Das epideiktische Prinzip oder: Das Gesetz der Sonntagsrede gilt auch im Alltag

Abstract: “Im heutigen Berufsleben spielt die Festrede nur eine geringe Rolle”, meinte Günther Kreuzbauer in seinem Artkel in RhetOn 02/2004. Der vorliegende Beitrag behauptet das Gegenteil. Heike Mayer führt Argumente und Gründe an, warum sowohl eine theoretische Auseinandersetzung mit der Epideiktik wie auch die Einübung in die Praxis der Festrede in modernen Rhetorik-Kursen sinnvoll und notwendig, ja unverzichtbar erscheint.


Heike Mayer

Das epideiktische Prinzip oder:
Das Gesetz der Sonntagsrede gilt auch im Alltag

 

In der letzten Ausgabe von RhetOn skizziert Günther Kreuzbauer Grundzüge eines modernen “universitären Rhetorik-Trainings”. Dabei greift er einerseits auf Systemteile und Kategorien antiker Redetheorie zurück, stellt diese andererseits aber auch grundsätzlich in Frage. So weist er beispielsweise darauf hin, dass die aus der Schulrhetorik tradierten drei “Redegattungen” (Politische Rede, Gerichtsrede, Lobrede) heute unzeitgemäß erscheinen; unter Hinweis auf amerikanische Lehrbücher werden sie deshalb durch die “sehr einfache Systematik” Informationsrede ? Persuasionsrede – Festrede (Günther Kreuzbauer, Universitäres Rhetorik-Training. Grundsätze, Ziele und Methoden, in: RhetOn. Online-Zeitschrift für Rhetorik und Wissensfransfer 2/2004, pdf-datei: http://www.rheton.sbg.ac.at/articles/02.04/kreuzbauer.pdf, 3) ersetzt.

Dass die antike Rhetorik auf heutige Kommunikationsbedingungen nicht eins zu eins übertragbar ist, steht außer Frage. Eine andere Frage freilich ist, ob die modernen Systematisierungsversuche unbedingt immer von derselben analytischen Tiefe und Treffsicherheit sind wie die des Aristoteles, auf den die erwähnte “Gattungslehre” zurückgeht. An der modifizierten Version jedenfalls springt schneller als bei Aristoteles eine begriffssystematische Schieflage ins Auge: Die Kategorien informativ / persuasiv sagen etwas über die Intention aus, “Festrede” hingegen bezeichnet Situation und Anlass der Rede. Hier liegt zunächst eine unaristotelische, irreführende Gleichsetzung von Epideiktik erst mit “Lobrede”, dann mit “Festrede” vor; treffender wäre es, stattdessen von “epideiktischer Rede” zu sprechen und die Dreiteilung als das aufzufassen, was sie ist – eine Typologie funktionaler strukturbildender Eigenschaften und Elemente, die potenziell in jeder Rede und in sämtlichen Redegattungen vorhanden sind, aber von Fall zu Fall eigene Schwerpunkte bilden.

Die “dritte Gattung” wird also in das moderne Einteilungsschema übernommen, dort allerdings für relativ unwichtig erachtet. Ein Blick in die antike Rhetorikgeschichte bestätigt diese Auffassung zunächst. Schon die römischen Theoretiker wie Cicero, der Auctor ad Herennius und Quintilian behandeln sie anscheinend ohne besondere Begeisterung, sodass heutige Wissenschaftler von einer “Randständigkeit” der “dritten Gattung” und von einer “traditionellen Zweitrangigkeit der Epideiktik” sprechen (Thomas Zinsmaier, Epideiktik zwischen Affirmation und Artistik, in: Josef Kopperschmidt u. Helmut Schanze, Hg., Fest und Festrhetorik. Zur Theorie, Geschichte und Praxis der Epideiktik, München 1999, 375 u. 394). Was hingegen die Geschichte der Rhetoriktheorie wie auch die Geschichte der praktischen Beredsamkeit zumindest in Deutschland betrifft, so nehmen im späteren 17., im 18. und 19. Jahrhundert solche Reden, die dem genus demonstrativum zuzuordnen sind, eine ganz zentrale Rolle ein – was ursächlich sicher auch damit zusammenhängt, dass für die öffentlich-beratende und die Gerichtsrede keine gesellschaftlichen Handlungsfelder existierten.

