Geschichte, Hörfunk und Öffentlichkeit

Abstract: Der Beitrag widmet sich der Frage, wie Geschichte im Hörfunk vermittelt wird bzw. vermittelt werden kann. Einleitenden theoretischen Überlegungen zum Verhältnis Hörfunk-Wissenschaft-Öffentlichkeit folgt eine Analyse von drei Hörfunksendungen, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse popularisiert werden.


Ewald Hiebl

Geschichte, Hörfunk und Öffentlichkeit. Wissenstransfer über Ätherwellen

 

I. Der Hörfunk – ein vergessenes Medium?

Als „the forgotten medium“ bezeichnen Edward C. Pearse und Everette E. Dennis das Radio in einem gleichnamigen Sammelband.1 Tatsächlich ist das Interesse am Radio als Vermittlungsmedium für wissenschaftliche Themen im Vergleich zu Film, Fernsehen, aber auch den neuen Medien Internet und CD-Rom erstaunlich gering. Das verblüfft umso mehr, als die tägliche Nutzungsdauer des Mediums Hörfunk nach wie vor beachtlich ist. So lag die Radionutzung im Jahr 2002 bei täglich 209 Minuten und ist gegenüber 1995 um 16 Minuten gestiegen. Zum Vergleich: Die tägliche Nutzungsdauer des Mediums Fernsehen lag 2002 bei 162 Minuten. Das Hörfunkprogramm Österreich 1, ein potenzielles Vermittlungsmedium für wissenschaftliche Themen, erreichte im ersten Halbjahr 2003 in der Zielgruppe Erwachsene 10+ eine Tagesreichweite von 8,3% und einen Marktanteil von 5%. Eine Tagesreichweite von 8,3% entspricht fast 600.000 Hörern.2

Allein dieser quantitative Aspekt müsste das Medium Hörfunk, im konkreten österreichischen Fall das Hörfunkprogramm Österreich 1, zu attraktiven Vermittlungskanälen für die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung machen. Dazu kommt ein qualitativer Aspekt. Die Länge wissenschaftlicher Sendungen wie „Dimensionen“ (25 Minuten) oder „Salzburger Nachtstudio“ (59 Minuten) erlaubt die differenziertere Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse als dies in den Journalen des Fernsehens oder den auf Unterhaltung und Information orientierten Hörfunksendern möglich ist.

Dass der Hörfunk trotz der Möglichkeiten, die er für die Vermittlung (geschichts)wissenschaftlicher Erkenntnisse bereitstellt, in der Scientific Community so wenig wahrgenommen wird, könnte in seiner medialen Struktur liegen. Anders als Film und Fernsehen bietet das Radio nicht die Möglichkeit zur Visualisierung, derer sich die großen Erzählungen von Portisch/Riff (ORF) sowie Guido Knopp (ZDF) bedienen. Gerade diese Unmöglichkeit der Bebilderung bietet jedoch die Chance einer qualitativ entsprechenden und emotional ansprechenden Geschichtsvermittlung ohne die Zuhilfenahme von Bildern, die oft als zweite Erzählung Wort und Ton konterkarieren und somit „verfälschen“.

II. Die Lust an der „living history“ – Geschichte, Historiker und Öffentlichkeit

Nicht nur die eben angeführten erfolgreichen Fernsehproduktionen zeigen, dass ein öffentliches Interesse an Geschichte existiert. Auch zahlreiche Spielfilme widmen sich historischen Themen. Brett- und Computerspiele mit historischem Hintergrund erfreuen sich großer Beliebtheit. Die ARD plant für November 2004 eine Reality-Show mit dem Titel „1900 – Leben im Gutshaus“ mit 15 TeilnehmerInnen. In dieser Show, die mit halbjährigen Dreharbeiten durchaus aufwändig produziert wird, wird nicht nur der Lebensstandard von 1900 „simuliert“, sondern auch die sozialen Beziehungen. Es gibt eine soziale Hierarchisierung in Knechte, Mägde, aber auch Gutsherren und -damen.3

