Und ein reger Geist lernt an diesem Sachverhalt… wann er mit der Lektüre aufhört!

Abstract: Die Bücher werden anscheinend immer mehr – aber nicht besser. Lesen kostet Zeit und Mühe; aber viele Bücher sind deren nicht wert. Muss man solche Werke bis zu Ende lesen? Wann und mit welcher Begründung darf man mit der Lektüre aufhören?


Lothar Kolmer

Und ein reger Geist lernt an diesem Sachverhalt… wann er mit der Lektüre aufhört!

Das Dilemma ist oft genug beklagt worden: man müsse zu viel „über Büchern liegen“ (Joh. Chr. Günther, 1695-1723) und manch Andre(r/s) käme darüber zu kurz. Damals aber stießen die Verlagspressen unvergleichbar weniger Gedrucktes aus als heute.

Lektüre kostet schlichtweg Lese- und Lebenszeit; diese sind in Relation zum Wissens-, gelegentlich auch zum Vergnügungsgewinn daraus zu setzen. Darum gilt eine Maxime Schopenhauers für Autoren: „Man muss sparsam mit der Zeit, Anstrengung, Geduld des Lesers umgehen.“1

Das Dilemma kennen alle Geisteswissenschaftler (wie obligatorisch sind die „-Innen“ jeweils mitgedacht). In allen Ausbildungsstadien fallen umfangreiche Bibliographierarbeiten an, um keine wichtige Publikation zu übersehen. Das Ergebnis druckt sich als lange Literaturliste aus. Die gefundenen Aufsätze und Bücher müssen geholt, gelesen, gedeutet werden – die Abgabefrist verlängert sich aber nicht in Relation zu diesen Mengen.

Das Dilemma spüren auch die Rezensenten; je mehr Bücher erscheinen, desto schneller gilt es zu lesen, um dank aktueller und möglichst objektiver Informationen zu einem Vor-Urteil (ganz Heideggerisch) verhelfen. Eine gute, d. h kritisch-referierende Buchbesprechung kann zur Lektüre anregen – wie auch diese er-/sparen helfen.2 Ein eigenes Urteil über Buch und Rezensent erübrigt das nicht. Wie oft begnügt sich manch letzterer schlicht damit, die Zusammenfassung des Buches oder, noch häufiger und noch schlichter, den Presse-/ Klappen-/ Rückentext wiederzugeben. Da diese zur Verkaufsförderung dienen, ergibt sich daraus der Tenor der Besprechung. Es ist wie bei den Restaurantkritiken: Wer nur lobt, wird selber selten kritisiert – und kriegt mehr: im übrigen sind das die Exemplare, die von Journalisten – originalverpackt – im Internet verauktioniert werden.

In Lehrveranstaltungen und in Gesprächen mit Studierenden erscheinen dabei immer wieder zwei problematische Bereiche, zum einen:
  • Autoren, die wissenschaftliche Literatur absolut szientistisch – d.h. weitgehend unverständlich – gestalten, und zum anderen:
  • Autoren, die vorgeben, wissenschaftliche Literatur verfassen, woran aber bei der Lektüre Zweifel erwachsen.

Muss derlei bis zu Ende gelesen werden? Wann darf man, mit welcher Begründung, aufhören, sich damit zu quälen? Um sich und seine Zeit zu schonen.3

Über unverständliche Texte gibt es seit der Antike Klagen, aber auch Satiren. Schon Lukian von Samosata (ca. 120-180) machte sich darüber lustig.4 Den Kern traf allerdings wieder einmal Lichtenberg mit seiner berühmten Frage, wo es „hohl klingt, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen“ (D 399).5 Der lautere Leser sucht die Schuld gewöhnlich bei sich, in der Selbstbezichtigung, er sei einfach zu dumm, derartig Hochwissenschaftliches zu verstehen. Das ist so einsichtig wie demütig – an die Weisheit lässt sich nur annähern, nie sie ganz erreichen – aber nicht immer richtig. Oft und eher zu oft liegt die „Hohlheit“, wie Lichtenberg auch meinte, im Buche! Passagen oder ganze Texte, die bei langsamem, sorgfältigen Lesen unverständlich bleiben, unterliegen dem Verdikt der „Dunkelheit“ – obscuritas. Das ist schlicht ein Fehler der Schreibart – und damit des Autors: entweder konnte er nicht anders oder er wollte es nicht: „Das metaphorische Verständnis von der ‚Sprache‘ des Bildes, wie es sich hier manifestiert, hier nämlich eine durch die genuinen, visuellen Mitteln der Darstellung bestimmten Ausdrucks- und Veranschaulichungsleistung, weist der mittels Schrifttexten sichtbar gemachten Artikulation letzten Endes eine obsolete Rolle, diejenige eines medienfremden Einhelfers zu, eine Fremdheit, die auch durch Strategien der fiktionsimmanenten Unterbringung in aufgeschlagenen Büchern, sich entfaltenden Schriftrollen, usw. nicht eigentlich aufgehoben oder kompensiert wird.“6 Auf derartige Texte stößt man laufend, was sie sagen wollen? Sicher aber sagen sie etwas über den Autor aus: „Dunkelheit und Undeutlichkeit des Ausdrucks ist allemal und überall ein sehr schlimmes Zeichen. Denn in 99 Fällen unter 100 rührt sie von der Undeutlichkeit des Gedankens, welche selbst wiederum fast immer aus einem ursprünglichen Missverständnis, Inkonsistenz und also Unrichtigkeit desselben entspringt.“7

