Der politische Redestil in Deutschland

Abstract: Dariush Barsfeld untersucht die Reden des deutschen Bundestagswahlkampfes 2003. Das Ergebnis – Mängel bei allen Politikern – mutet wenig befriedigend an: für die Wahlredner und den Zustand der öffentlichen Beredsamkeit. Am Beispiel einer Schröder-Reform-Rede analysiert er deren Schwachpunkte, zeigt, wie der deutsche Kanzler besser hätte formulieren können, um wirklich zu bewegen und eine Reform voranzubringen.


Dariush Barsfeld

Der politische Redestil in Deutschland: Ein Grund für Wirtschaftsflaute, Arbeitslosigkeit und Depression.

 

Zugegeben, der Titel dieses Aufsatzes klingt vermessen und lässt all jene zusammenzucken, für die Inhalt alles, aber Stil nichts ist. Aber lassen sich Stil und Inhalt wirklich trennen? In Deutschland scheint es die Mehrheit mit Shakespeare zu halten, der forderte „More matter with less art“. Wer aber Form und Inhalt, Substanz und Stil trennen und als Gegensätze aufbauen will, unterliegt einem folgeschweren Irrtum.

Gute Rede ist: überzeugende Rede, effektive Rede, zielführende Rede.

Redner, Publikum, Redesituation und der Inhalt sind die maßgebenden Rahmenfaktoren, für die eine Form gefunden werden muss, mit der man sein angestrebtes Redeziel erreichen kann. Was nützt die schönste Wahrheit, wenn sie nicht den gewünschten Effekt hat. Rede ist immer ein strategisches Instrument, und wer es eindimensional betrachtet und eingeschränkt nutzt, läuft Gefahr, genauso großen Schaden anzurichten wie jene, die die Möglichkeiten der Rede bewusst missbrauchen, um zu verwirren und zu verführen.

 

Die Wahrheit hat auch eine emotionale Seite und auf dieser Gefühlsklaviatur muss ebenso richtig und gut spielen können, wer ein guter Redner sein, wer überzeugen, aufklären und motivieren will. Genau darum muss es bei der politischen Rede gehen.

 

Im Folgenden soll nun der aktuelle Zustand der politischen Rhetorik in Deutschland beleuchtet werden. Zum einen anhand einer Analyse der Reden der zentralen Wahlparteitage des Bundestagswahlkampfes 2002, zum anderen auf Grundlage einer Betrachtung der Regierungserklärung von Bundeskanzler Schröder vom März 2003.

 

I. Wahlparteitagsreden 2002

 

Der Bundestagswahlkampf 2002 bot ein aus rhetorischer Sicht trauriges Bild. Wie wenig die deutsche Öffentlichkeit für gute politische Rhetorik sensibilisiert ist, zeigt die Tatsache, dass sich große Teile der öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung offenbar darüber einig waren, dass dieser Wahlkampf der medienorientierteste, bestinszenierte und inhaltsleerste, also gemäß einem gängigen Klischee „amerikanischste“ in der bundesrepublikanischen Geschichte gewesen sei. Angesichts dieser Aussagen kann sich der Fachmann nur verwundert die Augen reiben. Von den berühmten Ausnahmen einmal abgesehen lieferte der Wahlkampf 2002 in vielen Bereichen Beispiele dafür, dass Deutschland von perfekt durchinszenierten Wahlkampagnen und sattelfester politischer Rhetorik noch bedauerlich weit entfernt ist. Die Reden der Spitzenkandidaten auf den Wahlparteitagen sind ein gutes Beispiel dafür, dass die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Berater die perfekte Inszenierung der Politik ebenso wenig im Griff haben wie das Staatsdefizit.

 

Nun stellt sich die Frage, mit welchen Methoden man Reden bzw. Auftritte der Spitzenpolitiker auf den Wahlparteitagen zuverlässig und möglichst objektiv bewerten kann. Allzu schnell gerät man dabei in den Verdacht der Subjektivität oder gar der Gefälligkeitsgutachterei. Nutzt man jedoch das grandiose Potential der rhetorischen Theorie, so lassen sich Reden auf solider Basis gründlich untersuchen und bewerten. Die Rhetorik als Wissenschaft der persuasiven Kommunikation, und nur sie, ist dazu geschaffen und hat sich in ihrer 2500 Jahre alten Tradition darin bewährt.

 

Das wichtigste Prinzip der wissenschaftlichen Rhetorik ist das Prinzip der Angemessenheit, das aptum. Man geht dabei davon aus, dass es auf dem kommunikativen Feld, ganz besonders wenn das Ziel Persuasion heißt, keine sicheren Maßstäbe dafür geben kann, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Entscheidend ist, ob die zum Einsatz kommenden Mittel für das Erreichen des Rede-/Auftrittsziels hilfreich und zielführend sind oder eben nicht. Das Nichtbeachten dieses Prinzips ist einer der Gründe, weshalb viele Rhetorikkurse, Rhetorikbücher und Kommunikationsberater oft so wenig nutzbringend sind. Wer auf diesem Gebiet absolute Wahrheiten verkündet, der hat das Prinzip nicht verstanden, das erfolgreicher öffentlicher Inszenierung zu Grunde liegt. So ist eine Rede bzw. ein Auftritt immer von äußeren und inneren Bezügen abhängig und nur unter Berücksichtigung aller erdenklicher Rahmenfaktoren bewertbar.

 

Eine Rede muss zunächst in sich stimmig sein, d.h. die Struktur, also die Anordnung der Redeteile, der Aufbau der Argumentation, der Einsatz stimmungsbildender Elemente etc. müssen ein harmonisches Ganzes bilden. Zum anderen sind äußere Faktoren zu beachten, denn die Wirkung ein und derselben Rede kann gravierend variieren, wenn sie beispielsweise an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit oder von einem anderen Redner gehalten wird. Dieses Leitmotiv der Angemessenheit muss bei allen folgenden Betrachtungen stets mitbedacht werden, denn die teilweise großen Defizite der Parteitagsreden der Spitzenkandidaten 2002 lassen sich vor allem auf die Missachtung dieses Prinzips zurückführen.