Und in der Gegenwart? “Im heutigen Berufsleben spielt die Festrede nur eine geringe Rolle”, so Kreuzbauer (ebd.) Der vorliegende Beitrag behauptet das Gegenteil. Im Folgenden seien einige Argumente und Gründe angeführt, warum sowohl eine theoretische Auseinandersetzung mit der Epideiktik wie auch die Einübung in die Praxis der Festrede in modernen Rhetorik-Kursen sinnvoll und notwendig, ja unverzichtbar erscheint.

Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich zum einen bald, dass die Gattung der “Festrede” im engeren Sinne, also Begrüßungs- oder Empfangsrede, Dankrede, Abschiedsrede und dergleichen mehr nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im Beruf und in der gesellschaftlichen Rede-Praxis heute alltäglich und durchaus nicht so nebensächlich sind; zweitens, dass Verstöße gegen ihre Regeln Redner auch heute noch in höchst unangenehme Situationen bringen können und drittens, dass Kenntnisse der Wirkungsweise der Epideiktik (über die Festrede hinaus) für den argumentativen Überzeugungsprozess konstitutiv sind. Moderne Argumentationstheoretiker wie Chaim Perelman erachten sie daher nicht als randständig, sondern im Gegenteil als zentral:

“Uns dagegen erscheint die epideiktische Rede als zentral, da sie ihrer Funktion nach die Zustimmung gegenüber den Werten verstärkt, ohne die die auf Handlung gerichteten Reden kein Mittel finden könnten, ihre Hörer zu erregen und zu bewegen. So kann es geschehen, daß aus einer Trauerfeier für das Opfer eines politischen Mordes ein Aufruhr wird mit dem Ruf nach einer Bestrafung der Schuldigen. Die Analyse der berühmten Rede des Antonius in Shakespeares “Julius Cäsar” (2. Akt, 2. Szene) zeigt deutlich, wie künstlich die Trennung der Redearten ist, denn der Redner, der in einer epideiktischen Rede wie der Trauerrede versucht, im Hinblick auf bestimmte Werte eine Gemeinsamkeit zu schaffen, kann die hervorgerufene Erregung dazu nutzen, um jene, die vor seiner Rede lediglich die Absicht gehabt hatten, sich vor der sterblichen Hülle des Verstorbenen zu versammeln, zu Aktion und Revolte anzufeuern.” (Chaim Perelman, Das Reich der Rhetorik. Rhetorik und Argumentation. Dt. von Ernst Wittig, München 1980, 28)

Mögen antike Gattungen oder Gattungseinteilungen heute veraltet erscheinen, es sollte nicht übersehen werden, dass die Epideiktik auch und gerade unter heutigen Kommunikationsbedingungen große Bedeutung hat. Anstelle staatlicher Lobreden auf gefallene Bürger, Gesandtschaftsreden oder Lob auf den Kaiser stehen heute die Konzepte “Kooperativer Rhetorik” (Elmar Bartsch) oder die Diskurse der Wirtschaftsrhetorik, Sprache der Werbung und Bewerbungsgespräch, Public Relations und Verkaufsverhandlung – und eben diesen charakteristischen “Arten zu reden” wohnt die Epideiktik als ein wesentliches Prinzip inne. Es im Rhetorikunterricht zu thematisieren, bedeutet deshalb nicht etwa den Versuch einer Ehrenrettung oder Revitalisierung des wohlformulierten “Herrscherlobs”. Vielmehr gilt es, den Blick dafür zu öffnen, wie in “uralten” rhetorischen Theorieelementen, die im Laufe von zwei Jahrtausenden vielfältigen Prozessen von Verengung oder Verästelung, Verwandlung und Umdeutung unterlegen sind, auch heute noch immer höchst lebendige Wirkungskräfte stecken können. Statt sie als veraltet abzutun, können sie in neuerlichen kreativen Transformationsprozessen fruchtbar gemacht werden; so eröffnen sich dem heutigen Rhetorik-Schüler Mittel und Wege, Kommunikationsabläufe und -mechanismen zu verstehen, aktiv zu gestalten und strategisch zu beeinflussen.

I.

