christlich-deutschen Tischgesellschaft gehalten hat, auf jüdische Textzeugnisse. Die Hinweise sind teilweise sehr pauschaler Natur – „Von ihrer Kunst, sich zu verheimlichen, sprechen sie selbst in ihren Büchern mit großem Stolz […]“, 19 aber er erwähnt auch Werke wie das Ma’assebuch, eine anonyme Sammlung altjiddischer Geschichten und Sagen (Anfang des 17. Jahrhunderts), aus dem er eine Geschichte referiert und deutet. 20 Mit den Protokollen der Weisen von Zion ist dieses Verfahren, sich die ‚jüdische Stimme‘ als Zeugen anzueignen, auf die Spitze getrieben: Denn die eingangs entworfene Situation ist ein ‚jüdischer Weltkongress‘, der sich über die Mittel zur Erreichung der Weltherrschaft verständigt; daher treten nach dem ersten einführenden Kommentar 21 nur mehr ‚jüdische Sprecher‘ auf; sowohl die antisemitischen Vorwürfe als auch deren teilweise Widersprüchlichkeit werden auf diese Weise grundsätzlich an (hier fiktive) ‚jüdische Stimmen‘ delegiert.

Martin Hohmann benutzt die Argumentationsstrategie der ‚jüdischen Stimme‘ an prägnanter Stelle: Damit Fords Behauptungen und damit seine eigene Beweisführung nicht mit dem Nationalsozialismus identifiziert werden, reiht er ‚jüdische Stimmen‘ und Personen aneinander. Sie sollen als ‚Selbstaussage‘ den Eindruck eines jüdischen Kollektivs entstehen lassen, der zum Beleg eines ‚jüdischen Sozialismus‘ taugte:

Hören wir, was der Jude Felix Teilhaber sagt: ‚Der Sozialismus ist eine jüdische Idee… Jahrtausende predigten unsere Weisen den Sozialismus.‘ Damit wird auch ausgedrückt, daß an der Wiege des Kommunismus und Sozialismus jüdische Denker standen. So stammt Karl Marx über beide Eltern von Rabbinern ab. Sein Portrait hing im Wohnzimmer einer jüdischen Frauenforscherin, die im übrigen bekennt: ‚Ich bin damit groß geworden, daß ein jüdischer Mensch sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, progressiv und sozialistisch ist. Sozialismus war unsere Religion.‘

In dieser kruden Zusammenstellung – in der einem Porträt im Wohnzimmer mehr Aussagekraft zukommt als dem Namen der Person, die es aufgehängt hat -, folgen noch Kurt Eisner und Leo Rosenberg; alle zusammen erklärt Hohmann sie zu ‚jüdischen Autoritäten‘, die – teilweise in einer Art stolzer Selbstbezichtigung vorgeführt – angeblich seine Theorie vom jüdischen Verbrecherkollektiv bestätigen.

Drittens: Gestus der Aufklärung – ‚wahre‘ Täter und ‚wahre‘ Opfer

Antisemitischen Texten ist ein explizit aufklärerischer Gestus eigen. Die Autoren versprechen, trotz aller Widerstände (endlich) die Wahrheit auszusprechen. Zu diesen Widerständen gehört insbesondere die ‚jüdische‘ Presse, welche eine kritische Diskussion der ‚Judenfrage‘ unterbinde. Joseph Goebbels behauptet in seiner Rede Der Jude (1929) schlicht, dass es ein ‚Tabu‘ gebe:

Über alle Fragen wird in Deutschland offen diskutiert, und jeder Deutsche nimmt für sich das Recht in Anspruch, sich in allen Fragen so oder so zu entscheiden. […] Einzig ein Problem ist dieser öffentlichen Behandlung entzogen, und es wirkt schon aufreizend, es nur zu nennen: die Judenfrage. Sie ist tabu in der Republik. 22

Die Autoren erklären, nun die Wahrheit ans Licht bringen und dabei eine sachliche Darstellung leisten zu wollen. So schreibt Eugen Dühring, man müsse „ohne Schleier die Wirklichkeit sehen“, 23 und Theodor Fritsch hebt in seiner Einführung eigens hervor, dass es ihm, ganz im Gegensatz zu den „Judenfreunden“, leidenschaftslos um „unleugbare Tatsachen“ gehe; er wolle mit seinem Buch „sachliches Material zu einer vorurteilsfreien [!] Betrachtung der Frage“ liefern. 24 Die so genannte Aufklärung bezieht sich auf einzelne Vorwürfe und Stigmatisierungen wie Faulheit, Verderbnis, ‚Schmarotzertum‘. Im Zentrum steht jedoch das Opfer-Täter-Verhältnis von Juden und Christen bzw. Juden und Deutschen. Bereits Luther klagt, die Juden würden sich als Opfer bezeichnen, während es sich doch genau umgekehrt verhalte:

Nu sihe, welch eine feine, dicke, fette Lügen das ist, da sie klagen, sie seien bei uns gefangen. […] Heisst das gefangen halten, wenn man einen nicht leiden kan im Lande oder Hause? Ja wol, sie halten uns Christen in unserm eigen Lande gefangen, Sie lassen uns erbeiten im nasen schweis, gelt und gut gewinnen, Sitzen Sie die weil hinter dem Ofen, faulentzen, pompen und braten birn, fressen, sauffen, leben sanfft und wol von unserm ererbeitem gut, haben uns und unser güter gefangen durch jren verfluchten Wucher, spotten dazu uns speien uns an, das wir erbeiten und sie faule juncker lassen sein von dem unsern und in dem unserm, Sind also unsere Herrn, wir jre Knechte mit unserm eigen gut, schweis und erbeit, fluchen darnach unserm Herrn und uns zu lohn und zu danck. 25