Gerhard Schröder

Der Bundeskanzler hielt die mit Abstand handwerklich am besten konstruierte Parteitagsrede aller Spitzenkandidaten in diesem Wahlkampf und bekam dafür in einer vergleichenden Analyse, an der auch der Autor dieser Zeilen beteiligt war, die Bestnote. Aber auch Gerhard Schröder hatte, trotz seiner häufigen Titulierung als „Medienkanzler“ und der im Grunde lehrbuchhaft gebauten Rede, Schwierigkeiten mit der Angemessenheit seines Auftritts.

 

Handwerklich war die Rede ohne Zweifel perfekt: Innerhalb der Rede ließen sich sechs Teile differenzieren. Eine Einleitung fehlte passenderweise aufgrund einer entsprechenden Einbettung der Rede in den Parteitagsablauf völlig, der Einstieg geschah „medias in res“ in den zum Zeitpunkt der Rede tagesaktuellen Themenkomplex „FDP/ Jürgen W. Möllemann/Antisemitismus“. Danach folgten fünf weitere Teile: Narrative Elemente und eine Perspektivenverschiebung nutzende Vorbereitung des thematischen Hauptteils, thematischer Hauptteil, darin eingeschobene Auseinandersetzung mit den Plänen des politischen Gegners, Zusammenfassung und Appellteil.

 

Eine alle Redeteile durchziehende Grundlinie war klar erkennbar, ebenso ein durchgängig wahrnehmbarer appellativer Grundton, angemessen einer motivatorisch orientierten Wahlparteitagsrede. Die Anordnung der Redeteile, die gesamte „Statik“ der Rede war hervorragend ausgeführt, zudem hatte die Rede eine dem Redezweck angemessene Länge und thematische Tiefe. Der Redeaufbau war daher einer Parteitagsrede aufgrund seiner konsequenten und durchdachten Struktur ohne Zweifel voll und ganz angemessen. Ein echter Spannungsbogen, wie er für eine motivatorische bzw. mitreißende Rede typisch wäre, ließ sich zwar nicht nachweisen; die Rede hatte dennoch in den ersten vier Fünfteln einen ausreichenden und durchgängigen appellativen Charakter, erzeugt vor allem durch die Binnendynamik der einzelnen Abschnitte und Sätze.

 

Symptomatisch für die Mangelerscheinungen deutscher Politikinszenierungen im Jahr 2002 war schließlich der Redeschluss. Schröder hielt seine Rede in einer Phase des Wahlkampfes, in der seine Regierung und er selber sich in schwierigem Fahrwasser befanden. Die Umfragewerte waren bedrohlich und Motivation wie Siegeszuversicht der SPD auf einem Tiefpunkt angelangt. Es lag also an diesem Wahlparteitag am 2. Juni 2002 und hier letztendlich an der Rede des Bundeskanzlers und Parteivorsitzenden, das Blatt zu wenden, die SPD zu motivieren und Siegeszuversicht nach innen wie außen zu kommunizieren. Die Rede von Gerhard Schröder durfte also keinesfalls nur eine rein inhaltlich-thematische Rede sein. In rhetorische Termini übersetzt heißt dies, Schröder musste die Ebenen des delectare und vor allem des movere in den Vordergrund stellen, wollte er seine Ziele erreichen. Der Bundeskanzler hatte keine Wahl, er musste versuchen, die Gefühle der Parteimitglieder im Saal, aber auch die der Fernsehzuschauer zu bewegen, sie mitzureißen, sie emotional davon zu überzeugen, dass mit ihm und seiner SPD weiter zu rechnen ist. Nur unter Beachtung dieses Umstandes hätte die Rede wirklich perfekt werden können. Schröder setzte in der Tat über die Rede hinweg immer wieder auf emotionalisierende Elemente, aber ausgerechnet am Redeschluss, wo der Griff nach dem Pathos so dringend gewesen wäre, trat er auf die emotionale Bremse und hat damit – obwohl der Redetext an sich hervorragend getextet war – vollkommen unangemessen gehandelt. Sicher hat der Parteitag erleichtert gejubelt, gewiss hat eine Motivierung der Mitglieder im Saal stattgefunden, aber schon ein Blick auf Umfragen nach der Rede zeigt, dass eine weitaus größere emotionale Ansprache des Publikums im Saal und auch vor den Bildschirmen möglich gewesen wäre. An jenem Punkt, an dem Schröder mit einer Anspielung auf ein zu jener Zeit aktuelles Lafontaine-Zitat etwas lau endete, wäre eigentlich der Moment gewesen, die emotionalen Nachbrenner zu zünden und die Zuhörer an ihren Gefühlen zu packen, beispielsweise durch eingängige Bilder, das stakkatohafte Zeichnen eines „Schreckensszenarios“ angesichts eines Wahlsieges der politischen Konkurrenz oder das Erinnern an gemeinsam geteilte Werte, die es bei allen Differenzen in einzelnen Sachfragen zu verteidigen gilt. Auch ein stärkeres Zugehen auf das Publikum, eine gewisse Dramatik in Stimme, Gestik und Mimik sind Elemente, die hier zum Einsatz hätten kommen können.

 

Indem Gerhard Schröder diese Chance am Ende seiner Rede nicht nutzte, verspielte er einen großen Teil jener motivatorischen Kraft, die mit dieser an sich exzellenten Rede möglich gewesen wäre.

 

Gerade ein Blick auf die SPD räumt auch mit der Legende auf, dass sich die Inszenierung der deutschen Politik gleich einer proportionalen Funktion immer weiter perfektionieren würde. Bei der SPD ist das Gegenteil nachweisbar. Die Bundestagswahlkampagne 1998 und hier auch und gerade der Auftritt Gerhard Schröders auf dem Wahlparteitag war bei weitem besser inszeniert, emotional überzeugender, mitreißender und professioneller durchgestylt, als dies 2002 zu beobachten war. Den SPD-Wahlkampfmachern sind in der Kampagne 2002 Fehler passiert, die man spätestens 1998 für unwiederbringlich überwunden hielt.