Davon gibt es noch eine Abart, die sich auch wieder auf einen Lichtenbergschen Nenner bringen lässt: Kandidaten-Prose (D 90)8 – diese meinen, zwecks Erlangung eines akademischen Grades so schreiben zu müssen! Worum geht es im folgenden Text?

„Das Zeichensystem der gesprochenen Sprache wird in einen adäquaten, linear angeordneten Code alphabetischer Zeichen umgewandelt, die optisch, d.h. über den Gesichtssinn wahrgenommen werden […] Ergebnis dieser Transformationsvorganges ist ein (eindimensionaler, linearer, diskursiver) schriftlicher Text auf der (zweidimensionalen, graphischen) Oberfläche eines (dreidimensionalen, materiellen) Textträgers […].“ Erraten? Um „den Brief im gegenständlichen Sinn!

Die Beispiele lassen sich leicht vermehren; es zählt manchmal gerade zum Charakteristikum von Qualifikationsarbeiten, sich etwas zu „verschrauben“. Dahinter steht die Angst, „unwissenschaftlich“ zu klingen und darum dafür zu gelten. Oft wird eher extra dry geschrieben, um ja nicht den Vorwurf des journalistischen Stils auf sich zu ziehen. Schwer geahndet wird gewöhnlich, wenn (nach Hayden White – der auch nicht überall gerne gesehen) im Plot die Ironie als Strukturprinzip auftritt. Gegen den tragödischen Stil wird weniger gesagt (als Geschichtsschreiber kann man sich dabei schon auf die älteren Muster beziehen, etwa Otto von Freising).

Sicherheitshalber wird also die schwere Artillerie der jeweiligen Fachterminologie aufgefahren, die man sich über Semester hin mühsam genug angeeignet hat und damit ein unerbittliches Trommelfeuer auf den arglosen Leser eröffnet. Der sinkt bald zu Boden. Doch dieser Fehler geht mehr zu Lasten der BetreuerIn – woher sollte denn ein Adept das alles haben, wenn nicht aus den Seminaren und aus entsprechender (doktorvätlicher) Lektüre?9 Da fragt sich gar nicht mehr, wie die Vorlesungen ablaufen? Pure Stoffanhäufung und trockenste Wissensvermittlung – die didaktische Armutserklärung. Leider besteht dabei durchaus Infektionsgefahr. Wer sich zu lange und zu nahe in diesem Milieu aufhält, zieht sich das derlei oft genug zu. Häufig dienen solche Texte nur zu imponieren, den „herrschenden Diskurs“ zu gestalten, eine „Denkschule“ zu begründen und Barrieren gegen andere aufzurichten. Die Eleven müssen den „Jargon“ zum Zeichen ihrer Zugehörigkeit erlernen, und die Proselyten verwenden ihn entsprechend; als Beispiel für dunkle Selbstgefälligkeit kann etwa Lacan deinen!10

Da so viele nachbeten, traut sich kaum jemand, auf derlei, des Kaisers neue Sprachkleider hinzuweisen. Da sollten zumindest „die arrivierten Häretiker“ (Bourdieu) unter den Professoren im Interesse der Studierenden derartige Kollegen „decodieren“!