Und Richard Wagner klärt in Das Judentum in der Musik (1850) seine Leser darüber auf, dass der eigene Kampf für die Emanzipation der Juden im Zeichen des Liberalismus ein eklatanter Fehler gewesen sei, denn ‚der Jude‘ sei gar nicht unterdrückt: „Der Jude ist, nach dem gegenwärtigen Stand der Weltdinge, wirklich bereits mehr als emanzipiert: er herrscht26 und wird so lange herrschen als das Geld die Macht bleibt, vor der all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert.“

Martin Hohmanns Rede schließt sich dem aufklärerischen Duktus des antisemitischen Diskurses an. Hohmann erklärt: „[…] um jedem Mißverständnis auszuweichen: Mit Ihnen gemeinsam bin ich für Klarheit und Wahrheit“, um gleich im Anschluss die Beschäftigung mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu diffamieren, indem er dieser ein „Übermaß an Wahrheiten“ [meine Hervorhebung] bescheinigt, das auch noch gegen Deutschland instrumentalisiert werde; daraufhin teilt er dem Leser wiederum die „[i]mmer und immer wieder […] gleiche schlimme Wahrheit“ mit: dass eben diese Beschäftigung mit der Vergangenheit „geradezu psychische Schäden“ bewirke.

Hohmanns Differenzierung von ‚Wahrheit‘ und ‚Wahrheiten‘, in der die Denunziation der öffentlichen Debatte über die Zeit des Nationalsozialismus mit derjenigen der vorgeblich ‚neurotischen‘ wissenschaftlichen Aufarbeitung Hand in Hand geht, steht im Kontext der topischen Täter-Opfer-Aufrechnung. Dieses Argumentationsmuster dient hier der Schuldentlastung: Zunächst wird behauptet, dass „international“ von den Deutschen als „Tätervolk“ gesprochen werde; dass Hohmann hierfür Belege schuldig bleibt, ist dabei kein Zufall, denn der Begriff ‚Tätervolk‘ wird ausschließlich im rechtsextremistischen Diskurs selbst verwendet, um in einen Aufrechnungsdiskurs eintreten zu können. 27 Anschließend führt Hohmann den vorgeblichen Beweis eines ‚jüdischen Täterkollektivs‘: von den Mördern der Zarenfamilie bis zu den „[u]nter maßgeblicher Beteiligung jüdischer Tschekisten“ stattfindenden Zwangskollektivierungen in der Ukraine, während der „weit über 10 Millionen Menschen den Tod“ fanden. Auf der Basis dieser Gleichsetzung der als ‚jüdisch‘ etikettierten und der nationalsozialistischer Verbrechen – wobei sicher nicht zufällig die Summe der ‚jüdischen‘ Verbrechen die im öffentlichen Diskurs fest etablierte Zahl von sechs Millionen jüdischen Opfern noch weit übertrifft – funktioniert die darauf folgende Rücknahme des Tätervolk-Begriffs (1. Fazit der Rede) in Hohmanns Logik als Schuldentlastung. Dass die ‚Kollektive‘ in keiner Weise vergleichbar sind, thematisiert er nicht. Besondere Aufmerksamkeit verdient zudem, dass sich diese Entlastung der Kollektive auf die Täter direkt bezieht und keineswegs auf den erweiterten Begriff eines „Tätervolkes“, in dem die Nachkommen (mit?)gemeint gewesen wären.

Die Gleichsetzung der Kollektive folgt dem nationalsozialistischen Muster: Unabhängig davon, ob die Personen sich selbst als Juden begriffen, werden sie von Hohmann aufgrund ihrer ‚rassischen‘ Herkunft, d. h. von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammend, als Juden bezeichnet. Hohmann benötigt diese Zuordnung, denn nur auf dieser Basis sowie der These von der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ – Juden schließen sich in Institutionen, hier den revolutionären Gremien, zusammen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen – kann er behaupten, dass alle diese Personen ‚als Juden‘ Verbrechen begingen und es daher ein jüdisches Täterkollektiv gebe.

Im nächsten Argumentationsschritt entdeckt Hohmann letztlich als ‚wahre‘ Täter die „Gottlosen“, das ist das 2. Fazit seiner Rede. Hier wiederholt sich zunächst der Entschuldungsdiskurs, insofern Hohmann die nationalsozialistische Zuordnung unvermittelt beiseite lässt und den Glauben zum Maßstab macht: Auf dieser Grundlage erklärt Hohmann die ‚Gottlosigkeit‘ zum gemeinsamen Element der kommunistischen und nationalsozialistischen Verbrechen. Nur Juden und Christen, die sich als Kommunisten und Nationalsozialisten von ihrem Glauben abgewandt hätten, seien für die Verbrechen des 20. Jahrhunderts verantwortlich.