Edmund Stoiber

Edmund Stoiber bot auf dem CDU-Wahlparteitag in Frankfurt ein so bedauernswertes Bild, dass es dem neutralen fachwissenschaftlichen Beobachter bis heute ein Rätsel ist, wie einige Medien den Auftritt des Kanzlerkandidaten als rhetorisch gelungen bzw. überzeugend bewerten konnten. Der Auftritt Edmund Stoibers am 18. Juni 2002 war inszenatorisch weitgehend misslungen. Die Statik seiner Rede wies einen gravierenden Bruch nach etwa ¾ der Länge auf. Der Einstieg geschah im Prinzip medias in res in den Leitslogan der Rede („noch 96 Tage Rot-Grün“). Auf diesen Leitslogan als motivatorisches Hauptelement wurde im Verlauf der Rede in verschiedensten Variationen immer wieder zurückgegriffen. Im Wesentlichen setzten sich die ersten ¾ der Rede aus einzelnen thematischen Blöcken (Danksagungen, Bundeskabinett, „Versprochen gebrochen“, Bildung, Steuern, Wirtschaft, Ausländer, etc.) zusammen, unterbrochen von o.g. motivatorischen Zwischenspielen („noch 96 Tage…“). Dieser Aufbau ist im Grunde nicht nur geschickt, er ist – richtig ausgeführt – auch persuasiv hoch wirksam, da ein Bezug zwischen den Vorstellungen des Kandidaten und ihrer Realisierbarkeit durch einen Wahlsieg deutlich werden kann. Nach ¾ der Rede wurde dieses an sich sehr gute Konzept jedoch aufgegeben. Es folgte ein inhaltlich fluktuierender Abschnitt mit erschreckend erratischem Aufbau. Diverse Angriffe auf den politischen Gegner, wenig zielführende Eigenlobe und eine immense Anzahl von Kampfaufrufen/Slogans folgten recht willkürlich aufeinander. Gesamtstatisch besonders problematisch war die conclusiohafte Aufzählung von Projekten, die Herr Stoiber nach der Wahl in Angriff nehmen wollte. Hier wurde inmitten erratisch angeordneter Slogans ein Themenblock eröffnet, der nur indirekt Bezug zum vorherigen Thementeil hatte. Der Redeaufbau wirkte insgesamt betrachtet, als sei nachträglich an ein tragfähiges Redekonzept ein gedankenlos ausgeführter Schlussteil angehängt worden. Dieser hatte das Potential, die Wirkung der gesamten Rede dramatisch zu ihrem Nachteil zu verändern. Ein echter Spannungsbogen, wie er für eine motivatorische bzw. mitreißende Rede typisch wäre, ließ sich nicht nachweisen. Die Rede hatte dennoch in den ersten drei Vierteln einen ausreichenden und durchgängigen appellativen Charakter, erzeugt vor allem durch die ständige Wiederholung des Leitmotivs („noch 96 Tage…“). Die bereits angesprochenen eklatanten Schwächen des Redeschlusses führten allerdings dazu, dass der Spannungsaufbau gerade am Ende der Rede trotz einer Ansammlung motivatorischer Slogans nicht gelingen konnte.

 

Im Vortrag wirkte sich besonders nachteilig aus, dass Edmund Stoiber über seine allzu häufigen Versprecher nicht souverän hinwegging, sondern im schlimmsten Fall so lange nachkorrigierte, bis er sich auch noch in den Korrekturen verhedderte. Seine Stimmungsmodulation, seine Affektivität war falsch akzentuiert, so dass er künstlich wirkte. Er hätte sicher besser daran getan, angesichts seiner offensichtlichen Anspannung bei einer derart wichtigen Rede die inhaltlichen Schwerpunkte souverän vom Blatt abzulesen und die appellativen Ausrufe besser einzustudieren. Im Vortrag überschlug sich seine Stimme stellenweise dramatisch und vollkommen unangemessen; insgesamt wirkte der Auftritt über weite Strecken verkrampft und unnatürlich. Geradezu katastrophal war die 15-minütige Applaus-Phase, in der ein schweißgebadeter und ausgelaugter Edmund Stoiber ziellos auf der Bühne umherwanderte, irritiert Hände schüttelte und auch noch begann, sich im Rampenlicht unter dem Applaus des Parteitags zu kämmen. Der gesamte Auftritt kommunizierte Schwäche und konnte beim Zuschauer mittels eines topisch gestützten Schlusses den Eindruck erwecken, dass Herr Stoiber großen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein scheint, was für den Bewerber um das Amt des Regierungschefs ein erhebliches kommunikatives Problem bedeutet.

 

Diese denkwürdige Performance ist zunächst umso erstaunlicher, erinnert man sich der Worte von Edmund Stoibers Wahlkampfberater, Michael Spreng. Er wolle nicht, so Spreng, dass Edmund Stoiber zu einem Kunstprodukt werde. Seine Schwächen seien auch seine Stärken, er sei eben „Kantig. Echt. Erfolgreich.“. Aber genau hier liegt das Problem. Hätte Spreng ernsthaft dafür Sorge getragen, dass Edmund Stoiber kantig und echt, also authentisch bleibt, dann wäre der inszenatorische Misserfolg von Frankfurt am Main vermeidbar gewesen. Wer Herrn Stoiber schon länger auf der politischen Bühne beobachtet, der weiß, dass er zwar kein rhetorisches Naturtalent ist, aber solide und vor allem angemessen (!) auftreten und reden kann. Gerade seine Reden anlässlich des politischen Aschermittwochs in Passau sind in der Regel rhetorisch durchaus solide. Dass ihm dies auf dem CDU-Wahlparteitag nicht gelang, dürfte daran liegen, dass Stoibers Berater ihn trotz gegenteiliger Behauptungen versucht haben glattzuschleifen. Unter Wahlkampfberater Sprengs Deckmantel der Nichtinszenierung geschah ganz offensichtlich die eigentliche Inszenierung, die erstmals auf dem Wahlparteitag, später dann noch einige Male mehr, gründlich missglückte. Stoiber war eben trotz aller Beteuerungen doch nicht authentisch, ließ sich offenbar in die Rolle eines vermeintlich kantigen und echten Stoibers drängen, der nicht so kantig war, wie er eigentlich ist, sondern wie ihn sich seine Berater vorstellten. Nur so ist der vollkommen unangemessene Auftritt Stoibers in allen seinen Aspekten erklärbar.

