Internationaler Streitkultur Agon vom 8. – 15. 8. 2004, Buchenbach (BRD)

Internationaler Streitkultur Agon vom 8. – 15. 8. 2004, Buchenbach (BRD)

Wieso soll James Bond heiraten?
Oder: Ein Hoch auf die Streitkultur

Internationaler Streitkultur Agon vom 8. – 15. 8. 2004, Buchenbach (BRD)
Veranstalter: Streikultur e.V.

An einem schönen Augusttag im Hochschwarzwald: die Vögel zwitschern, die Kuhglocken läuten und der Männergesangsverein des kleinen Ortes Buchenbach stimmt sich gerade auf die nächste Chorprobe ein. Es ist ruhig, es ist wahrhaft idyllisch. Doch plötzlich durchbrechen laute Stimmen die harmonische Stille. Kühe, Vögel wie Menschen denken sich gleichermaßen: Was'n das, nu? Antwort: Es ist ISA-Zeit.

ISA steht für Internationaler Streitkultur Agon und wurde heuer erstmals vom Tübinger Debattierklub Streitkultur e. V. organisiert. Der Agon, griechisch für Wettkampf, fand vom 8. bis zum 15. August 2004 in besagtem Örtchen in der Nähe der Universitätsstadt Freiburg (Baden-Württemberg) statt. Teilgenommen haben 35 Studierende aus acht verschiedenen Ländern. Soviel zu den Fakten.

Was macht man nun bei einem solchen Agon? Bei diesem Wettkampf handelte es sich um ein Debattierturnier, das nicht wie üblich an einem Wochenende ausgetragen wird, sondern bei dem die Debatten über eine ganze Woche verteilt waren. Teams verschiedener Universitäten (Tübingen, Marburg, Bozen, Salzburg und zwei Teams aus München) traten an und debattierten im Modus jeder-gegen-jeden über die verschiedensten Themen. Bei der Auswahl der Themen, die der strengen Geheimhaltung des Tübinger Streitkultur-Urgesteins Michael Hoppmann unterlag, ging es vor allem um Gesellschaft und Politik. So debattierten wir um die Fragen: Soll Ehebruch staatlich bestraft werden?, Soll das Recht auf Selbsttötung staatlich anerkannt werden?, Soll die Nato Russland Beitrittsverhandlungen anbieten?, Soll es eine Obergrenze auf Privatvermögen geben?, Sollen die UN einen eigenen Nachrichtendienst haben? oder Sollen Richter gewählt werden?

Warum diese Soll-Fragen? Sie hängen mit der Natur der Debattierclubs zusammen und mit dem Debattierformat OPD (Offene Parlamentarische Debatte), das von Streitkultur e.V., Tübingen, entwickelt wurde. Bei Debatten nach dem Format OPD stehen sich zwei Fraktionen gegenüber: die Regierung und die Opposition mit jeweils drei Mitgliedern. Ohne tatsächlich auf aktuelle Parteien Bezug zu nehmen, versucht man doch eine Parlamentssituation getreu nachzustellen – daher auch der starke Hang zu politischen Themen. Der große Unterschied zur realen Situation besteht darin, dass die Zuteilung der Rollen – Regierung oder Opposition – nicht von vorneherein festgelegt ist, sondern erst ca. eine halbe Stunde vor der Debatte erfolgt. Das Procedere läuft folgendermaßen: Der Präsident verlautbart das Thema und teilt die Teams den zwei Fraktionen zu. Danach erhalten beide Teams 15 Minuten Vorbereitungszeit, in der sie zum einen Argumente für ihren Standpunkt finden und zum anderen eine Teamstrategie festlegen müssen. Danach beginnt die Debatte mit dem ersten Sprecher der Regierung, es folgen der Eröffnungsredner der Opposition und die Ergänzungsredner der beiden Fraktionen. Nach diesen ersten vier Rednern, die jeweils 7 Minuten sprechen, haben die so genannten freien Sprecher die Möglichkeit zur Ergänzung. Sie repräsentieren das Publikum und sollen einen neuen Aspekt in die Debatte hineinbringen, dafür hat jeder von ihnen dreieinhalb Minuten Zeit. Zum Abschluss folgen erneut 7-minütige Statements der Schlussredner. Um die Debatte etwas lebhafter zu gestalten, sind Zwischenrufe und Zwischenfragen an die Redner erlaubt, der Redner hat jedoch die Möglichkeit Zwischenfragen nicht anzunehmen. Nach der Debatte zieht sich die Jury zur Beratung zurück und verkündet nach ca. 15 Minuten den Sieger der Debatte. Bewertet werden u. a. die Kategorien Sprachkraft, Urteilskraft, Kontaktfähigkeit, Sachverstand und Teamstrategie.1

