Marcus Fabius Quintilianus und die Praxis der politischen Rhetorik heute

Abstract: Ist Politikverdrossenheit oder Politikerverdrossenheit nicht auf den Mangel eines klassischen, gleichsam quintilianischen Rhetorikverständnisses zurückzuführen? Können wir nicht gerade damit einen Bogen von Rhetorik zu Pädagogik und Ausbildung in Schule und Hochschule schlagen? Braucht es nicht des mündigen Bürgers – und verhilft Rhetorik nicht gerade auch dazu?


 

Roland Wöller

Marcus Fabius Quintilianus und die Praxis der politischen Rhetorik heute

Vortrag anlässlich der Salzburger Rhetorikgespräche 2004

 

Besuchen wir heute irgendeine Buchhandlung und schauen wir uns die Bücher in den Regalen an, die mit „Kommunikation“, „Management“ oder „Wirtschaft“ überschrieben sind, dann stoßen wir in weniger als fünf Sekunden unweigerlich auf Rhetorikbücher. Sie tragen verschiedene Titel, meistens reißerische, und wecken, wohl absichtlich, die Hoffnung : Wenn ich dieses Buch studiere, dann lerne ich blitzschnell einige rhetorische Kniffe und kann Menschen im Handumdrehen überzeugen. Diese Bücher sind meistens gehobene Kochbücher für die Zubereitung einfacher und schneller Speisen, abgeschmeckt mit scharfen und würzigen „Tipps und Tricks“. Schmähen will ich diese Werke keineswegs. Sie sind überwiegend kompakt und nützlich. 

Schauen wir uns aber dann die Bücher in den Regalen „Erziehung“ oder „Pädagogik“ an, werden wir sicherlich auf kein einziges Rhetorikbuch stoßen. An sich nichts Besonderes. Erwarten wir doch keine pädagogischen Werke mit rhetorischem Inhalt. Es sind die Politiker und Manager, welche die Sitz- und Stehplätze im Kolosseum des Redewettstreites besetzt haben, um dem Kampf der wortgewandten Gladiatoren in der Arena beizuwohnen oder am besten selbst daran teilzunehmen und ihre Führungsqualitäten hinauszuposaunen.

Aber genau darauf, dass Rhetorik vielleicht doch mit Pädagogik zusammenhängt, haben mich einige Überlegungen von Walter Jens gebracht, der seine Gedanken über einen berühmten römischen Rhetoriklehrer, über Quintilian, so zusammenfasst: Der wahre Redner ist, im Sinne Quintilians, in erster Linie immer Pädagoge: Aus Gründen der Erziehung, und nicht um des sophistischen Blendungsspiegels willen, hat Lessing so sehr die witzigen Aporien geschätzt – sie dienten seinem Appell, das Gegebene nicht als Fatalität aufzufassen, sondern immer auch das Gegenteil zu bedenken, sich auszumalen, die Welt wäre anders als jetzt, das Potenzielle sei praktikabel und die Dinge stünden plötzlich auf dem Kopf.

Es ist diese Verbindung zwischen Rhetorik und Pädagogik, worüber ich heute mit Ihnen laut denken möchte. Wenn schon der Bundeskanzler dieses Jahr zum „Innovationsjahr“ ausgerufen hat und die ganze Republik über Bildungsmisere und Bildungswunder spricht, dann lohnt es sich in diesem Kreis auch über Rhetorik zu sprechen, die gewiss keine Unmengen an Arbeitsplätzen schaffen oder marktfähige Produkte herstellen wird, aber unseren Blick auf Erziehung und Bildung vielleicht doch zu erweitern vermag. Quintilian hatte den ersten öffentlich besoldeten Lehrstuhl für Rhetorik inne. Sein Hauptwerk „Ausbildung des Redners“ ist eine umfangreiche Schrift über die Erziehung, deren Ziel die Bildung des idealen Redners ist. Wer ist aber dieser perfectus orator? Die Antwort, die Quintilian hierauf gibt, ist ebenso klar wie seltsam: Er ist ein Ehrenmann, der Reden kann. Redegabe und Mannestugenden bedingen sich also. Diese rhetorischen und moralischen Anlagen wohnen dem Menschen inne; sie sollen durch Erziehung und Schulung entfaltet werden, um den idealen Menschen in der Person des praktisch handelnden Redners zu verwirklichen.

