Wahlkampfreden

Abstract: Wahlkampfreden sind eine besondere Art der politischen Rede, weil sie politische Inhalte bewerben und vor allem in der heißen Wahlkampfphase schwarz-weiß zeichnen. Sie polarisieren, personalisieren, vereinfachen, emotionalisieren, dramatisieren und erheißen Zukunft. Der Autor, als Mitglied des Sächsischen Landtages selbst Politiker, unterscheidet zudem zwischen einem Herausforderer-Stil und dem Amtsinhaber-Stil.


 

Roland Wöller

Wahlkampfreden

Vortrag bei den 3. Salzburger Rhetorikgesprächen im April 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wahlkampfreden sind eine besondere Art der politischen Rede. Sie sind politische Reden, weil sie politische Inhalte bewerben; sie sind eine besondere Art der politischen Rede, weil sie die Welt während der heißen Wahlkampfphase schwarz-weiß zeichnen. Die Welt, vor allem die innenpolitische Welt, verliert für einen bestimmten Zeitraum ihre Farben und zeigt sich nur in schwarz-weiß – mögen die kunstvollen Zeichner selbst rot, grün, gelb oder eben schwarz sein.

Ich habe bewusst von „zeichnen“ gesprochen, denn Parteien zeigen den Wählerinnen und Wählern eine schwarz-weiße Welt. Aber – das ist meine, und so denke ich, auch Ihre Hoffnung – gute Politiker wissen, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist, sondern bunt. Deshalb gehe ich davon aus, dass Politiker nur im Wahlkampf so reden wie viele, aber in der Regel so denken wie wenige – d. h. differenziert, sachgerecht und integrativ.

Jede Wahlkampfrede ist eine politische Rede, aber nicht jede politische Rede ist eine Wahlkampfrede. Politische Reden haben im Allgemeinen vier Dimensionen. Sie bewerben Inhalte, um Standpunkte zu verdeutlichen, besetzen Themen, um als erste in den Köpfen und Herzen der Bürger Anker zu legen, deuten Realitäten, um ihre Positionen in günstigem Licht darzustellen, und organisieren Verheißung, um Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren.

Je nach Anlass und Ort verschieben sich die Gewichte. In Veranstaltungen mit Verbänden und Lobbyisten überwiegen inhaltliche Aspekte, auf Parteitagen die Interpretation von Realitäten und in Wahlkampfreden die Verheißung der Zukunft.

In Wahlkampfreden treten Belehrung und Erheiterung zurück. Nicht die informative Funktion steht im Vordergrund, sondern die appellative Funktion: Wählen Sie uns!

Diesen Appell machen Wahlkampfreden hörbar, indem sie …
… polarisieren

… personalisieren

… vereinfachen

… emotionalisieren

… dramatisieren und

… Zukunft verheißen.

„Polarisieren“ bedeutet, ein Freund-Feind-Schema aufzubauen, Frontlinien zu ziehen und den Gegner direkt anzugreifen. Die beiden Volksparteien haben es hier leichter als die kleinen Parteien – vor allem auf Bundesebene. Und nicht selten ärgert es die kleinen Parteien, dass sie nicht einmal frontal angegriffen werden. Ab und zu werden sie gar nicht zum Schlachtfeld zugelassen. Die Fernsehduelle der Spitzenkandidaten hierzulande zeigen eben, wer sich duelliert und wer nur neidisch zuschaut. Die lauten Proteste von Guido Westerwelle bei Fernsehanstalten haben ihn auch nicht auf die Bühne katapultiert.
Die Polarisierung führt dann zur Personalisierung. Der Kampf bekommt Gesichter. Nicht mehr abstrakte Parteien treten gegeneinander an, sondern Kandidaten. Die gesamte Wahlkampfkommunikation ist auf diese Personen zugeschnitten. Die Partei ist die Person und die Person ist die Partei – wenn auch die Bürger in den Wahlkabinen letztlich Parteien und nicht Personen wählen.
Inhaltlich überschreiten Wahlkampfreden oft jene Grenze, die Albert Einstein scharfsinnig gezogen hat: Einfach, aber nicht einfacher. Genau dies tun jedoch Wahlkampfreden. Sie ziehen die Frontlinie auch mitten durch Argumente und Konzepte. Das eigene Konzept ist immer gut, richtig, zukunftsfähig, das Konzept der gegnerischen Seite schlecht, falsch und veraltet. Vereinfachungen verfälschen und verzerren natürlich die Realität. Aber in Wahlkämpfen dienen sie nicht der Urteilsbildung, sondern nur als Handlungsanweisung. Denn wer handelt, das heißt hier: wer wählt, entscheidet sich für etwas und gegen etwas anderes. Und genau darum geht es.