Die erwähnte logische Inkongruenz der drei Kategorien ist keine “moderne Erfindung”, sondern hat ihre Wurzeln bereits in der antiken Theoriegeschichte. Bei den Sophisten gab es ursprünglich nur zwei grundlegende Arten von Reden, die praktische (genoj pragmatikon, génos pragmatikón oder auch sophistikoj, “sophistische Rede”) und die epideiktische (genoj epideiktikon, génos epideiktikón) (vgl. Richard Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer in systematischer Übersicht (1885), Nachdruck, Hildesheim 1963, 16). Letztere wurde auch als logoj enteuktikoj, lógos enteuktikós bezeichnet, und die deutsche Übersetzung “Gelegenheitsrede” trifft die Sache weitaus besser als “Festrede”. Aristoteles machte aus der Zweiteilung eine dreifache Unterteilung (die sich in Andeutung bereits bei Platon findet, vgl. Sophistes 222c) und die dann als Gattungslehre traditionsstiftend geworden ist – wobei sich die Epideiktik als “dritte Gattung” systemlogisch nie völlig bruchlos neben die beiden anderen stellen ließ, weshalb diese Dreiteilung als grundsätzlich “fehlerhaft” moniert worden ist. (z.B. Volkmann, ebd., S.18).

Bleiben wir trotzdem zunächst bei Aristoteles und seinem Erfolgsmodell: 1. genoj symbouleutikon (génos symbouleutikón, lat. genus deliberativum, öffentlich-beratende Rede, z.B. in der Volksversammlung, daher auch “Politische Rede”), 2. genoj dikanikon (génos dikanikón, genus iudiciale, “Gerichtsrede”) sowie 3. genoj epideiktikon (genos epideiktikón, genus demonstrativum, epideiktische Rede, häufig übersetzt mit “Lobrede” (“Tadelrede”), “Festrede”, eigentlich aber “vorzeigende Rede”) (Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger. Stuttgart 1999. I, 1358b). Die drei Arten zu reden unterscheiden sich sowohl durch die spezifische Aufgabe, die der Redner zu erfüllen hat, wie durch den Zeitbezug des Redegegenstands, das Ziel der Rede und die Rolle, die dem Zuhörer jeweils zukommt: In der beratenden Rede geht es darum, die Entscheidung über eine in der Zukunft liegende Angelegenheit zu beeinflussen; der Redner wägt Nutzen und Schaden ab, rät zum Besseren und rät von etwas Schlechterem ab; der Zuhörer muss mitdenken, sich ein Urteil bilden, entscheiden, was zu tun ist. Der charakteristische Anwendungsfall, aus dem Aristoteles diese Art zu reden ableitet, ist die Volksversammlung. Die Gerichtsrede dreht sich um etwas, was sich in der Vergangenheit bereits ereignet hat; der Redner wägt Recht und Unrecht ab, klagt an oder verteidigt, der Zuhörer bildet sich ein Urteil (als Richter spricht er ein Urteil).

Der epideiktische Redner schließlich “bevorzugt die Gegenwart” (Aristoteles, Rhetorik I, 1358b), er lobt an einer Person oder Sache das zu Lobende oder tadelt das zu Tadelnde. Welche Funktion das Loben hat – apologetisch zu legitimieren, lobend zu kritisieren, den zweckfreien Genuss rhetorischer Kunst zu ermöglichen – hängt vom Einzelfall ab und lässt sich daher nicht generell bestimmen. Was Aristoteles im Einzelnen als lobenswert und tadelnswert erachtet – er erörtert das ausführlich in einem eigenen Kapitel (Buch I, 1366b ff.) – kann heute natürlich nur noch sehr bedingt Gültigkeit beanspruchen. Ihm selbst war “klar, dass man hierüber erst allgemein anerkannte Grundaussagen haben muss” (Aristoteles, Rhetorik I, 3, 1359a). Entscheidend ist, dass der Redner den (jeweils) gültigen Wertekanon seines Publikums kennt und diesem mit seinem Vortrag entspricht, es also mit seinen Worten nicht vor den Kopf stößt. Der Redegegenstand gilt – anders als bei der deliberativen und bei der iudizialen Gattung – als unstrittig, der Zuhörer wird nicht aufgefordert, dafür oder dagegen Partei zu ergreifen. Das Publikum urteilt primär über die rednerische Kompetenz des Vortragenden (vgl. Arist. I, 3 1358b), was jedoch nicht zwangsläufig eine Selbstzweckhaftigkeit allen epideiktischen Redens impliziert; es ist damit vielmehr etwas gesagt über den Einsatz einer spezifischen Überzeugungsmethode, die über die Person des Redners funktioniert: “Damit wird einhergehen, daß wir, wenn wir darüber [über Tugend und Laster] sprechen, zugleich auch das erklären, woraus auf unsere charakterlichen Anlagen geschlossen werden kann, was ja die zweite Form von Überzeugungsmitteln war. Mit eben diesen Mitteln nämlich werden wir sowohl uns als auch andere als charakteristisch glaubwürdig darstellen können.” (Arist. I, 1366b). Das Ethos des Redners wird in diesem Fall zum entscheidenden Instrument der Persuasion.