Abgesehen von den unterschiedlichen Inhalten muten diese Texte recht gleichförmig an. Lange, verwickelte Phrasen, hypotaktische Sätze, das Verb am Ende der halbseitigen Passage nachgestellt.11 Dazu ungebremster Fachjargon, der nur den Jüngern der eigenen Disziplin – und darunter möglicherweise wiederum nicht allen – verständlich ist.12 In summa: sie sind schlicht schlecht geschrieben. Das gilt leider immer noch für die überwiegende Zahl der wissenschaftlichen Werke in den deutschsprachigen Ländern. Doch stellen offensichtlich Lesbar- wie Verständlichkeit bei den Gutachtern kein Kriterium dar. Dabei ist es viel schwieriger, eine komplexe Materie anschaulich und nachvollziehbar darzulegen. Mit geballter Fachterminologie lässt es sich viel leichter über Lücken und Mängel hinwegmogeln.13 Mit den Worten Schopenhauers: „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht, wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass sie jeder verstehen muß.“14

Doch gleich vor dem ersten derartigen Wortverhau zu scheuen und (vor)schnell die Brille ins Korn zu werfen, weil das völlig unerträglich wie unverständlich sei, ist manchmal nur Faul- oder Feigheit. Komplexere Texte benötigen Einlesezeit! Anfänger müssen mehr Mühe investieren, um zu „entschlüsseln“, als Fortgeschrittene mit mehr Kompetenz. Falls um derlei Lektüre kein Weg herumführt, bleibt nur, sich einzulesen und durch zu quälen – ohne sich stilistisch infizieren zu lassen.

Doch wenn ehrliches längeres Mühen, selbst mit Wörterbüchern nichts fruchtet, weil die Begriffe sich nirgends finden, der Autor sein höchst individuelles Vokabular pflegt, wenn sich die Dunkelheit immer mehr senkt, ohne irgend eine Erleuchtung irgendwo mitgeliefert zu bekommen, dann liegt es am Buche! Etliche „inkriminierte“ Zitate unter Verweis auf die obscuritas belegen das leicht. Lichtenbergs Kriterium bleibt die Norm und Richtschnur. Man prüfe selbst-kritisch, aber wenn es wirklich am Buch liegt, muss man sich von derartigen Luftballons nicht beeindrucken lassen.

Hier haben wir es also mit (zu)viel Wissenschaft zu tun – im zweiten Fall eher mit zu wenig. Doch auch hier ergibt sich der Eindruck erst bei fortschreitender Lektüre.

An einem Beispiel lässt sich der Fall vorführen! Da liegt ein Buch zur Lektüre bzw. Rezension an: Rudolf REISER, Bayern und Salzburg um Christi Geburt. Die keltisch-römische Vergangenheit. München, 2001. Der Autor, ehemals Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, ist kein unbekannter; manches seiner Werke noch eher un-gut in Erinnerung. Daraus resultiert eine bestimmte Erwartungshaltung, doch diese – das muss man sich selber gegenüber einräumen: zweiter Beobachterstandort – darf nicht die neue Lektüre beeinflussen. Ein braver Rezensent liest unvoreingenommen das ganze Buch!

Muss er das? Tut er das wirklich? Muss man wirklich ein ganzes Buch lesen, um den Inhalt beurteilen zu können? Mein akademischer Lehrer, Kurt Reindel, hat angesichts mancher Prüflinge gesagt, man wisse recht schnell, woran man mit ihnen sei: Man müsse nicht ein ganzes Fass Wein austrinken, um die Qualität zu beurteilen! Die restliche Prüfungszeit verfestigt eigentlich den Eindruck. Es geht in einer Prüfung sicher nicht darum, ein (vor)schnell gefasstes Bild zu bestätigen; man hofft eigentlich noch bis zum Ende, es falsifizieren zu können – aber wie die Erfahrung zeigt, wenn es nach den ersten Proben „korkelt“…

Bei Reiser geht es so an:

