Die eristische Enzyklopädie

Abstract: Um Desinformation, Propaganda, Lügen in Politik und Wirtschaft zu erkennen, zu analysieren, zu begegnen, braucht eine kritische Öffentlichkeit entsprechende Hilfsmittel. Die „Eristische Enzyklopädie“, ein Produkt der „Salzburger Rhetorik“, wird als eine Art Internet-Lexikon die häufig vorkommenden Mittel im Krieg der Worte auflisten. Das neue Projekt, mit ca. 150 Artikeln ab September im Netz, wird erstmals vorgestellt.


Lothar Kolmer

Die eristische Enzyklopädie.

Vorbemerkungen zu einem neuen Projekt der „Rhetorik an der Universität Salzburg“

Schauen Sie mir in die Augen!

Hatte da der amerikanische Coach seinem Wahlkämpfer ein Zitat aus dem Film Casablanca in den Mund gelegt? Humphrey Bogart in der Fernsehdiskussion – statt eines realen Alfred Gusenbauer, Vorsitzender der SPÖ? Doch welche Unterschiede in Format und Genre der Schauspielerei.

Spontan entstand dieser direkte Appell wohl nicht; er klang zu vorbereitet. Als ob nur auf ein Stichwort dafür gewartet worden wäre, um damit die Glaubwürdigkeit der Aussage gezielt zu bezweifeln. Ein emotionales, unsachliches, also: ein eristisches Mittel bei einer verbalen Auseinandersetzung.

Unter dem Stichwort „Eristik“ findet sich im Duden: die Kunst u. Technik des [wissenschaftlichen] Redestreits bzw. Streitgesprächs… Die Definition ist vom griechischen Wort erízo abgeleitet, übersetzt mit: streiten, wettkämpfen, sich mit jemandem messen, bzw. von eristiké téchne – zum Streit geneigte Kunst.

Den antiken Wortgebrauch, und damit eine präzisere Fassung, offenbart Aristoteles (384-322 v. Chr.). Er nimmt das Muster vom körperlichen, heute würde man sagen: sportlichen Wettkampf her. Die Anwendung unredlicher Mittel schließt er – immer noch aktuell – dabei ein. Somit ergebe sich die Vortäuschung einer gewissen Ansehnlichkeit; nichts desto weniger sei es eine Art unerlaubten Kampfes. Und er fährt fort, indem er die Parallelen weiter zieht: beim Sport greifen die, welche um jeden Preis den Sieg haben wollen, nach jedem Mittel, und hier im Wortgefecht machen es die Streithähne genausoso ist diese Streitsucht ein Kampf mit unrechten Mitteln beim Widersprechen (Sophistische Widerlegungschlüsse, 171b 22-25). Diese Mittel sind nicht-konsensual, d. h. in der jeweiligen Kommunikationssituation würde deren Einsatz keine Zustimmung der Mehrheit der Teilnehmer/des Publikums finden; weil sie als unsachlich, unangemessen gelten (wenn sie erkannt würden).

Eristische Techniken nehmen innerhalb eines weit verstandenen Rhetorikbegriffes einen Platz ein. Eristik bedient sich rhetorischer Formen – nur eben für egoistischere Ziele. Die pejorative Komponente zeigt sich in den mit Eristik so oft, wie auch hier, verbundenen militärischen Metaphern. Sie implizieren, dass dabei mit kriegerischer Gewalt ans Werk gegangen wird. Gorgias´ Prägung vom „Wort“ als „Waffe“, die sehr verwunden kann, steht im Hintergrund.

Die Frage, ob es heute mehr Eristik gibt, ob mehr gelogen wird als früher, lässt sich mit einem schlichten Nein beantworten. Es ist schon immer viel gelogen und getäuscht worden. Bereits die „klassischen“ antiken Autoren der Rhetorik gingen davon aus, dass eher noch als das Wahre das Unwahre, aber Wahrscheinliche geglaubt und vorgebracht würde. In ihren Schriften behandelten sie darum die Frage nach der Wahrheit, die Techniken der Täuschung und deren Widerlegung ausführlich.

