Hofer Thomas: Spindoktoren in Österreich. Praxis amerikanischer Wahlkampfberater

Was sie können, wen sie beraten, wie sie arbeiten

Kommunikation. Zeit. Raum. 5, Lit Verlag Wien 2005

 

Da eigentlich mittlerweile immer Wahlkampf herrscht, ist auch die Aktualität dieses Buches permanent gegeben. Der Autor zeigt an Hand der letzten Wahlkämpfe in Österreich, wie sich der Einfluss von amerikanischen Wahlkampfmanagern in Österreich bei den Parteien auswirkte. Es wird zunächst herausgearbeitet, wo das Wissen und die Fähigkeiten der amerikanischen Spindoktoren liegen, danach die spezifische Situation in Österreich beleuchtet, danach das Wirken der Berater bei den einzelnen Parteien. Alle Parteien griffen, freilich in unterschiedlichem Maße, deren Erfahrungen und Wissen auf.

Der Untersuchung kommt ein Dokument aus der SPÖ besonders zugute, das ganz genau zeigt, wie Alfred Gusenbauer auf eine Fernsehdiskussion mit Wolfgang Schüssel (ÖVP) vorbereitet wurde, und wie er in der Diskussion die vorbereitete Linie klar und eindeutig fuhr. Auch Schüssel war wohl entsprechend präpariert, freilich, wie sich in der Diskussion zeigte, auf die Strategie seines Gegners nicht eingestellt.

Die Anwendbarkeit amerikanischer Techniken ist – angesichts einer anderen Parteienlandschaft und einer wesentlichen Finanzierung der Parteien aus Steuermitteln und weniger durch Spenden – nicht unmittelbar auf Österreich übertragbar. Zudem zeigen sich in Österreich hinderlich: eine gewisse Beratungsresistenz, kulturelle und institutionelle Hürden, Wahlsystem, Parteienstruktur und das Werbeverbot im ORF.

Die erfreuliche Offenheit österreichischer Wahlkampfmanager lässt zudem vieles deutlicher erkennen, auch Desiderate: etwa einen nötigen Professionalisierungsschub im österreichischen Journalismus. Die Berichterstattung in den Medien etwa über die Fernsehdebatten 2002 zeigt, wie sehr man dabei an der Oberfläche geblieben ist. Kritische Analyse und Nachbereitung der TV-Diskussionen könnten und sollten noch vertieft werden. Die Öffentlichkeit müsste noch viel mehr erfahren, wie jeweils gearbeitet bzw. informiert wurde.

Wenn die amerikanischen Techniken so gepriesen und gebraucht werden, fragt man sich in Kenntnis der antiken Rhetorik doch, ob hier wirklich etwas Neues vorliegt. Die entsprechenden Szenarien mit Argumenten, Gegenargumenten, Vorbereitung der Diskussionen finden sich schon in den guten alten Rhetorikhandbüchern, etwa von Quintilian. Den Unterschied macht vielleicht das “Volk” – in der Versammlung oder versammelt vor dem Fernseher. Werden da nicht doch ganz alte Wahrheiten, die bei uns auf Grund des völligen Vergessens der rhetorischen Tradition untergegangen sind, sich aber in Amerika erhalten haben, als ganz neu ausgegeben?

Es sollte wohl noch mehr als bisher die Aufgabe der Wissenschaft sein, nicht nur mit genaueren Analysen diese Techniken zu durchschauen, sondern auch das rhetorische Repertoire und dessen Herkunft. Die amerikanischen Berater und womöglich künftig auch österreichische können damit ein gutes Geld verdienen – wie immer: auf Kosten der Wähler.

Lothar Kolmer

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