„Wer hat sich schon Gedanken darüber gemacht, dass überall dort in Deutschland, wo einst die Römer herrschten, heute die Zentren des Katholizismus sind? Köln, Mainz, München und ganz nebenbei treffen wird dort auch die Faschingshochburgen an. Das sind keine Zufälle… unsere Straßen und Städte gehen ebenso in das Altertum zurück, wie Teile unserer Sprache, der Kalender, die Petersberge und Straßenmessung.“ (S. 21) Und so weiter: „Brasch, der vorher die Freigabe der militärischen Flugsicherungskontrolle Neubiberg erreicht hatte, kann jetzt Fotos vorlegen, die unser Bild von den Kelten erheblich ergänzen.“ Nein – Herr Brasch hat keine Geheimfotos von fliegenden Kelten gemacht! Reiser hat nebensächliche Informationen (Flugsicherheit) zu sehr ausgedehnt; eigentlich geht es nur darum, dass die Luftbildarchäologie bislang unbekannte Anlagen entdeckte. Aber so eine Vermischung scheint üblich: „Die höchste Stelle der Festung Hohen Salzburg ist ebenso Kulturschicht wie das Kino an der Kaigasse unten und die Mosaiken zwischen Dom und Residenz.“ (S. 90) Dass Mosaiken in einer Kulturschicht liegen, bzw. diese bilden, leuchtet ein, aber ein ganzes Kino – und der Himmel über der Festung? Da ging ein „Orts-Spiel“ daneben.

Banalitäten vermischt mit Nonsens, der auch durch die spezifisch reiserische Schreibart kommt: “ […] illustrieren sehr deutlich, dass der Römer um seine rasante, bisweilen rasende Geliebte weint“ (S. 49).Beckmessern wir nicht weiter am Schreibstil herum, deswegen muss man das Buch sicher nicht lesen, damit will der Autor nur das Publikum bei der Lektürestange halten. Aber hier zeigen sich die Unterschiede in den Schreibarten zu oben! Ein Befund lässt sich immerhin festhalten: der Stil ist zumindest einheitlich von vorne bis hinten – da hätten auch schon ein bis zwei, allenfalls drei Schluck genügt: vorne, mittig, hinten? Sich das Sprachlich-Ganze anzutun, fällt schon unter Masochismus! Über Schreibarten ließe sich auch noch streiten – hier haben wir es im Grunde mit einer pathetischen zu tun, dem Genre eigentlich nicht angemessen. Ein Zitat von Schopenhauer können wir uns sparen!

Doch kommen wir zu den wesentlicheren Punkten: der Methode – und zitieren der Einfachheit halber gleich weiter Reiser: „In der Bretagne, Wales und Schottland spricht man noch heute die Sprache der Vorfahren aus grauer Vorzeit. Welch ein Glück! So lassen sich nämlich die Namen einiger bayrischer und österreichischer Gewässer mit Hilfe der bretonischen Wörterbücher bestimmen und übersetzen.“ (S. 11) Und so entdeckt er: “ […] noch eine viel wichtigere Kostbarkeit, an die noch kein Mensch bis jetzt gedacht hat. Der Name Andechs! In den ersten drei Nennungen erscheint der Ort nach der ersten Jahrtausendwende als: Anadesa, Anedese, Anadesse. …Blättern wir in den bretonischen Lexika, stellen wir schnell fest, dass der alte Begriff in zwei Teile auflösen muss: Ana und desa ( usw.) Der erste Teil basiert auf enne = auf der Höhe auf dem Gipfel. Enne kann sich schnell in ein ana verwandeln… Zum zweiten Stück des Namens… fließt aus dem bretonischen doueez… das heißt in allen Fällen immer: Göttin. Wir schließen daraus: Andechs bedeutet nichts anderes als Höhe/Gipfel der heiligen Göttin. Kurzum: zur Keltenzeit im ersten Jahrtausend vor Christus verehren die Menschen ringsherum in Andechs ihre Göttin. Wie erwähnt, kennen wir ihren Namen leider nicht. Doch nach den Angaben Cäsars ist sie mit der römischen Minerva… gleichzusetzen.“ (S.14)
Was lief hier ab? Eine etymologische Erklärung wie sie allenfalls im schönsten Mittelalter vorkam, zu erinnern ist an die Ableitung von Frau: femina aus fe und minus, d. h. weniger glaubensfest, woraus sich praktischer Weise die höhere Anfälligkeit für manches, wie Hexerei, erklären ließ. Das geht hier auch wie Zauberei: Wir nehmen Andechs, bierseliger bayerischer Klosterberg – und dazu ein modernes(!) Lexikon des Bretonischen. Denn: stillschweigende Vorausannahme – Präsupposition:

Die frühen Bayern sprachen das (heutige) Bretonisch.

Nach dem Jahr 1000 heißt der Ort: Anadesa

Anadesa lässt sich mit Lexikon auflösen in enne = auf der Höhe auf dem Gipfel – und Göttin. (Aber da nicht enne steht – muss sich Enne …schnell in ein ana verwandeln!)