II.

Nun zur “Festrede” dort, wo sie ihren Namen zu Recht trägt. Dass diese Redegattung auch heutzutage keinesweg völlig unwichtig ist, sondern im Gegenteil gesellschaftlich eine große Rolle spielt und allein deswegen auch nicht einfach beiseite geschoben werden sollte, lässt sich bereits mit einem kurzen Blick auf das Inhaltsverzeichnis eines populären rhetorischen Ratgeber bestätigen. Der “Duden: Reden gut und richtig halten” (hg. Von Siegfried A. Huth. 2. Auflage, Mannheim 2002, die kürzlich erschienene Neuauflage war mir nicht zugänglich) enthält in seinem zweiten Teil eine umfangreiche Sammlung an Musterreden, welche eine ganz eigene Dreiteilung der Redegattungen, nämlich 1. nach privaten Anlässen, 2. nach “betrieblichen, beruflichen, geschäftlichen” Anlässen und 3. nach öffentlichen Anlässen, vornimmt. Bei näherer Betrachtung handelt es sich aber in allen drei Kategorien nahezu ausschließlich um solche Reden, die nach dem tradierten Modell der “dritten Gattung” zuzuordnen sind: So gehören hier etwa Geburtstags-, Hochzeits- oder Trauerreden in die erste Abteilung, Abschieds-, Jubiläums- und sonstige Feierreden in die zweite, Einweihungsreden, Ansprachen zum Abitur, Reden zu Gedenktagen und bei Ehrungen in die dritte Abteilung. Folgt man diesem Ratgeber, so scheint es auf der ganzen Welt überhaupt keine anderen Art von Reden als allein die “Festrede” zu geben!

Diese etwas einseitige Sicht der Dinge ist, wenn schon kein Beweis, so doch immerhin ein Indiz für die große Bedeutung, die solche Festreden heute tatsächlich haben; immerhin sind die rund 50 verschiedenen Rede-Anlässe, die der Duden aufzählt und differenziert, mitten aus dem gegenwärtigen Leben gegriffen, ein reales Dasein ist ihnen nicht abzusprechen. Schon diese Zahl widerlegt die Annahme, der Festrede käme heute nur noch geringe Bedeutung zu. Auch für Berufsredner, wie etwa einen Politiker, sind die Gelegenheiten, feierliche Worte finden zu müssen, mindestens ebenso zahlreich wie die, sich gegen politische Freunde oder Gegner argumentativ durchzusetzen. (Man schaue sich etwa die Fülle von “Sonntagsreden” an, die der Regierungschef des Landes Berlin ständig zu halten hat: http://www.berlin.de/landespressestelle/index.html Dort Link auf “Reden des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit”.)

Für die allermeisten von uns, die wir weder Politiker noch Juristen sind, besteht dagegen doch nur sehr selten die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit zu strittigen Fragen Stellung zu nehmen und dabei mit rhetorischen Fähigkeiten glänzen zu können; was in Debattierclubs an Schule und Universität oder in Toastmaster-Vereinen praktiziert wird, ähnelt so gesehen eher den schauspielerischen Deklamationen der römischen Kaiserzeit als dass sie unserer demokratischen Realität entsprechen. Wieviel häufiger dagegen kommen wir täglich in Situationen, in denen weniger stichhaltige Argumente oder schlagfertigen Erwiderungen als vielmehr affirmatives Sprechverhalten gefragt ist – mithin “epideiktisches Reden”.

