Elzenberg Henryk: Kummer mit dem Sein.

Tagebuch eines Philosophen

Aus dem Polnischen von Sven Sellmer unter Verwendung einiger von Karl Dedecius übersetzter Aphorismen.
(Denken und Wissen. Eine polnische Bibliothek) Suhrkampverlag Frankfurt 2004.

Aphorismen und Gedanken aus dem Jahre 1907-1963.

 

Die von Elzenberg (1887-1967) seit seinem 20. Lebensjahr geführten Tagebücher genießen in Polen, wie der Klappentext vermerkt, „Kultstatus“, die aphoristische Form bietet „nicht selten Grund zu intellektuellen Vergnügen“. Dem Aphorismus wird überhaupt zugeschrieben: „einerseits extrem kontextfrei, andererseits extrem Leser aktivierend“ zu sein (Aphorismus in rhetorischer Perspektive, in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik 1, 1992, Sp. 774). Die für den Aphorismus klassischen Stilmittel jedoch treten eher selten auf; Textproduktion nach rhetorischen Gesichtspunkten erfolgt kaum – der Unterschied etwa zu den „Unfrisierten Gedanken“ eines Stanislaw Jerzy Lec könnte nicht größer ausfallen. Philosophische Reflexionen lassen sich hier über 60 Jahre hin nach verfolgen.

Da Elzenberg französische Literatur und Philosophie unterrichtete, fließen viele Lesefrüchte, Gedankensplitter, Auseinandersetzungen mit Position von Schriftstellern, etwa Claudel, ein. Das Buch zeigt eine philosophische Persönlichkeit, regt zum Denken an, erfordert aber im Grunde einen derartigen literarischen, philosophischen, historischen Hintergrund vom Leser, der auch noch über fernöstliche Weisheitslehren Bescheid weiß, dass sich das Publikum auf diese Weise sehr reduzieren wird. Der Kommentar bietet keine Hilfe, beschränkt sich im Wesentlichen auf die deutsche Übersetzung der französischen Zitate, liefert zu Texten, die sichtlich auf längst vergangene Ereignisse in Polen anspielen, keine Informationen. Angesichts dieser Umstände steht zu bezweifeln, ob dieses Buch hier Kultstatus erringen wird – allenfalls für eine kleine Gruppe des klassischen Bildungsbürgertums. Immerhin erweist es den Vorteil der Aphorismensammlungen: man kann eine Seite aufschlagen, ein, zwei Gedanken lesen, darüber nachdenken. Gerade aber solchen Werken, die auf dem gewöhnlichen Buchmarkt keine Chance haben, sollte man sich doch zuwenden.

Lothar Kolmer

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