Die infame und bislang gänzlich unbeachtete Schlusspointe in Hohmanns Aufrechnungs- und Entschuldungsdiskurs ist, dass die Rückbesinnung auf die Religion nur die christliche Religion meint. In dieser letzten argumentativen Wendung werden Juden als schlechthin ‚Gottlose‘ bezeichnet. Dies lässt sich aus dem Verweis auf ein scheinbar unverdächtiges Bibelzitat schließen, das 10. Buch des Johannes-Evangeliums. Aufgrund des Kontextes, in dem diese Bezugnahme erfolgt, zeigt sich, dass Hohmann mit dem Gleichnis vom guten Hirten auf einen ganz zentralen antijudaistischen Vorwurf anspielt: Die Juden erkennen Christus nicht als Messias und damit als Überwinder des Judentums an.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber. […] Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. […] Da entstand abermals Zwietracht unter den Juden wegen dieser Worte. Viele unter ihnen sprachen: Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen; was hört ihr ihm zu? Andere sprachen: Das sind nicht Worte eines Besessenen; kann denn ein böser Geist die Augen der Blinden auftun? […] Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen, bist du der Christus, so sage es frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir. (Joh 10, 1-27)

Neben der offenen Anknüpfung an den modernen Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts findet sich also mit dem Gleichnis vom guten Hirten auch ein indirekter Hinweis auf die antijudaistischen Wurzeln von Hohmanns Rede. Im christlich-fundamentalistischen Glauben Hohmanns sind alle Juden, auch die gläubigen – da ‚falschgläubigen‘ – als ‚gottlos‘ anzusehen. In der ‚Logik‘ seiner Rede werden sie dadurch unter der Hand wieder zu einem und zwar dem einzigen „Täterkollektiv“ erklärt.

Viertens: Die Kulturkritik des Antisemitismus und die Sorge um die Nation

Der Antisemitismus will beweisen, dass die Juden einen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben und bietet auf dieser Basis eine ‚Lösung‘ der ‚Judenfrage‘ an. An den zu ‚Fremden‘ erklärten Juden machen die Beiträge zur ‚Lösung der Judenfrage‘ ihren Wertediskurs fest und zeichnen ein kritisches Bild der Gesellschaft. Die antisemitischen Texte durchzieht auf diese Weise stets aufs Neue die Zuordnung von ‚Eigenem‘ und ‚Fremden‘; sie sind darauf angewiesen, beides streng zu trennen, damit die negative Diagnose des Status quo plausibel auf den ‚Fremden‘ projiziert werden kann. Nur auf dieser Basis können die LeserInnen überzeugt werden, dass die vorgeschlagene Lösung des Problems auch wirklich dazu führt, dass die ‚wahren Werte‘ danach wieder dominieren – unabhängig davon, ob damit jeweils christliche oder nationale Werte oder diejenigen der ‚arischen Rasse‘ gemeint sind.

In den Texten der frühen Neuzeit ist der kulturkritische Diskurs Teil der religiösen Auseinandersetzung. Die verderblichen Eigenschaften, die Luther in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen den Juden zuschreibt, fungieren als Negativdarstellungen des eigenen Tugendkatalogs. Ab dem 19. Jahrhundert wird die kritische Diagnose der eigenen Gesellschaft dann als Sorge um die Nation formuliert: Sie durchzieht auch schon die politische, aber noch vorwiegend religiös motivierte Rede Unsere Forderungen an das moderne Judentum des Hofpredigers Adolf Stoecker, der beklagt, der ‚jüdische Geist‘ habe die deutschen Christen „entdeutscht und entchristlicht“, und der seine Leser auffordert, die „Ketten eines fremden Geistes“ zu brechen, bevor die Nation „verjudet“. 28

Martin Hohmanns Rede beinhaltet eine kulturkritische Diagnose des überhand nehmenden Eigennutzes in der deutschen Gesellschaft, die Sorge um die „Mutzerstörung im nationalen Bewußtsein“ und eine Aufrechnungsdebatte, die um angeblich ‚jüdische Mörder‘ kreist; dass sich diese Aspekte verbinden, lässt sich direkt auf die nationalsozialistischen Reden über die ‚jüdischen Schmarotzer‘ zurückführen. Hohmann prangert in seinem Wertediskurs die Ausnutzung des Rechtsstaates und die fehlende Verbindung von Eigennutz und Gemeinnutz an, letzteres ebenfalls eine für den Nationalsozialismus typische Verbindung zwischen Antisemitismus und Kulturkritik, und verwendet dabei selbst den Begriff des „Schmarotzers“ in der sprechenden Wendung: „Dabei hat der einzelne, den man früher [!] Schmarotzer genannt hätte“.

Angesichts der Tatsache, dass Hohmann mit „Symbolen des Guten“ den Nationalsozialismus meint, ist schon die ‚Schmarotzer‘-Debatte als Argumentationsmuster einschlägig für die Gesinnung, die in den darauf folgenden antijüdischen Ausführungen zu Tage tritt. Der entscheidende Konnex wird allerdings noch nicht über eine direkte Schuldzuweisung an die Juden hergestellt: Schuld sind für Hohmann gerade die Deutschen, die sich ihren Umgang mit der Vergangenheit von anderen aufzwingen lassen und deren Sichtweise als Selbstbild angenommen haben. Doch indirekt stellt das Thema ‚Fremdheit‘ bereits die Verbindung zwischen der Kulturkritik und dem antisemitischen Aufrechnungsdiskurs dar: Dies zeigt sich an den Anfragen Hohmanns an die Bundesregierung, in denen er Kritik daran übt, dass sie sich nicht für „deutsche Zwangsarbeiter“ in Russland, Polen und der Tschechischen Republik einsetze, aber weiterhin ihre Zahlungen an die EU und an „ausländische und jüdische Zwangsarbeiter“ in Deutschland in voller Höhe aufrechterhalte. Die Gegenüberstellung offenbart bereits, dass in Hohmanns Denken ‚deutsch‘ und ‚jüdisch‘ einfache Gegensätze sind. Im nächsten Absatz zieht Hohmann daraus folgerichtig ein Fazit, in dem die ‚jüdischen Opfer‘ mit den ‚Auslandskonten‘ identifiziert werden: „Erst kommen die anderen, dann wir. Überspitzt gesagt: Hauptsache, die deutschen Zahlungen gehen auf Auslandskonten pünktlich und ungeschmälert ein. […] Wenn schon eine Bevorzugung der Deutschen als nicht möglich oder nicht opportun erscheint, dann erbitte ich wenigstens Gleichbehandlung von Ausländern und Deutschen.“