Enkomion, Panegyricus, basilikos logos – die Begriffe erinnern an byzantinisches Hofzeremoniell, und auch deutsche Termini wie “Festrede”, “Lobpreis” oder “Prunkrede” machen einen so angestaubten Eindruck, als handele es sich um Mobiliar aus der Biedermeierzeit. Umso überraschender ist es, festzustellen zu können, dass die Gesetzmäßigkeiten dieser Rede auch heute noch fortwirken, ein Verstoß dagegen oft unerwartet große Empfindlichkeiten offenbart, mitunter zum Skandal führen kann. Schon deshalb ist es bestimmt nicht überflüssig, die Spielregeln zu kennen. Wer gegen sie verstößt, sollte das zumindest im vollen Bewusstsein seiner Handlungsweise tun und sich später nicht damit hinausreden, er habe nicht wissen können, was er da anrichtet, weil er in seinem Salzburger Rhetorik-Kurs gar nichts über die ominöse “dritte Redegattung” gelernt habe…

Apropos Salzburg ? ein prominentes Beispiel dafür, wie es auf diesem Wege zum Eklat kommen kann, findet sich, wie sollte es anders ein, bei Thomas Bernhard. Zumindest der erste von ihm verursachte Skandal steht exakt im Situationskontext einer “Festrede”: Während der feierlichen Überreichung des Österreichischen Staatspreises für Literatur (1968) verstieß der Schriftsteller mit seinen Dankesworten gegen die “Gesetze der Sonntagsrede”, indem er unerwartet den vom Publikum erwarteten Wertekonsens durchbrach. Der anwesende Staatsvertreter, Kulturminister Piffl-Percevic, fühlte sich in seinem österreichischen Nationalstolz gekränkt und lächerlich gemacht durch Bernhards Satz “Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich, wenn man an den Tod denkt”, unterbrach den Redner mit einer zornigen Entgegnung und verließ demonstrativ den Saal, gefolgt von einem Teil des Publikums und begleitet von Applaus. Spätestens mit diesem Erlebnis hatte Thomas Bernhard wohl verstanden, mit welchen sprachlichen und psychologischen Handgriffen sich Skandale auf unterhaltsame und öffentlichkeitswirksame Weise herstellen lassen und gab sich fortan mit offensichtlichem Vergnügen der Skandalproduktion hin.

Aus jüngster Zeit stammt ein anderes spektakuläres Beispiel dafür, wie groß die Empfindlichkeit bei solchen gefühlten Gesetzes-Verstößen ist – und sei das Publikum seinem Selbstbild nach auch noch so intellektuell und avantgardistisch eingestellt. Am 10. Oktober 2004 druckte die “New York Times” einen Nachruf auf den zwei Tage zuvor verstorbenen Philosophen Jacques Derrida (Jonathan Kandell: “Jacques Derrida, Abstruse Theorist, Dies at 74”, http://www.nytimes.-com/2004/10/10/obituaries/10derrida.html?ei=5090&en=bc84f1b2c5f0, vom 28.10.04). Der Artikel löste einen ungeheuren Proteststurm aus, der sich an einer Reihe kritischer Bemerkungen entzündete, die der Autor Jonathan Kandell in seinem Text gegenüber Derrida geäußert hatte. Der Artikel brachte keine sensationellen Enthüllungen, all die “kritischen Punkte” waren zu Derridas Lebzeiten bereits bekannt und an anderer Stelle von anderen längst publik gemacht, kommentiert und diskutiert worden. Trotzdem schlug dem Journalisten der New York Times jetzt eine Welle der Empörung entgegen. Der Umgang mit dem Toten wurde als “unfair” empfunden, im Internet richteten 2500 Freundinnen und Freunde des Philosophen eine virtuelle “Totenwache” ein, um sich gegen die Darstellung zu verwahren. Die Liste der Namen liest sich “wie ein who is who der internationalen Intellektuellen-Szene” (http://www.Perlentaucher.de/artikel/1895.html,28.10.2004).