Emotionen sind die Triebfeder jeder Handlung. Deshalb emotionalisieren Wahlkampfreden. Das lateinische „movere“ bezieht sich eben auf Emotionen. Je stärker sie sind, desto leichter die Kreuzbewegung auf dem Wahlschein. Wenn es einem Spitzenkandidaten gelingt, positive Emotionen auf sich und negative auf seinen Kontrahenten zu projizieren, dann hat er gute Aussichten, die Wahl zu gewinnen. Eine interessante Frage ist, welche Rolle die Zeit dabei spielt. Wie lange hält der Eindruck einer Rede? Wie stark ist die emotionale Erinnerung? Was löst in der Wahlkabine genau diese Erinnerung aus? Auf diese Fragen werde ich aber jetzt nicht eingehen.

Es gibt zwei weitere gebräuchliche Mittel, die in Wahlkampfreden nahezu immer eingesetzt werden, um das Publikum emotional zu packen: Dramatisierung und Verheißung. Die gegnerische Partei wird diffamiert, ihre Leistung missachtet. Die Botschaft hier lautet: Wenn die so weitermachen, wird es uns sehr schlecht gehen. In der Verheißung dagegen malen Redner ihre eigenen Positionen in glänzenden, fröhlichen und gesunden Farben aus. Die Botschaft: Wenn Sie uns wählen, dann wird es uns prächtig gehen. Ähnlich argumentierte Gerhard Schröder gegen Helmut Kohl während einer Haushaltsdebatte, als er sagte:

„Es war eine Rede über die Vergangenheit. Jeder, der Ihnen zugehört hat, wird gespürt haben, dass Sie mit der Gegenwart Schwierigkeiten haben. Wer mit der Gegenwart Schwierigkeiten hat, wie Sie es deutlich gemacht haben, der hat sie natürlich erst recht mit der Zukunft. Sie sind nicht zukunftsfähig“.

Wer also die Zukunft nicht gestalten kann, darf auch nicht gewählt werden.

Anhand der Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft haben amerikanische Wissenschaftler den Unterschied zwischen dem Herausforderer-Stil und dem Amtsinhaber-Stil herausgearbeitet. Hier geht es um den Unterschied zwischen dem Regierungsstil und dem Oppositionsstil:

Die Regierungsseite oder der Amtsinhaber …

… will die Wählerinnen und Wähler dazu bringen, dass sie den Zustand so sehen, wie er ihn darstellt

… will sie davon überzeugen, dass das Ziel, das man ins Auge fasst, das einzig gute ist

… will ihnen zeigen, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen Erfolg versprechen, und

… will ihnen zeigen, dass alle anderen Maßnahmen Misserfolg bringen.

Die Opposition oder der Herausforderer will dagegen zeigen, dass …

… der Zustand gar nicht so ist, wie ihn der Gegner darstellt

… es andere, bessere Ziele gibt

… die vorgeschlagenen Maßnahmen von zweifelhaftem Erfolg sind

… es andere und bessere Maßnahmen gibt.

Dieses Schema der Wahlkampfreden, das ich gezeichnet habe, ist sehr allgemein und überspitzt, zeigt aber die Grundströmungen jeder Wahlkampfrede sehr deutlich. Je nach Situation, Publikum und Redner verschieben sich natürlich die Gewichte. Die Rücksicht auf mögliche Koalitionen, auf politische Konstellationen im Bund und in den Ländern spielen dabei genauso eine Rolle wie das eigene Temperament und die eigene Erfahrung.

Innerhalb dieses Schemas haben Politiker weitere lieb gewonnene Stereotypen entwickelt, welche die Argumentation betreffen. Ich nenne nur zwei: „Berechenbarkeit versus Unberechenbarkeit“ und „Ideologie versus Realitätssinn“.

Amtsinhaber betonen immer die Berechenbarkeit der eigenen Politik und werfen der gegnerischen Seite Unberechenbarkeit vor. Dabei zitieren sie gerne widersprüchliche Äußerungen der Opposition und dramatisieren diese Gegensätze. Die Botschaft hier lautet: Wer unberechenbar ist, kann, ja darf nicht regieren. Also, und das ist die versteckte Botschaft, bringt der Wechsel selbst Unberechenbarkeit mit sich und liegt daher nicht im Interesse des Landes.

Beim Argument der Ideologie lautet der gängige Vorwurf: Die Opposition schaue der Realität nicht ins Auge, sondern führe nur ideologische Debatten. Die Opposition ihrerseits kritisiert die Regierung: Sie sei abgehoben und erkenne die Bedürfnisse der Menschen nicht. In diesem Sinne warf einmal Helmut Kohl der Opposition im Bundestag vor:

„Meine Damen und Herren, wer solche Wahlniederlagen hat einstecken müssen und sich dann hier hinstellt und derartige Prognosen über Zeit und Politik unserer Lage abgibt, der lebt außerhalb der Realität der Bundesrepublik“.

Und Rudolf Scharping kanzelte die Regierung ab:

„Wer es fertig bringt, in der Grundsatzaussprache über seinen eigenen Haushalt und seine eigene Politik nur noch in Nebensätzen über die drängenden Probleme von Menschen in Deutschland zu reden, der ist so weit abgehoben, dass er die Menschen nur noch ameisenhaft wahr nimmt“.