Conclusio 1: Andechs bedeutet nichts anderes als Höhe/Gipfel der heiligen Göttin.

Weil also ein Berg so heißt, erfolgt daraus:

Conclusio 2: zur Keltenzeit… verehren die Menschen ringsherum… ihre Göttin.

Conclusio 3: Wir kennen wir ihren Namen leider nicht. Doch nach den Angaben Cäsars ist sie mit der römischen Minerva… gleichzusetzen. 14.

Da kommt jetzt auf einmal Cäsar ins Spiel und darum ergibt sich für Andechs:

Schluss: Weil also der Berg so heißt, verehren die Leute ringsherum eine Göttin wie Minerva.

Nach solch rasanten, bisweilen rasenden Argumentationen kann einen schon Schwindel überfallen. Von einem ordentlichen Argumentationsgang kann hier keine Rede sein. Aber so geht es durch das ganze Buch dahin: zu Gauting: „Bratananio […] ist vielmehr ein keltisches Wort: Bretonisch: Bre = Hügel, Berg; tan = Feuer… = Feuerberge. Alles klar: Wir kennen aus Noricum solche Höhen, auf denen mittels Feuerzeichen schnell Nachrichten übermittelt werden können. In Grünwald wird es nicht anders sein. Von den Höhen dort gehen Feuerzeichen in Richtung Gauting und Ruhpoldinger Forst …denn sonst müsste man Augsburg und den Inn verschieben, was ja nun wirklich verrückt wäre.“ (S. 87)

Das alles wird mit der Pose des Entdeckers vorgestellt. Reiser erkannte – und stellt danach richtig – was Generationen von Forschern nicht verstanden haben. Damit aber kommt er zu einem etwas anderen – d.h. höchst eigenen Bild der bayerischen Frühgeschichte! Nur ist sichtlich niemand geneigt, dieser Sicht zu folgen. Es ist und bleibt eine Außenseitermeinung.

Die wissenschaftliche Methode hat Regeln, die etwa derartige Wortableitungen nicht zulassen; sie verlangt logisch ablaufende Argumentationen. Das sind Grundvoraussetzungen. Reiser ist demnach in die Belletristikabteilung zu verweisen. Muss man Reiser also ganz lesen? Nein! Mehrere Stichproben genügen – und eigentlich reicht schon eine derartige „Ableitung“, um das Buch weg zu legen: Text wie Argumentation sind „verkorkelt“.

Um Reiser nochmals zu zitieren:

„Und ein reger Geist lernt an diesem Sachverhalt, wohl oder erhaben, nützlich oder verderblich, Dogmen und Zeichen sind. Wenn man weiß, dass alles schon einmal da gewesen ist, kann relativieren. – ist ein mit Verstand ausgerüsteter Mensch, aus dem aus der Lebenskünstler geschaffen ist.“ (S. 95)

Doch Reiser steht nicht allein, denken wir an Illigs verschwundene 300 Jahre!15 Beide sind auch nicht einzigartig. Bei jedem Thema mit gewissem (Verschwörungs-, Esoterik-)Potenzial wird man auf seltsame bis abartige Thesen und Hypothesen stoßen. Die Titel klingen oft genug noch seriös. Man bestellt sie, Fernleihkosten fallen an und dann reicht für den ersten negativen Eindruck oft genug die Schlusszusammenfassung: wenn die „Thesen“ der bisherigen Forschung durch ein eigenes, „völlig neues und sensationelles Bild endlich widerlegt“ sind…

Das ist dann schon ein erster Warn-Hinweis, um in eine spezifische Prüfung einzutreten.

Halten wir als Grundannahmen einmal fest: Eine begründete Aus-Wahl der Gegenstände und Themen muss jeweils getroffen werden, denn menschliche Kapazitäten sind beschränkt. Alle möglichen Rätsel der Welt lassen sich nicht behandeln.16 Bevor man sich also näher mit einer sehr kühn anmutenden Methode, Theorie, Hypothese oder einer „These“ (so Illig) beschäftigt, ist deren Plausibilität zu bedenken. Auch was als felsenfeste Sicherheit da steht, kann recht hohl sein. Es handelt sich oft um nichts anderes als abenteuerliche bis abwegige Hypothesen. Diese müssen im wissenschaftlichen Prozess verifiziert/falsifiziert werden. Das gelingt – aus allgemeiner/fachlicher Erfahrung – bei manchen besser und sicherer als bei anderen. Dann ist die „Apriori-Wahrscheinlichkeit“ dafür höher. Bleiben wir bei Illig: 300 verschwundene Jahre nachzuweisen – äußerst geringe „Apriori-Wahrscheinlichkeit“! Wenn sie, wie diese, sogar gegen Null tendiert, ist andererseits der Aufwand, sie zu bestätigen, sehr hoch. Ein nicht bestätigender Einzelfall widerlegt die These leichter, als dass sie viele andere „Fakten“ stützen könnten.17