Diese Lust an einer „Living History“ korreliert allerdings nicht mit dem Stellenwert der Historiker in der Gesellschaft. Zwar sind manche der erfolgreichen Geschichtsvermittler wie Guido Knopp ausgebildete Historiker, ihren Erfolg verdanken sie allerdings dem Wirken als Journalisten. Ihre Aufgabe beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Vermittlung, sondern auch die öffentliche Deutungskompetenz fällt zunehmend in ihren Bereich. Die Analysen zur Affäre um die antisemitischen Äußerungen des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann im ZDF-Teletext (Magazin. Hintergrund) lieferte kein Universitätsprofessor, sondern – in einer übrigens durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechenden kritischen Form –Guido Knopp selbst.4 Die Bereiche Forschung, Deutung und Vermittlung gehen also ineinander über, wobei die Journalisten immer stärker auch Forschungs- und Deutungsaufgaben übernehmen. Die universitäre Wissenschaft kann darauf reagieren, indem sie ihre Forschungs- und Deutungskompetenz betont oder selbst im Bereich der Vermittlung tätig wird. Dafür wären allerdings neue Strukturen – Kooperationen mit Medien oder eigene Vermittlungskanäle – zu schaffen.

III. Die Rolle des Historikers im Prozess der Geschichtsvermittlung

Die Rolle des Historikers in der Kooperation mit den Medien könnte viele Formen annehmen: von der Tätigkeit als Berater, der die Journalisten mit Informationen versorgt, über den Experten, der in Interviews in Form von O-Tönen sein Wissen preisgibt, den Autor, der ein Manuskript erstellt, das von Journalisten medial verarbeitet wird, bis hin zum Gestalter von Sendungen. Selbstverständlich gibt es zwischen diesen Idealtypen auch Mischformen anderer Kooperationen wie gemeinsame Arbeit von Wissenschaftlern und Journalisten. In manchen Fällen warnen Experten davor, Wissenschaftler zu Gestaltern zu machen, da sie als wesentliche Voraussetzung für eine attraktive mediale Umsetzung die Einsicht in die Struktur des Mediums Hörfunk sehen.5

Über das Verhältnis zwischen Wissenschaftlern und Journalisten wird viel diskutiert, und in der Analyse werden meist die Probleme und die gegenseitigen Vorurteile in den Mittelpunkt gerückt. So kritisieren Journalisten, dass sich die Wissenschaftler einer unverständlichen Sprache bedienen und sich in ihren forschungsleitenden Interessen zu wenig an den Bedürfnissen der „Öffentlichkeit“ orientieren. Wissenschaftler üben ihrerseits Kritik daran, dass die Journalisten nur an Sensationen interessiert sind und nicht an differenzierten wissenschaftlichen Ergebnissen und dass diese Ergebnisse in der journalistischen Vermittlung häufig verkürzt, verzerrt oder falsch wiedergegeben werden.

Kommunikations- und Medienwissenschaftler weisen darauf hin, dass viele Probleme durch die unterschiedlichen Anforderungen an die Systeme Journalismus und Wissenschaft entstehen. Während Journalisten in der Vermittlung die Komplexität von Sachverhalten zu reduzieren haben, ist es die Aufgabe der Wissenschaftler zu differenzieren und damit Komplexität zu schaffen. Massenmedien orientieren sich am Publikums- und Werbemarkt, die Wissenschaft folgt häufig wissenschaftsinternen Kriterien. Journalismus lebt von der Aktualität, die Wissenschaft braucht Zeit für eine intensive Aufarbeitung. Journalisten vermitteln in Form von Geschichten und linearen Zusammenhängen. Aufgabe der Wissenschaft ist es, diese „Geschichten“ zu dekonstruieren. Schließlich unterscheidet auch die Personalisierung die beiden Systeme. Der Journalismus setzt auf Edutainment und die Betonung eines vermittelnden Erzählers. Der Wissenschaftler tritt als Akteur bewusst in den Hintergrund.6

Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen Journalisten und Wissenschaftlern gar nicht so schlecht. Es gibt stets Allianzen, die allerdings nicht institutionalisiert sind, sondern über persönliche Bekanntschaften funktionieren. Fachleute, die beide Systeme kennen, plädieren für verstärkte institutionalisierte Kooperationen, wie Manfred Jochum, der selbst als Universitätsassistent tätig war, bevor er als Radiojournalist zum „Erfinder“ des Radiokollegs, zum Wissenschaftssprecher des ORF und schließlich zum Hörfunkintendanten avancierte.7

Auch neuere Studien zum Themenbereich „Historiker und massenmediale Öffentlichkeit“ stellen diese Forderung auf. Die Ergebnisse einer Umfrage von Heinz Niederleitner zeigen, dass Historiker sehr wohl bereit sind, ihre Ergebnisse massenmedial zu vermitteln und selbst mit der Übernahme der Rolle eines journalistisch tätigen Vermittlers keine Probleme haben.8 Wollen die Historiker nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden, so müssen sie diese Funktion auch wahrnehmen, in der öffentlichen Diskussion aktiv sein und bewusst den Kontakt zu Journalisten suchen. Die Journalisten ihrerseits müssen die Historiker als Experten und Gewährsleute heranziehen, der Kompetenz und nicht der Prominenz von Interviewpartnern den Vorrang geben.

IV. Flüchtige Erzählungen – der Hörfunk als
Bildungsmedium

Bildung besitzt im Medium Hörfunk eine lange Tradition. Schon in den 1920er Jahren wurden Schulfunkprogramme ausgestrahlt. Der Brockhaus 1934 weist bereits einen Eintrag „Schulfunk“ auf, der zwei wichtige Facetten der Funktion des Mediums Hörfunk offenbart, nämlich Bildung und Propaganda: „Schulfunk, eine Form der modernen Pädagogik, die aus den volkserzieherischen Absichten des Rundfunks erwächst. Sein Ziel ist, dem Lehrer aller Schulgattungen ein Lehrmittel an die Hand zu geben, das imstande ist, Vergangenheit in eindringlicher Form lebendig werden zu lassen, Gegenwart unmittelbar an die Schule heranzubringen und dadurch dem Staatsgedanken und der Volksgemeinschaft zu dienen. […] Fast alle deutschen Sender führen den Schulfunk im Programm; im Ausland kennt man ihn noch kaum.“9

Der Rundfunk diente als eines der wichtigsten Propagandamittel des nationalsozialistischen Regimes und stellte die „Bildung“ in den Dienst von Staat und Partei. Damit steht „Bildung“ nicht mehr in einer aufklärerischen Tradition, sondern dient der Indoktrination. Die häufig vorgenommene Gleichsetzung von Bildung und Aufklärung ist somit obsolet. Vielmehr muss der Kontext der Wissensvermittlung im Medium Hörfunk betrachtet werden.

Den Schulfunk auf Propaganda und Indoktrination zu reduzieren, wäre jedoch ebenso verfehlt wie eine unreflektierte Gleichsetzung mit einer aufklärerischen Zielsetzung. In den 1960er Jahren übernahm der Hörfunk im Zuge moderner didaktischer Konzepte eine neue Aufgabe im Geschichtsunterricht. Er ermöglichte einen kritischen Umgang mit einem Informationsinput, der über ein Medium und nicht von dem oder der Unterrichtenden kam. Die Lehrer erhielten Vorbereitungsmaterial, das eine didaktische Aufbereitung ermöglichte. Die Integration von Radiosendungen, die zu bestimmten Zeiten ausgestrahlt wurden, in den Unterricht erfuhr durch die Speicherung auf Audiokassetten neue variablere Einsatzmöglichkeiten.