 

Dieses Vorgehen wirft ein Schlaglicht auf zwei Dinge. Zum einen ist der Auftritt Edmund Stoibers ein gravierender Beleg dafür, wie weit die deutsche Politik noch von einer perfekten Inszenierung entfernt ist. Zum anderen sollten sich die Parteien die Frage stellen, ob es eine so weise Wahl ist, die Posten der Wahlkampfberater immer noch mit Journalisten zu besetzen, wo es hierzulande mittlerweile genügend fachkundige Kommunikationsstrategen gibt. So wie sich niemand von einem Medizinjournalisten operieren lassen würde, sollte man auch die Verantwortung für die Inszenierung eines Wahlkampfes besser in die Hände von Fachleuten legen, die dafür ausgebildet sind, als sie in die Verantwortung von Menschen zu geben, die zwar brillante Beobachter sein mögen, das Handwerk für eine zielführende Inszenierung jedoch nie erlernt haben.

 

JOSCHKA FISCHER

Joschka Fischer war ohne Zweifel das größte rhetorische Naturtalent unter den Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2002. Seine Sprache ist in der Regel bildhaft, pointiert, treffend und unterhaltsam, seine Reden eine kurzweilige Angelegenheit. Kein Wunder, dass er immer wieder beste Bewertungen erhält, geht es um sein rednerisches Talent. Und doch ist Joschka Fischer, wenn auch in den Bereichen des movere und delectare oft ausgezeichnet, aufgrund seiner Schwächen im Bereich des docere noch ein Stück weit entfernt von der rednerischen und inszenatorischen Perfektion.

 

Fischer hielt zwei Hauptreden auf dem Wahlparteitag der Grünen. Eine inhaltliche, in der die rhetorische Ebene des docere im Vordergrund stand, die also thematisch angelegt war, und eine motivatorische, in der die Ebene des movere, also der Appell an die Gefühle, das Mitreißen, Bewegen und Motivieren im Vordergrund stand. Diese Trennung ist zunächst einmal nicht schlecht. Auch bühnentechnisch ließen sich die Grünen etwas sehr interessantes einfallen, indem sie Fischer bei seiner motivierenden Abschlussrede ohne Rednerpult auf der Mitte der Bühne platzierten und ihn mit einem großen Scheinwerferspot anstrahlten. Dieses Arrangement war dem Charakter der Rede und dem Redeziel ausgesprochen angemessen und daher ein gutes und innovatives Vorgehen. Auch Fischers Sprache war bei dieser Rede abwechslungsreich und lebhaft. Aber: Bei aller Begabung, in freier Rede unterhaltsam und treffsicher zu formulieren, gelingt es Joschka Fischer nicht durchgängig, strukturell einwandfreie Sätze zu formulieren, worunter die Sprachrichtigkeit (latinitas) bisweilen leidet. Hinsichtlich der Sprachrichtigkeit der Einzelworte und der Satzstrukturen fallen dabei teilweise recht grobe Fehler auf, die dem Gesamteindruck schaden können. Auch seine Neigung, komplexe Sachverhalte als beim Auditorium bekannt voraus zu setzen und daher in der Argumentation zu stark zu verkürzen, war bei Fischers motivatorischer Rede auf dem Wahlparteitag der Grünen nachweisbar. Ein Verstoß gegen die brevitas im Sinne ausufernder Gedankenführungen, Detailversessenheit oder allzu blumigen Ausführungen liegt nicht vor, eher lässt sich an manchen Stellen eine zu starke Verkürzung nachweisen.

 

Richtig mitreißend wurde die Rede, als Fischer auf traditionell grüne Anliegen zu sprechen kam, gleichsam unstrittige grüne Ideale in bildhaften Beschreibungen aufnahm und so an die Lebens- und Gedankenwelt seiner Zielgruppe anschloss.

 

Eine besondere inszenatorische Bedeutung hat bei den Grünen die Kleidung. Joschka Fischer trat zwar im Anzug, aber bewusst ohne weißes Hemd und Krawatte auf. Mit dieser reduzierten Korrektheit seiner Kleidung auf Parteitagen kommt der Außenminister den Befindlichkeiten seiner Parteibasis entgegen. In diesem Sinne war seine Kleiderwahl vollkommen angemessen, da sie seine Glaubwürdigkeit gegenüber der Parteibasis stärkte (ethos des Redners).

 

Fischer hat mit der Trennung der thematischen Rede, in der die Ebene des docere, also das Inhaltliche im Vordergrund stand von der Motivationsrede, in der die Ebene des movere, hier im Sinne des Auslösens handlungsmotivierender Affekte, eine weise Entscheidung getroffen, die durchaus geeignet ist, Standards zu setzen. Der Gesamtinszenierung eines Parteitages tut es gewiss gut, wenn in der Rede des Protagonisten nicht docere und movere um die Vorherrschaft streiten. Eine solche Trennung schützt zudem vor dem Vorwurf, die Inhalte zu sehr mit der „Show“ zu vermischen und sie so zu banalisieren. Aber auch der motivatorischen Wirkung einer Rede bekommt es nicht wirklich gut, wenn der Redner stets darauf achten muss, durch eventuell zu starke affektive Elemente der Inhaltsebene nicht zu schaden. Die Darstellung der inhaltlichen Substanz, aber auch die Motivation sind beides legitime politische Anliegen. Durch die Aufteilung beider Anliegen auf zwei Reden hat Joschka Fischer dem inszenatorischen Gelingen des Parteitags und damit auch sich selber einen Dienst erwiesen.

 

Über den Wahlkampf hinweg hat Fischer allerdings zunehmend Probleme mit der richtigen Mischung von docere und movere bekommen. Einer Wahlkampfrede völlig unangemessen hat sich bei seinen Auftritten vor den Wählerinnen und Wählern auf den öffentlichen Plätzen überall im Land das Gewicht deutlich in Richtung docere verschoben. Erschwerend und völlig unerklärlich kam hinzu, dass er ur-grüne Themen, die das Potential haben, die „grüne Seele“ zu erwärmen, ausließ oder nur kurz anschnitt und ansonsten bisweilen auf das Publikum spürbar befremdlich wirkende Ausflüge auf eher konservative Themengebiete unternahm. Es bleibt die Frage, ob dies willentlich geschah, und wenn ja, zu welchem Zweck. Fischer hätte sein Auditorium ohne Zweifel noch weitaus besser mitreißen können, wenn er seine motivatorische Kraft voll ausgespielt und sich auf originär grünen Themengebieten aufgehalten hätte.

 

Alles in allem ist Joschka Fischer sicher der derzeit rhetorisch begabteste und sich am authentischsten in Szene setzende Spitzenpolitiker, auch wenn er sein enormes Potential in noch größerem Umfang nutzen könnte, würde er auf der „handwerklichen“ Seite an der Beseitigung von eingeschliffenen Fehlern arbeiten.