Fünftens: Die Figur der zwei Antisemitismen

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts etabliert sich die Denkfigur des zweifachen Antisemitismus: Die Autoren setzen ihre Auseinandersetzung mit der ‚Judenfrage‘ von einer ‚primitiveren‘ Form antijüdischer Agitation ab. Die Differenzierung zwischen unterschiedlichen Antisemitismen kann zwei taktischen Kalkülen folgen: Wird sie beibehalten, soll sie der Aufwertung der eigenen Position dienen und politische Forderungen ‚anschlussfähig‘ machen für gebildete Schichten, für das Bürgertum und die gesellschaftlichen Eliten. Wird sie wieder nivelliert, fungiert sie als Aufwertungsdiskurs für die antisemitische Agitation selbst und soll die Masse des Volkes und die Eliten unter einem gemeinsamen Ziel vereinen. Letztere Figur findet sich prominent im Kontext des Berliner Antisemitismusstreites in den Jahren um 1879/81. Heinrich von Treitschke verwendet sie, um den intellektuellen Leser, an den er sich wendet (und der vor Pogromen zurückschrecken mag), mit dem antisemitischen „Volksinstinkt“ zu versöhnen; Treitschke scheint sich zunächst vom Judenhass seiner Zeit zu distanzieren und konnotiert die antisemitische Hetze negativ, um sie dann jedoch als ‚legitimen‘ Ausdruck des ‚Volkszornes‘ darzustellen, der die ‚Judenfrage‘ zu Recht in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rücke:

Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, welche durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum. […] Es ist des Schmutzes und der Roheit nur allzu viel in diesem Treiben, und man kann sich des Ekels nicht erwehren, wenn man bemerkt, daß manche dieser Brandschriften offenbar aus jüdischen Federn stammen […]. Aber verbirgt sich hinter diesem lärmenden Treiben wirklich nur Pöbelroheit und Geschäftsneid? Sind diese Ausbrüche eines tiefen, lang verhaltenen Zorns wirklich nur eine flüchtige Aufwallung, so hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1819? Nein, der Instinkt der Massen hat in der That eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt; […]. 29

Martin Hohmanns Rede bedient sich dieser Figur des zweifachen Antisemitismus, diese ist jedoch, typisch für den antisemitischen Diskurs nach 1945, in eine Differenz zwischen einem ‚guten‘ Antisemitismus und dem Nationalsozialismus umgedeutet. Nach 1945 hat sich die Figur der zwei Antisemitismen entscheidend verändert: Die Differenz liegt nun zwischen den älteren Elementen des Diffamierungs-‚Arsenals‘ und den Verbrechen, die während der nationalsozialistischen Diktatur begangen wurden. Die Abgrenzung von diesen Verbrechen und einem rechtsextremistischen Diskurs, in dem der Holocaust geleugnet wird („Auschwitz-Lüge“) soll den neuen Antisemitismus für den demokratischen Diskurs anschließbar und akzeptabler machen. Gleichzeitig beteiligen sich die Autoren, vor allem mittels der Aufklärung über ‚wahre‘ Täter-Opfer-Verhältnisse an Relativierungen und dem Aufrechnungsdiskurs, wie er im Rechtsextremismus üblich ist. Die Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen kann daher Hand in Hand gehen mit der Betonung positiver Wertungen des Nationalsozialismus; in diesem Sinne ist auch Hohmanns Anspielung, versteckt in einem Nebensatz, eindeutig: „Nicht die braunen Horden, die sich unter den Symbolen des Guten [!] sammeln, machen tiefe Sorgen.“ Gleichzeitig versucht Hohmann durch eine ostentative Abgrenzung von den Rechtsradikalen und Neonationalsozialisten – er spricht in einem Absatz vom „Hitlersche[n] Ungeist“, „abstoßende[r] Aggressivität“ der Rechten in der Öffentlichkeit, von „Dumpfbacken“ und „braune[m] Abhub“ -, seine Thesen konsensfähig zu machen.

Die Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen ist eine conditio sine qua non im demokratischen Diskurs, die deshalb auch Antisemiten als rhetorische Pflichtübung erfüllen. Dabei wird sie jedoch instrumentalisiert, um die Forderung nach dem ‚Schlussstrich‘ allererst zu begründen: Die Argumentation Hohmanns lautet entsprechend, wiederum im Kontext des Aufrechnungsdiskurses: Während andere Nationen dazu neigten, „die dunklen Seiten ihrer Geschichte in ein günstigeres Licht zu rücken“, werde solche „gnädige Neubetrachtung oder Umdeutung […] den Deutschen nicht gestattet. Das verhindert die zur Zeit in Deutschland dominierende politische Klasse und Wissenschaft mit allen Kräften.“ Fazit Hohmanns: Weil man sich im Gegensatz zu anderen schon so lange und gründlich, „in einer einzigartigen, schonungslosen Weise“ mit den Verbrechen befasst habe, müsse es nun genug sein. Die Figur des zweifachen Antisemitismus, die eine Absetzbewegung vom Nationalsozialismus erfordert, wird also in eine Infragestellung des öffentlichen Umgangs mit dem Nationalsozialismus gewendet und zugleich vorsichtig, aber unübersehbar, in eine neue ‚Drohgebärde‘ integriert: Wer sich nicht auf die Schlussstrich-Forderung einlässt, der laufe Gefahr, umgekehrte Reaktionen zu provozieren:

Aber bei vielen kommt die Frage auf, ob das Übermaß der Wahrheiten [!] über die verbrecherischen und verhängnisvollen 12 Jahre der NS-Diktatur nicht a) instrumentalisiert wird und b) entgegen der volkspädagogischen Erwartung in eine innere Abwehrhaltung umschlagen könnte.