Nach der Ära des Schulfunks wurde die Zielgruppe erweitert. Nicht mehr bloß Schüler wurden „unterrichtet“. Das Bildungsradio entstand, das sich auch an Erwachsene wandte. Es entstanden sogar regelrechte Studienprogramme, etwa die Open University, die von der BBC initiiert wurde und heute zu den bedeutendsten Fernstudieneinrichtungen Europas zählt. Auch die Funk-Kolleg-Bände, die in universitäre Einführungslehrveranstaltungen Einzug hielten, entstanden aus Bildungsprogrammen des WDR.

Der Einsatz des Mediums Hörfunk im Bildungswesen besitzt also eine lange Tradition, die aber ebenso wie das Medium selbst von den Wissenschaftlern erstaunlich wenig wahrgenommen wurde und wird. Die „Flüchtigkeit“ des Mediums zeigt sich etwa auch in den Lehrmittelsammlungen der Universitäten. Diese verfügen meist über eine große Anzahl von Kartenwerken, Diapositiven oder Videokassetten, aber meist über keine Sammlung von Audioquellen oder aufbereiteten Bildungssendungen oder Features.

Ein Kennzeichen des Mediums Hörfunk ist also, dass es kaum gespeichert wird. Selbst in den Archiven der Radiosender sind bei weitem nicht alle ausgestrahlten Sendungen zu finden. Der Versuch der Zusammenstellung der Sendungen des seit 1956 ausgestrahlten „Salzburger Nachtstudios“ (Österreich 1), die Michael Schmolke und Dagmar Baumgartner 1996 unternahmen, zeigt das ganz deutlich. Aus manchen Jahren sind nur zwei bis drei der bis zu 50 ausgestrahlten Sendungen erhalten.10

V. „Geschichtserzählungen“ im Hörfunk: Theorie…

Ziel massenmedialer Vermittlung ist es, Aufmerksamkeit zu erlangen. Aufmerksamkeit, so der Medientheoretiker Norbert Bolz, „ist schlechthin die knappste aller Ressourcen geworden, und genau darum wird jetzt gekämpft“. Infotainment sei eine Notwendigkeit geworden, nicht nur in den Medien, sondern etwa auch an den Universitäten.11 Wie erzählt nun das Medium Hörfunk? Welche Möglichkeiten gibt es, Aufmerksamkeit zu erlangen? Ton und Sprache fungieren als Grundelemente. Radio ist aber nicht bloß „das Medium des gesprochenen Wortes, sondern das Medium verschiedenartiger akustischer Signale, die gleichzeitig von einem dispersen Publikum rezipiert werden“ (Jürg Häusermann).12

Das Grundelement Ton ist interessanterweise in der historiografischen Quellenkritik weniger problematisiert als – stille wie bewegte – Bilder oder schriftliche Quellen und Überlieferungen. Dass Bilder kein objektives Abbild der Wirklichkeit sind, ist heute allgemein anerkannt. Beim Ton scheint dieses Bewusstsein noch nicht vorhanden zu sein, weshalb Gedanken zu einer Quellenkritik des Hörfunks sinnvoll erscheinen. Eingriffe und Veränderungen sind im Hörfunk „normal“ und deshalb im Zuge einer Quellenkritik zu berücksichtigen:

1. Schon die Aufnahme verändert die Wirklichkeit, etwa durch die Art und die Platzierung des Mikrofons. Häufig werden Töne künstlich produziert und besitzen in der Wirklichkeit kein Äquivalent im Sinne eines „signifié“ (De Saussure13). Auch die Weiterbearbeitung durch Filtern, Dämpfen, Verzerren oder Stimmveränderung wie das Betonen von Bässen verändert den Originalton.

2. Im Prozess der Gestaltung von Sendungen kommt es zur Veränderung des zeitlichen Ablaufs. Der Ton wird nicht unbedingt in der aufgenommenen Abfolge wiedergegeben, sondern kommt in einen neuen Kontext. Töne, die bereits „gehört“ wurden, beeinflussen die Rezeption der nächsten Töne. Das wird vor allem deshalb „vergessen“, weil durch die Vorführung im Kontinuum eine zeitliche Abfolge, die eine bestimmte Logik vorgibt, suggeriert wird. Auch Töne, die gleichzeitig zu hören sind wie Interviews und Musik, beeinflussen sich gegenseitig in ihrer Bedeutung.