In einer Mediendemokratie jedoch gewinnen eristische Techniken ganz andere Dimensionen. Die TV-Diskussionen erreichen ein Millionenpublikum; es stehen also viele Stimmen auf dem Spiel. Um sie zu gewinnen, gebrauch(t)en Politiker derartige eristische Techniken – sichtlich ohne große Bedenken. Doch auch Wirtschaftsbosse, Journalisten etc. verwenden sie. Das hängt mit der Person, deren Charakter und Zielen, vom Publikum, der Situation, nicht zuletzt vom Format und den Regeln des jeweiligen Mediums – vielleicht auch von nationalen Gepflogenheiten – ab. Generell sollen solche Redegefechte oder Aussagen nicht das Gegenüber, sondern das breitere Publikum, die Zielgruppe (Wähler, Käufer etc.) überzeugen und dem Gegner zugleich schaden. Manipulation per Medium – und per Sprache.

Wir werden desinformiert. Wir sollen – oder wollen wir manches gar nicht so genau – wissen? Lassen wir uns betrügen? Schwer scheint es nicht zu sein und erfolglos auch nicht: Meinungsbildung ist in wichtigen Teilen strategisch geplant und organisiert. 40 Prozent dessen, was man in den USA in Zeitungen liest oder im Fernsehen sieht, ist von PR Firmen im Auftrag ihrer Kunden geschrieben oder produziert worden (Süddeutsche Zeitung, 31.5./1.6. 03, S. 2).

Manchmal aber haben wir gar keine Chance, hinter die Kulissen zu sehen. Der „eiserne Vorhang“ der Nachrichtensperre oder -filterung ist herabgelassen und fest geschlossen; er soll mit allen Kräften und Mitteln „dicht“ bleiben. Doch gelegentlich kommt die Wahrheit durch den Zuschauereingang oder ein Statist verplappert sich von der Seite her. Einige solcher Sätze genügen, um das mittlerweile sensibilisierte Bewusstsein von Teilen des Publikums vollends zu wecken. Dann erscheinen auf offener Bühne die Lügen: Selten war soviel Lüge und Entrüstung. Lüge über Atomzentrifugen, Aluminiumröhrchen, Chemie-Granaten, Terror… Und Entrüstung darüber, wie abgrundtief gelogen, wie irre geleitet die Welt doch wurde… Und weiter: Bush log, und die Welt wusste, dass sie belogen wurde… selten in der Geschichte wurde derart schamlos manipuliert und getrickst, ausgelassen und interpretiert… Der gerade zitierte Artikel von Stefan Cornelius gibt einen Bericht über den Stand der Dinge in der kriegerischen Nach-Kriegszeit des Irak Kriegs II (Süddeutsche Zeitung, 12./13. Juli 2003, 4).

Und so brandete Entrüstung auf darüber, wie dreist man angelogen wurde, vielleicht auch darüber, wie wenig man selbst sich dagegen zur Wehr setzte; auch weiter, wie dreist weiterhin die beteiligten Regierungen vorgehen (ebd.).

Entrüstung ist zwar ehrenwert, aber nur eine moralische Haltung. Entrüstung ist emotional, aber nicht sehr wirkungsvoll. Entrüstung allein bleibt folgenlos. Die beteiligten Regierungen rechnen damit, dass Entrüstung sich erschöpft, vergeht. Angesichts der Manipulationen, von denen wir umgeben sind, stumpft das Publikum schnell ab, die Reiz- und Wahrnehmungsschwelle sinkt. Über was ließe es sich nicht entrüstet sein, wenn man noch wollte oder könnte… etwa über etliche Techniken bei den permanenten Wahlkämpfen; über deren Inhaltsleere, die bloße Emotionalisierung, die kleinen schmutzigen Tricks… die Nähe zur, wenn nicht gar Gleichheit mit der Werbung. Richard Nixon stellte schon 1957 ohne jede Illusion fest, dass die Öffentlichkeit „Namen und Gesichter kauft und keine Parteiprogramme“, dass ein Kandidat für ein öffentliches Amt „auf fast die gleiche Weise in den Handel gebracht werden muss wie irgend ein anderes Produkt“. Wahlkampfstrategen gestalten demgemäß hinter den Kulissen ihr „Produkt“ (s. dazu Edith Meinhard, Ulla Schmid, Spindoktoren. Die hohe Schule der politischen Manipulation, Wien 2000).