Das mag jetzt alles furchtbar schwierig, kompliziert und anstrengend klingen. Der Eindruck täuscht jedoch aus drei Gründen. Erstens wird dieses strenge Schema tatsächlich nur bei Turnieren eingehalten und bei den Treffen der verschiedenen Debattierclubs etwas modifiziert und erleichtert. Zweitens verinnerlicht und automatisiert man diese Regeln nach nur wenigen Debatten so sehr, dass man nicht mehr daran denkt. Und drittens – und das war für die Woche in Baden-Württemberg entscheidend: Auflockerung und Spaß kamen nie zu kurz. Dafür sorgten nicht nur die gemütlichen Tübinger, die einen austriaesken Schmäh besitzen, sondern auch Ausflüge wie etwa nach Straßburg und Neuschwanstein und nicht zuletzt Spaßdebatten zu den Themen Soll James Bond heiraten? oder Brauchen wir Frankreich? Die letztere Debatte wurde übrigens unter Einfluss von nicht-französischem Bier und nicht-französischem Wein gehalten und fiel dementsprechend frankophob bzw. frankophil aus.

Auflockerung brachten weiters die abwechslungsreiche Abendgestaltung mit Discobesuchen in Freiburg (kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal vorher in der Disco war), Filmen (Bier mit Brian!) und Lagerfeuerromantik am Bodensee. Abwechslungsreich war auch die Tagesgestaltung. Bestand sie doch nicht nur aus Debatten, sondern auch aus Vorträgen über die NATO, EU und die UNO, damit wir für die Debatten auch fundiertes Wissen besaßen. Auch ein interessanter Workshop wurde angeboten, bei dem man seine Debattier- und Argumentationskompetenz trainieren und verbessern konnte, und verbessert hat sich im Laufe dieser Woche tatsächlich jeder Einzelne um ein Vielfaches.

All diese verschiedenen Ingredienzien ließen einen schnell vergessen, wo man eigentlich war: nämlich auf einem Turnier – und kein Turnier ohne Sieger. Es spricht für die Tübinger Streitkultur, dass es ihnen wirklich peinlich war, dass sie ihr eigenes Turnier gewannen (übrigens unter der Schirmherrschaft und den tatsächlichen Augen der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin), aber sie waren letztendlich mit Abstand die Besten. Nicht nur dazu ist ihnen zu gratulieren, sondern vor allem auch für den absolut reibungslosen Ablauf der Woche und den fulminanten Einsatz, den alle Streitkultur-Mitglieder zeigten. Damit haben sie mich zweifellos überzeugt (und hoffentlich auch alle Leser dieser Zeilen) – mit einfach unschlagbaren Argumenten – nächstes Jahr wieder hinzufahren.

PS: Nicht nur beim ISA und in Baden-Württemberg kann man seine Argumentations- und Debattierkompetenz verbessern, sondern auch in Salzburg beim Debattierclub. Schaut doch mal hin! Die Termine findet ihr auf der Rhetorik-Homepage unter "Debattierclub".

MMag. Claudia E. Weixlbaumer

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[ 1 ]Wer einen genauen Einblick in das Regelwerk des OPD-Schemas haben möchte, sollte sich das Handbuch der Offenen Parlamentarischen Debatte von Michael Hoppmann und Bernd Rex, 3. Auflage erschienen 2004 im Cuvillier Verlag, besorgen bzw. kann es auch im Sekretariat der Rhetorik-AG kopieren oder konsultiert die Homepage des Agons unter www.streitkultur.org.