3. In der Produktion von Radiosendungen werden bewusste Veränderungen vorgenommen. Durch die Auswahl von Aussagen kann der Kontext von gesprochenen Texten verloren gehen. Schnitte verkürzen Aussagen, und Versprecher oder Sprechpausen, die über Befindlichkeiten von Sprechern – etwa über ihre Unsicherheiten – Auskunft geben, fallen weg.

Eine über die Veränderung von Tönen hinausgehende Problematik stellt deren Beleg dar. Anders als bei schriftlichen Texten oder auch bei Bildern und Filmen (durch Inserts) ist der Beleg von Audioquellen nur in Form einer zusätzlichen Information über die Moderation möglich, womit eine durchgängige Erzählung unterbrochen wird. Eine Alternative dazu stellt schriftliches Begleitmaterial wie ein Booklet zu einer CD dar, wodurch jedoch ein zweites Medium zur Vermittlung geschaffen werden muss.

Das Medium Hörfunk besitzt durch die Beschränkung auf akustische Informationen zwei „Vorteile“ gegenüber anderen Medien. Zum einen erleichtert das Radio dem Hörer die Konzentration auf die sprachliche Ebene, die als Träger der Information stärker in den Vordergrund tritt als bei einer audivisuellen Vermittlung. Zum anderen entfällt die häufig zu verfälschenden Aussagen führende Notwendigkeit der Visualisierung von Texten. Ausgehend von der Annahme, dass Geschichte als „Konstruktion“ immer bloß eine Annäherung an eine historische Wirklichkeit darstellt, bieten sich daher im Hörfunk zwar weniger mediale Möglichkeiten, damit aber auch weniger „Fehlerquellen“.

Hörfunk ist jedoch nicht bloß Fernsehen ohne Bild. Das Radio benötigt keine Visualisierung, keine Bilder und Kulissen. Es arbeitet jedoch insofern auch mit dem Medium Bild, als es Visualisierungen suggeriert. Der im Hörfunk präsentierte Raum wird deshalb auch als „produktive Täuschung“ bezeichnet. Gewisse akustische Elemente sind typisch für Räume. So werden in einem Innenraum tiefe Frequenzen betont. Die Größe eines Raumes wird durch Hall suggeriert. Typische Geräusche wie Straßenlärm weisen auf bestimmte Räume hin.14

Verschiedene akustische Elemente fungieren als Bedeutungs- und Informationsträger. Das gesprochene Wort ist Grundträger der Information und trägt das „Wissen“. Es beschränkt sich jedoch nicht auf den kognitiven Bereich. Auch hier gibt es Möglichkeiten zur Emotionalisierung durch Intonation, Tonfall, aber auch Sprechpausen und andere dramaturgische Elemente. Als gesprochenes Wort gilt der von einem Moderator vorgetragene Text ebenso wie der „Originalton“ eines Interviewpartners.

Nichtsprachliche Elemente wie Musik oder Geräusche besitzen nur in Ausnahmefällen die Funktion, Wissen über Sachverhalte zu vermitteln. In den meisten Fällen dienen sie dazu, zu emotionalisieren, Stimmung und Authentizität auszudrücken. Ein Geräusch kann in eine Situation einführen, die durch das gesprochene Wort dann erklärt wird. Häufig reichen wenige Sekunden, um eine Szene zu „illustrieren“.

VI. … und Praxis: „Geschichtserzählungen“ im Hörfunk

Im folgenden Kapitel werden drei Beispiele medialer Geschichtsvermittlung präsentiert. Die analysierten Sendungen erlauben einen diachronen und synchronen Vergleich.