Ein kritischer Blick auf die Medien zeigt ganz klar das Verschwimmen von Werbung, product placement, Kommentar und Nachricht. Die sprachlichen Strategien von politischer Rede und Werbung sind ebenso oft die gleichen: ob Kandidat, ob Auto, ob Jogurt… die Produkte sind einheitlich, genormt, angepasst, nur die Verpackung macht noch einen Unterschied. Bei Jogurt spielt das keine wesentliche Rolle, aber bei Fragen zur Gesundheits- oder Pensionsreform wirken sich strategische Meinungsbildungen in Bezug auf die Öffentlichkeit gravierend aus.

Das beginnt scheinbar ganz harmlos. Nehmen wir wieder das Beispiel der Politik. Eine Frage, wie sie eher ein freundlicher PR-Berater denn ein Journalist stellt: Was Ihr berührendstes Wahlkampf-Erlebnis“ gewesen sei? Und die Antwort:

Als eine 91-jährige Frau… auf mich zugekommen ist und sagte, sie wisse nicht, ob sie es noch erleben werde – aber sie hätte so gerne wieder eine sozialdemokratisch geführte Regierung, dann drückte sie mir einen Golddukaten in die Hand… (er) möge mir Glück bringen. Jetzt trag` ich ihn jeden Tag bei mir. (Der Standard, 22. 11. 02, S. 6).

Anrührend! Einnehmend! Zum Weinen schön! Stimmenbringend… ? Nein: Glück gebracht hat der Golddukat dann doch nicht! So großartig gesagt – so erfunden hört es sich an! Ist es fingiert? Schon möglich, das wissen nur der Sprecher und dessen Wahlkampfberater (anscheinend derselbe wie eingangs!). Und wenn ja – keiner wird dies zugeben. Daher rührt auch das Misstrauen gegenüber derartigen Aussagen.

Obiges Zitat stammt aus einem stark auf Emotionen zugeschnittenen Wahlkampf. Die anderen Beispiele, alle nach der gleichen Masche gewirkt: der 17-jährige Arbeitslose, die arme Pensionistin… Auch der politische Gegner kann nicht auf die Leute aus dem einfachen Volk verzichten: die ältere Frau/der junge Mann mit Behinderung, sonstige „Gutmenschen“, dazu Kinder und Hunde (beliebt bei Grünen), Kinder & Katzen (bei der SPÖ gesichtet; Material aus: Der Standard, wie oben). Diese einfachen Leute aus dem einfachen Volke, unverbildet und ungekünstelt, wie sie auftraten, sollten somit die tiefere, die eigentliche Wahrheit kundtun: der/die KandidatIn versteht uns, steht auf unserer Seite, kennt unsere Anliegen, ergo: ist als eine(r) von uns zu wählen! (Doch welch performativer Widerspruch: diese Phrasen etwa in Kontrast zum teuren Schuhwerk des Berufs-Politikers der SPÖ; geschweige denn eine aus dem Volk mit Escada-Kostüm etc…).

Doch Hund und Katz und alte Frau, all die kleinen Leute, sie dienen nicht dazu, konkrete Hilfen, gar eine entsprechende Politik angesichts einer realen sozialen Misere zu bewirken. Bei genauem Hinhören, Artikellesen decouvrieren sich viele Redner und Schreiber: etwa wenn vordringlich den Arbeitslosen Hoffnung – statt der dringend benötigten Arbeitsplätze – gegeben werden sollte (wiederum ein Kandidat der SPÖ)! Es geht nur um Stimmen von bestimmten Wählerschichten.

Im Ringen darum taugt(e) jedes Mittel; besonders obige Köhlerargumente: ein einfacher Mensch, der höhere Wahrheit verkündet! Die Politiker haben hörbar ihr Handwerk gelernt. Doch das Training sieht und merkt man ihnen, etwa wie Stoiber, in Erkenntnis fördender Weise manchmal noch an. Die Organisationen, auch die NGOs, nicht nur die sprichwörtlichen Autoverkäufer, schulen ihr Personal. Mittlerweile ist beispielsweise bekannt, wie Greenpeace im Fall der Ölplattform „Brent Spar“ eine regelrechte Kampagne führte.

