Lackner Tatjana, Triebe Nika: Rede-Diät. So halten Sie Ihre Rhetorik schlank

Residenz-Verlag im Niederösterreichischen Pressehaus, St. Pölten – Salzburg 2006.

 

Das neu erschienene Buch Rede-Diät kommt in flottem Outfit daher, hell, übersichtlich, in stabilem Einband, der Inhalt auf 197 Seiten in appetitliche 21 Kapitel gegliedert. Das Layout orientiert sich an dem Online-Auftritt der “Schule des Sprechens”, in der die Autorinnen arbeiten. Jedes Kapitel ist als eine Tages-Lektion vorgesehen. Nach einem Einstieg, der die Diät-Metapher für den jeweiligen Abschnitt bemüht, kommt theoretisches Wissen, plastisch unterstützt durch viele Beispiele. Den Abschluss jedes Kapitels bildet ein “Rezeptvorschlag” für Übungen, gegliedert in “Frühstück”, “Mittagessen” und “Abendessen”.

Inhaltlich umfasst das Buch mehr als Rhetorik: es finden sich auch Abschnitte zu den Themen Persönlichkeit & Persönlichkeitsentwicklung, Auftreten und Stil, Sprache sowie Stimmbildung.

Die Autorinnen greifen auf einen reichen Fundus an Trainerinnen-Erfahrungen zurück, laut eigenen Angaben in der Einleitung sind es satte mehr als 50.000 Einzeltrainings, die sie in den vergangenen 15 Jahren gegeben haben. Alle Achtung – das sind 32 Einzeltrainigs pro Trainerin und Woche, ohne Urlaub, dieses Business muss wirklich gut laufen! Am Ende des Buches wird ihre in Wien angesiedelte “Schule des Sprechens” präsentiert. Aus dem Trainingsbetrieb ist offenbar noch ein früheres Buch hervorgegangen. Es wird gleich an erster Stelle im äußerst knappen Quellenverzeichnis genannt und trägt den Titel Die Schule des Sprechens -Rhetorik und Kommunikationstraining, erschienen 2000 im Verlag öbv & hpt.

Das Lektorat hat im großen und ganzen gut gearbeitet – nachdem es sich um ein Buch handelt, dass explizit mit Sprache zu tun hat, seien hier die wenigen Dinge aufgezählt, die übersehen worden sind: auf Seite 61 – der Plural von “Fremdwort” lautet “Fremdwörter”; auf Seite 64 – der Plural von “Stereotyp” lautet “Stereotype”; auf Seite 160 – den Namen des Konflikttheoretikers Friedrich Glasl schreibt man ohne “e” vor dem “l”.

Was sind nun die Vorzüge dieses Buches, das sich auf einem unübersehbaren Markt von Ratgeberliteratur behaupten soll? Zunächst ist es der ganzheitliche Ansatz. In vielen Rhetorik-Ratgebern findet man Hinweise auf Körpersprache, Auftreten, Gestik, Stimme usw. – Lackner und Triebe gehen einen “logischen” (wie sie sagen würden) Schritt weiter und beziehen Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in das Bild ein. Dieser Ansatz erweist sich insbesondere dort als hilfreich, wo von Killerphrasen, Konflikten und den Möglichkeiten des Umgangs damit die Rede ist. Auch Motivation wird angesprochen: Was motiviert mich? Wie kann ich Gesprächspartner motivieren?

Ein weiterer Vorzug ist die kleinteilige Gliederung des Buches. Hier merkt man die Trainerpraxis der Autorinnen: die Tages-Happen sind so kurz, dass sie sich notfalls auch in der U-Bahn lesen lassen, und die Übungsbeispiele sind meist kompakt genug für ein kurzes Gehirn-Jogging in der Mittagspause oder nach Feierabend. So bleibt der Leser bzw. die Leserin motiviert zum Weiterlesen, auch wenn eine Lektürepause zu verkraften ist. An dieser Stelle ist es Zeit, auf die erfrischende Freiheit hinzuweisen, die sich Lackner und Triebe hinsichtlich politisch korrekter Genderformulierung leisten: im Sinne besserer Lesbarkeit (p. 7) verzichten sie explizit auf ein durchgehendes “-Innen”, “-inn/e/n” o.ä.. Die Anpassung an den Bedarf von zeitknappen Leser/inne/n bemerkt man auch, wenn am Anfang des Buches der zu erwartende Lernerfolg skizziert wird (p. 13).