Was war geschehen? Jonathan Kandell war dadurch, dass er an so hervorragender Stelle publizierte, in der Rolle eines Leichenredners wahrgenommen worden – er trat quasi an das offene Grab Derridas und hielt eine Rede auf den Toten, die die auf der ganzen Welt versammelte Trauergemeinde aufmerksam vernahm. Wie aus dem rhetorischen Lehrbuch deklinierte er dabei alle rhetorischen loci a persona durch, Abstammung und Herkunft, Alter, Erziehung und Ausbildung, Körperbeschaffenheit, Wesensart, Beruf, Neigungen… Dabei ereignete sich nun das Ungeheuerliche, dass der Redner Punkt für Punkt erwähnt, was geeignet ist, die Persönlichkeit des Toten nicht zu erhöhen, sondern im Gegenteil zu demontieren: Seine berufliche Karriere (ein gleichgültiger Student, der durchs Examen fiel und erst mit 50 Jahren seine Dissertation verteidigte), die Eitelkeit der äußeren Erscheinung (fesch gekleidet und stets sonnengebräunt), sein manierierte Art, Vorlesungen zu halten, sein schwulstiger und verwirrender Prosastil, Zweifel an seiner Urteilskraft und persönlichen Integrität (seine Verteidigung Paul de Mans Antisemitismus beschädigte seine Glaubwürdigkeit), sein “dunkles” und “wirres” philosophisches Lebenswerk, das verheerende gesellschaftliche Konsequenzen zeitige.

Von distanzierten Beobachtern wurden die hochwallenden Gefühle damit erklärt, dass der Autor der “New York Times” wirklich nicht besonders viel Ahnung von Derrida gehabt hätte; eine Erklärung, die am psychologischen Kern der Sache vorbeigeht. Dem Autor lässt sich nicht vorwerfen, die Unwahrheit gesagt zu haben – alle seine Aussagen sind durch Augenzeugen oder wörtliche Zitate belegt und ansonsten auch faktisch abgesichert. Doch mochte auch stimmen, was da über Derrida stand – an dieser Stelle war die Wahrheit nicht gefragt. Das Publikum wollte von dem “Leichenredner” etwas ganz anderes hören: Bewunderung für den Geistesheroen, eine Würdigung seiner Leistung, die Betonung des großen Verlusts, den der Tod des Philosophen in ihren Augen bedeute.

Der tiefere Grund für diese hochemotionale Reaktion liegt in der Verletzung, die der Verstoß gegen das Gesetz der Leichenrede bei den “Hinterbliebenen” verursacht hat. Ein Tabubruch; die globale Trauergemeinde fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Der Autor des Nachrufs wagt es, sich kritisch-distanziert mit Leben und Werk des Toten auseinanderzusetzen, seine Schwächen, Unzulänglich-keiten und Fehler vorzurechnen; er entsprach damit in keiner Weise seiner Redner-Rolle und dem, was das Publikum in dieser Situation als angemessen erwartet hatte, ein Lobpreis und eine positive Würdigung. Man kann indessen nicht davon ausgehen, dass die New York Times in einem Ausbruch philosophischer Experimentierfreude hier bewusst die Regeln der Leichenrede hatte dekonstruieren wollen. Als sie merkte, was der Artikel angerichtet hatte, beeilte die Zeitung sich, einen zweiten Nachruf, hinterherzuschicken, in dem wie zur Beschwichtigung betonte, dass kein anderer Denker in den letzten hunderten Jahren einen so großen Einfluss ausgeübt habe wie eben Derrida… (Perlentaucher ebd.)

III.

Am Negativ-Beispiel der misslungenen Festrede treten einige Charakteristika und Erfordernisse epideiktischen Redens besonders deutlich hervor, sie seien hier vor dem Hintergrund antiker Theorie zusammengefasst:

– Epideiktisches Reden ist bei jeder Gelegenheit gefragt

Die Epideiktik ist ursprünglich nicht auf die Gattung und Situation “Festrede” und auch nicht auf die (Schein-) Funktion “Loben” oder “Tadeln” festgelegt; ihre Erfordernisse können vielmehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Tragen kommen ? auch in der Volksversammlung oder vor Gericht. Es gibt also entschieden mehr Gelegenheiten epideiktisch zu reden als nur zu festlichen Anlässen. Gelegenheitsrede – (von enteuxij, eunteuxis: Zusammentreffen, Besuch, Unterredung) – meint buchstäblich jede Gelegenheit des Miteinanderredens.

