Hägg Göran: Die Kunst, überzeugend zu reden

44 kleine Lektionen in praktischer Rhetorik.

Aus dem Schwedischen ins Deutsche übertragen von Susanne DAHMANN,
Verlag C. H. Beck, München 2003, € 9.90.

 

“Haustiere sind immer gut.”

Rezensionen lassen sich am einfachsten durch Abschreiben erledigen: des jeweiligen Klappentextes oder einer bereits vorhandenen, was manchmal auf’s Gleiche herauskommt. Dann könnte hier in der einfachsten Version – wie in einer größeren Zeitung – stehen, dass sich das Buch nett liest und brauchbare Informationen enthält.

Ein besserer Prüfstein wird es sein, die Lektionen Häggs auf diesen selbst anzuwenden: “wenn Ironie… wirkt, dann ist sie eine derart scharfe Waffe, dass man sie mit großer Vorsicht anwenden sollte. Um mit Winston Churchill zu sprechen: “Sei ironisch, und du wirst die beste Rede halten, die du je bereut hast” (S. 117). Das Zitat ist gut, doch leider, wie durchgängig im Buch, nicht belegt. Obwohl Hägg an das akademische Milieu denkt: “Gegen eine postmoderne, geisteswissenschaftliche Doktorarbeit voll theoretischer, heißer Luft, sollte man zunächst nur anführen, der Autor habe ein französisches Zitat in einer Fußnote ganz klar falsch übersetzt. Erst danach kann man anfangen, ihm den Rest der neuen kaiserlichen Kleider auszuziehen” (S. 41). Wenn es auch ein lateinisches Zitat sein darf: “die klassischen Rhetoriker” übersetzten “humiliatio” mit “Schüchternheit” (S. 29) – das ist “ganz klar” nicht ganz richtig übersetzt. Und was die “Kleider” sonst noch angeht: “Ebenso arrogant ist es, unentwegt von Philosophen und Schriftstellern zu reden, die die Zuhörer kaum gelesen haben werden…” (S. 136). Wer aber hat denn Aristoteles, Cicero, Quintilian schon gelesen und kennt die ganze Terminologie? “Der ganze Abschnitt, der auf die Narratio folgt und aus unserer eigenen Ansicht und den Beweisen dafür besteht, wird von Quintilian Probatio genannt. Andere unterscheiden Propositio, also unsere Ansicht, von Confirmatio, den Beweis dafür. Wieder andere teilen darüber hinaus den propositionellen Abschnitt, den sie Divisio nennen, in dem wir deutlich machen, was unseren Standpunkt von dem anderen unterscheidet, und die eigentliche These, die dann Propositio oder Probatio heißt. Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen …” (S. 49). Hägg demonstriert uns oft genug: “Rhetorik schert sich nicht um den guten Geschmack, Wahrheit oder schöne Vorbilder. Wenn man mit schlechter Sprache und schlechten Argumenten etwas erreichen kann, dann sind das aus Sicht der Rhetorik eine gute Sprache und gute Argumente” (S. 9). Ein weiterer Schachtelsatz-Beleg: “Doch da ich mit diesem Buch auch eine allgemein bildende Absicht verfolge, und da es eines der Gebiete ist, auf dem die antiken Rhetoriker und ihre modernen Interpreten größtes Interesse erfahren, wäre es falsch, nicht einen kurzen Blick auf das Thema zu werfen, so dass der Leser nicht wenigstens verstehen kann, was die Leute, die sich über solche Sachen auslassen, meinen” (S. 112). Oder was heißt das: “Diese (!) Schema ist, wie es scheint, dem formalisierenden Aufbau von Bewegung in Politik und Gesellschaftsleben nicht unähnlich (S. 35). Wer den Satz auch nicht verstanden hat, wird aufgeklärt, woran es liegt: “man sollte wie in allen Lebenslagen davon ausgehen, dass der Empfänger der Botschaft ein Idiot ist. Aber man darf ihm das unter gar keinen Umständen merken lassen” (S. 136). Anscheinend teilen Autor, Übersetzerin, Lektorat diese Meinung! Denn – entweder holperte sich Hägg so durch den Text und Frau Dahmann hat nur wörtlich übersetzt oder letztere hat den Text in ihre Art von Deutsch gebracht: Schachtelsätze, viele Wortwiederholungen, häufige Hilfszeitwörter (vgl. etwa S. 13), unterschiedliches Stilniveau mit Barbarismen, Anglizismen und die Orthographie – viel übersehene Druckfehler! Metaphern werden per Zeugma zweideutig: “Mein Lieblingsbeispiel ist Marcia Clark, die Staatsanwältin im Simpson-Prozess, die zwar den Prozess verlor… im ständigen Kampf mit dem Richter und den Knüppeln, die Johnnie Cochrane und F. Lee Bailey ihr zwischen die Beine warfen…” (S. 241).

Das Buch kommt aus Schweden und ist ziemlich naturbelassen; manches darum auch nur “im Umkreis von Hallansåsen” verständlich (S. 44), etwa “die Tatsache… dass Heidenstam als Nazi endete” (S. 42) oder dass der Overheadprojektor ein “Beamtenrespirator” (S. 153) sei! Daran ändern eingeflickte deutsche Beispiele wenig (vgl. S. 114). Das Literaturverzeichnis auf S. 246 ist eine Art von Offenbarungseid: “Die im Text vorkommenden Zitate stammen, sofern sie ausfindig gemacht werden konnten (!), aus den unten aufgeführten Bänden” – insgesamt neun Quellen! Sonst nichts!

Die nützlichen Tipps habe ich umgehend im Rhetorikseminar ausprobiert. Um “Sympathie und Mitgefühl beim Publikum” zu gewinnen, soll/darf man am Anfang den Füller oder das Mauskript herunterfallen lassen, bzw. sagen: “Ich habe gehört, dass die Studenten hier… den Ruf haben, besonders clever zu sein” (S. 29). Auch gleich dominant mit “Ich bin ein schlechter Redner” anzufangen, sei gut. Die Studenten hier amüsierten sich über derlei “Tricks”, hielten das eine für eine banale Anbiederung, den Rest für den Einstieg in den Zuhörerausstieg.

Hat da unser Autor eine universitäre “Einführung in die Klassische Rhetorik” popularisiert und – der Einfachheit halber – die ganze antike Begrifflichkeit stehen lassen? Aber andererseits gibt es die vielen Tipps für Leute, die in der Öffentlichkeit Reden halten, die auch regelmäßig, wie Hägg, im “Frühstücksfernsehen” auftreten, sich aber die eigenen Sendungen nie kritisch ansehen. Für ein allgemeines Publikum sind die 44 Lektionen in ihrer Unüberschaubarkeit zu spezifisch antikisch und wenig didaktisch ausgefallen, von einer angemessenen rhetorischen Textgestaltung ganz zu schweigen. Aber man erfährt doch noch, dass “Haustiere” (S. 26) sich in einer Rede immer gut machen. Ob das wirklich für das in dieser Art von Büchern übliche “Heilsversprechen” ausreicht: “Daß” nach der Lektüre “wenn man etwas sagt, die Leute das auch dann tun werden” (S. 9).

Lothar Kolmer

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