Zu viele Mauern, zu wenig Brücken. Rhetorik in Theorie und Praxis

Abstract: Der gesellschaftliche Bedarf an Rhetorik ist da und er ist unbestritten. Jetzt ist es an den Universitäten, zu erkennen, dass es gerade deshalb einen Bedarf an Rhetorik als Studienfach, als Lehr- und Forschungsgegenstand gibt. Mit einer Forschung, die sich aus der Praxis speist und für die Praxis ausbildet. Rhetorik an der Universität könnte also den Weg dafür bereiten, dass die Rhetorik außerhalb der Universität, in der Gesellschaft, sich als moderne Bildungsmacht wieder entfalten kann.


Dr. Heike Mayer

Zu viele Mauern, zu wenig Brücken. Rhetorik in Theorie und Praxis

Vortrag bei den 2. Salzburger Rhetorikgesprächen im April 2005

I.

Ich möchte die Gelegenheit, hier zu sprechen, gerne nutzen, um voller Bewunderung und mit Dankbarkeit an einen Mann zu erinnern, der die Rhetorikforschung in Deutschland entscheidend mitgeprägt und befördert hat. Manfred Fuhrmann, über drei Jahrzehnte Professor für Klassische Philologie an der Universität Konstanz, ist nach schwerer Krankheit vor wenigen Wochen, im Januar dieses Jahres verstorben.

Seine 3000 Seiten umfassende deutsche Ausgabe von Ciceros Reden, die Übertragung der aristotelischen Poetik ins Deutsche, die Darstellungen der griechischen und römischen Dichtungstheorie, um nur eine kleine Auswahl seiner Werke zu nennen, verbinden seinen Namen untrennbar mit jenem antike Erbe der Rhetorik und Poetik, das er uns wie kein anderer erschlossen hat. Vor zehn Jahren erschien ein Buch mit Rezensionen und Aufsätzen, die Manfred Fuhrmann in den 1980er und 1990er Jahren für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, also für ein breiteres Publikum verfasst hat. Der Titel des Buches, „Europas fremd gewordene Fundamente“, ist Mahnung und Appell, sich dieser antiken Fundamente wieder mehr bewusst zu werden. Nomen est omen – in diesem Sinne kann der Beruf von Manfred Fuhrmann buchstäblich als der eines „Fuhrmanns“ bezeichnet werden; ein Über-setzer im bildlichen wie im wörtlichen Sinne, unermüdlich unterwegs zwischen Antike und Gegenwart, immer darum bemüht, die Werke der Antike über den Strom der Zeit hinweg zu uns Heutigen herüber zu tragen und uns mitzunehmen in eine vergangene Welt, die unsere kulturelle Identität in sich birgt.

II.

Die Auseinandersetzung mit der Rhetorikgeschichte erscheint daher auch heute unbestritten sinnvoll und notwendig – nicht als Selbstzweck, sondern um sich jene Fundamente zu vergegenwärtigen, auf denen Rhetorik eine moderne, substanzielle Gestalt gewinnen kann. Ich zitiere Manfred Fuhrmann: „Die Beschäftigung mit dem Totenreich der Vergangenheit ist sinnlos, wenn sie nicht der Sinngebung der lebendigen Gegenwart dient.“ Und so ist es, meine ich, eine der wichtigsten Aufgaben der Universitätsrhetorik heute, Brücken zu bauen und sie auch für die Menschen außerhalb der Universität begehbar zu machen: Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber nicht nur das; auch Brücken zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen; Brücken zwischen den theoretischen Ansätzen und den praktischen Formen der Kommunikation. Selbstverständlich existiert all dies auch jetzt nicht völlig unverbunden nebeneinander.