– Kunst des Zurschaustellens

Die Epideiktik ist keine Redegattung, sondern eine “besondere Qualität der rhetorischen Praxis” (Stefan Matuschek, Epideiktische Beredsamkeit, in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 2 (1994), Sp. 1258), die in verschiedenen Gattungen, Formen und Situationen des Redens von Bedeutung ist. Theoriegeschichtlich ist die Epideiktik erst bei Aristoteles mit dem Konzept der Lobrede assoziiert worden, bei den Sophisten ist das epideiktische Reden ursprünglich wesentlich performativ akzentuiert (von griechisch epideiknumai, epideiknúmai: vorzeigen, vorstellen, vortragen (vgl. Zinsmaier, ebd. S. 378). Der lateinische Ausdruck genus demonstrativum macht deutlich, worauf es ankommt: Der Redner soll sein Können demonstrieren, in seiner erfolgreichen Selbstdarstellung liegt die Überzeugungskraft.

– Gemeinschaftsbildende und -erhaltende Funktion

Während der Redner zum Publikum spricht, spricht er zugleich im Namen des Publikums, er spricht für das Publikum, fungiert als Sprachrohr, drückt stellvertretend aus, was das Publikum fühlt und denkt. Die Rede dient nicht dazu, im Wettstreit der Argumente dafür oder dagegen zu halten, ist nicht agonal-kontrovers, sondern bestätigend-affirmativ ausgerichtet.

– Der Wohlfühlfaktor

Populäre Rhetorikratgeber zur “Festrede” machen auf die Gefühlsbetontheit insbesondere bei Familienfeiern aufmerksam und heben die Wichtigkeit der freudigen Stimmung hervor, die der Festredner mit seinen Worten evozieren und verbreiten soll. In entsprechenden Situationen außerhalb der Familie tritt dieses Erfordernis gemäßigt und weniger explizit hervor, das Bemühen um eine dem Anlass entsprechende, angenehme Atmosphäre aber ist auch bei öffentlichen Anlässen Kennzeichen epideiktischen Redens. Sie kann durch verschiedene, innerhalb und außerhalb der Rede liegende Momente hergestellt werden; um sie zu wahren, gilt unter anderem der folgende Grundsatz:

– Positives hervorheben, Negatives verschweigen

Eine Festrede tritt ganz überwiegend als Lobrede in Erscheinung, insbesondere im Falle einer Leichenrede, der historisch wichtigsten Form. “Über die Toten nur Gutes” ist eine Binsenweisheit und ehernes Gesetz. Negatives wird übergangen und verschwiegen, und gegebenfalls muss der Wahrheit auf kreative Weise nachgeholfen werden. Schon die antiken Theoretiker erweisen sich in dieser Frage als realistisch – Isokrates (436-338) etwa stellt fest: “Jedermann weiß, daß, wer jemanden loben möchte, ihm mehr gute Eigenschaften beilegen muß, als tatsächlich vorliegen.” (zit. nach Zinsmaier, ebd., 380).

IV.

Die genannten Merkmale lassen sich alle nahtlos in die alltäglichen, beruflichen wie privaten Kommunikationserfordernisse und -bedingungen unserer Zeit übersetzen. Ein einziges Beispiel, stellvertretend für viele, ist der Redetext, den der Mitarbeiter eines Konzerns einer Besuchergruppe mündlich vorträgt, während er diese durch den Produktionsbetrieb führt und dabei den technischen und organisatorischen Betriebsablauf erklärt. An der Textoberfläche sind keinerlei persuasive Absichten erkennbar. Und doch sind in Auswahl, Darreichung, Informationsgehalt der gegebenen Informationen etc. solche vermeintlich rein sachbezogenen “Informationsreden” in persuasiver Absicht ganz und gar vom epideiktischen Prinzip geprägt.