Guido Westerwelle

Guido Westerwelle hat auf dem Wahlparteitag der FDP in Mannheim einen Beweis angetreten. Einen eindrucksvollen Beweis dafür, dass eine Rede vollkommen deplatziert erscheinen und auf den Zuschauer unangenehm wirken kann, obwohl sie handwerklich keine allzu gravierenden Mängel aufweist. Guido Westerwelle hat bei seinem Auftritt in Mannheim die Regeln der Angemessenheit in einem Maße außer Acht gelassen, dass es einen angesichts des durchgestylten 18%-Wahlkampfes staunen ließ. Hinsichtlich des Aufbaus handelte es sich bei der Rede um eine erschreckend willkürliche Aneinanderreihung verschiedener in sich geschlossener Themenbereiche, passend eher zu einem Rechenschaftsbericht denn zu einer Wahlkampfrede. Den Einstieg (medias in res) bildete eine Art rückblickender Erzählung (narratio), die allerdings unpassend nüchtern gehalten war, recht isoliert dastand, und an die erst zum Ende wieder etwas ungeschickt thematisch angeknüpft wurde. Eine alle Redeteile durchziehende Grundlinie war nur zu erahnen. Parteistrategische („Projekt 18“) und politisch-inhaltliche Teile standen zusammenhanglos nebeneinander. Eine durchgängige starke Botschaft, wie sie für eine motivatorisch orientierte Wahlparteitagsrede angebracht gewesen wäre, war kaum wahrzunehmen. Der Redeaufbau war für eine Wahlparteitagsrede aufgrund seiner inkonsequenten und wenig durchdachten Struktur gänzlich unangemessen. Ein echter Spannungsbogen, wie er für eine motivatorische bzw. mitreißende Rede typisch ist, ließ sich ebenso wenig erkennen, wie andere durchdachte motivatorische Stilmittel. Davon ausgehend, dass die Rede mitreißen und für den bevorstehenden Wahlkampf motivieren sollte und zudem am Schluss die Frage nach einer möglichen Kanzlerkandidatur des Redners stand, ist es auch im Nachhinein unerklärlich, wie es passieren konnte, dass Westerwelle auf diesem für das „Projekt 18“ so wichtigen Parteitag eine derart unangemessene Rede hielt. Eine denkbare Erklärung ist, dass er als werdender Kanzlerkandidat möglichst seriös wirken, daher seine Authentizität aufgab und in eine Rolle schlüpfen wollte, die er für staatstragend hielt. Sollte dies die Intention für diesen merkwürdigen Auftritt gewesen sein, so kann man nur attestieren, dass der Versuch gescheitert ist und Ernsthaftigkeit mit Steifheit und Verklemmung verwechselt wurde. Es kann durchaus eine richtige Entscheidung sein, sich in einer bestimmten Situation für eine andere Anlage der eigenen Rolle zu entscheiden, um eine bestimmte Botschaft besser transportieren zu können. Westerwelle wollte den Wählerinnen und Wählern sicher nichts vorspielen, was er nicht auch selber ist. Stattdessen wollte er offenbar eine Seite seiner Persönlichkeit in den Vordergrund stellen, die er sonst eher verdeckt hält, den „ernsthaften Staatsmann“, um seinen Anspruch auf die Ernsthaftigkeit seiner Kanzlerkandidatur zu unterstreichen. Die Konsultation eines Regieprofis oder eines anderen Kommunikationsfachmannes sowie das Einüben dieser „Rolle“ und die Abstimmung mit dem Redetext hätte ihn vor seinem letztendlich verkrampften und unangemessenen Auftritt bewahren können.

 

Guido Westerwelle ist ein an sich brillanter Redner, der die große Gabe hat, auch frei fast druckreif sprechen zu können. Seine Reden sind in der Regel von hoher Qualität, nur mit der Ebene des movere hat Westerwelle ganz offensichtlich noch einige Probleme. Dafür zeigt er meisterliche Leistungen auf den Ebenen des docere und des delectare. Er setzt seine charmant-witzige Art oft ganz besonders geschickt ein (ethos des Redners), um sein Publikum für sich und seine Anliegen zu gewinnen. Auch in der einfachen und doch korrekten und unterhaltsamen Erläuterung selbst der kompliziertesten Sachverhalte ist Westerwelle eine große Begabung. Von allen diesen Fähigkeiten war auf dem Wahlparteitag der FDP nichts zu sehen. Für Kenner der rednerischen Fähigkeiten Guido Westerwelles war es ein Trauerspiel, mit anzusehen, wie er gegen das Prinzip der Angemessenheit mit einer Deutlichkeit verstieß, die man nie erwartet hätte. Erstaunlicherweise standen aber auch die Auftritte der anderen FDP-Matadoren unter keinem guten Stern auf diesem Parteitag. Dem neutralen Beobachter bot sich in Mannheim ein sonderbar verzerrtes Bild einer Partei, die mit großem Trara den „Spaßwahlkampf“ für sich entdeckt hatte, doch deren Protagonisten eigenartig steif erschienen und so als wandelnde Gegenbeweise zum selber entworfenen Wahlkampfrahmen den „Geist“ dieses Wahlkampfkonzeptes durch ihr pures Auftreten konterkarierten.

 

Selbst für die innovativste Kampagne im Wahlkampf 2002 muss man zu dem Urteil kommen, dass eine wirklich gute Inszenierung auf dem für die Gesamtkampagne so wichtigen Wahlparteitag alles andere als gelungen ist.

II. Regierungserklärung März 2003

„Wirtschaft ist mindestens zur Hälfte Psychologie“, war eine der Weisheiten, die Gerhard Schröder in seinem Wahlkampf 1998 vor sich hertrug wie eine Monstranz – eine kluge Aussage, die er leider nicht beherzigt.

Die Art der politischen Kommunikation in Deutschland, gipfelnd in der politischen Rede, leistet derzeit einen erheblichen Beitrag zum Gesamtzustand des Landes und der Gesellschaft, der geprägt ist von Stagnation, Mutlosigkeit, Untergangsstimmung und dergleichen mehr. Diese negative Grundstimmung wird geradezu gezüchtet durch die Statements und Reden der Politiker jeder Couleur.

