Atayan, Vahram: Makrostrukturen der Argumentation im Deutschen, Französischen und Italienischen

Erschienen in der Reihe: Sabest: Saarbrücker Beiträge zur Sprach- und Translationswissenschaft, Bd. 13 [Reihenherausgeber: A. Gil, J. Haller & E. Steiner].

Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, 2006

 

Mit seinem Buch, „Makrostrukturen der Argumentation im Deutschen, Französischen und Italienischen“ hat Vahram Atayan ein eindrucksvolles Werk vorgelegt. Es handelt sich dabei um die Dissertation des Autors, die im Jahre 2006 an der Universität Saarbrücken abprobiert wurde und im selben Jahr als mehr als 570 Seiten umfassendes Werk in der Reihe „Sabest: Saarbrücker Beiträge zur Sprach- und Translationswissenschaft“ im Peter-Lang-Verlag erschienen ist.

Wie der Titel bereits erkennen lässt, geht es dem Autor um komplexe argumentative Strukturen, die er ‚Makrostruktur in der Argumentation’ nennt, und deren Realisierung er anhand realer Texte – Atayan selbst spricht von „authentischem Material“ (S. 2) – analysiert. Das Buch beginnt mit einer Definition der Begriffe des einzelnen („minimalen“) Arguments und der argumentativen Makrostruktur (als Verknüpfung mehrerer Einzelargumente). Sodann werden das komplexe Gebilde der argumentativen Makrostruktur auf ein Modell reduziert und fünf Analyseparameter isoliert (Kapitel 1 und 2; siehe dazu weiter unten). Im Anschluss daran untersucht der Autor den Aspekt der sprachlichen Handlung (Kapitel 3). Die darauf folgenden Kapitel 4 bis 6 verwendet er dazu, die sprachlichen Realisierungsmittel anhand der zuvor gefundenen Analyseparameter genauer zu untersuchen, wobei hier etwa auch auf die bis dato nur wenig behandelten Verfahren der Verstärkung und Abschwächung von Argumentation eingegangen wird (Kapitel 5). Das letzte Kapitel (7) dient der Zusammenfassung der Ergebnisse.

Im 1. Kapitel („ Argumentation – Versuch einer Gegenstandsbestimmung“) behandelt Atayan zunächst die geschichtliche Entwicklung der Argumentationstheorie, die er völlig zurecht als interdisziplinären Forschungsgegenstand auffasst. Die mit großer Sorgfalt ausgewertete Fachliteratur ist dabei nicht nur die deutsche, sondern auch die französische, italienische, teilweise findet man auch weitere Sprachen verwendet. Über diesen Weg kommt der Autor zu zwei Arbeitsdefinitionen des Begriffs der „minimalen Argumentation“ (S. 36 und S. 41). Die wichtigere zweite Arbeitsdefinition lautet: „DEF2: eine minimale Argumentation besteht aus zwei (gegebenenfalls komplexen) kommunikativen Handlungen, die meistens auf der sprachlichen Oberfläche realisiert sind und zwischen denen eine vom Sender intendierte Stützungsrelation interpretativ angenommen werden kann.“ (S. 41). Für Atayan sind Argumente damit sprachliche Entitäten, wobei es zumindest zwei weitere Möglichkeiten gäbe: In der kognitiven Psychologie etwa werden Argumente als mentale bzw. kognitive Entitäten (vgl. für viele Sternberg 2003, 419ff. passim) und in der Logik als ideale Entitäten aufgefasst (vgl. dazu etwa Copi & Cohen 2002, 6; Dorn 2006, 172f.). Dies ist dem Autor zwar durchaus bekannt (vgl. S. 52ff.), schlägt sich in der Definition aber nicht nieder.

