Enumeratio

Dabei handelt es sich um eine „Aufzählung“, eine „Aneinanderreihung von Einzelelementen“ in einem Text (Studienbuch Rhetorik, S. 100). Der Adressat soll die aufgeführten Einzeldaten bzw. -informationen „zu einem passend erscheinenden“ Bild zusammenführen und sich mit dem „Gedankengang des Autors auseinandersetzen“ (ebd.). Der Zweck dieses Stilmittels ist „höhere Anschaulichkeit“ (ebd.).

Diese Aufzählung kann als Teil einer descriptio (Beschreibung) erscheinen – etwa einer Personenbeschreibung (prosopographie), die der klassischen Topoi sich bedient, d. h. häufig aus „Gemeinplätzen“ (ebd. 102) zusammengesetzt ist. In einem Text können mehrere derartige Figuren neben- und miteinander auftreten.

Eine solche Verbindung von enumeratio, descriptio, prosopographie findet sich häufig in Heiratsannoncen. Die gewünschten Eigenschaften einer potenziellen Partnerin, bzw. die eigenen, werden der Reihe nach aufgezählt: klassisch-triviale, männliche Wunsch- Vorstellung: „Bikini und Abendkleid“. Ein Inserent (Neue Züricher Zeitung Nr. 140, Juni 2004, S. 64) reduziert sie unter „Rendez-Vous. Er sucht Sie“ auf die Inhalte obiger Überschrift, d. h. denen eines jederort vorzeigbaren Körpers. Dadurch freilich entsteht eine doppelte Personenbeschreibung: die eher fiktive des möglichen „Objekts der Begierde“ – aber immanent eine viel deutlichere des suchenden Subjekts. Denn in der Objektbeschreibung spiegelt sich dieses; es offenbart sich selbst.

Analog zu „Bikini und Abendkleid“ wird einer Frau dabei ebenso oft angeboten: Christmas shopping in New York, Tauchen am Barrier Riff. Festspielbesuch in S., Oper in W., Golf in St. A., Sonnenuntergang in X., Kaminfeuer in Y. usw. Da findet nichts anderes statt als die enumeratio aller „Gemeinplätze“. Dies liefert wiederum die schönste descriptio eines solchen Inserenten: eines Liebhabers von Gemeinplätzen, der als Mitglied aufgestiegener Schichten deren trivial-materialistische Klischees verinnerlicht hat! Nur reproduktiv. Doch jeder Gemeinplatz erweist induktiv das sichtlich personalisierte Klischee. Dieses sucht, weiterhin passend: „simply the best“ – doch wohl: „body“, um den Anglizismus zu vervollkommnen. Denn was brauchen „Badehose und Smoking“ mehr?

Lothar Kolmer