Wer in Entscheidungsgruppen sitzt, wer Macht will, beherrscht diese Tricks, wer es nicht kann, lernt es bald – oder geht unter. In Gremien von Verbänden, Organisationen, Parteien, ob in der Lokal- bis zur Bundes- und Weltpolitik, egal ob in einem Gemeinde-, Stadt-, Bei-, Senats-, Bundes-, Fakultäts-, Aufsichtsrat fallen Entscheidungen; egal ob Spürpanzer, Eurofighter, Abwasserkanäle, Fußballstadien, -meisterschaften, Stellen, Posten etc. geplant, gebaut, finanziert, bezahlt, geleast, verkauft, verliehen, verschrottet werden…

Kommt eine öffentliche Diskussion auf, wird sie mit eristischen Techniken gelenkt – im übrigen auch mit dem Haupt-Argument, man würde der guten Sache schaden, käme da zu vieles in die Debatte. Kommen dann manche Dinge doch ans Tageslicht, laufen die Entschuldigungsstrategien routiniert ab: Nein – wirklich entschuldigt wird sich freilich nicht! Man sei falsch verstanden, interpretiert, übersetzt worden (Berlusconi etc.); wenn man zu Missverständnissen Anlass gegeben hätte, bedauere man dies (dito); man sei kein Einzelfall – und bevor nicht die anderen… Ein endloses Repertoire!

Die eigene Person gilt es zu retten. Sie steht gewöhnlich im Vordergrund, selten die Sache. Was wie Sachfragen aussieht, verbirgt häufig Machtkämpfe, versteckt die eigentlichen Ziele (Aufstieg an die Spitze, Bereicherung…): Clinton, Möllemann, Rumsfeld, Cheney, Bush, Blair… als beliebige Beispiele! Wer ahnte 1973, dass der damalige Friedens-Nobelpreisträger Henry Kissinger einmal als Kriegsverbrecher wegen seiner Bombardierungs-Politik im Vietnam-Krieg bezeichnet werden würde (Arte, 9. 3. 2003, 20.45)?

Jeder braucht nur an die Politik-/Wirtschaftsaffären eines Jahres zu denken, um auf diese Techniken zu stoßen: Schlechte Ergebnisse werden schön geredet, Sommers (einst Deutsche Telekom) negativer Ertragsüberschuss ist nur ein Beleg dafür.

Was Politik und Wirtschaft angeht, scheinen das ganz eigene Kampffelder zu sein; PR-Firmen und -Berater treten in Aktion; doch die Techniken und Taktiken beherrschen viele von ihnen – dankenswerter Weise, muss man sagen – (noch?) erstaunlich schlecht – und manche Vorstände dazu! Die Berater scheinen ihr Geld nicht wert zu sein – woher haben die dann ihr Wissen? Doch bei solch teurer Beratung hätten manche Wahlen nicht verloren – manchen Wirtschaftsgrößen die Rede nicht durchgehen dürfen: Millionenverluste als peanuts abzutun, quasi zu „euphemisieren“ oder so hochmütig unbedacht Interviews zu geben, zeigt, dass weder Wissen noch Selbstkontrolle vorhanden sind. Das ist eigentlich erfreulich, denn so tun sich einer breiteren Öffentlichkeit „große“ Vorstellungs- und Denkwelten auf. Allerdings dürfte die Freude nicht lange wären. Die Techniken werden immer besser und ausgefeilter.

Die Politik und die Medien erweisen es: was in kontroversieller öffentlicher Diskussion steht, momentan etwa: Krieg und Frieden, Gentechnik, Abtreibung, Homo-/Heterosexualität, Fundamentalismen jeder Art, wird häufig wenig sachlich erörtert. Wer selber „fundamentalistisch“ ist, setzt eristische Mittel wenig zurückhaltend ein, um Recht zu haben/zu bekommen und andere auf seine Seite zu bringen! Das trübste und traurigste Beispiel lieferten einst die Nazi-Redner.

Die Mechanismen der Verschleierung sind perfekt im Vergleich zu denen der Entschleierung. Eristische Mittel dienen zur Verteidigung, zur Abwehr, zur Verschleierung, Verdunklung, zum Angriff… Ihr Einsatzgebiet ist kaum beschränkt. Wir leben mit ihnen.

