Maurer Marcus, Reinemann Carsten: Schröder gegen Stoiber

Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle.

Wiesbaden 2003.

 

Es gehört keine Prophetengabe dazu: nach den Fernsehduellen der letzten Wahlkämpfe werden erstere zunehmen – und beide werden anders aussehen. Schon allein deswegen, weil die Reichweite des Mediums so groß ist, wird dieses Format bedient. Die Gewinner stehen fest: die politischen Parteien und ihre Kandidaten, die Verlierer ebenso: die Spät-Aufklärer, die Verfechter und Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit.

Die Autoren haben die TV-Duelle vor der deutschen Bundestagswahl im September 2002 mit der zentralen Frage untersucht, ob diese Wähler beeinflussen. Die Meinung darüber war geteilt, eine Einwirkung eher weniger angenommen worden. Eine Messanordnung, während der Diskussionen an 75 Wahlberechtigten angelegt, sollte überprüfen, wie diese die Kandidaten unmittelbar wahrnahmen und beurteilten. Es folgten noch Abfragen vor und unmittelbar nach der Debatte und nach Ablauf von fünf Tagen.

Die Ergebnisse sind dazu angetan, das Bild eines aufmerksamen und kritischen Publikums zu erschüttern. Sprachliche Fehlleistungen der Kandidaten wurden nicht wahrgenommen; emotionale Aussagen führten am ehesten zu Sympathiepunkten. Das bedeutet aber, dass rationale Aussagen, klare Kritik am Gegner, eindeutige Positionierung des Standpunktes nach diesen Erkenntnissen kontraproduktiv sind. Sie führen bei der immer größer werdenden Zielgruppe der unentschlossenen Wähler zu einem negativen Bild – jedoch Gemeinplätze, denen die Mehrzahl des Publikums zustimmen konnte, zu einem positiven! Weitere derartige Untersuchungen erscheinen dringlich, um den Befund zu modifizieren bzw. zu erhärten. In letzterem Fall sähen wir künftig nur noch weich gespülte KandidatInnen, hörten pathetische Allaussagen.

Eine Einwirkung scheint unzweifelhaft – doch noch wandelbar. Die Meinung einzelner Zuseher änderte sich, wenn die allgemeine Presseberichterstattung, die eigene peer-group dieser konträr gegenüberstand. Die Einzelmeinung passt sich der Allgemeinheit an. Insgesamt kommt die Studie zum Schluss, dass gerade bei Kopf-an-Kopfrennen, bei potentiell knappen Wahlausgängen ein Fernsehduell ausschlaggebend sein kann.

Die Parteien werden das aufmerksam zur Kenntnis nehmen und die Formate entsprechend zu gestalten suchen. Deswegen schlagen die Autoren vor, künftig echte Kontroversen ablaufen, die Kandidaten nicht bloße Statements von sich geben zu lassen. Das aber verlangte auch mehr von den fragenden Journalisten: entsprechende Vorbereitung, präzise Fragen, Täuschungsmanöver, Ausweichstrategien etc. zu erkennen und ihnen begegnen zu können.

Damit hat sich eine Abkehr von der früheren, klassischen Wahlrede vollzogen. Doch – und das ist auch eine Erkenntnis des vorliegenden Bandes – was viele moderne Studien zu beweisen versuchen, das wussten schon die antiken Autoren, von Aristoteles bis Quintilian: Das Wahrscheinliche ist plausibler als das Wahre, der emotionale Redestil wirkt besser als der rationale. Werden die Eigeninteressen der Zuhörer angesprochen, erhält man die größte Aufmerksamkeit… So gesehen nichts Neues: der Rhetorik kommt auch in den Fernsehdebatten ein enormer, d. h. der alte Stellenwert zu.

Lothar Kolmer

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