Fried Johannes: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik

Verlag C. H. Beck, München 2004.

 

Wir alle erzählen Geschichten. Jeden Tag. Und wir wissen alle, wenn wir uns gegenüber ehrlich sind, dass manche nicht so genau stimmen. Weil wir sie ein wenig redigieren, um vorteilhafter dabei wegzukommen, weil wir aber auch recht zielgerichtet erinnern und vergessen. Das hat die Gehirnforschung in den letzten Jahren erwiesen; sie ist weit vorangekommen; aber immer noch weit davon entfernt, alle Rätsel über Wahrnehmung, Erinnerung etc. gelöst zu haben.

Wenn aber Erinnerung trügt, dann betrifft dies auch die Geschichtswissenschaft und verwandte Disziplinen, eben alle, die auf mündliche Traditionen angewiesen sind. Dies gilt auch für ganze Epochen, wie etwa das frühe und hohe Mittelalter. Johannes Fried, Mediävist in Frankfurt, will die neuesten Erkenntnisse dieser Forschung auf die Geschichtswissenschaft übertragen. Fried geht es aber um nichts weniger, als die Be-/Gründung einer neuen historischen Disziplin, der “Memorik”. Dieses Ziel erklärt auch manche Eigenarten des Werkes. Umfangreiche Kapitel, mit Beispielen aus der Antike bis zu John Dean, Nixons Berater, sollen belegen, wie die Erinnerung selbst-/täuschte. Das Mittelalter bildet jedoch den eigentlichen Schwerpunkt. Fried greift in größerem Umfang auf eigene Arbeiten zurück, diese dürften manchem Leser bekannt sein, anderen könnte diese Beispielsfülle zu viel werden. Denn alle belegen die Hauptthese der trügenden und trügerischen Erinnerung. Fried kann beeindruckend nachweisen, wie unzutreffend und falsch manche Nachrichten nach jetzigem Wissensstand ausgefallen sind (etwa die Königserhebung Heinrich des Voglers 919, der “Kniefall von Chiavenna”). “Im Lichte der modernen Gedächtnis- und Kognitionsforschung ist mit einschneidenden Verformungen, sinnstiftenden Neukonstruktionen und legitimatorischen Manipulationen zu rechnen, die heute niemand mehr durchschaut. Stattdessen offenbart sich jede Gegenwart als ein verschwommenes Gemisch aus Erfahrungen, die unzusammenhängenden Episoden abgelauscht wurden.” (S. 199) Doch diese Einsichten in die trügerischen Rekonstruktionen oder manipulierten Geschichtsbilder sind weitgehend klassischer Quellenkritik erwachsen; sonst träte ein Widerspruch auf: die “Memorik” gäbe es schon!

Fried räumt selber ein (S. 390), dass sich eine neue Kulturtheorie erst in Umrissen abzeichne. Wie manche anderen Forderungen zu erfüllen sind, etwa die, den “Entstehungskontext eines Erinnerungszeugnisses möglichst genau zu analysieren, die zeitlichen Geschichten der Quellen auseinander zu nehmen, die Arbeitsweisen des menschlichen Gedächtnisses gemäß den Erkenntnissen von Psychologie und Neurologie, auch der Ethnologie einzubringen” (S. 383), bleibt mangels Ausführungsanweisungen mehr Proklamation. Ein Weg, die Geschichte der Kindererziehung genauer zu verfolgen (S. 393), die intellektuelle Schulung der Zeitgenossen durch Grammatik, Rhetorik und Dialektik anzusehen und deren Einfluss, ist wohl gangbar, denn “Rhetorik und Kategorisierung” lenkten “die Wahrnehmung und stabilisierten die Erinnerung und ermöglichten […] mit der Schrift auch eine neuartige Zuwendung zur Vergangenheit” (S. 321). Doch all dies ist mangels größerer Vorarbeiten und des zu bewältigendem Arbeitspensums ein Generationenprojekt. Vieles mutet ebenso groß an (S. 276), wenn eine Kooperation mit den Neurowissenschaften verlangt wird, dazu die historische Verhaltensforschung kommen soll, ebenso die Kulturanthropologie und Ethnologie. Die “Psychologie muss zur historischen Hilfswissenschaft werden”. Ob der Historiker allerdings “Schritt um Schritt zurück” gehen kann, um die “subjektiven Wahrnehmungs- und Encodierungsbedingungen zu durchleuchten”, fragt sich. Die Probleme der “Psychohistory” sollten bekannt sein. Das sind alles “erste methodische Postulate“.