Das 2. Kapitel („Makrostrukturen der Argumentation“) ist bereits dem eigentlichen Thema des Buches, nämlich den komplexen Kombinationen von („minimalen“) Argumenten, gewidmet. Atayan diskutiert in diesem Zusammenhang umfassend alle gängigen Modelle, also etwa diejenigen von Toulmin, Perelman/Olbrechts-Tyteca, Klein, van Eemeren/Grootendorst/Snoeck Henkemans und Kienpointner, aber auch die Modelle von zumindest im deutschen Sprachraum weniger bekannten Autoren/-innen wie Adams, Apothéloz/Miéville usw. Er unterscheidet zwischen mehreren wissenschaftlichen Zugängen, nämlich einem logisch-kognitiven, einem semasiologischen [von ‚Semasiologie’ ~ ‚Bedeutungslehre’] und einem onomasiologischen [von ‚Onomasiologie’ ~ ‚Bezeichnungslehre, Benennungslehre’] (S. 52ff., 68ff. und 77ff.), was hier aber nicht näher ausgeführt werden soll. Alles im allem entsteht der Eindruck einer äußerst sorgfältigen Darstellung. Im Anschluss daran bespricht der Autor die kommunikativen Faktoren der Entstehung komplexer Argumentationsstrukturen und diskutiert in diesem Zusammenhang etwa monologische versus dialogische Aspekte sowie das Problem der Antizipation von Argumentationen. Dies alles mündet in der Identifikation von fünf Analyseparametern, welche für den weiteren Verlauf der Arbeit von zentraler Bedeutung sind, nämlich (1) Strukturen der Koordination, (2) Subordination und (3) Gegenargumentation sowie die (4) Unstrittigkeit und (5) die argumentative Stärke bzw. Schwäche. Die ersten drei Parameter betreffen offensichtlich das quasi-formale Verhältnis zwischen Argumenten, beziehen sich also auf Eigenschaften von Argumentrelationen, während sich die vierte auf Eigenschaften einzelner Argumente oder einzelner Argumentteile und die fünfte auf Eigenschaften einzelner Argumente bezieht. Diese Auswahl und Systematik ist noch etwas zu diskutieren, da man sich vorstellen könnte, hier auch die klassischen Argumenteigenschaften zu thematisieren, etwa Wahrheit, Folgerichtigkeit, Relevanz usw. Dies soll den ausgezeichneten Eindruck des Kapitels, das mit einigen Überlegungen zu methodologischen Fragen schließt, jedoch in keiner Weise schmälern.

Im darauf folgenden 3. Kapitel über „Sprachliche Handlungen und Argumentation“ geht Atayan vor allem auf die Handlungsdimension der Sprache (S. 109ff.) ein. Einerseits ergibt sich das konsequenterweise aus seiner gerade zitierten Arbeitsdefinition, die ja auf den Begriff der kommunikativen Handlung zurück greift. Andererseits ist das auch sehr verdienstvoll, weil der Zusammenhang zwischen Argumentieren und Sprachpragmatik nach wie vor nicht restlos verstanden wird. Atayan bespricht in diesem Zusammenhang die klassische Sprechakttheorie, aber auch andere Modelle, wie etwa eine spezielle Theorie der Topik (S. 180ff.). Auch bei diesem Kapitel fällt positiv auf, dass der Autor alle seine Behauptungen durch solides sprachliches Material belegt. Dass er dabei auch mehrere Sprachen und Schriften verwendet (insb. [Ost?]Armenisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch) zeugt von einer bewundernswerten Sprachkompetenz und ist in diesem Zusammenhang sehr nützlich.

In den Kapiteln 4 bis 6 werden die im zweiten Kapitel isolierten fünf Analyseparameter in drei Gruppen eingeteilt und für die tatsächliche Analyse von argumentativen Texten verwendet. In Kapitel 4 geht es um „Koordinierte argumentative Makrostrukturen“, in Kapitel 5 um „Argumentative Stärke, argumentative Schwäche und Gegenargumentation“ und in Kapitel 6 um „Signalisierung der Unstrittigkeit und subordinierte Argumentation“. Die wichtigen „Ergebnisse und Perspektiven“ werden dann im Kapitel 7 zusammengefasst.