Hypo-/Thesen, die der gesamten wissenschaftlichen Empirie zuwiderlaufen, verfügen nur über eine kleine „Apriori-Wahrscheinlichkeit“, sie sind gewöhnlich nicht brauchbar.18 Das gilt, wiederum schon fast als Apriori-Regel, wenn Thesen von „Außenseitern“ der Wissenschaft formuliert werden.19 Die Beschäftigungsneigung der Wissenschaftler dazu entspricht dem analog. Eigentlich reichte eine geringe „Apriori-Wahrscheinlichkeit“ schon aus, um sich die Arbeit zu sparen – das gilt etwa auch bei der Wahl von Themen.

Dennoch macht man sich mehr Mühe als eigentlich notwendig ist, um die Befunde abzusichern. In der Wissenschaft stehen immer Meinungen und Sichtweisen einander gegenüber. Erst die Überprüfung, dann die Billigung der Fachwelt verhilft ihnen zur aktuellen Geltung – immer vorläufig und überholbar. Mehr als diese Art von „Plausibilität“ ist nicht möglich. Die Gültigkeit wird durch den Konsens der Mehrheit der Wissenschaftler erreicht, das ist die Arbeitsgrundlage. Andere Schiedsrichter gibt es nicht. Wenn hier aber schon negativer Konsens unter den Wissenschaftlern besteht, ausgewiesen durch die Rezensionen eines Werkes, dann reicht eigentlich auch schon der Verweis auf diese.

Es gibt für wissenschaftliche Literatur noch eine Bedingung: die Argumentation muss schlüssig und logisch sein. Da wir das aber kaum gelernt haben, fallen wissenschaftliche Beweisgänge manchmal etwas schief aus. Oft werden Fehlschlüsse nicht erkannt oder: „Tausend sehn den Nonsens eines Satzes ein, ohne im Stand zu sein, noch Fähigkeit zu besitzen, ihn förmlich zu widerlegen“ (Lichtenberg, F 868). Wie Lichtenberg als Naturwissenschaftler hinwies, hilft die „förmliche“ Analyse zu erkennen, ob überhaupt korrekt argumentiert wurde. Das ist ein neutrales Instrument. Eine unsaubere, unlogische Argumentation führt zu einem unzulässigen Ergebnis. Derartige Feststellungen berechtigen zu einer Ab-/Qualifizierung. Sind die Gedanken nicht logisch gereiht, ergibt sich aus den Prämissen nicht die Schlussfolgerung: dann zumindest die der Unbrauchbarkeit der Aussagen. Auch das ist Konvention in der Wissenschaft.20

So hilft ein Logik-Check. Bei Reiser erwies er falsche Ableitungen und bei Illig ist es nicht anders:

Einhard macht viele „historische Fehler“, obwohl er wohl kein „tumber Tor“ war.21

Er konnte nichts „sehen, weil Fiktives nicht im sichtbaren Bereich des Spektrum auftritt“.22

Statt zu erzählen, plagiierte er Suetons Kaiserbiographien.

ERGO: Einhards Erfinder „sog sich erst im 12. Jhd. Karls Vita aus der Feder„.23

Illig setzt in den Prämissen auf die Alltagslogik mit deren Annahmen: Nur wer dumm ist, macht falsche Aussagen (und nicht auch einer, der nur ungenügende Informationen hat). Die zweite Prämisse über Fiktion, ist zirkulär: Unsichtbares ist nun einmal unsichtbar – und als solches banal. Die dritte Prämisse ist eine zugespitzte Literaturübernahme. Die Schlussfolgerung ergibt sich nicht aus den Prämissen, sondern ist schlicht eine (neue) These. Illig plakatiert seine „These“! Er leitet sie schlicht, aber nicht adäquat aus den Prämissen ab.

Es müssen und können aber jeweils nicht alle Aussagen aufgeführt werden, im Grunde reichte schon eine falsche Ableitung, wenn das aber als durchgängiges Prinzip erscheint, kann man aufhören zu lesen!