Es müsste nicht so sein – es lassen sich andere, bessere Welten mit offener Kommunikation und rationalen Argumenten imaginieren, nur unsere ist (selten) so! Es hat keinen Sinn, Ideale zu malen, angesichts der realen Verhältnisse. Wer sich auf diesen Spielfeldern bewegt, nutzt eristische Techniken. Irgendwo hat er es gelernt. Der Politiker, der schonungslos die Wahrheit sagt, wird nicht gewählt. Das wissen wir. Wollen wir betrogen werden?

Es wäre ein Leichtes, denn weder in der Schule noch in der Hochschule werden eristische Techniken behandelt. Woher soll darum ein Bürger unserer Länder wissen, was sich an Möglichkeiten alles anbietet, um Gefallen, Zustimmung – Stimmen zu erhalten? Dazu ist ein großer Teil des Publikums – einschließlich vieler Journalisten – zu unkritisch. Durchgängig eingesetzte eristische Techniken, wie etwa gezielte Unterstellungen, werden selten (als pure Wahlkampftaktik) erkannt. Die Gefahr des Redners, mit so einer Technik aufzufliegen, ist darum recht beschränkt.

Aber von wo ist Hilfe zu erwarten, wenn alles unter „Ideologieverdacht“ steht? Es bleibt nur übrig: Die Tricks und Kniffe im Meinungsstreit zu erkennen, selber lernen, kritisch zu lesen, Texte zu „decodieren“. Erst dann wird man sie in einem zweiten Schritt entsprechend widerlegen können. Wichtig ist darum ein kritisches Bewusstsein jedes einzelnen Bürgers, gerade bei der Mediennutzung! Eine unterrichtete Öffentlichkeit, die das Repertoire der eristischen Techniken kennt, reduziert deren Einsatz. Mehr Augenmerk auf die Aussagen aller die Öffentlichkeit suchenden Gruppierungen, sei es Parteien, Organisationen, wie Gewerkschaften oder Kirchen, kann diese zu mehr Fairness und mehr Wahrheit in ihren Äußerungen bewegen.

Doch auch dann besteht kein großer Grund zu Optimismus. Es wird weder das Reich des Friedens noch das der Wahrheit anbrechen; das kommt, wer denn daran glauben will, erst nach dem Jüngsten Tag. Aber, um ein anderes Zitat der SZ von oben aufzugreifen, die Sümpfe werden bekannter, und auch welche Wortblasen aus ihnen aufsteigen. Bleiben wir im Bild: kennt man sie, hat auch das entsprechende Werkzeug, kann man anfangen, sie trocken zu legen.

Doch das Entlarven ist selbst manchmal nicht ganz ‚trickfrei‘: Wer Tricks entlarvt, ist dadurch allerdings noch nicht in Besitz der „Wahrheit“ (Geißner Hellmut, Rhetorik, München 21974, 151). Das kann so weit gehen, dass, im Besitz der „Wahrheit„, Tricks benützt werden, um – angeblich – ihr und der „guten Sache“ zum Siege zu verhelfen. Doch es stimmt: Je mehr Menschen die Tricks durchschauen und sie widerlegen können, desto unsinniger wird es, in die Trickkiste zu greifen… (ebd., 166).

Wir sind noch nicht so weit wie im Märchen, wo – etwa bei Rumpelstilzchen – die Benennung des Sachverhaltes diesen schon bannt. Doch das Bewusstsein und die Er-/Kenntnis eristischer Techniken verhelfen zu einer besseren öffentlichen Kommunikation.

Eristik wird weiterhin einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben, wie viel, hängt von den ethischen Einstellungen… aller Beteiligten ab, und vom Kenntnisstand des Publikums (vgl. Völzing Paul-Ludwig, Begründen, Erklären, Argumentieren. Modelle und Materialien zu einer Theorie der Metakommunikation, Heidelberg 1979, 150-151.).

Am Kenntnisstand des Publikums gilt es demnach anzusetzen und diesen zu heben. Denn haben wir einmal die Techniken erfasst, wird es nicht mehr so leicht gelingen, uns zu überreden, zu verführen, etwas glauben zu machen.