Der Tendenz nach scheint es aber doch so zu sein, dass man sich vom diesseitigen und jenseitigen Ufer aus freundlich zuwinkt, aber letztlich doch lieber auf sicherem Abstand bleibt. Die Salzburger Rhetorikgespräche sind ein Versuch, solche Brücken zu bauen, den Dialog zwischen den verschiedenen „Uferbewohnern“ zu fördern. Leider gibt es noch zu wenige solcher Brücken. Es gibt, insbesondere an den Universitäten, viele Vorbehalte, viel Beharrungsvermögen und oft wenig Aufbruchlust; mit einem Wort, es dominiert weniger die Kultur des Brückenbaus, sondern vielmehr eine Kultur des Mauerbaus, des Sich-Abschottens. Nicht selten aus Gründen des Selbstschutzes. Denn der Vorwurf vermeintlicher „Nutzlosigkeit“ geisteswissenschaftlicher Fächer steht im Raum.

Die Verteilung der knapper werdenden finanziellen Mittel für Lehrpersonal und Ausstattung an den Hochschulen geht oft zu Lasten eben dieser Fächer.

Dabei befindet sich gerade die Rhetorik, im Unterschied zu manch anderem Fach der geisteswissenschaftlichen Tradition, in einer vergleichsweise glücklichen Lage. Denn sie hat, qua definitionem als Theorie und Praxis der Rede, einen gesellschaftlichen Handlungszusammenhang vorzuweisen, weshalb ihr im ökonomischen Nutzenkalkül eine gewisse Bedeutung nicht so ohne weiteres abgesprochen werden kann. Im Gegenteil: An den Hochschulen ist ein zunehmendes Interesse an Rhetorik zu verzeichnen. An beinahe allen Universitäten und Fachhochschulen im deutschsprachigen Raum sind in den letzten Jahren Rhetorik-Kurse für Studierende aller Fachrichtungen wie auch entsprechende Fortbildungskurse für Lehrende eingerichtet worden. Allerdings sind dies überwiegend Zusatzangebote, die der Interessierte zusätzlich zu seinem eigentlichen Studien- oder Lehrpensum wahrnehmen kann, in seiner Freizeit, nicht selten privat zu finanzieren. Es handelt sich dabei also nicht um Rhetorik im Sinne eines eigenständigen Studienfaches, in dem ein regulärer Hochschulabschluss erworben werden könnte und wo Forschung und Lehre im hergebrachten Sinn praktiziert würde. Was das betrifft, so ist die „Allgemeine Rhetorik“ an der Universität Tübingen noch immer ein buchstäblich einzigartiger Fall.

Hier – wie auch andernorts, im Rahmen benachbarter Fächer – existiert eine reichhaltige wissenschaftliche Rhetorikforschung, die neben editorischer und quellenkritischer Arbeit historisch, philologisch oder systematisch akzentuierte Fragestellungen verfolgt und sich dabei auch modernen Kommunikationsphänomenen und aktuellen -ereignissen zuwendet. Die Redestrategien der FPÖ geraten auf diese Weise ebenso in den Blick wie Werbemaßnahmen für Gentechnik oder Sprachentwicklungen im Zeitalter von E-Mail und SMS. Jedoch führt von hier, von der deskriptiv ausgerichteten Analyse und Theoriebildung an der Universität eher selten ein direkter Verbindungsweg in die Welt der Präskription, der rhetorischen Ratgeber und praktischen Anwendungsbereiche. Dabei wäre es vielversprechend, sich einmal auf die Frage nach dem gesellschaftlichen Bedarf an Rhetorik einzulassen, ohne sogleich in überkommene Denkmuster zu verfallen, ohne rhetorische Kompetenzen immer gleich auf die Erfordernisse des homo oeconomicus zu reduzieren und ohne auf eine rein akademische, will sagen „zweckfreie“ Grundlagenforschung zu insistieren. Zweifellos gibt es eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxisfelder, in denen ein Bedarf an Rhetorik besteht. Wenn man es in einer gemeinsamen Anstrengung unternehmen würde, diese Felder einmal systematisch, interdisziplinär und praxisbezogen abzustecken und zu erschließen, könnte dies den Bildungspolitikern stichhaltige Überzeugungsgründe dafür liefern, die Rhetorik an der Universität wieder als Studienfach mit zukunftsträchtigen Forschungsprojekten zu etablieren.