Die fast durchgehende Verwendung kulinarischer Bilder wirkt phantasievoll: “Small Talk: Fingerfood der Rhetorik!” (Kap. 5), “Wortwahl: Versteckte Kalorien!” (Kap. 9), “Kurze Garzeit! Fassen Sie sich kurz. So bleiben Ihre Argumente knackig und der Gesprächspartner interessiert. Die überzeugenden Vitamine bleiben erhalten” (p. 99). Manchmal, so scheint es, gerät diese bildhafte Sprache jedoch in eine Risikozone, die im Buch sogar explizit beschrieben wird: “Was dem Koch das Soufflee, ist dem Rhetoriker die Präsentation – die Königsdisziplin der Kommunikation” (p. 107) – ist das wirklich noch ein “logisches” Bild (p. 47)? “Denn alles, was Sie mit dem Mund machen – essen, reden, küssen, lachen – muss Spaß machen” (p.7) – ist das nicht schon ein “überstrapaziertes” Bild (p. 48)? “So wie ein paar Tage Fasten reinigend wirken, können auch Konflikte erneuernd und oft sogar regenerierend für Beziehungen sein” (p. 157) – ist das nicht schon ein “inflationärer Gebrauch” der bildhaften Sprache (p. 48)? Nichtsdestoweniger ist gerade die Übung, die Sprache bildhafter zu gestalten, auch für fortgeschrittene Rhetoriker/innen eine willkommene Anregung.

Wo das Soufflee der Rede-Diät arger Kaltluft ausgesetzt ist, sind Passagen über Erfolg und Langeweile im Kapitel, pardon: im Diätplan zum Thema “Persönlichkeit”. Dort erfahren wir etwa: “Können Sie von sich behaupten, dass Sie Ihr Leben erfolgreich (…) im Griff haben? Voraussetzung für Erfolg sind: berufliche Entwicklung, private Entwicklung, persönliche Entwicklung” (p. 39). Zeigen nicht Beispiele aus dem Leben, dass “Erfolg” viel mehr Gesichter hat? Und dass Erfolg auf einem der Gebiete oft gepaart ist mit weniger Erfolg auf einem der anderen Gebiete? Ein ganz schön fettes Patzerl liegt auch am Teller, wenn auf der gleichen Seite steht: “Je geringer das persönliche Wachstum eines Menschen, desto langweiliger ist es, sich mit ihm zu unterhalten.” Könnte es nicht sein, dass es an unterschiedlichen Lebensausrichtungen, schwierigen Eigenschaften des Gesprächspartners oder gar an mir selber liegt? Könnte es nicht sein, dass auch ein dummer Mensch eine Zeitlang für gute Unterhaltung sorgt? Naja, wie auch immer. Würde auf Seite 91 gerade flambiert werden, so könnte die Metapher von den züngelnden Flammen des Dünkels strapaziert werden; dort offenbart sich die Zielgruppe der Redetrainings, wenn es heißt: “Sie reden mit Ihrem Partner anders als mit dem Hausverwalter”. Wohl noch keine Hausverwaltersgattin im Kurs gehabt, was?

Im Kapitel 12 geht es ausnahmsweise nicht ums Essen, sondern um Sport: “Cardio-Training für Ihre Argumentation”. Auf den Seiten 92-95 werden Tipps für agonistisches Reden gegeben, dazu passt auch die Verheißung: “Zukünftig werden Sie nicht mehr ausgezählt.” Ohne Übergang geht dem eine Passage voraus, die ganz und gar nicht in einen Boxring mit hungrigen Preiskämpfern passt, sondern eher in einen Sesselkreis mit Friedensbewegten: “Das Ziel ist nicht nur, die eigene Meinung darzulegen, sondern auch eine Annäherung oder einen Konsens zu finden” (p.91). Diese Unklarheit des Ziels wird auch ins sehr dicht geschriebene Kapitel 15, zweite Hälfte, getragen, wenn es um Killerphrasen und den Umgang damit geht. Die Autorinnen empfehlen als Technik der Entgegnung Nachfragen – zwei Beispiele: “Na, schon fertig für heute?” – “Finden Sie, ich arbeite nicht genug?” und: “Sind sie schwer von Begriff?” – “Denken Sie, ich missverstehe Sie absichtlich?” Jedesmal geht es um Situationen, wo offensichtlich ein in der Hierarchie höher stehender Mensch gegenüber einem Untergebenen eine Killerphrase platziert. Die Art der Entgegnung wird “Selbstvorwurftechnik” genannt und ihre Wirkung, gerade gegenüber Vorgesetzten, als deeskalierend beschrieben. Sie würden gezwungen, “Stellung zu beziehen”. Ob das wirklich wie erwartet wirkt? Noch später, im Kapitel 18, geht es überhaupt nur um konsensorientiertes Kommunizieren. Es liest sich wie ein Crashkurs in Mediation (“die Bedürfnisse des anderen herausfinden”, “beobachten statt bewerten”, “Geduld haben und nicht unterbrechen” etc.) – allerdings fehlt eine zentrale Voraussetzung für ein Konfliktgespräch: es braucht einen Rahmen, den auch der andere Gesprächspartner ausdrücklich akzeptiert. Sonst droht das sehr realistische Szenario, das auf Seite 161 sogar explizit genannt wird: “Ein Konfliktpartner kann nicht zugleich als Mediator der Auseinandersetzung fungieren.”