Darum haben wir, die Rhetorik an der Universität Salzburg, uns entschlossen, die „eristische Enzyklopädie“ ins Leben zu rufen, sie ins Netz zu stellen, frei zugänglich, offen für Erweiterung und Ergänzung.

Wie es der Name „Enzyklopädie“ andeutet, handelt es sich um eine Sammlung eristischer Techniken, aufgebaut wie ein virtuelles Lexikon: Definition, Erklärung, Beispiel – allerdings nicht alphabetisch, sondern systematisch geordnet , also etwa Artikel wie:

  • Scheinbares Zugeständnis – concessio
  • Verdrehung – reflexio
  • Vergrößerung
  • Konstruktion eines Sündenbockes
  • Diffamation – ad odium
  • Beschimpfung
  • Semper aliquid haeret
  • Euphemismus

Textbeispiele aus einem weiten Bereich sollen die Techniken verdeutlichen. Bei deren Auswahl ging es primär darum, das jeweilige Prinzip, den „Trick“, erkennen zu können, weniger um „brandheiße“ Aktualität, die ist morgen schon vorbei…

Weil wir auch an den Einsatz in den Schulen dachten, haben wir etliche Quellen aus der Nazi-Zeit genommen, um an ihnen exemplarisch zu zeigen, wie Propaganda und Persuasion, Aufhetzung etc. von Hitler und Goebbels gestaltet wurden.

Wir wollen die wesentlichen Formen der Eristik in einer systematisierten Weise zusammenstellen (auf das amerikanische Pendant http://www.disinfopedia.org sei hingewiesen). Alle Variationen freilich lassen sich nicht aufführen, da die rhetorischen Stilmittel sehr viele Möglichkeiten bieten.

Der Schwierigkeiten sind wir uns bewusst:

  • Jedes Wissen ist begrenzt…
  • Die Systematik ist selbst entwickelt.
  • Die Terminologie ist weitgehend festgelegt, viele Termini entstammen dem Griechischen oder Lateinischen – und was darunter zu verstehen ist, erschließt sich für viele nicht unmittelbar.
  • Manchmal allerdings gibt es zudem recht unterschiedliche Bezeichnungen, wir haben uns an unser Studienbuch Rhetorik angelehnt und ansonsten die gebräuchlicheren gewählt.
  • Mit dem angehäuften Wissen kann selber Eristik betrieben werden – doch wenn das die anderen auch wissen…

Wir sehen das alles als aber als fortlaufendes Werk, das ergänzt und aktualisiert, sicher auch kritisiert wird – und auf die Mitarbeit der Leserinnen und Leser angewiesen ist. Die technischen Möglichkeiten des Internets erlauben das. Die genauen Hinweise werden dann auf der Startseite stehen.

Wir wollen zu einer kritischen, demokratischen Öffentlichkeit und Gesellschaft unseren Beitrag leisten, gerade auch als analytische, pragmatische Rhetorik.

Ab September 2004 im Web: die eristische Enzyklopädie unter http://www.eristik.sbg.ac.at.

Die Vorstellung jedenfalls sollte dem Geiste ganz benommen werden, die Beredsamkeit, die herrlichste aller Wirkungsmöglichkeiten, könne sich mit lasterhaftem Geiste verbinden. Sollte die Fähigkeit zu reden Schlechten zufallen, so ist auch sie selbst für etwas Schlechtes zu erachten; denn schlechter macht sie dann die, denen sie zuteil geworden. (Quintilian, Institutio oratoria XII 1, 19).


Angaben zum Autor:

 Prof. Dr. Lothar Kolmer, o. Univ. Prof. an der Universität Salzburg für Mittelalterliche Geschichte und Hist. Grundwissenschaften. Leiter der „Rhetorik an der Universität Salzburg, Herausgeber „rhesis“, „RehtOn für Rhetorik und Wissenstransfer“. Mitglied im „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“.


Zitiervorschlag:

Kolmer, Lothar: Die eristische Enzyklopädie. Vorbemerkungen zu einem neuen Projekt der „Rhetorik an der Universität Salzburg“, in: RhetOn. Online Zeitschrift für Rhetorik & Wissenstransfer 2/2004 (www-Datei: http://www.rheton.at, [Datum des Abrufs]).