Das erste Beispiel stammt aus der Sendereihe „Das zweite Jahrtausend. Eine Reise durch die Zeit mit Radio Salzburg und Raiffeisen“, die im Jahr 1999 an jedem Montag um ca. 8 Uhr 10 im Morgenmagazin des Hörfunkprogramms Radio Salzburg ausgestrahlt wurde. Konzipiert wurde die 49-teilige Serie von einem Historiker, Dramaturgie und Gestaltung oblagen einem erfahrenen Radiojournalisten. Die hier analysierte Folge 35 widmete sich der Revolution von 1848.15

Wie die Abbildung 1 zeigt, nehmen Musik und Geräusche in dieser Sendung eine wichtige Rolle ein. Die Funktion der Musik als emotionalisierendes Element wird auch durch ihren häufigen Wechsel deutlich. Ähnlich einem Szenenwechsel bei Theateraufführungen dient Musik hier dazu, die Rahmenbedingungen für die durch das gesprochene Wort vermittelten Informationen zu schaffen. Der Theaterdramaturgie entlehnt ist auch der Beginn mit dem Hinweis auf Zeit und Ort der Handlung, der den Hörer in das Geschehen einführen soll: „Das Jahr 1848. Der 13. März. Aufruhr in den Straßen von Wien. Die Revolution beginnt…“ Bemerkenswert ist schließlich die parallele Präsenz mehrerer Informationskanäle, meist Musik und Moderation, aber auch Musik und Geräusch, die sich dadurch in der Rezeption gegenseitig beeinflussen.

Abb.1
Abbildung 1 (beispiel mill 1848.gif)

Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine Sendung aus der Reihe „Salzburger Nachtstudio“, die seit 1956 im Hörfunkprogramm Österreich 1 ausgestrahlt wird. Die analysierte Sendung wurde im April 2003 ausgestrahlt und widmete sich dem Thema „Auf der Suche nach einer neuen Identität. Das Beispiel Salzkammergut“.16

Die Analyse der Sendung zeigt, dass Beginn und Ende der Sendung durch kurze Informationseinheiten stark gestaltet sind. Hier werden zu Beginn erste Informationen geboten, um in das Grundthema der Sendung einzuführen. Der Schluss bietet ein akustisches Resümee. Als Informationsträger fungieren verschiedene sprachliche Elemente: die Moderation, Originaltöne von Interviewpartnern, von einem Sprecher gelesene Zitate und sprachliche Informationselemente wie der Titel der Sendung oder Hinweise auf weitere Informationen. Geräusche und Musik werden sparsam verwendet. Das Geräusch dient als „Atmo“ dazu, in eine Situation einzuführen (Veranstaltung), die Musik trennt inhaltliche Teilbereiche. Nur selten werden zwei Informationsträger parallel wiedergegeben, fast ausschließlich beim Ein- und Ausblenden der Musik unter dem gesprochenen Wort.

Abb.2
Abbildung 2 (Salzkammergut.gif)

Das dritte Beispiel stammt ebenfalls aus der Sendereihe des „Salzburger Nachtstudios“. Es handelt sich um eine Sendung, die 1965 über die ersten Salzburger Humanismusgespräche informierte.17 Hier fungiert ausschließlich das gesprochene Wort als Informationsträger. Der Aufbau orientiert sich am Vortrags- bzw. Unterrichtsstil dieser Zeit. Einer längeren Einführung durch den Moderator folgen einige Originaltöne renommierter Wissenschaftler, darunter auch Herbert Marcuse. Ein längeres Resümee fasst das Thema der Sendung noch einmal zusammen.

Abb.3
Abbildung 3 (beispiel sns 1965.tif)

Die quantitative Analyse (Tabelle 1) erlaubt den Vergleich der drei Sendungen. Im synchronen Vergleich wird deutlich, dass der Wechsel einzelner Elemente in der kurzen Millenniums-Serie deutlich öfter stattfindet als im Salzburger Nachtstudio 2003. In der stärker popularisierten Millenniums-Serie dominieren Geräusche und Musik und damit die emotionalisierenden Elemente. Sie spielen im Salzburger Nachtstudio kaum eine Rolle. Auch die sprachlichen Elemente unterscheiden sich: Während in der Millenniums-Serie der Moderator als „Erzähler“ auftritt und eine lineare Geschichte präsentiert, tritt der Moderator im Salzburger Nachtstudio 2003 in den Hintergrund und die Originaltöne der Wissenschaftler dominieren.