Ich möchte dies kurz anhand dreier Praxisfelder erläutern, in denen ein offensichtlicher Handlungsbedarf besteht:

    1. im Bereich der Lehrer- bzw. Hochschullehrerausbildung,
    2. im Gesundheitswesen und
    3. im Bereich der öffentlichen Verwaltung.

III.

Lehrer- und Hochschullehrerausbildung

In Deutschland stimmen Kultusminister, Lehrergewerkschaft wie Philologenverband darin überein, dass Kommunikationskompetenz von Schülern als elementar anzusehen sei, dass Rhetorik in der Schule unterrichtet werden solle und dass der Deutschunterricht der passende Ort dafür sei.

Doch bei der praktischen Umsetzung tun sich bald Probleme auf. Zwischen theoretischen Ansprüchen, wie sie sich aus Lernzielvorstellungen und Lehrplänen einerseits ergeben, und dem Unterrichtsalltag werden Diskrepanzen sichtbar. Die Verwirklichung der guten Absicht, die rhetorischen Fähigkeiten von Schülern zu wecken, setzt voraus, dass Lehrer entsprechend ausgebildet sind, dass sie über fundierte Beurteilungskriterien und systematisches Wissen der Didaktik der Rhetorik verfügen. Das aber ist nicht ohne weiteres vorauszusetzen, und es ist kaum in Weiterbildungskursen zu erlangen. Vielmehr ist ein grundsätzliches Umdenken gefragt.

Das Erfordernis einer qualitativ hochwertigen rhetorischen Schulung der Lehrer hat mehrere Dimensionen. Rhetorik als geschichtliches Wissen und theoretischer Lernstoff ließe sich zur Not aus Lehrbüchern aneignen; aber dann ist es, was es ist, ein bloß angelesenes Wissen. Um ein effektives Rede- oder Gesprächstraining mit Schülern durchzuführen, bedarf es mehr; hier müssen die Lehrer auf eigene Erfahrungen und Kompetenzen zurückgreifen können. Und schließlich hat Rhetorik an der Schule noch eine ganz grundlegende Dimension, die gar nicht auf Deutschlehrer zu beschränken ist: Rhetorik als „Kunst des Unterrichtens“: sprachliche, methodische und psychologische Fertigkeiten, die für Lehrer aller Fächer unverzichtbar sind. Das ist weit mehr als bloße Fachdidaktik.

Und gerade hier scheint in der Lehrerausbildung ein gravierender Mangel zu bestehen.

Auf die didaktische Ausbildung bezogen urteilt Enja Riegel: „Die Lehrerausbildung in Deutschland ist ein Skandal.“ Enja Riegel muss es wissen. Sie ist die langjährige Direktorin der Helene-Lange-Reformschule in Wiesbaden, deren Schülerinnen und Schüler bei der Pisa-Studie 2001 in allen Disziplinen als beste in Deutschland abgeschnitten haben. Nach ihrem Erfolgsrezept befragt, erläutert Enja Riegel gerne, wie sie Lehrpläne über Bord geworfen und einen methodisch komplett veränderten Unterricht etabliert hat, in dem Lehrer in Teams arbeiten, eigene Arbeitspläne erstellen und mit einem Höchstmaß an Eigenverantwortung handeln. Das Entscheidende scheinen mir dabei folgende Punkte zu sein. Erstens werden Eltern als Partner und wichtige Verbündete der Schule aufgefasst. Und zweitens – um noch einmal Enja Riegel zu zitieren-: „Lehrer unterrichten nicht mehr Fächer, sondern Schüler.“

Wo so wie hier die theoretische Einsicht wirksam ist, dass der Unterrichtserfolg sich im wesentlichen als eine Frage der Beziehungsarbeit zwischen Schülern, Lehrern, Eltern und Schulleitung darstellt, ist zur Praxis rhetorisch-kommunikativer Kompetenzen wahrlich eine goldene Brücke gebaut.