Die einen sind also ideologieverhaftet, während die anderen die Bodenhaftung verloren haben. Argumente, die wir fast immer hören – sowohl auf Bundes- wie auf Landesebene.

Meine Damen und Herren,

Wahlkampfreden sind kurzlebig. Ich kenne keine Wahlkampfrede, die über ihren unmittelbaren Anlass hinaus gewirkt hat. Was von ihnen meistens übrig bleibt, sind einprägsame Formeln und deftige Sprüche, die man gerne beim Umtrunk zitiert und darüber herzhaft lacht. Wirklich große Reden sind aber in der Regel keine Wahlkampfreden. Gleichwohl sind es genau diese kurzlebigen Reden, die für vier Jahre Regierungen bestimmen und das Geschick eines Landes so oder so prägen. Auch die Medien tun das Ihrige dazu.

Medien haben den Wirkungskreis der Wahlkampfreden erweitert. Die klassische Vorstellung, dass der Redner vor einem klar umrissenen und räumlich definierbaren Publikum spricht greift nicht mehr. Auch Zuschauer am Fernsehgerät gehören letztlich zum Publikum, wenn sie auch nicht unmittelbar vor dem Redner sitzen und die Atmosphäre des Saales einatmen. Das bürdet natürlich dem Redner neue Anforderungen auf. Nicht selten müssen Redner zum anwesenden Publikum sprechen und ihre Worte gleichzeitig an das abwesende Publikum, d. h. an das Publikum vor den Fernsehschirmen richten. Live-Übertragungen oder Aufzeichnungen sind große Herausforderungen für Politiker.

Welche Macht die Medien sonst ausüben, ist nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist vielmehr, ob wir allgemein annehmen, dass die Medien Macht haben. Verhalten sich alle so, als ob die Medien Macht hätten, so käme das der tatsächlichen Macht der Medien gleich.

Alle Wahlkämpfer kennen die genannten Kunstgriffe und setzten sie ein – entweder bewusst oder unbewusst. Was gibt aber den entscheidenden Ausschlag zum Erfolg? Warum greifen manche Wahlkampfreden besser als andere?

Abgesehen davon, dass Wahlkampfreden nie isoliert vorkommen, sondern immer in einen kommunikativen Kontext eingebettet sind, glaube ich, dass die Person des Redners eine entscheidende Rolle spielt. Ich meine zuerst nicht die Körpersprache und die Stimme und schon gar nicht die Inszenierung des Auftritts, sondern vielmehr die Glaubwürdigkeit des Redners.

Personalisierung ist heute das unabdingbare A, aber Glaubwürdigkeit das A und O jeder politischen Kommunikation.
Ich glaube nicht, dass einzelne Personen in der Vergangenheit eine geringere Rolle gespielt haben, aber heute müssen Personen im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit eine zusätzliche Funktion erfüllen, nämlich die Komplexität der Welt reduzieren.

Wir leben in einer komplexen Welt, die nicht überschaubar ist, und die Menschen greifen auf Mittel zurück, um diese Komplexität zu reduzieren. Politiker, die glaubwürdig sind, übernehmen diese Rolle, weil wir ihnen Kompetenz zuschreiben; wir vertrauen darauf, dass sie die anstehenden Probleme kompetent und fachgerecht lösen. Nicht wir müssen uns über Steuersätze den Kopf zerbrechen oder einzelne Gesetze kennen, sondern der Steuermann, der uns diese Aufgabe abnimmt. Je vertrauenswürdiger er ist, umso größer unsere Hoffnung, dass er diese, wie Soziologen es nennen, Komplexitätsreduktion für uns übernimmt.

Wahlkampfreden allein werden es nicht richten. Viel wichtiger ist die Person, die sie hält. Wir alle wissen: Es ist schwer, Vertrauen aufzubauen, leicht aber, es zu zerstören. Ich bin der Letzte, der die Bedeutung von Teamwork in Frage stellt, aber die Bedeutung einzelner Personen darf man deshalb nicht unterschätzen. Das gilt übrigens auch für Unternehmen. Teamfähigkeit allein ist kein Erfolgskriterium. Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit einzelner Menschen ist genauso wichtig – in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Meine Damen und Herren,

jedes Mal amüsiere ich mich, wenn Medien während der heißen Wahlkampfphase von erheiternden Geschichten, vielen Pannen und manchen Peinlichkeiten berichten. Wenn auch wir am Wahltag eine Entscheidung zugunsten der einen oder anderen Partei treffen müssen, zeigen uns diese Geschichten doch, dass wir eben nicht in einer schwarz-weißen Welt leben, sondern in einer sehr bunten, farbenfrohen Welt. Und diese Welt ist überzeugender als jede Wahlkampfrede.

Herzlichen Dank! 


Angaben zum Autor:
Dr. Roland Wöller ist Mitglied des Sächsischen Landtages, weitere Informationen: http://www.rolandwoeller.de/