Das 4. Kapitel besteht aus zwei Teilen: Im ersten Unterkapitel (4.1; S. 209ff.) geht es um explizite Marker der koordinierten Argumentation, von denen fünf onomasiologisch bestimmte funktionale Klassen ermittelt werden, nämlich, die (et)-même?, die (et)-surtout-, die en-tout-cas-, die d’ailleurs-, und die de-plus-Klasse (die ihre Entsprechungen auch im Deutschen haben). Diese Klassen dienen der anschließenden vergleichenden Untersuchung französischer, deutscher und italienischer Texte. Da in der Sprachrealität natürlich nicht nur explizite Marker verwendet werden, sondern vieles implizit kommuniziert wird, wendet sich der Autor im zweiten Unterkapitel (4.2; S. 280ff.) der abgeleiteten Interpretation von koordinierten Argumentationen zu. Zentral dafür sind sprachliche Zeichen und Strukturen, die „eine funktionale Äquivalenz zwischen zwei Einheiten explizit signalisieren oder durch ikonische Verfahren implizieren können“ (S. 520). Atayan schreibt dazu, dass „zumindest auf der Ebene der Klassifikationen der Marker keine sprachspezifischen Abweichungen festzustellen sind […]“ (S. 314). Generell scheinen die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen eher gering zu sein, wobei Atayan darauf hinweist, dass dieses Ergebnis noch durch weitere Detailuntersuchungen zu erhärten sei (vgl. S. 314).

Im Kapitel 5 geht es, wie bereits erwähnt, um die sprachliche Signalisierung von argumentativer Stärke und Schwäche [wobei nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden soll, dass dies mit „tatsächlicher“ Stärke und Schwäche, also Stärke und Schwäche in einem ideal-normativen Sinne natürlich nicht identisch ist]. Dabei beschäftigt sich Atayan zunächst mit dem Ansatz von Oswald Ducrot, der zwischen modificateurs réalisants und déréalisants unterscheidet. Daneben findet er noch einige weitere sprachliche Oberflächeneinheiten mit analoger Funktion, nämlich Assertionen des überraschenden Charakters oder der Normalität eines Sachverhalts sowie die Erwähnung „kontraimplizierender oder implizierender Umstände“ (S. 433). Interessant ist dabei, dass offensichtlich ein Zusammenhang zwischen argumentationsverstärkenden und -abschwächenden Sequenzen sowie den klassischen Topoi [„lieux“] besteht (S. 434). Die zentrale Hypothese dieses Kapitels, nämlich dass „nicht-fokussierte Einheiten dieser Art als Argumente mit spezifischen metaargumentativen Konklusionen bezüglich der argumentativen Stärke und Schwäche anzusehen sind“ (S. 434), sieht Atayan als bestätigt an.

Die Signalisierung von Unstrittigkeit und subordinierter Argumentation ist das Thema des 6. Kapitels. Um ersteres geht es dabei im Unterkapitel 6.1 (S. 438ff.), um letzteres im Unterkapitel 6.2 (S. 493ff.). In Bezug auf die Signalisierung von Unstrittigkeit findet Atayan eine sehr große Vielfalt, zu der insbesondere auch verblose Formen gehören, die bis dato auf ihre argumentatorische Funktion hin nur wenig untersucht wurden (S. 514). Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen über Rhetorische Fragen (S. 453ff.). Subordinierte Argumentationen stellen eine „genuin makroskopische Struktur“ (S. 514) dar. Hier findet der Autor einige häufig vorkommende Markerkombinationen, aber auch bestimmte typische Sequenzierungsmöglichkeiten. Etwaige typische Strukturen solcher makroskopischen Argumentationen fallen aber laut Atayan außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, weil diese eher auf der Ebene der einzelnen Sequenzierungsoption und der globalen Textstrukturierung realisiert  werden (S. 514). „Spezifischen Mittel der Markierung subordinierter Argumentationen“ stellt die Sprache laut Atayan anscheinend nicht zur Verfügung (S. 514).