Die allgemein unbefriedigende Situation ist freilich nicht auf allgemeinbildende Schulen beschränkt. An bayerischen Fachhochschulen stellt sich die Situation etwa so dar: Neuberufene Professoren sind verpflichtet, einen didaktischen Grundlagenkurs zu absolvieren. Dauer: eine Woche. Darüber hinaus gibt es – auf freiwilliger Basis – Kursangebote für Rhetorik und Körpersprache, Stimmtraining und Sprechsicherheit, Präsentationstechnik, Prüfungsgestaltung und anderes mehr. Kursdauer: jeweils zwei Tage. Ein gut gemeintes Angebot, sicherlich. Aber was für ein Missverhältnis: Während das Fachstudium zahlreiche Semester dauert und viel Zeit und Mühe erfordert, scheint man zu glauben, rhetorisch-didaktische Kompetenzen ließen sich anschließend in einer Woche und zwei Tagen erlernen. Es verwundert daher nicht, wenn der Münchner Professor für Pädagogische Psychologie Bernd Weidenmann zu dem Urteil kommt: „Hochschulen sind didaktische Notstandsgebiete.“

Es ist nicht damit getan, Rhetorik im Lehrplan festzuschreiben und Deutschlehrern Weiterbildungskurse anzubieten. Es reicht nicht aus, Hochschullehrer zu verpflichten, mal eben die Kunst des Unterrichtens zu erlernen. Vielmehr bedarf es eines ausgereiften Konzeptes, um bei den zukünftigen Lehrenden bereits während des Studiums entsprechende Fähigkeiten zu schulen und heranzubilden.

Studienpläne wären so zu gestalten, dass Rhetorik als ein differenzierter Studieninhalt und

Prüfungsgegenstand integraler Bestandteil würde. Die Universitätsrhetorik hätte hierin ein eminent wichtiges, gesellschaftlich nützliches Betätigungsfeld, das theoretische Wissen und die personellen Mittel zur praktischen Durchführung bereitzustellen.

„Sprechende Medizin“

Ein ganz anderes Beispiel ist die Arzt-Patienten-Kommunikation. Dass sie einer Verbesserung bedarf, stellt sich nicht nur aus der Sicht enttäuschter, sich fehlinformiert oder schlecht betreut fühlender Patienten dar. Laut einer Umfrage wünschen sich 85% der Patienten, dass der Arzt mehr mit ihnen sprechen sollte. Der Landarzt Paul Lüth hat das in dieser Hinsicht bestehenden Defizit der High-Tech-Medizin auf den Punkt gebracht: „Wo unsere moderne Medizin erfolgreich ist, in den schweren Fällen, ist sie stumm. Das Wort ist Schnörkel, Beilage, jedenfalls kein genuiner Bestandteil der Therapie. Die Therapie ist averbal. Das erzeugt das Unbehagen an der modernen, der erfolgreichen Medizin.“ Der große Zulauf, den Alternativmedizin und Heiler haben, ist auch damit zu erklären, dass ihre Verfahren eben nicht, wie die herkömmliche Schulmedizin, averbal sind, sondern eingebettet in Gespräch und Zuwendung.

Kommunikation wird erst allmählich als eine zentrale ärztliche Aufgabe erkannt. Zum Beispiel als Technik des aktiven Zuhörens, die Patienten ermuntert, ihre Fallgeschichte so zu erzählen, dass die persönliche Bedeutung einer Krankheit Konturen gewinnt. Zum Beispiel im Überbringen schlechter Nachrichten, etwa einer Krebsdiagnose, einer schlechten Prognose, in der Mitteilung, dass weitere Therapiemöglichkeiten fehlen oder fehlgeschlagen sind. Zum Beispiel bei der Begleitung Sterbender mit dem Wort.

Ärzte selbst spüren und beklagen, dass sie nicht in Gesprächsführung ausgebildet und geübt sind.