Aus ihren rhetorischen Defiziten im Wahlkampf 2002 haben die politischen Akteure ganz offenbar nicht die richtigen Konsequenzen gezogen, sondern frönen weiter ihrer Leidenschaft, selbst die einfachsten Themen in lähmende Rhetorik umzusetzen. Das movere ebenso wie das delectare scheint mittlerweile Politikern jeder Couleur abhanden gekommen zu sein, und so erleben wir heute docere pur, das aber allzu häufig auch noch handwerklich schlecht ausgeführt ist.

Es gibt derzeit sicher nichts schön zu reden. Deutschland ist in einer politisch und wirtschaftlich schwierigen Situation. Aber das sind andere Länder auch. Statt nun die Möglichkeiten der motivatorischen Rede gezielt zu nutzen, versteigen sich die deutschen Politiker in eine docere-lastige Weltuntergangs-Blut-Schweiß-und-Tränen-Rhetorik. Falscher kann man es nicht machen!

In den heutigen Reden wird das Ende des Wohlstands, der Zusammenbruch der Sozialsysteme, der Abstieg Deutschlands in die Drittklassigkeit beschworen. Das hat etwas von schwarzer Pädagogik. Dass es nur anders funktioniert, lehrt uns schon das Alte Testament mit seinem wunderbaren Bild des Landes, in dem Milch und Honig fließen: Nur mit der Aussicht auf einen guten Ausgang sind wir Menschen bereit, einen harten Weg zu gehen. Es muss also darum gehen, Sinn, Zweck und Ziel der geforderten Anstrengungen und Entbehrungen klarzumachen – und das in verständlichen Bildern. Aber scheinbar ist das Vorurteil, dass der deutsche Intellekt Einfachheit und Klarheit scheut, aus Angst, oberflächlich zu wirken, doch mehr als ein Klischee.

Bundeskanzler Schröder hatte am 14. März 2003 die großartige Gelegenheit, in einer mit Spannung erwarteten Regierungserklärung die Deutschen mit auf den Weg der großen Reformen zu nehmen. Das ganze Land wartete gebannt auf seine Rede, die schon Wochen vorher zum politischen Großereignis erklärt wurde. Welch eine einmalige Chance! Leider ließ er sie ungenutzt. Statt seine Vision von Deutschland im Jahr 2010 zu zeichnen, die Menschen dafür zu begeistern und klar zu machen, welche Schritte notwendig sind, um dorthin zu gelangen, legte er einen Rechenschaftsbericht ab, der dröger und unemotionaler kaum sein konnte.

„Wir müssen in diesem Zusammenhang auch deutlich machen, dass ungeachtet von Schwierigkeiten gerade im Finanzierungssektor – Schwierigkeiten übrigens, die auch durch Managementfehler in diesem Bereich entstanden sind und nicht durch die Politik – die in diesem Markt tätigen Institute ihre eigentliche Aufgabe, nämlich nicht zuletzt die mittelständische Wirtschaft mit Finanzierungsmöglichkeiten zu versorgen, besser wahrnehmen müssen, als das in der letzten Zeit der Fall gewesen ist.“

Dass es auch anders geht, beweist der für seine rhetorischen Fähigkeiten zwar viel belächelte, aber auf hochtalentierte Redenschreiber zurückgreifende US-Präsident Bush, wenn er in seiner State of the Union 2003 sagt:

„With unemployment rising, our nation needs more small businesses to open, more companies to invest and expand, more employers to put up the sign that says, Help Wanted. Jobs are created when the economy grows; the economy grows when Americans have more money to spend and invest; and the best and fairest way to make sure Americans have that money is not to tax it away in the first place.“

Auch das oft bemühte Argument, amerikanische Rhetorik ließe sich nicht Eins zu Eins ins Deutsche umsetzen, zieht nicht wirklich, liest man den zitierten Absatz in der deutschen Übersetzung:

„Angesichts einer wachsenden Arbeitslosigkeit braucht unsere Nation mehr Eröffnungen kleiner Firmen, mehr Firmen die investieren und expandieren, mehr Arbeitgeber, die Schilder aufstellen, auf denen steht: Wir stellen ein. Arbeitsplätze entstehen wenn die Wirtschaft wächst; die Wirtschaft wächst wenn die Amerikaner mehr Geld zum Investieren und Ausgeben haben; und der beste und gerechteste Weg um sicher zu stellen, dass die Amerikaner dieses Geld haben, ist, es ihnen nicht von vornherein wegzubesteuern.“

Es nützt nichts, sich über diese amerikanische Tendenz zur Anschaulichkeit zu mokieren. Die Demokratie ist eine Veranstaltung aller Bürger und kein Exklusivrecht der Intellektuellen und Gebildeten. In unserem großartigen politischen System, in dem die Stimme eines achtzehnjährigen Arbeiters genauso viel zählt wie die eines sechzigjährigen Universitätsprofessors, muss die politische Kommunikation darauf ausgerichtet sein, alle Wählerinnen und Wähler verständlich zu erreichen. Diese Forderung ist keineswegs populistisch, sondern entspricht der rhetorischen Forderung nach Angemessenheit jedes Redeaktes (aptum). Nötig ist eine Übersetzung der komplexen Inhalte in klare Sprache, verständliche Bilder und nachvollziehbare Zusammenhänge. Dabei darf man den Adressaten der Rede nie aus den Augen verlieren.

Allerdings ist die Angemessenheit dem Adressaten gegenüber nur ein Teil der Miete. Auch dem Inhalt muss man gerecht werden und darf ihn nicht unzulässig verkürzen. Diesen Spagat muss die politische Rede leisten. Inhaltlich wahrhaftig, logisch und stringent zu bleiben bei gleichzeitiger Anpassung der sprachlichen Darstellung an das heterogene demokratische Wahlvolk.

Selbstverständlich darf auch der Motivationsaspekt, movere, nicht zu kurz kommen. Politische Rede ist in der Regel Motivationsrede und muss diesem Auftrag gerecht werden. Nur wer die Herzen der Menschen bewegt und sie begeistert, wird auch ihren Verstand erreichen.

Wohin man in Deutschland blickt, wird man tagtäglich überrascht, welche rhetorischen Unmöglichkeiten doch möglich sind. Da ist die Rede von „Sozialauswahl“, „Nachrangdarlehen“, „Lohnstückkosten“, „Gestaltungsspielräumen“ und „Maßnahmenkatalogen“. Die Sätze sind zu lang, die Wortwahl zu gehoben, auf einfache Bilder wird verzichtet und Zusammenhänge werden nicht klargemacht.