Bereits in früher Jugend muss der angehende Redner sich mit den grundlegenden Wissenschaften befassen – so Quintilian – und einen hohen Grad der Allgemeinbildung erreichen, denn diese ist Voraussetzung für das praktische Handeln. Diese Allgemeinbildung umfasst bekanntlich – neben der Rhetorik – die Philosophie, Grammatik, Musik, Geometrie. Die Interpretation von dichterischen Werken schult nach Quintilian die Urteilskraft und die Beschäftigung mit der Geometrie den Scharfsinn. Auch die so genannte Affektenlehre der Musik ist nützlich für den Redner und die Philosophie, besser gesagt, die Moralphilosophie fördert dessen tugendhaftes Handeln.

In unseren Ohren klingen diese Zusammenhänge recht befremdlich, unbekannt und teilweise sogar verstaubt. Wir sprechen heute zwar von „Verantwortung“, weniger oder kaum von Tugenden, wenn es hoch kommt sogar von „Pflichten“, aber eher als Beigabe. Noch eigentümlicher nimmt es sich aus, wenn Quintilian, wie vor ihm schon Seneca, den Verfall der Redekunst auf den sittlichen Verfall seiner Zeit zurückführt. Wir würden hierzulande wahrscheinlich eher umgekehrt reagieren: je besser die Rhetorik, umso größer der schlummernde Verdacht auf sittlichen Verfall, auf mangelnde Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.

Wenn ich mir den perfectus orator ausmale, so wie ihn Quintilian schildert, dann weiß ich nicht so recht, ob damals für Quintilian oder, vor ihm, für Cicero der folgende uns allen bestens vertraute und von Politikern reichlich ausgeschlachtete Satz überhaupt noch einen Sinn ergeben hätte. Der Satz nämlich: „Reden Sie nicht, handeln Sie“, oder: „Genug der Rede, es ist Zeit zu handeln“, oder „Die reden nur und tun nichts“. Haben Menschen schon damals einen Keil zwischen Reden und Handeln getrieben? Bedeutet tugendhaftes Reden nicht schon Tun und Praxis?

Auch die rhetorische Schulung, wie sie uns Quintilian empfiehlt, klingt heute für uns recht dissonant. Musik, Dichtung, Geometrie und Philosophie? Stellen Sie sich mal vor, Politiker würden Rhetorikkurse mit solchem Inhalt belegen müssen. Ich gehe davon aus, dass die Seminaranbieter wahrscheinlich Pleite gehen würden. Was allerdings heute noch, vielleicht viel bewusster als gestern und vorgestern bedacht wird, und worauf selbst Quintilian großenn Wrt gelegt hat, ist die Körpersprache – von Mimik und Gestik bis Kleidung und Frisur. Die Frage nach dem Schicklichen und Ziemenden bei Auftritten war damals genau so aktuell wie heute.

Rhetorik scheint mir als die Summe von praktischen Kniffen zu sein. Wir sollten die erzieherische Funktion der Rhetorik stärker in den Vordergrund stellen. Unter Erziehung verstehe ich nicht die Trainings, z.B. für bessere Präsentationen oder geeignete Körpersprache. Unter Erziehung verstehe ich vielmehr die ganzheitliche Menschenbildung die aus unserer demokratischen Gesinnung erwächst und die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger fördert. Auch wenn Kant die Rhetorik gering schätzte, meine ich, dass sie doch eine aufklärerische Funktion auszuüben vermag. Walter Jens hat es angesprochen, als er im obigen Zitat dafür plädiert, das Gegenteil des Gegebenen zu bedenken. Ist das keine Aufforderung an angehende Redner selbst zu bedenken, Fragen zu stellen, nichts als selbstverständlich hinzunehmen und alles auf den Kopf zu stellen? Eine Aufforderung, die in der rhetorischen Findekunst beheimatet sein dürfte. Gerade in jener Gesellschaft, die wir „Wissensgesellschaft“ nennen, ist diese erzieherische Funktion der Rhetorik notwendig. Ich beschränke mich hier auf zwei Stichworte: „Soziale Kompetenz“ und „Glaubwürdigkeit“.