Insgesamt macht die Arbeit von Vahran Atayan sowohl was die Tiefe also auch den Umfang betrifft, einen Eindruck, der nur als herausragend bezeichnet werden kann. Dabei beschäftigt sie sich mit einem höchstrelevanten Thema, welches bis dato in der Forschung tatsächlich unverständlicher Weise vernachlässigt wurde, nämlich die Kombination von Argumenten. Will man kritikwürdige Punkte finden, muss man lange suchen. Wie bereits angedeutet, könnten man sich auch eine andere Systematik von Analyseparametern vorstellen oder ein stärkeres Eingehen auf die englischsprachige Wissenschaft, denn auf die Literatur beispielsweise, die gemeinhin zu „informal logic“ gezählt wird, geht Atayan gar nicht ein. Unbedeutend aber doch auffallend – bisweilen sogar störend – sind die problematische Typografie (insbesondere werden keine korrekten deutschen Anführungszeichen verwendet) und das sehr kurz geratene Abkürzungsverzeichnis (S. 572). Außerdem ist nicht klar, warum sich der Autor der neuen deutschen Rechtschreibung verweigert. Nicht verschwiegen werden soll außerdem ein weiterer – massiver – Kritikpunkt, der allerdings überhaupt nicht dem Autor, sondern dem Wissenschaftssystem gilt, den man aber anhand dieser Arbeit besonders gut exemplifizieren kann. Es ist nämlich zu fragen, inwieweit 500-Seiten-Dissertationen sinnvoll sind, wenn die Autoren/-innen – und es ist zu hoffen das Atayan hier die große Ausnahme bleibt – dann ohnehin entweder keine adäquate Stelle finden oder 10 Jahre Habilitationszeit vor sich haben und erst dann keine adäquate Stelle finden. Autoren/-innen wie der hier vorgestellte Autor hätten sich ein menschen- und wissenschaftsfreundlicheres System verdient. Diese Fragen müssen sich allerdings die Verantwortlichen stellen, der/die einzelne Nachwuchswissenschaftler/-in ist machtlos.

Weil Atayan außerdem mehrfach auf weitere Forschungen Bezug nimmt, möchte auch der Rezensent zwei Vorschläge für eine Fortführung dieses Ansatzes machen: Zum ersten wäre es wünschenswert, diesen Ansatz in eine einheitliche Theorie des gesamten argumentativen Diskurses auszubauen, die alle Detailergebnisse unter einigen wenigen Leittheorien vereint und dennoch für die Detailfülle der sprachlichen Realisierungsformen offen bleibt. Zum zweiten ist zu erkennen, dass es Atayan um sprachliche Realisierungen nicht aber um psychologische Wirkung geht. Das heißt, er untersucht beispielsweise, ob eine sprachliche Sequenz als argumentationsverstärkend verstanden wird, nicht jedoch, inwieweit ein Publikum davon überzeugt ist, dass das betreffende Argument tatsächlich stark ist. Es würde einen sinnvollen nächsten Schritt darstellen, die linguistischen Ergebnisse mit solchen – wohl in das Gebiet der Psycholinguistik oder der Rhetorik gehörenden – Fragestellungen zu verbinden.

Alles in allem betrachtet ist die vorgelegte Arbeit ein herausragendes und dabei ausgezeichnet lesbares Beispiel moderner Argumentationsforschung, das in keiner einschlägigen Bibliothek fehlen sollte. Geschrieben wurde es von einem Autor mit einem imposanten Lebenslauf und einer ebensolchen Sprachkompetenz. Wenn Oswald Ducrot in seinem Vorwort schreibt, „Je souhaite que Vahram Atayan, dans ses recherches à venir, dévelope encore plus ce thème.“, so kann sich der Rezensent dem nur anschließen.

 

Literatur:

Copi, Irving M. & Cohen, Carl (2002). Introduction to Logic. 11. Aufl. Prentice Hall, Upper Saddle River (NJ).

Dorn, Georg J. W. (2006). Deskriptive Argumente und Argumenthierarchien, in: G. Kreuzbauer & G. J. W. Dorn (Eds.), Argumentation in Theorie und Praxis: Philosophie und Didaktik des Argu-mentierens. LIT-Verlag, Wien, 166-201.

Sternberg, Robert J. (2003). Cognitive Psychology. Wadsworth, Belmont (CA).

 

Günther Kreuzbauer

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