Gebrauchsanweisung

Im rhetorischen Grunde eigentlich eine schlichte Sache: verlangt wird ein einfacher Text, im genus humile, der unterrichten soll (docere). Das Verlangen nach Klarheit und Deutlichkeit der Aussage (perspicuitas) ist dabei besonders ausgeprägt.

Es werden demnach keine besonderen rhetorischen Fertigkeiten gefordert; doch wohnt –erstaunlicher Weise – keiner anderen Textsorte eine solche Gefahr der Unverständlichkeit und Dunkelheit (obscuritas) inne.
Als besonders unverständlich gelten Gebrauchsanweisungen für Computer und derlei elektronisches Gerät, die nicht selten einen Widerspruch zwischen deren und der Text-Größe aufweisen; wobei letztere biblisches Format erreichen und hermeneutische Auslagekunst erfordern kann – ohne freilich zur Offenbarung zu führen.
Der Mensch als Prothesengott (Nietzsche) wird dadurch in den richtigen Rang versetzt: genus humile, denn seine Zusatzteile vermögen so unendlich viel mehr als er (kann und braucht). Die Ingenieure als neue Demiurgen zeigen, was sie alles schaffen können (was aber niemand wirklich nutzt). Leider aber, so scheint es, müssen sie ihre Kreationen auch erklären – und stoßen hierbei, in Wortwelten sichtlich überfordert, bald an ihre Grenzen.
Das ist schon oft und vielfältig beklagt und Abhilfe ist gefordert worden (Handy!!), dass dies als Topos durchgehen kann. Abhilfe ist nicht in Sicht. Die Komplexität der Technik steigt, die der Sprachbeherrschung (Handy) aber nicht; dass dies auch auf die Moral zutrifft, stellte bereits Kant fest.
Dass es sich schon mit den einfacheren Geräten kompliziert, möchte ich an einem Text für ein archaisches Gerät, einen Plattenspieler von Pro-Ject, zeigen, der ob seiner Kürze von 14 Seiten einen Geisteswissenschaftler nicht überfordern sollte:
Am hinteren Teil des Tonarms, durch den äußeren Lagerring verdeckt, befindet sich eine kleine Madenschraube, nach deren Lösen der horizontale Abspielwinkel (Azimut) eingestellt werden kann. Zum Erreichen dieser Schraube muss der Bolzen der Antiskating-Vorrichtung entfernt werden. Dies geht am besten mit einer kleinen Flachzange oder einer starken Pinzette, mit welcher der Bolzen herausgeschraubt wird. Diese ist dann zu lösen, das Tonarmrohr um die Längsachse zu drehen und mittels eines Geodreiecks die Oberkante des Tonabnehmergehäuses parallel zur Platte einzustellen.
Eindeutig, gute alte Handarbeit für den guten alten sound. 

Zunächst „stolperte“ ich über die kleine Madenschraube, wenn man so heißt, ist man dann nicht schon per definitionem klein? Sie hatte sich sichtlich madig, d. h. aus dem Arm gemacht, nichts davon zu sehen. Der äußere Lagerring schien nur unter Gewalt weichen zu wollen, obwohl die beigefügte Zeichnung die Lagerung anzeigte.
Weil ich um die Problematik der Textsorte weiß, konsultierte ich umgehend – vor irgendwelchem Gebrauch einer Flachzange – den Fachhändler. Dieser hatte jedoch die Gebrauchsanweisung nie gelesen (hier scheidet sich die Menschheit: in Leute, die sie lesen und irgendwie klar kommen, die sie lesen und nirgendwie klar kommen, die sie nie lesen und irgendwie klar kommen, die sie nie lesen und nie klar kommen, die sie (nie) lesen und um klar zu kommen, sie sich erklären lassen. Derlei wird wohl künftig das darwinsche Kriterium für survival of the fittest darstellen!).
Der Fachhändler erklärte nach seiner Erst-Lektüre den Text als Stuss, sagte, das mit der kleinen Madenschraube träfe hier gar nicht zu; aber ich sollte unbedingt beim Ausbalancieren des Tonarms die Schutzhülle der Nadel entfernen, dies sei absolut erforderlich, stünde aber nicht in der Gebrauchsanweisung!
(Lothar Kolmer) 

 

 

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