Soziale Kompetenz ist unser tägliches Brot – für alle Organisationen. Nur wenn wir aus ihr schöpfen, schaffen wir eine solide Basis für den Erfolg, auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Das, was Quintilian in Bezug auf Körpersprache oder Körperhaltung das Ziemende und Schickliche nennt, das aptum, gilt bekanntlich auch für die Rede. Aber um zu erkennen, was sich schickt und ziemt, bedarf es eben der sozialen Kompetenz. Und es bedarf ihrer, wenn man im dialektischen Spiel sich in die gegnerische Position hineinzuversetzen hat oder in die Gemütslage der Zuhörer. Empathie ist jener Kompass, der uns zeigt, was schicklich und was unschicklich ist.

Und jetzt zur Glaubwürdigkeit. In der Wissensgesellschaft ist für uns alle die Welt komplexer geworden. Gerne sprechen wir von der Flut von Informationen, die auf uns täglich niederprasseln. Welche Informationen sind wichtig und welche nicht? Welche brauche ich und welche nicht? Kommunikationsprofis wissen, warum Aufmerksamkeit heute eine so knappe und wertvolle Ressource ist, um die zu buhlen es sich lohnt. Sie versuchen daraus Kapital zu schlagen, indem sie sich den Hang, ja den Drang der Menschen zu Nutze machen, Komplexität zu reduzieren, zu vereinfachen. Die reißerischen Titel unserer Rhetorikbücher in den Regalen sind ein beredtes Zeichen dafür und ein Zeichen dafür sind auch die einsilbigen „Statements“ unserer medienförmigen Politiker. Ob man nun diese Entwicklung gutheißen oder schelten sollte, sei dahingestellt. Wichtig ist für uns die Feststellung – und das spüren Politiker täglich -, dass Parteiprogramme und nur sachbezogene Argumentationen, wie tiefsinnig und vollständig sie auch sein mögen, vergilbt sind und verblasst wirken. Gefragt sind stattdessen Menschen, Gesichter, mit Charisma und Glaubwürdigkeit. Parteiprogramme sind komplex; sie zu studieren bedarf langer Zeit und Mühe, doch Menschen einzuschätzen geschieht schnell, es dauert meistens einige Sekunden, und im Laufe der Zeit gewinnen Menschen – auch durch die Medien – einen Eindruck davon, ob ein Politiker bzw. Unternehmer glaubwürdig jist oder nicht. Je glaubwürdiger eine Person, umso glaubwürdiger die Organisation, die sie vertritt. Kehren wir aber damit nicht zurück zum Ehrenmann von Quintilian? Ist Glaubwürdigkeit nicht jene Einheit von Sagen und tun, von Stil und Sittlichkeit, die Quintilian vorschwebte? Erwächst Glaubwürdigkeit nicht aus der Integrität eines Menschen, der vielleicht Ecken und Kanten hat und gerade deshalb ein Profil zeigt, einen Charakter und nicht bloß ein Image, ein Erscheinungsbild? Glaubwürdigkeit kann man durch Tricks vortäuschen, aber nicht dauerhaft. Menschen werden es durchschauen und sie werden es honorieren, wenn das Reden und Handeln miteinander übereinstimmen.

Ich schließe mein lautes Denken mit drei Fragen ab: Ist Politikverdrossenheit oder Politikerverdrossenheit nicht auf den Mangel eines solchen Rhetorikverständnisses zurückzuführen, das uns Quintilian nahe legt? Können wir nicht gerade hier einen Bogen von Rhetorik zu Pädagogik und Ausbildung in Schule und Hochschule schlagen? Der mündige Bürger als perfectus orator?


Angaben zum Autor:

Dr. Roland Wöller
ist Mitglied des Sächsischen Landtages, weitere Informationen:
http://www.rolandwoeller.de/


Zitiervorschlag:

Wöller, Roland:Marcus Fabius Quintilianus und die Praxis der politischen Rhetorik heute. , in: RhetOn. Online Zeitschrift für Rhetorik & Wissenstransfer 2/2004 (www-Datei: http://www.rheton.sbg.ac.at/?page=articles&section=02.04&article=woeller, [Datum des Abrufs]).