Fazit

In antisemitischen Texten nach 1945 fehlen meist die klassischen Stereotype oder Parolen wie „Die Juden sind unser Unglück“, die man von Luther über Treitschke bis zu Goebbels findet. Denn es ist offensichtlich, dass man damit nicht auf Anerkennung in der demokratischen Mitte hoffen kann. An Hohmanns Rede zeigt sich deshalb besonders eindringlich, wie wichtig es ist, in der Analyse nicht von Einzeltopoi auszugehen: Fragt man nach den verwendeten Argumentationsmustern, stellt es kein Problem für das Erkennen von Antisemitismus dar, dass antisemitische Texte nach 1945 aus taktischen Gründen allzu plakative und bekannte antijüdische Stereotypen vermeiden. Die Kenntnis der fünf Argumentationsmuster ist daher als ein effektives Raster anzusehen, antisemitische Texte erkennen zu können.

In der Konzentration auf diese fünf Muster mussten viele interessante und wichtige Aspekte der einzelnen historischen Textbeispiele ausgeblendet werden: Neben textanalytischen Aspekten waren dies vor allem die historisch unterschiedlichen Motivationen für antisemitische Reden, divergierende Einstellungen und Standpunkte innerhalb antisemitischer politischer Bewegungen einer Epoche oder verschiedenartige Verbindungen zwischen antisemitischer Rede und politischer Praxis. Gleichwohl ist jenseits aller notwendigen Differenzierungen ein Aspekt zu betonen, für den auch Martin Hohmanns Rede steht: Dass der so genannte „Salon“-Antisemitismus keineswegs als harmlos oder als weniger verheerend als der Ausdruck eines ‚dumpfen‘ Judenhasses einzuschätzen ist, sondern dass er jenen vielmehr legitimiert. Solche Schattenseiten in der Geschichte der Eliten wurden im vorliegenden Beitrag an Verfassernamen wie Achim von Arnim, Adolf Stoecker, Eugen Dühring oder auch Otto Weininger deutlich.

Martin Hohmanns antisemitische Rede ist sichtlich darauf angelegt, die Grenzen dessen, was im demokratischen Diskurs noch sagbar ist, zu verschieben und rechten Positionen Akzeptanz zu verschaffen. Solchen und ähnlichen Versuchen muss deutlich entgegengetreten werden. Es ist auch in weniger extremen Fällen wie dem Hohmanns nicht nur berechtigt, sondern notwendig, einzuschreiten und vor einem ‚Dammbruch‘ zu warnen: Wenn Personen, denen von der Öffentlichkeit eine herausgehobene Sprecherposition – Aufmerksamkeit und moralische und intellektuelle Glaubwürdigkeit – zuerkannt wird, einzelne Elemente aus einem rechtsnationalistischen und rechtsextremistischen Diskurs aufnehmen und die Gefahr droht, dass sie damit Akzeptanz im öffentlichen demokratischen Diskurs finden könnten. Einen solchen ‚Dammbruch‘ musste schon Theodor Mommsen als Reaktion auf Heinrich von Treitschkes Schrift (1879) erleben. Seine Beschreibung der fatalen Wirkung in Auch ein Wort über unser Judenthum ist weiterhin gültig:

[…] ja es ist eingetroffen, was Herr v. Treitschke voraussah, daß diese ‚versöhnenden Worte‘ mißverstanden worden sind. Gewiß waren sie sehr wohlgemeint […]; gewiß sind härtere Anklagen gegen die Juden tausendmal ungehört verhallt. Aber wenn die Empfindung der Verschiedenheit dieses Theils der deutschen Bürgerschaft von der großen Majorität bis dahin niedergehalten worden war durch das starke Pflichtgefühl des bessern Theils der Nation […], so sah sich diese Empfindung nun durch Herrn v. Treitschke proclamirt als die ‚natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element‘, als ‚der Ausbruch eines tiefen lang verhaltenen Zornes.‘ Das sprach Herr v. Treitschke aus, der Mann, dem unter allen ihren Schriftstellern die deutsche Nation in ihren letzten großen Krisen den meisten Dank schuldet […]. Was er sagte, war damit anständig gemacht. Daher die Bombenwirkung jener Artikel, die wir alle mit Augen gesehen haben. Der Kappzaun der Scham war dieser ‚tiefen und starken Bewegung‘ abgenommen; und jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum. 306


Angaben zur Autorin:

Dr. des. Andrea Geier, Postdoktorandin des Graduiertenkollegs „Identität und Differenz. Geschlechterkonstruktion und Interkulturalität (18.-21. Jhdt.)“ (Trier); Habilitationsprojekt: „Antisemitismus als Kulturkritik. Rhetorische und kulturwissenschaftliche Untersuchungen zu Identität und Alterität im Kontext der ‚Judenfrage'“; geiera@staff.uni-marburg.de


Zitiervorschlag:

Geier, Andrea: Topik des Antisemitismus am Beispiel der Neuhofer Rede Martin Hohmanns – Oder: Woran erkennt man eine antisemitische Rede?, in: RhetOn. Online Zeitschrift für Rhetorik & Wissenstransfer 2/2004 (www-Datei: http://www.rheton.sbg.ac.at/?page=articles&section=02.04&article=geier, [Datum des Abrufs]).


