Naturalistischer Fehlschluss

Naturalistischer Fehlschluss

Ein Fehlschluss ist eine inkorrekte Ableitung einer Behauptung (Konklusion) aus vorangegangenen Behauptungen (Prämissen). Das bedeutet: es können durchaus alle vorkommenden Behauptungen wahr sein, aber der Zusammenhang durch die Ableitung ist eben kein logisch gültiger Schluss, sondern Zufall, ein Irrtum – oder rhetorische Absicht? Umso wichtiger ist es, Fehlschlüsse zu erkennen. Zu erwarten sind sie insbesondere im Hauptteil (argumentatio) von rhetorisch gestalteten Texten. Eine Art von Fehlschluss ist der naturalistische Fehlschluss. Er zeichnet sich dadurch aus, dass in den Prämissen ausschließlich von Tatsachen die Rede ist, während in der Konklusion eine normative Phrase vorkommt. (Der umgekehrte Fall wäre ebenso ein Fehlschluss: aus rein normativen Prämissen wird eine Tatsache gefolgert. Aber hier bewahrt uns der Hausverstand eher vor Fehlschlüssen als im ersten Fall.)

Die Bezeichnung “naturalistisch” kommt aus der Philosophiegeschichte. Es geht um eine mögliche Antwort auf die Frage: Können wir normative Begriffe (“x ist gut”, “x soll getan werden”, “x ist verboten” etc.) ausschließlich mit Hilfe empirischer Begriffe (“x empfindet y als angenehm”, “x bringt der Mehrheit der Menschen Nutzen” etc.) definieren? Die Antwort des metaethischen Naturalismus lautet: “Ja”. Ein berühmter Vertreter war John Stuart MILL (1806-1873). Mit ähnlichen Fragen setzten sich zuvor schon David HUME (1711-1776) und Immanuel Kant (1724-1804) auseinander, kamen jedoch zu anderen Antworten.

Der naturalistische Fehlschluss findet sich häufig in moralischen Ausführungen, Appellen, Forderungen. Gerade wenn diese von moralischen, religiösen oder auch wissenschaftlichen Autoritäten geäußert werden, wirkt der Schluss oft recht plausibel, ohne damit korrekt und in Argumentationen zulässig zu sein.

Ein Beispiel für einen naturalistischen Fehlschluss liefert der Gastkommentar des Alt-Erzbischofs von Salzburg, Georg Eder, in den “Salzburger Nachrichten” vom 07. August 2003, S. 7 (Originalzitate im Folgenden kursiv). Eder beruft sich darin auf ein Dokument, das

Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation (…) herausgegeben (hat), in dem die so genannte “Homo-Ehe” als sittlich schlecht und gegen die Natur gerichtet bezeichnet wird.

Hier haben wir die Berufung auf eine religiöse Autorität (für einen religiösen Menschen soweit o.k.), und wir erfahren die Konklusion der Argumentation, die Eder anscheinend von Ratzinger übernimmt: Die “Homo-Ehe” ist sittlich schlecht. Die Argumente für diese Behauptung werden nun nachgereicht:

Der ganzen Natur (…) ist ein Gesetz eingeschrieben: das Naturgesetz.

Soweit wird man noch folgen können. Es ist die faktische Ebene, zumindest sofern man unter “Naturgesetz” bloß empirische Gesetze der Naturwissenschaften versteht.

Nicht Kardinal Ratzinger hat das natürliche Sittengesetz erfunden, auch nicht der Papst sondern der Schöpfer hat es gleich am Anfang dem Menschen eingeschrieben.

Hiermit erfolgt gleichsam der Ansatz zum Sprung vom Faktischen ins Normative: das “natürliche Sittengesetz” wird als Naturgesetz behandelt – damit sind wir schon in der Begrifflichkeit der katholischen Moral und Metaphysik. Es wird suggeriert, dass der Begriff “Ehe” jeglicher Debatte durch menschlichen Intellekt entzogen sei.

Die Ehe ist – seit Erschaffung der Menschen – die Liebesgemeinschaft zwischen Mann und Frau, deren Auftrag es ist, das Leben weiterzugeben. (…) Gleichgeschlechtliche Paare können das nicht.

Menschliche Reproduktion findet seit jeher in heterosexueller Form statt – faktisch richtig. Suggeriert wird zusätzlich, dass es die Ehe im katholischen Sinn sei, mit ihrem “Auftrag, das Leben weiterzugeben”, die sich um den Fortbestand der Spezies Mensch bis auf den heutigen Tag verdient gemacht habe.

Schon die Anatomie des menschlichen Körpers zeigt, dass nur Mann und Frau zusammenpassen (wie zwei Hälften – Ehehälften).

Hier verlässt Eder den theologischen Kontext, um einen quasi-biologischen empirischen Satz hinzuzufügen. Wahrscheinlich will er damit jene Formen von “Verkehr” einbeziehen, die zwar quasi-biologisch korrekt sind, jedoch nicht ehelich – und jedenfalls nicht homosexuell.

Damit ist auch schon gesagt, dass andersgearteter Verkehr gegen die Natur und damit gegen Gottes Gesetz verstößt.

Die Konklusion, hier noch einmal in Eders eigenen Worten, nimmt die obige Gleichsetzung von Natur und Sittengesetz wieder auf.

Im Übrigen wird der Begriff “Natur” nicht eigens definiert, sondern im eigenen katholischen Verständnis stillschweigend vorgegeben. Bliebe man bei einer allgemeinen Definition, wonach “natürlich” alles das ist, was faktisch vorkommt, dann ließen sich obige Schlüsse nicht ziehen!

Was also jeweils als “natürlich”, “empirisch gegeben” gilt, bleibt immer genau und kritisch zu fragen, wie auch die daraus gegebenenfalls erschlossenen Ableitungen.

lk, dgj

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