Präsentation, Fachvortrag, Ansprachen vor großem Publikum, öffentliche Reden mit ausführlicher Argumentation – so interessant und anspruchsvoll solche “informierenden” und / oder “überredenden” Arten “großer” Rede auch sind, sie bleiben, außer für Vertreter ganz bestimmter, weniger Berufsgruppen, die mehr oder weniger häufige Ausnahme. Jeder Mensch gerät dagegen jeden Tag beruflich wie privat in unzählige “kleine” Redesituationen. Das beginnt bereits dort, wo dem Anschein nach nur um des Redens willen miteinander geredet wird – beim unverbindlichen Small Talk, bei der Konversation auf gehobenem Niveau, bei der zufälligen Begegnung auf der Straße – und endet bei den eindeutig zweckgerichteten Situationen wie Bewerbungsgespräch oder Verkaufsverhandlung. Jemanden empfangen, einander begrüßen oder vorstellen, sich bedanken, sich verabschieden – die verschiedensten Kommunikationssituationen haben diese Elemente miteinander gemein. Nicht nur als eigene Redattungen Begrüßungsrede, Danksagung, Valediktionsrede usw. gehören sie in den Kontext epideiktischen Redens, sondern auch in diesen Mikroformen des Alltags. Höflichkeit und respektvoller Umgang dienen unter anderem dem epideiktischen Prinzip, die Kommunikation in einer angenehmen Atmosphäre stattfinden zu lassen. Für den Redner besteht hier unmittelbar die Aufgabe, von sich selbst zu überzeugen.

Denn persuasiver Erfolg beruht allzuhäufig auf epideiktischen Grundlagen wie dem Erlangen von “Wohlgefallen” (Captatio benevolentiae), modern gesprochen: sympathisch zu wirken, wie der Fähigkeit, das richtige Wort zur richtigen Zeit zu sagen (kairoj, kairós), dem Prinzip, Zustimmung zu erhalten durch konsensfähige Aussagen und so weiter und so weiter. Das Verschweigen negativer und das Hinzudichten positiver Attribute (wohlgemerkt: nicht nur des Bewerbers, sondern auch der Firma) etwa ist eine entscheidende rhetorische Strategie in Bewerbungsgesprächen. Eindeutig informativ oder persuasiv dominierte rhetorische Gattungen wie das Verkaufsgespräch leben oft genug vom epideiktischen Prinzip – zum Beispiel wenn der Appell an gemeinsame Wertvorstellungen als Verkaufsargument ins Feld geführt werden (“dieses Gerät ist vielleicht nicht das schönste, aber es ist energiesparend und schon die Umwelt”) oder wenn nach dem sogenannten Win-win-Prinzip verhandelt wird. Ob bestimmte Formen öffentlicher Stellungnahmen, ob die berufsrhetorische Tätigkeit von Mediatioren oder Moderatoren – ohne Anwendung epideiktischer Prinzipien ließe sich hier oftmals nicht der gewünschte Erfolg erzielen.

Affirmatives Reden befriedigt ein psychologisches Bedürfnis, das gesellschaftsideologisch benutzt und missbraucht werden kann. Im Fall einer Festrede wird erwartet, dass sich in den Worten die gültige Werteordnung spiegelt, aus dessen Anlass die konkrete Festsituation erst entstanden ist, doch wäre es irrig, von hier aus auf eine generelle staatstragende Funktion allen epideiktischen Redens zu schließen. Im Kontext massenmedialer Diskurse ist allerdings zu beobachten, wie mithilfe des epideiktischen Prinzips eine “universelle” Wertordnung kreiert wird, indem eine solche evoziert und in stetiger Wiederholung an sie appelliert wird. Ein anscheinend harmloses, ganz augenfälliges Ergebnis sind die zahllosen Schülerinnen und Schüler, die einen Eastpak-Rucksack auf dem Rücken tragen. So ist die Anpassungsleistung, die von Individuen in unserer Zeit verlangt wird, die Aufgabe von Individualität, Folge jener “Sammelsprachen” (Imre Kertesz) wie der Werbung, dem Inbegriff eines epideiktischen Wirkungsprinzips. Über diese Zusammenhänge und Mechanismen kritisch aufzuklären, wäre nicht die schlechteste Aufgabe, die ein Rhetorik-Kurs an der Universität übernehmen kann.


Angaben zur Autorin:

Dr. Heike Mayer
Studium und Promotion im Fach Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. Freiberuflich tätig als Autorin, Redakteurin und Referentin.


Zitiervorschlag:

Mayer, Heike: Das epideiktische Prinzip. oder: Das Gesetz der Sonntagsrede gilt auch im Alltag , in: RhetOn. Online Zeitschrift für Rhetorik & Wissenstransfer 1/2005 (www-Datei: http://www.rheton.sbg.ac.at/?page=articles&section=01.05&article=mayer, [Datum des Abrufs]).

 

Print Friendly, PDF & Email