Wenn davon die Rede ist, dass wir „ein reproduktives Defizit und eine negative Wanderungsbilanz“ haben, statt einfach auszusprechen, dass die Deutschen zu wenig Kinder bekommen und zu viele Menschen abwandern, ist der Gipfel dessen, was an schlechter politischer Rhetorik geboten wird, leider noch nicht erreicht.

Als reine Stilfrage wäre das alles kein Problem. Aber politische Rhetorik ist mehr als Sprachakrobatik. Sie ist das Herzstück des politischen Prozesses. Wenn der Bundeskanzler und seine Partei heute, im Herbst 2003, in den Umfragen schlecht wie nie bewertet werden, hat das ganz gewiss auch etwas damit zu tun, wie die derzeitige Politik eingeführt wurde. Die einleitenden Worte zur Agenda 2010 waren wie folgt:

„(…) Wir müssen den Mut aufbringen, in unserem Land jetzt die Veränderungen vorzunehmen, die notwendig sind, um wieder an die Spitze der wirtschaftlichen und der sozialen Entwicklung in Europa zu kommen.

Die Lage – das spürt jeder hier im Haus, aber auch draußen – ist international wie national äußerst angespannt. Die Krise um den Irak belastet weltweit die ohnehin labile Konjunktur. Deutschland hat darüber hinaus – das gilt es ebenfalls zu sehen – mit einer Wachstumsschwäche zu kämpfen, die auch strukturelle Ursachen hat. Die Lohnnebenkosten haben eine Höhe erreicht, die für die Arbeitnehmer zu einer kaum mehr tragbaren Belastung geworden ist und die auf der Arbeitgeberseite als Hindernis wirkt, mehr Beschäftigung zu schaffen. Investitionen und Ausgaben für den Konsum sind drastisch zurückgegangen, übrigens nicht zuletzt seit an den Börsen allein in Deutschland während der vergangenen drei Jahre rund 700 Milliarden Euro buchstäblich vernichtet worden sind.“

Man stelle sich nun einmal vor, der Bundeskanzler hätte seine Regierungserklärung mit den Worten begonnen:

Unser Land steht vor vielen Herausforderungen. Wir werden sie nicht verleugnen, wir werden sie nicht ignorieren, wir werden unsere Probleme nicht an den nächsten Bundestag, künftige Regierungen oder Kanzler weitergeben. Wir werden uns ihnen mit Entschiedenheit, Klarheit und Mut stellen. Ich lade Sie alle dazu ein, mitzugehen auf diesem Weg, der Deutschland wieder nach ganz oben führt. Denn dorthin gehört es. Wir sind ein Land voll Möglichkeiten, ein Land der Macher, ein Land von Menschen, die bereit sind anzupacken und nach vorne zu gehen. Wir haben das bewiesen. Dass Deutschland nach dem Krieg wie Phönix aus der Asche gestiegen ist, war kein Zufall. Es war das Ergebnis von Anstrengungen und Arbeit. Vor allem war der Aufstieg unseres Landes das Resultat des gemeinsamen Willens, ein gerechtes, wohlhabendes und soziales Land aufzubauen, dass jedem die Chance gibt, aus seinem Leben das Beste zu machen. Wenn wir heute nur einen Bruchteil der Anstrengungen von damals aufbringen, werden unsere Probleme bald vergessen sein. Es gibt niemanden, der uns daran hindert, wieder die beste Bildung, die beste Gesundheitsversorgung, die beste Infrastruktur und das größte Wirtschaftswachstum Europas zu haben. Es liegt alleine an uns. Es liegt daran was wir bereit sind zu tun. Meine Regierung hat deshalb ein Programm entwickelt, dass Deutschland wieder fit machen wird. Es heißt Agenda 2010, weil es zeigt, was wir alle gemeinsam tun müssen, damit Deutschland am Ende des Jahrzehnts wieder in allen Bereichen ganz vorne mit dabei ist. Und damit wieder jeder eine faire Chance auf Ausbildung, Arbeit und Wohlstand hat.

Der Autor dieser Zeilen wagt die These, dass mit einer Rede in dieser Tonlage und mit klarer motivatorischer Ausrichtung die heutige politische Situation in Deutschland eine bessere wäre. Was die Menschen heute als brutale Einschnitte erleben, hätte man als das benennen müssen, was es ist, nämlich die bittere Medizin, die aber am Ende zu einem schönen Ergebnis, der Gesundung führt. Dazu wäre ein klar auf den „Bauch“ zielender Anfang ebenso nötig gewesen wie eine optimistische „Wir-krempeln-die-Ärmel-hoch-Stimmung“ über die ganze Rede hinweg, auch und gerade in den thematischen Teilen, die überdies auch sprachlich einfacher hätten gehalten werden müssen.

Am Beispiel des Themas Steuerreform lässt sich das vorhandene Defizit gut darstellen.

„Wir werden – wie geplant – die nächsten Stufen der Steuerreform mit einem Entlastungsvolumen von rund 7 Milliarden Euro am 1. Januar 2004 und von 18 Milliarden Euro am 1. Januar 2005 ohne Abstriche umsetzen. Der Eingangssteuersatz wird dann gegenüber 1998 von 25,9 auf 15 Prozent und der Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent sinken. Mehr ist nicht zu verkraften. Das muss man klar gegenüber denjenigen sagen, die als Patentrezept Steuersenkungen, bis der Staat draufzuzahlen hat, anbieten. Auch das gehört zur Wahrheit in diesem Land.“

Mit diesen Worten redet der Bundeskanzler – ohne es zu wollen – seine eigene Steuerreform schlecht. Kein movere, das delectare gut versteckt und das docere wenig zielführend. Wieso spricht er davon, dass mehr nicht zu verkraften ist? Was hat das für einen Sinn? Wie soll da Freude beim Wähler über diese Wohltat aufkommen? Wieso sagt der Kanzler nicht stattdessen:

Wir haben die größten Steuersenkungen in der Geschichte unseres Landes beschlossen. In den nächsten zwei Jahren sinkt die Einkommenssteuer in einem Maße, wie es die Deutschen noch nie erlebt haben. Schon am 1. Januar des nächsten Jahres wird das zusätzliche Geld auf den Lohnzetteln der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erscheinen. 11% weniger beim Spitzensteuersatz und fast eine Halbierung des Eingangssteuersatzes. Für eine durchschnittliche deutsche Familie bedeutet das: 120,- Euro mehr zum Ausgeben. Im Monat! Das wird die Wirtschaft wieder ankurbeln und neue Arbeitsplätze können entstehen.