In Anlehnung an die englische „Narrative-based Medicine“ hat sich deshalb in Deutschland eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit der Bezeichnung „Sprechende Medizin“ gebildet. Niedergelassene und klinische Ärzte haben sich in ihr zusammengefunden. Man hat unter anderem damit begonnen, spezielle, praxisnahe Kommunikationstrainings anzubieten, wie es etwa in England bereits seit zehn Jahren der Fall ist. Ziel ist es, diese in den Weiterbildungskatalog für Krebsmediziner aufzunehmen. Bei manchen Ärzten aber hält sich das Vorurteil, gute Gesprächsführung wäre nicht lehr- oder lernbar. Ein Scheinargument, hinter dem sich oft Furcht verbirgt. Gerade hier wird deutlich, dass es ungerecht ist, die speziellen kommunikativen Fähigkeiten dem Arzt einfach abzuverlangen, sie als selbstverständlich vorauszusetzen, wie wenig es aber auch ausreicht, eine Förderung dieser Kompetenzen lediglich als optionale Weiterbildung zu etablieren. Es ist vielmehr notwendig, Methoden und praktische Einübung in die geforderten Kompetenzen bereits im Studiengang Medizin zu verankern, um die genannten Vorurteile und Ängste bei den Ärzten gar nicht erst entstehen zu lassen.

„Es gibt hochspezialisierte Redetrainings für Vertreter, Verkäufer und Referenten aller Produktbereiche. Für den Arzt gibt es eine solche Redeschulung nicht“, stellt der Internist und Psychotherapeut Hanswerner Herber fest. Die Universitäts-Rhetorik könnte auch hier die Grundlagen für den Studiengang Medizin entwickeln und umsetzen helfen. Sie könnte so Entscheidendes zu einem Paradigmenwechsel beitragen, der von engagierten Ärzten mit Nachdruck gefordert wird.

Öffentliche Verwaltung

Aus den genannten Beispielen wird klar: Praktische Rhetorik ist mehr als bloße Verpackungstechnik und mehr als ein Erfolgsfaktor im Leben des homo oeconomicus. Sie kann ebenso wertvolle Dienste leisten als ein Findeinstrument, als Klärungsinstrument, als Gestaltungsinstrument in der schulischen, in der beruflichen und, nicht zu vergessen, in der politischen Praxis; Rhetorik ist, mit Uwe Pörksens Worten, ein „Grundlagenfach der Demokratie“. Mein drittes Beispiel hängt eben damit zusammen. Es geht um eine spezielle Form von „Staatsrhetorik“, genauer gesagt: um die Kommunikation zwischen Bürger und staatlicher Verwaltung. Zu den genannten elementaren Handlungsfeldern Schule, Hochschule, Arztpraxis und Krankenhaus sei noch ein weiteres gestellt, die Ämter und staatlichen Verwaltungsbehörden.

Auf die traumhafte, um nicht zu sagen traumatische Beziehung zwischen Staatsbürger und

Staatsbürokratie hat Kurt Tucholsky ein erhellendes Licht geworfen, als er feststellte: „Das Schicksal der Deutschen: Schlangestehen vor dem Schalter. Der Traum jedes Deutschen: hinter dem Schalter sitzen.“ Ungeachtet der politischen Verhältnisse in Deutschland, die sich seit Tucholsky doch so grundlegend gewandelt haben, ist die Dominanz moderner Staatsverwaltung damit auch heute noch ebenso treffend wie trefflich charakterisiert. Nichts könnte dies besser belegen als jene Kommunikationsstrukturen, die die Öffentliche Verwaltung auch heute noch immer prägen: im Selbstverständnis deutscher Behörden, die ihre Akten nicht, wie inzwischen europaweit üblich, als öffentliche Informationen, sondern noch immer als Amtsgeheimnisse auffassen, die vor den Augen der Bürger geschützt werden müssen; im Habitus und Sprechverhalten so mancher Staatsbediensteter; in Wortwahl und Syntax der Gesetzestexte, Verordnungen und Formulare; in der Art und Weise, Bürger als Antragsteller oder Leistungsempfänger zu apostrophieren und zu objektivieren. Allzuhäufig sind noch die Zeichen einer Kanzleirhetorik absolutistischer Provinienz zu erkennen.