Noch einmal Illig:

Die Aussagen der Fachleute sind widersprüchlich

Aus Widerspruch kommt kein Konsens

Illigs These beseitigt Widersprüche24

Illigs Konklusion lässt sich nicht ableiten. Auch hier liegt nur eine Behauptung vor, die nicht aus den Prämissen hervorgeht.

Wie aber gelangt man zu einer solchen Überprüfung? Indem man sich einliest oder einen entsprechenden Kurs besucht.25Das hilft auch dazu, eigene Fehler zu vermeiden.

Wenn „revolutionäre“ Erkenntnisse auf Klappentexten verheißen werden, dann ist Vorsicht geboten. Dergleichen kommt vor, doch „kopernikanische Wenden“ sind selten, mählicher Fortschritt der Wissenschaften, geduldiges Arbeiten im Steinbruch oder Rudern auf der „Universitätsgaleere“ (H 119) die Regel. Dann muss ein Schnell-Test beginnen:
  • „Apriori-Wahrscheinlichkeit“ wie hoch ist sie? Das lässt sich bereits beurteilen, wenn man den Stand der Wissenschaft durch Lektüre erworben hat.
  • Außenseiterposition – wird schnell deutlich. Einer gegen alle ist ein Western- kein Wissenschaftsgenre. Häufig wird die verbunden mit ideologischen Positionen, ob religiös, esoterisch, kompensatorisch…
  • Argumentationsgang.

Für einen derartigen Check reicht die Lektüre:

  • der Zusammenfassung,
  • weiter der Einleitung,
  • herausgegriffener Passagen und des Argumentationsgangs an einzelnen Punkten.

Wenn das alles so zusammenpasst und ein stimmiges Bild ergibt wie bei beiden obigen „Musterautoren“ reicht das: Schluss. Dann bleibt Zeit für anderen Genuss – und seien es Günthers Gedichte!


 

Angaben zum Autor:
Prof. Dr. Lothar Kolmer, o. Univ. Prof. an der Universität Salzburg für Mittelalterliche Geschichte und Hist. Grundwissenschaften. Leiter der „Rhetorik an der Universität Salzburg, Herausgeber „rhesis“, „RehtOn für Rhetorik und Wissenstransfer“. Mitglied im „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“.

[1] Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, in: Sämtliche Werke Bd. 5, hg. v. Wolfgang v. Löhneisen, 2. Aufl.,Stuttgart 1968, 609, § 283.

[2] E bd., § 281: „Gegen die gewissenlose Tintenkleckserei unserer Zeit und gegen die dennoch immer höher steigende Sintflut unwütiger und schlechter Bücher sollten die Literaturzeitungen der Damm sein, indem solche (unbestechbar, gerecht und strenge Urteil) jedes Machwerk eines Unberufenen, jede Schreiberei, mittelst der leere Kopf den leeren Beutel zu Hülfe kommen will, folglich, wohl 9/10 aller Bücher, schonungslos geißelten, und dadurch pflichtgemäß dem Schreibkitzel und der Prellerei entgegen arbeiteten, statt solche dadurch zu befördern, dass ihre niederträchtige Toleranz im Bunde steht mit Autor und Verleger, um dem Publico Zeit und Geld zu rauben. In der Regel sind die Schriftsteller Professoren oder Literaten, die bei niedrigen Gehalten und bei schlechten Honoraren aus Geldbedürfnis schreiben.“

[3] Ebd., § 296a: „Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.“

[4] Lukian von Samosata, Wie man Geschichte schreiben soll, hg. v. H.. Homeyer, München 1965, 123, c. 22 ff.

[5] Wolfgang Promies, Georg Ch. Lichtenberg, Schriften und Briefe, Band 1, Sudelbücher, München 1968.

[6] Da es nur um das Exemplarische geht, entfällt die namentliche Nennung.

[7] Schopenhauer (wie Anm. 1), § 283.