Der diachrone Vergleich zeigt, dass das Salzburger Nachtstudio 2003 deutlich stärker durchgestaltet ist als die Sendung aus dem Jahr 1965 und um emotionalisierende Elemente erweitert wurde. Außerdem hat sich die durchschnittliche Länge der einzelnen Informationselemente deutlich reduziert. Das Bildungsradio passt sich also tendenziell allgemeinen Hörgewohnheiten an, indem die Gestaltung größere Abwechslung an Informationsträgern und -einheiten bietet. Für den Historiker bedeutet dies keineswegs, zentrale Aussagen auf durchschnittlich 55 Sekunden zu reduzieren. Es ist die Aufgabe des Journalisten, die wichtigsten Botschaften des Wissenschaftlers in der Moderation zu verdichten und Kernaussagen im Originalton „hörbar“ werden zu lassen.

Tab.1

Auch qualitativ unterscheidet sich der Erzählstil in den drei untersuchten Sendungen. Die Moderation der Millenniums-Serie verzichtet auf metasprachliche Hinweise über den Fortgang des Textes und der Sendung. Das Salzburger Nachtstudio 2003 verwendet solche Formulierungen nur in der als Einführung in die Sendung gedachten ersten Moderation („geht die Zeitreise in diesem Salzburger Nachtstudio“). In der Sendung aus dem Jahr 1965 sind solche metasprachlichen Formulierung viel häufiger zu finden (z. B. „diese Sendung will“). Außerdem verwendet der Moderator die erste Person und verweist auf seine Rolle als Gestalter („ich habe […] ausgewählt“).

VII. Perspektiven

Manfred Jochum betont in seinem 2003 erschienenen Buch „Bis uns Hören und Sehen vergehen“ die faktische Bedeutung der Massenmedien für Bildung. Sie bilden, ob sie es wollen oder nicht, und sie sind ein wichtiger Faktor in der Politischen Bildung, indem sie politische Themen transportieren oder kommentieren oder sie aussparen. Auch das Suggerieren einer konfliktlosen Gesellschaft sei politisch.18 Jochum stellt in diesem Buch auch die provokante Frage: (K)eine Zukunft für ein Bildungsradio?

Seine Antworten auf die Frage gelten auch für die Geschichtswissenschaft: Bildung brauche Auseinandersetzung, Reibeflächen, den Mut zur Beurteilung, zur Differenz, zu Widersprüchen und Konflikten. All das findet jedoch wenig Platz in einer Welt der glatten Lösungen, der Unterordnung, des Gehorsams, so Jochum. Ziel müsse es deshalb sein, dass Bildung und Kultur „sachlich und fachlich seriös informieren und Hörerlebnisse vermitteln“. Bildung darf nicht zur bloßen Unterhaltung werden, da Bildung und Lernen immer auch Anstrengung und Arbeit bedeuten. Mit Bildungsprogrammen sollten allerdings auch nicht „Schulmäßigkeit“ und Langeweile assoziiert werden.19

Ebenso wie sich die Wissensvermittlung im Hörfunk den allgemeinen Hörgewohnheiten bis zu einem bestimmten Grad anpasst, müssen auch Historiker die medialen Rahmenbedingungen akzeptieren, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Schon die Präsenz im „Bildungsradio“ erweitert die Zielgruppe der Wissenschaftler gegenüber schriftlichen Vermittlungen wie Buch oder Beiträgen in Fachzeitschriften beträchtlich. Um diese Gruppe, ein eher älteres und hochgebildetes Publikum,20 zu erweitern und andere Rezipienten anzusprechen, dazu müssten die Historiker zu einer weiter reichenden Popularisierung bereit sein und neue Vermittlungsformen akzeptieren. Ob eine Kooperation zwischen Geschichtswissenschaft und Unterhaltungsradio möglich und zielführend ist, das könnten konkrete Projekte und Erfahrungen zeigen. Einen Versuch müsste es auf jeden Fall wert sein.

Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine ergänzte Version eines erweiterten Abstracts für den Sammelband des Sechsten Österreichischen Zeitgeschichtetages in Salzburg.

[ 1 ] Edward C. Pearse/Everette E. Dennis (Hrsg.), Radio. The Forgotten Medium, New Brunswick London 1993.

[ 2 ] Daten aus: Medienforschung. ORF (http://mediaresearch.orf.at/radio.htm, 12. 11. 2003).

[ 3 ] Die Zeit, 39(2003), 18. 9. 2003, S. 41.

[ 4 ] ZDF-Text. Magazin. Hintergrund, Seiten 830-836 (15. 11. 2003).

[ 5 ] Manfred Jochum, Bis uns Hören und Sehen vergehen. Stolpersteine auf dem Weg zu einer neuen Medienwirklichkeit. Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann, Wien München Zürich 2003, 114.

[ 6 ] Hans-Heinz Fabris, Schwierige Kommunikation, in: Relation. Medien – Gesellschaft – Geschichte, hg. v. Herbert Matis, 4 (1997) 1, 61-63.

[ 7 ] vgl. Jochum (wie Anm. 5), 125-134.

[ 8 ] siehe den Beitrag von Heinz Niederleitner über „Die gesellschaftliche Funktion der Geschichtswissenschaft“ im Sammelband zum Sechsten Österreichischen Historikertag in Salzburg (erscheint 2004).

[ 9 ] Der große Brockhaus, Band 17, Leipzig 1934, 43.

[ 10 ] Michael Schmolke/Dagmar Baumgartner, Das „Salzburger Nachtstudio“, in: Relation. Medien – Gesellschaft – Geschichte, hg. v. Herbert Matis, 4 (1997) 1, 71-115, hier 82-115.

[ 11 ] Norbert Bolz, Aufklärung versus Infotainment, in: Relation. Medien – Gesellschaft – Geschichte, hg. v. Herbert Matis, 4 (1997) 1, 41-50, hier 46 f.

[ 12 ] Jürg Häusermann, Radio, Tübingen 1998, 59.

[ 13 ] Siehe etwa Heidrun Pelz, Linguistik für Anfänger, 6. Aufl., Hamburg 1984, 43 f.

[ 14 ] Benedikt Bitzenhofer. Zwischen Klangtapete und akustischem Rundhorizont. Raum für produktive Täuschungen, in: Axel Schwanebeck/Max Ackermann (Hrsg.), Radio erobert neue Räume. Hörfunk: global, lokal, virtuell, München 2001, 159-171, hier 159-161.

[ 15 ] „Das zweite Jahrtausend. Eine Reise durch die Zeit mit Radio Salzburg und Raiffeisen“. Folge 35: Das Jahr 1848. Radio Salzburg, 6. 9. 1999, ca. 8 Uhr 10, Konzeption und Text: Ewald Hiebl, Gestaltung und Dramaturgie: Manfred Baumann, Sprecher: Peter Scholz.

[ 16 ] „Auf der Suche nach einer neuen Identität. Das Beispiel Salzkammergut“, Salzburger Nachtstudio, Radio Österreich 1, 9. 4. 2003, 21 Uhr 01, Gestaltung und Moderation: Ewald Hiebl.

[ 17 ] Einführung in die neue Sendereihe des Salzburger Nachtstudios, 1. Salzburger Humanismusgespräch, 5. 10. 1965.

[ 18 ] Jochum (wie Anm. 5), 117 f.

[ 19 ] Ebenda, 108-115.

[ 20 ] Peter Winterhoff-Spurk/Hans Jürgen Koch, Kulturradio. Perspektiven gehobener Radioprogramme, München 2000, 57-59.