[ 1 ] Da weder das anwesende Publikum protestierte noch die lokale Presse über den Inhalt der Rede berichtete, blieb eine unmittelbare Resonanz aus; der Redetext war jedoch auf der Internetseite der CDU Neuhof veröffentlicht worden, wo eine Amerikanerin auf ihn stieß, welche die Presse informierte und so den Stein ins Rollen brachte. Der Text verschwand daraufhin von dieser Seite, die Rede wurde vielfach online, vor allem von Tageszeitungen, zur Verfügung gestellt; in den Printmedien wurde die Rede dagegen lediglich in Ausschnitten publiziert, weshalb im Folgenden auch auf eine der online-Veröffentlichungen Bezug genommen wird. Die meisten dieser Veröffentlichungen sind heute nicht mehr verfügbar. Martin Hohmann hat die Rede auch nicht auf seiner Homepage.

[ 2 ] Als Beispiel sei hier lediglich auf die Solidaritäts-Anzeigen in großen Tageszeitungen wie etwa der Süddeutschen Zeitung verwiesen und die Online-Berichterstattung der Rhein-Zeitung: „Nur wenige Themen haben unsere Leser so aufgeregt wie die Äußerungen des hessischen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann: Das Leserbrief-Forum füllte sich innerhalb kurzer Zeit mit hunderten Beiträgen. ‚Was ist an der Rede so schlimm?‘, wird gefragt, da seien lauter ‚ideologische Blockaden‘ wird behauptet. Aber auch: ‚Hohmann hat sich … diese uralte Verschwörungstheorie vollkommen distanzlos zu eigen gemacht.'“ Jochen Magnus: Fuldas falscher Fünfziger. In: RZ-Online vom 3.11.04 (http://rhein-zeitung.de/on/03/11/04/topnews/hohmann_a.htm; nicht mehr verfügbar).

[ 3 ] Hohmann wurde schließlich aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen. Angela Merkel versuchte in einem Brief an die Landes- und Kreisverbände der CDU, der Basis den Entschluss zu erläutern: Sie erklärt, ohne von Antisemitismus zu sprechen, dass „gedankliche Konstruktionen“ wie diejenigen Hohmanns innerhalb des Wertespektrums in der CDU keinen Ort haben können: „Diese Grenze ist erreicht, wenn man sich zu Deutschland nur durch Negativvergleiche mit anderen Menschen, Gruppen und Religionen bekennen kann.“ http://www.news4press.net/presse/10687590003554.php3 (14.2.2004). Merkel bezieht sich in ihrer Kritik also in erster Linie auf den Aufrechnungsdiskurs Hohmanns. Gerade auf dieser Basis ist es allerdings schwer verständlich, warum über den Ausschluss aus der Unionsfraktion so lange debattiert werden musste, denn genau für diese Aufrechnung war Hohmann bereits einschlägig bekannt. So referiert die Presseerklärung vom 4.10.02 zur Rede Hohmanns zum Tag der deutschen Einheit im Jahr 2002, die nach wie vor auf der Homepage der Neuhofer CDU zu finden ist, dass Hohmann eine Institution forderte, die sich dem Kampf gegen den „Antigermanismus“ widme; da Hohmann sich in dieser Rede zugleich über Antisemitismus-Vorwürfe und das Thema Entschädigungszahlungen äußert, sei ein längerer Abschnitt der Presseerklärung zu dieser Rede zitiert: „Die Kritik des UN-Generalsekretärs Kofi Annan an den antipalästinensischen Aktivitäten der Sharon-Regierung sei weit über die Kritik im Skandal-Faltblatt Möllemanns hinausgegangen. Die vernichtende Wirkung des meist instrumentalisierten [!] Antisemitismus-Vorwurfs in Deutschland hält Hohmann für bedenklich, sei es bei Herrn Möllemann, Herrn Jenninger oder personenungebunden bei Sachfragen, wie der Zwangsarbeiterentschädigung [!]. Hohmann folgert weiter: Im Sinne der von Gerhard Schröder immer wieder geforderten ‚gleichen Augenhöhe‘ muß man beim Schutz berechtigter deutscher Interessen den Begriff des ‚Antigermanismus‘ einführen und all seinen Spielarten ebenso entschlossen entgegentreten wie das beispielsweise die jüdische Antidefamation League (ADL) bei antijüdischen Aktionen vorbildlich leiste.“ http://www.cdu-neuhof.de/mh_3Okt.htm (14.2.2004).

[ 4 ] Wolfgang Benz: Lupenreines Exempel. Hohmanns judenfeindlicher Diskurs. In: Süddeutsche Zeitung vom 11.11.2003.

[ 5 ] Dietrich Harth (Hrsg.): Die Fiktion des Fremden. Erkundungen kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik. Frankfurt a.M. 1994.