Die Tatsache, dass durch sinkende Steuern den Menschen etwas mehr Geld netto bleibt, hat alleine noch keine allzu große Schubwirkung, es muss ihnen auch gesagt werden. Auch im Blick auf die internationale Presse ist der Grundton der Steuerpassage der Regierungserklärung riskant. Aus den Worten des Bundeskanzlers lässt sich die Zeitungs-Headline „Deutscher Bundeskanzler sieht keinen Raum für weitere Steuersenkungen“ machen und schon ist das Image des Hochsteuerlandes Deutschland wieder bedient. Die positive Wirkung der real sinkenden Steuern wird dadurch gemindert, der gewünschte Effekt wird torpediert. Aus der Alternativvariante der Steuerpassage hätte dagegen die schwungvolle Headline „Deutschland senkt Steuern bis um die Hälfte!“ werden können. Wer wichtige Bundestagsreden auf CNN verfolgt und die Headlines beachtet, die parallel zur jeweiligen Rede als Schriftband eingeblendet werden, weiß um die Bedeutung dieser Ausführungen.

III. Conclusio

Vom perfekt durchinszenierten Medienwahlkampf und treffsicherer politischer Rede ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Auch für eine kontinuierliche Entwicklung in diese Richtung lassen sich keine wirklich triftigen Beweise finden, befasst man sich mit den Wahlparteitagen und dort insbesondere mit den Auftritten der Spitzenleute. Vergleicht man das, was uns hier in Deutschland geboten wird, mit dem, was im amerikanischen Wahlkampf selbst rhetorisch schwächere Kandidaten wie US-Präsident Bush Jr. an perfekten Auftritten und Reden (auch unter der guten und geschickten Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel wie Teleprompter) zu bieten in der Lage sind, sind die Leistungen der deutschen Politiker wohlwollend mit „hausbacken“ zu beschreiben. Die perfekte Inszenierung ist gewiss nicht alles in der Politik. Aber die Politik bedarf auch der Inszenierung. Guter Inszenierung. Denn was nützen die besten inhaltlichen Tiefgänge, wenn sie durch Vermittlungsprobleme beim Publikum gar nicht ankommen?

Die Demokratie bedarf dringend einer angemessenen und verantwortungsvollen Inszenierung der politischen Inhalte und Persönlichkeiten. Und selbstverständlich ist auch die Motivation ein integraler Bestandteil des politischen Alltagsgeschäfts. Wer der Politik den Einsatz motivatorischer Elemente als „Verflachung“ vorwirft, der hat nicht verstanden, wie Kommunikation funktioniert. Jeder gelungene kommunikative Akt muss alle drei kommunikationsrelevanten Ebenen berücksichtigen, damit sie wirkungsvoll sein kann: die Inhaltsebene, die Ebene des Erzeugen des Wohlwollens für den Redner (Sender) und die Ebene der motivatorischen Elemente. Wer die politische Kommunikation auf die Inhaltsebene verkürzen will, begeht einen dramatischen Fehler und wer es bedauert, dass zunehmend – zurecht – auf eine bessere Inszenierung von Politik Wert gelegt wird, der schaue sich einmal die Theorien zur politischen Rede in der ersten Demokratie der Welt, im Athen der griechischen Antike an. Selbstverständlich ging es schon damals auch um die angemessene Form der Motivation des Publikums, um das Einsetzen inszenatorischer Mittel zum Zwecke des Erreichens eigener politischer Ziele. Die Inszenierung politischer Inhalte in der Demokratie war noch nie etwas Verwerfliches und darf es auch nie werden. Vielmehr ist die Perfektionierung der Inszenierung von Politik ein notwendiger Vorgang in Anbetracht der Möglichkeiten, die sich durch ständig weiterentwickelnde alte und neue Medien ergeben.

Die deutsche Politik sollte sich nicht scheuen, gesteigerten Wert auf eine zunehmend verbesserte Inszenierung ihrer selbst zu legen. Sie sollte ihre Bemühungen dahingehend intensivieren und das Tempo in dieser Richtung beschleunigen. In einem politischen System wie der Bundesrepublik, in dem Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten sehr komplex sind und undurchsichtig erscheinen, wäre es ein Gewinn für die Politik, wenn durch eine entsprechende Inszenierung deutlich würde, wer für welche Entscheidung verantwortlich ist.

Warum werden Gesetze in Deutschland hinter verschlossenen Türen unterzeichnet? Wieso hatte zum Beispiel noch keiner die Idee, bei einer Kindergelderhöhung kinderreiche Familien zum Unterzeichnungsakt einzuladen, ein Fest zu veranstalten und das ganze im Fernsehen zu übertragen? Solche simplen Inszenierungen haben – gut gemacht – das Potential, das Image der Politik positiv zu verändern, das heute oft darin besteht, dass eine erschreckend hohe Anzahl von Wählerinnen und Wählern überzeugt ist, dass „die sich nur streiten und nichts hinbekommen“. Das symbolische „in Szene setzen“ gelungener inhaltlicher Politik ist es, was Deutschland braucht. Es ist höchste Zeit dafür.


Angaben zum Autor:

Dariush Barsfeld aus Darmstadt, Magister der Allgemeinen Rhetorik und der Politikwissenschaft, schreibt seit zehn Jahren Reden. Angefangen hat er als Referent für einen Hochschulprofessor. Mittlerweile verfasst er Texte über Kultursponsoring ebenso selbstverständlich wie über Halbleitertechnik, er schreibt Festreden, aber auch wirtschaftsthematische Reden für Großkonzerne. Als Freiberufler hat Barsfeld sich in die Praxis der Redekunst eingearbeitet, beim Studium am Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen hat er vor allem die Theorie erkundet. Einem breiteren Publikum bekannt wurde Barsfeld durch seine Gutachtertätigkeiten im Rahmen des Bundestagswahlkampfes 2002 und seine Fernsehkommentatorentätigkeit zu den Rededuellen der Kanzlerkandidaten.

barsfeld@redenhalten.de;