[8] Lichtenberg (wie Anm. 5): „Ein Mensch wählet sich ein Thema, beleuchtet es mit seinem Lichtchen so gut ers hat und schreibt alsdann in einem gewissen erträglichen Modestil.“

[9] Schopenhauer (wie Anm. 1), § 283: „Sie bringen demnach, was sie zu sagen haben in gezwungenen schwierigen Wendungen, neu geschaffenen Wörtern und weitläuftigen, um den Gedanken herum gehenden, verhüllenden Perioden vor. Sie schwanken zwischen dem Bestreben, denselben mitzuteilen und dem, ihn zu verstecken. Sie möchten so aufstutzen, das ein gewährtes oder tiefsinniges Ansehen erhielte, damit man denke es stehe viel mehr dahinter, als man zur Zeit gewahr wird.“

[10] Jacques Lacan, Radiophonie Television, Berlin 1988, 38: „Wenn man sich an das hält, was ich dieses Jahr aus einer radikalen Artikulation des Diskurses des Herrn als Kehrseite des Diskurses des Psychoanalytikers eingesetzt habe, wobei zwei andere Diskurse sich motivieren aus einer Vierteldrehung, indem sie übergehen vom einen zum anderen, ´namentlich der Diskurs der Hysterika auf der einen Seite, der universitären Diskurs auf der anderen, so ist das, was von daher sich beiträgt, dass das Unbewusste nur in der Dynamik zu tun hat, die die Schaukel des einen von diesen Diskursen umkippt in den anderen. Nun , zu Recht oder zu Unrecht, ich habe geglaubt, wagen zu können, sie zu unterscheiden aus dem Gleiten – einer Kette, artikuliert aus dem Signifikanteneffekt, betrachtet als Wahrheit – über der Struktur – als Funktion des Realen in der Ausstreuung des Wissens. Ausgehend von da ist zu beurteilen, was das Unbewusste subvertieren kann. Gewiss kein Diskurs, wo es höchstens aus einem Sprechgebrechen erscheint.“

[11] In einem Text über Gehirnforschung findet sich folgende Passage: „In der Tat, wir lernen unsere Muttersprache nicht anhand einer Sammlung elaborierter Texte, ja, überhaupt nicht als Texte, vielmehr – mit ihrem gesamten Reichtum, mit Wortschatz, Syntax, Semantik, Metaphern, mit Melodik, Tempora und Modi, mit Erzählmustern und sonstigen narrativen Mitteln, mit Wortspielen und semantischen Scherzen, auch mit entsprechenden Täuschungsmanövern, in ihrer ganzen mimischen, gestischen, affektiven Ausdrucksbreite, kurzum mit allen wesentlichen Feinheiten, die uns unsere Erzieher und unsere Gesellschaft zur Verfügung stellen können – vielmehr lernen wir die Sprache unbewusst durch kommunikative Nachahmung als Kleistkinder, Unmündige und Kinder bis zur Pubertät, durch individuelles Hineinwachsen in das vermittelte Zeichensystem für die reale Welt, die uns umgibt.“ Da wurde sichtlich keine Erkenntnis gezogen für die Aufnahmefähigkeit des Gehirns für derartige Sätze.

[12] Schopenhauer (wie Anm.1), § 283: “ […] bald wieder bringen sie ihren Gedanken mit einem Schwall von Worten vor, mit der erträglichsten Weitschweifigkeit, als brauchte es Wunder welche Anstalten den tiefen Sinn desselben verständlich zu machen. […] in einer vornehm sein sollenden Schreibart, z.B. einer so recht… schlechthin […] gründlich und wissenschaftlichen, wo man dann von der narkotischen Wirkung lang gesponnener Gedanken leerer Perioden zu Tode gemartert wird.“

[13] Ebd. § 283: „Ist doch der Stil der bloße Schattenriss des Gedankens: Undeutlich oder schlecht schreiben heißt dumpf oder konfus denken.“

[14] Ebd., § 283.

[15] Vgl. dazu Lothar Kolmer, Aporien historischer Argumentation oder wie sich Illigs 300 Jahre im Zylinderhut zusammenklappen lassen, in: Scientia iuris et historia, FS Peter Putzer, hg. v. Ulrike Aichhorn u. Alfred Rinnerthaler, Egling 2004, 537-557.

[16] Vgl. dazu Wesley C. Salmon, Logik, Stuttgart 1997 (Reclam 7996), bes. das Kap. „Hypothesen“, ab S. 214.

[17] Ebd. 194, 232 f.

[18] Ebd. 230 f.

[19] Ebd., 193.

[20] Vgl. Ebd., erstes Kapitel, ab S. 7.

[21] Heribert Illig, Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte, Düsseldorf 1998, 345.

[22] Ebd. 346.

[23] Ebd.

[24] Ebd. 20.

[25] Leider sind derartige Kurse an Universitäten eine Seltenheit. Im Rhetorikunterricht an der Universität Salzburg bieten wir sie jedoch an!