[ 6 ] So kommt etwa Otto Weininger in Geschlecht und Charakter (1903) zum Schluss seiner Ausführungen zum Judentum (Kap. XIII) darauf zu sprechen, dass Christus der Überwinder des Judentums gewesen sei (S. 439f.). Dieser ‚alte‘ Topos wird hier jedoch für die Begründung des ‚Epigonalitäts‘-Vorwurfs herangezogen, d.h. behauptet wird, dass die Juden unschöpferisch seien. Weiningers Argumentation lautet: Das Judentum habe, wie sich an Christus zeige, einmal die „Möglichkeit zur Größe“ (als Selbstüberwindung) in sich getragen, aber dann verloren: „In Israel waren die höchsten Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit Christi. Die andere Möglichkeit ist der Jude.“ (S. 439) Diese Erörterung der verlorenen Größe bildet dann den Auftakt für die Abrechnung mit dem Judentum als „Geist der Modernität“ und der eigenen – ‚jüdischen‘ und ‚weibischen‘ – Zeit, die „keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten Originalitätshascherei […]“. Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Im Anhang Weiningers Tagebuch, Briefe August Strindbergs sowie Beiträge aus heutiger Sicht von Annegret Stopczyk, Gisela Dischner und Roberto Calasso. München 1980, S. 441.

[ 7 ] Lothar Bornscheuer: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt a.M. 1976, S. 105.

[ 8 ] Für mein Projekt ist dabei, was an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden kann, von besonderer Bedeutung, dass die Kulturkritik selbst eines der fünf topischen Argumentationsmuster darstellt.

[ 9 ] 1) Bekannte Namen und einzelne Schriften werden als eine Art Code benutzt, um auf antisemitische Standpunkte anzuspielen. Die Berufung auf antisemitische Autoren und Texte dient dazu, den eigenen Behauptungen Glaubwürdigkeit zu verleihen. 2) Eine Form dieser Traditionsanbindung ist auch die Neuausgabe eines antisemitischen Textes, der damit explizit in eine Genealogie antisemitischer Texte aufgenommen wird. Zumeist leistet ein Vorwort oder eine Kommentierung des Herausgebers den expliziten Transfer zur Diagnose der eigenen Zeit. 3) Die Auseinandersetzung mit anderen antisemitischen Texten dient der Abgrenzung innerhalb des antisemitischen Diskurses und damit der Profilierung der eigenen Position. 4) Durch die Anknüpfung an eine Tradition kann sich ein Autor selbst in die Genealogie des Antisemitismus einschreiben. In der Diskussion von Autoritäten vermag er sich darüber hinaus als Vertreter einer ‚gelehrten‘ antisemitischen Auseinandersetzung zu profilieren.

[ 10 ] Peter Pütz hat dies die „Doppelperspektive des Zitierens“ genannt: „Es dient einerseits der erneuten Bestätigung der zitierten Autorität und bekräftigt andererseits den Zitierenden in seinem eigenen Willen zur Selbstbehauptung.“ Peter Pütz: Autorität durch Wiederholung. Von der Herrschaft des Zitats. In: Autorität der/in der Sprache, Literatur, neuen Medien. Vorträge des Bonner Germanistentages 1997. Hrsg. von Jürgen Fohrmann, Ingrid Kasten und Eva Neuland. Bielefeld 1999, S. 694-704, hier S. 695.

[ 11 ] Treitschke, Heinrich von: Unsere Aussichten. In: Der Berliner Antisemitismusstreit. Hrsg. von Werner Boehlich. Frankfurt a.M. 1965, S. 5-12, S. 12. Es liegt nun eine neue Edition des Berliner Antisemitismusstreites vor: Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879-1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. Im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung bearbeitet von Karsten Krieger. 2 Teile. München 2003.

[ 12 ] Fritsch, Theodor: Handbuch der Judenfrage. Leipzig 29 1923, S. 13. Das Werk hieß zunächst Antisemiten-Katechismus (1886).

[ 13 ] Abrufbar als Download ist die Rede zum Zeitpunkt der Abgabe dieses Artikels unter: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/15981/1.htm (als Grundlage ist die Fassung der Homepage der CDU Neuhof angegeben). Auf diese Fassung wird im folgenden Bezug genommen.

[ 14 ] Ford, Henry: Der internationale Jude. Tatsachen über das jüdische Weltherrschaftsprogramm. Geistige, politische und wirtschaftliche Unterjochung der Völker. Leipzig 30 1933.

[ 15 ] Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar. Hrsg. von Jeffrey L. Sammons. Göttingen 1998.

[ 16 ] Rogalla von Bieberstein, Johannes: Jüdischer Bolschewismus – Mythos und Realität. Leipzig 2002. – Max Brym schreibt, anknüpfend an das Vorwort von Ernst Nolte: „In der Tat, das Buch des Herrn von Bieberstein beschäftigt sich nicht mit dem Kommunismus, sondern sucht im nazistischen Stil nach der Abstammung verschiedener Kommunisten. Herr von Bieberstein besitzt in seiner Einleitung die Frechheit, sich vom rassistischen Antisemitismus zu distanzieren.. […] Am Schluß landet der Autor bei Ernst Nolte und stellt den nazistischen Genozid an den Juden als ‚Abwehrhaltung‘ oder als ‚falsch verstandene Notwehr‘ gegen den jüdischen Bolschewismus hin.“ Brym, Max: Geschichtsrevisionisten und Antisemiten im intellektuellen Gewand. http://www.hagalil.com/archiv/2003/09/revisionismus.htm (14.2.2004).

[ 17 ] „Zwar hatten einige der Revolutionäre, wie Trotzki, von ihrer Familienherkunft einen jüdischen Hintergrund. Aber genau so wenig, wie man Karl Marx zum Judentum schlagen kann, weil einige seiner Vorfahren Rabbiner waren, kann man Sie oder mich, weil wir zufällig katholisch oder evangelisch getauft sind, als Vertreter der katholischen oder evangelischen Religion in Anspruch nehmen. Das ist das Infame daran, aber es ist einfach wirkungsvoll. Das haben zur virtuosen Meisterschaft Goebbels und die Seinen gebracht. Deshalb ist das mit Hohmann auch so besonders unappetitlich. Weil die nationalsozialistische Propaganda mit der Gleichsetzung Bolschewismus, also Kommunismus, und Judentum gearbeitet hat.“ Hörz, Michael: Hohmanns Vorurteile. Interview mit Wolfgang Benz. n-tv.de Interview vom 4.11.2003. http://www.n-tv.de/5192240.html (10.11.2003).