Der Diätplan für den Tag 20 enthält “Wirksame Mittel gegen Manipulation”. Hier kann man uneingeschränkt den Tipps vertrauen. Sobald einmal erkannt ist, dass Manipulation nichts anderes ist als ein Appell an eines von fünf instinktiven Bedürfnissen (Angst/Sicherheit, sozialer Status, Jagen und Sammeln, Sex, Mitgefühl), lassen sich die Kontertechniken (Wechsel zur Metaebene, Präzisionstrichter, Gegenfrage à la Killerphrasen-Reaktion) gut anwenden. Eine Ergänzung aus der Erfahrung des täglichen Lebens drängt sich noch auf: manchmal ist es schon zu spät, wenn man auf den Manipulationsversuch auch nur eingeht. Sobald etwa ein Straßenkeiler für eine spendensammelnde Organisation sein “Haben Sie fünf Minuten für ein wichtiges Anliegen im Tierschutz?” loswird und ich auch nur ein Wort mehr als “Nein” sage und weitergehe, bin ich schon manipuliert. Also: Kommunikationsverweigerung als weitere Alternative, mit einem Manipulationsversuch umzugehen.

Am letzten Tag der Rede-Diät, Tag 21, geht es um Charisma.: “(…) wie ein gut gemixter Cocktail, aus mehreren Zutaten, wobei keine unangenehm herausstechen darf” (p. 187), soll der auftrittsbereite Mensch nach dem Durcharbeiten des Buches respektive Kurses sein: “sympathisch, aber nicht zu freundlich”, “erotisch, aber nicht vulgär”, “gewagt, aber angemessen”, “geheimnisvoll, aber nicht selbstverliebt”, “verführerisch, aber nicht billig”, “voll Energie, aber nicht übertrieben”, “flirtfähig, aber nicht anbiedernd”. In der Kombination, die schließlich auch noch abhängig ist von dem sozialen Umfeld, in dem man so landen möchte, ist das eine Herausforderung, gegen die Nietzsches Übermensch wie ein Lercherl ausschaut … Nachdem man ja bekanntlich vom Abschauen am meisten lernt, könnte zumindest für urbanes Milieu ergänzend der Konsum von 4-6 Folgen von “Sex and the City” empfohlen werden. Ob es das ist?

Volles Korn landet auf dem Teller, wenn die Autorinnen sich auf dem Boden der Rhetorik im engeren Sinn bewegen. So bietet etwa Kapitel 21 äußerst praktische, übersichtliche Ratschläge, wie eine “Präsentation” aufgebaut sein kann. “Pocket-Rhetorik” (Status quo, Ziel, Weg, Nutzen, Appell) oder “Drei-Säulen-Rhetorik” (Thesen bringen in der Reihenfolge: mittelstarke, schwache, dann stärkste These) sind einfach zu merken und mit etwas Übung leicht umzusetzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: wer ein erfrischend geschriebenes, nicht allzu tiefgründiges, praktisches, leicht lesbares Rhetorik-Buch sucht und nichts gegen ein bisserl Fusion-Küche in der Ratgeber-Literatur hat, der oder dem ist die “Rede-Diät” von Lackner und Triebe zu empfehlen.

Dorothea Gmeiner-Jahn

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