Um neuen Ansatz wie neue Einsicht herauszustellen, differenziert Fried. Doch trifft Cicero (und andere) der Vorwurf zurecht, “nicht über […] die konstruktive Tätigkeit des Gedächtnisses und ihre Implikationen genauer nachgesonnen zu haben”? Mutet das nicht ein wenig ahistorisch an, gerade vor dem Hintergrund der gebrachten Erkenntnisse?

Eine wesentliche Frage bleibt zudem, die nach der Intention bei Ver-/Fälschungen. Trügt das Gedächtnis den Geschichtsschreiber und/oder dieser den Leser? Wissentlich, willentlich oder entschuldigt ein “schlechtes Gedächtnis” dann doch sehr viel? Lässt sich dann von Fälschung, Verfälschung u.dgl. noch reden?

Wie sind ferner Passagen zu interpretieren: “Der Mensch trat nicht plötzlich aus der Hand seines Schöpfers ins Leben” (S. 86. 87, vgl. 134 etc.)? Rutschte da in eine wissenschaftliche Abhandlung Frieds Weltbild und Urgrund als Leistung seines Gedächtnisses? Ein Hinweis auf Chladenius, der schon im 17. Jahrhundert die Standortgebundenheit anmerkte, fehlt, die Einflüsse von Hayden White werden nur indirekt eingebracht, ebenso die des “radikalen Konstruktivismus”.

Fried macht deutlich, was manche HistorikerInnen schon, viele noch kaum wissen, dass eine historische Wirklichkeit, wie sie die meisten Quellen zu vermitteln scheinen, nicht (mehr) existiert. Die “erkenntnistheoretische Herausforderung” führt zu Zweifeln: “Was lässt sich von vergangener Wirklichkeit noch erkennen, wenn unser Gedächtnis so funktioniert, wie es funktioniert?” Wann und wie kann ein “Historiker sichere Aussagen treffen”?

Wenn mündliche Überlieferung so zustande kommt, wie nach den neueren Erkenntnissen anzunehmen ist, sind nicht nur die meisten Quellen, sondern auch die darauf aufbauenden die Arbeiten – nicht nur der Mediävisten – infrage zu stellen. Der Widerstand wird entsprechend ausfallen, denn der Verlust von Sicherheit schmerzt.

Wie diese neue Methode funktioniert, was sie gegenüber der traditionellen Quellenkritik mehr erbringt, wäre noch exemplarisch zu zeigen. Zudem ist das Programm so umfangreich, dass ihm ein Utopiecharakter zukommt. Sagen wir es anders. Da eine Methodologie hier fehlt – wie wäre es demnächst mit einem diesbezüglichen stringenten Werk von 200 Seiten? Wo an einem Quellentext einmal die postulierten Ansätze ausgeführt werden? So ein Buch ließe sich in den Seminaren sehr gut verwenden.

Das Buch weist viel Redundanz auf, Variationen der gleichen Aussage in langen Sätzen. Die Quellenbeispiele sind mehr als umfangreich. Die bekannten Fried’schen Fragesätze erscheinen wieder, im üblichen Maße: sechs Fragen in zwölf Zeilen (S. 19) und die Antworten? Das alles, auf 509 Seiten, tut der wünschens- wie empfehlenswerten Lektüre für HistorikerInnen, NachbarwissenschaftlerInnen und Studierende wohl etwas Abbruch.

Doch auf alle Fälle lohnt sich die kritische Auseinandersetzung, die Integration der Erfahrungen von Fried in die eigene Arbeit. Das betrifft alle Fächer, die sich mit Quellen, Texten aus der Vergangenheit auseinandersetzen, die Philologien bis hin zur Theologie. Damit aber erweist ein Mediävist die Fruchtbarkeit dieser Disziplin; sie braucht sich nicht zu verstecken, wenn wesentliche Fragen gerade mit ihrem Material und dessen Interpretationen aufgeworfen und einer Lösung zugeführt werden. Es ist ein großes Programm, aber hinter diesen Markstein geht es nicht mehr zurück.

Lothar Kolmer

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