[ 18 ] Hohmann referiert und zitiert Aussagen ‚neutraler‘ Personen wie Hans-Olaf Henkel und Joachim Gauck, er nennt einen anonymen „Dichter“ (es handelt sich um die ersten beiden Zeilen aus dem Gedicht Für meine Söhne von Theodor Storm), sowie die amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und Winston Churchill. Die drei Beispiele, mit denen Hohmann seine Rede beginnt („Miami-Rolf“ u. a.), beziehen sich auf prominente Fälle (und Schlagzeilen) der jüngsten Zeit, die dann zu einer Generalisierung genutzt werden: „Viele von Ihnen kennen ähnliche Beispiele“. Das Spiel mit Zahlen hat seinen zentralen Ort in der Beweisführung zu Henry Ford (s.o.) und insbesondere in der anschließenden Aufrechnungsdebatte: in der Frage nach den ‚jüdischen‘ Führungspersönlichkeiten und ‚jüdischen Tätern‘, dem Anteil von Juden an der Gesamtbevölkerung verschiedener Staaten und der Opfer ‚jüdischer Täter‘; dabei werden die Opferzahlen sehr suggestiv immer weiter gesteigert: Zunächst geht es um einzelne Täter (der von Juriwski „eigenhändig“ ausgeführte Zarenmord), dann um Gruppen und schließlich um Millionen: „28 orthodoxe Bischöfe, 1.219 orthodoxe Geistliche, 6.000 Professoren und Lehrer, 9.000 Doktoren, 12.950 Grundbesitzer, 54.000 Offiziere, 70.000 Polizisten, 193.000 Arbeiter, 260.000 Soldaten, 355.000 Intellektuelle und Gewerbetreibende sowie 815.000 Bauern. […] Unter maßgeblicher Beteiligung jüdischer Tschekisten fanden hier [in der Ukraine] weit über 10 Millionen Menschen den Tod.“ Diese Statistik über Opfer in Russland bzw. russischer Zwangsumsiedlung in der Ukraine werden abgesichert durch den autoritativen Bezug auf Winston Churchill, dessen Glaubwürdigkeit Hohmann kurzerhand in Anspruch nimmt, um in der Einführung der Aufzählung zu insinuieren, es handele sich um Opfer „kommunistischer jüdischer Revolutionäre“.

[ 19 ] Arnim, Achim von: Über die Kennzeichen des Judentums. In: Ders.: Schriften. Hrsg. von Roswitha Burwick, Jürgen Knaack und Hermann F. Weiss. Frankfurt a.M. 1992 (= Achim von Arnim Werke; 6), S. 362-387, S. 364.

[ 20 ] Ebd., S. 377f. („Maasäbuch“).

[ 21 ] „Die Protokolle geben den Inhalt von Reden wieder, die vor dem innersten Kreis der Herrscher von Zion gehalten wurden. […] Sie zeigen, daß die Juden heute eine Weltbedrohung darstellen und die arischen Rassen sie auf Dauer außerhalb Europas werden ansiedeln müssen.“ Die Protokolle der Weisen von Zion [Anm. 15], S. 188.

[ 22 ] Goebbels, Joseph: Der Jude. In: Beißwenger, Michael: Totalitäre Sprache und textuelle Konstruktion von Welt am Beispiel ausgewählter Aufsätze von Joseph Goebbels über „die Juden“ [Texte zwischen 1927 und 1941]. Stuttgart 2000, S. 322-323, hier S. 322 [Seitenzahlen der Texte nach der von Beißwenger verwendeten Quelle].

[ 23 ] Dühring, Eugen: Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort. Karlsruhe und Leipzig 1881, S. 4.

[ 24 ] Fritsch: Handbuch der Judenfrage [Anm. 12], S. 7.

[ 25 ] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen. In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), 53. Band. Weimar, Graz 1968, S. 417-552, hier S. 521.

[ 26 ] Wagner, Richard: Das Judentum in der Musik (1850). In: Ders.: Die Kunst und die Revolution. Die Juden in der Musik. Was ist deutsch? Hrsg. und kommentiert von Tibor Kneif. München 1975, S. 51-77, hier S. 55 [Hervorhebung i. Orig.].

[ 27 ] Dies hat Albrecht Kolthoff mit einer sehr instruktiven Zusammenstellung einschlägiger Zitate nachgewiesen; vgl. ders.: „Wer redet vom ‚Tätervolk‘?“ In: IDGR, Informationsdienst gegen Rechtsextremismus, www.idgr.de/texte/rechterrand/taetervolk-kolthoff.php (29.01.04).

[ 28 ] Stoecker, Adolf: Unsere Forderungen an das moderne Judentum (1879). In: Politische Reden II, 1869-1914. Hrsg. von Peter Wende unter Mitarbeit von Inge Schlotzhauer. Frankfurt a.M. 1990, S. 216-232, hier S. 229.

[ 29 ] Treitschke: Unsere Aussichten [Anm. 11], S. 7.

[ 30 ] Mommsen, Theodor: Auch ein Wort über unser Judenthum. In: Der Berliner Antisemitismusstreit. Hrsg. von Werner Boehlich. Frankfurt a.M. 1965, S. 210-225, hier S. 219f.