Mancher Brief einer deutschen Behörde erinnert deutlich daran, wie überflüssig alle rednerischen Künste sich dort ausnehmen, wo eine unanfechtbare Macht nicht zu argumentieren braucht.

An den verkrusteten Strukturen wird zwar immer wieder gekratzt. So gibt es die vom Bundesverwaltungsamt vor 20 Jahren erstmals herausgegebene Publikation „Bürgernahe Verwaltungssprache“, und eine neu erschienene Stilfibel „Flotte Schreibe vom Amt“ formuliert zehn Regeln, wie aus unverständlichem Amtsdeutsch lesbare Briefe werden. Es gibt Rhetorik- und Psychologiekurse für Auszubildende im Öffentlichen Dienst und es gibt Fortbildungsangebote für langjährige Angestellte. Doch diese Ansätze, so lobenswert sie sind, vermögen nicht unter die Oberfläche der Probleme zu dringen. Sie können nicht das bewirken, was wirklich notwendig wäre, um die Kommunikations- und das heißt hier Machtverhältnisse zwischen Bürger und Staat zeitgemäß zu erneuern. Befragt man Rhetorik-Trainer für den öffentlichen Dienst, erfährt man, dass so mancher Mitarbeiter einem überkommenen Verständnis von Beamtenstaatsmacht noch immer mit voller Überzeugung anhängt und verständnislos, zum Teil widerwillig auf die Erfordernisse einer von Gleichberechtigung geprägten Kommunikation mit dem Bürger reagiert. Ist diese Haltung in Ausbildung, im Berufsalltag, durch das Vorbild von Kollegen und Vorgesetzten erst einmal geprägt, so ist mit Weiterbildungsangeboten daran kaum etwas Grundlegendes zu verändern.

Dringend geboten wäre es daher auch hier, ein neues Denken bereits in der Ausbildung an der Verwaltungsfachhochschule integrativ zu verankern. Die Rhetorik hätte hier wiederum ein überaus lohnendes und nützliches Aufgabenfeld, auf der Grundlage moderner bürgergesellschaftlicher Konzepte Kriterien und Leitbilder zu entwerfen und auf deren Vermittlung hinzuwirken.

IV.

Der gesellschaftliche Bedarf an Rhetorik ist da und er ist unbestritten. Jetzt ist es an den Universitäten, zu erkennen, dass es gerade deshalb einen Bedarf an Rhetorik als Studienfach, als Lehr- und Forschungsgegenstand gibt. Mit einer Forschung, die sich aus der Praxis speist und für die Praxis ausbildet. Rhetorik an der Universität könnte also den Weg dafür bereiten, dass die Rhetorik außerhalb der Universität, in der Gesellschaft, sich als moderne Bildungsmacht wieder entfalten kann. Sie hat das Potenzial, etwas zur Gestaltung und Neugestaltung unserer Sprach- und

Kommunikationskultur beizutragen. Solange aber die Schulung in Rhetorik nicht als Bildungsaufgabe, sondern bloß als eine zusätzliche Qualifikation gesehen wird, läuft sie Gefahr, als etwas nur Zusätzliches, quasi als Luxus, im Grunde doch Überflüssiges, notfalls Verzichtbares zu gelten.

Ich möchte mit einem Wort von August Everding schließen, der 1995 an der Technischen Hochschule Zürich in einer Rede sagte : „Wir alle sind aufgerufen […] Brückenbauer zu sein. Kunst und Technik trennt kein Meer, oft nur Sprachlosigkeit.“ Welche andere Disziplin wäre so wie die Rhetorik geeignet, sich als Brückenbauerin zu betätigen, um die Sprachlosigkeit zu überwinden?


Angaben zur Autorin:

Dr. Heike Mayer
Studium und Promotion im Fach Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. Freiberuflich tätig als Autorin, Redakteurin und Referentin.