Sammelrezension – Der Kampf mit Worten: Eristik

In der breiten Bevölkerung ganzer Länder steigert sich das Gefühl, von den Politikern desinformiert und belogen zu werden: von Bush und Blair mit ihren “spin-doctors” vor, in, nach dem Golfkrieg II. Der Bruch von Wahlversprechen verwundert niemanden mehr, allenfalls, welche Rechtfertigungen etwa Schröder, Schmidt, Eichel etc. dafür finden, dito für andere Vorkommnisse. Einfach zuzugeben, die Gesetzestexte schlichtweg nicht verstanden zu haben, erscheint als ganz ausgefeilte Variante österreichischer Regierungsmitglieder. Berlusconis Darbietungen fallen dagegen wesentlich dilettantischer aus; er hört anscheinend zu wenig auf seine Kommunikationsberater.

Berlusconi:
Herr Schulz, ich weiß, dass in Italien ein Filmproduzent gerade einen Film schneidet über Konzentrationslager der Nazis: ich werde Sie für die Rolle des Kapo vorschlagen. Sie sind perfekt!

Die deutsche wie die österreichische Innenpolitik bieten auch reichlich Material…

Nachwahlzeit bei der ÖVP: Die Verhandlungen mit der SPÖ werden fortgesetzt, wenn deren Vorsitzender Gusenbauer aus dem wunderschönen Wintersportdorf Lech am Arlberg zurück ist!

Kurienkardinal Ratzinger zur Ketzerinquisition: Unter den Inquisitoren seien Heilige gewesen; manche aber hätten durch den historischen Kontext eine Erblindung von Teilen des Gewissens erfahren!

Was liegt hier vor?

Berlusconi fühlte sich angegriffen und schwingt seine Art von “Faschismuskeule” bei der Gegenattacke: er stellt den Abgeordneten Schulz in die Naziecke! Der Sprecher der ÖVP ließ sich bei den Regierungsverhandlungen die Ironie und die Pointe nicht entgehen: der Gegenspieler Gusenbauer von der SPÖ vertrat im Wahlkampf die “kleinen Leute” – die sich den wohl teuersten Wintersportort des Landes nie leisten könnten…

Kurienkardinal Ratzinger erklärt die Ketzerverbrennung durch die katholische Inquisition mit einem historisch-genetischen Argument, wonach gleichsam der historische Kontext dem Gewissen die Augen ausgestochen habe…

Es lassen sich leicht die rhetorischen Stilmittel benennen, die jeweils eingesetzt wurden; was nur wiederum die sattsam bekannte Erkenntnis erbringt, dass sie quasi “neutral”, ihre spezifische Wirkung erst durch Situation und Intention entfalten. Letztere dürfen darum bei der Analyse nicht ausgeblendet bleiben. Ein erster Schritt zeigt, dass derartige Mittel eingesetzt werden, wenn es etwa um Verteidigen, Entschuldigen, Angreifen, Abwehren, also ums Streiten geht.

Damit sind wir bei der Eristik. Der Begriff ist wenig bekannt. Das Wort selbst kommt vom Griechischen erizo, übersetzt mit: streiten, wettkämpfen, sich mit jemandem messen, bzw. von eristiké téchne – zum Streit geneigte Kunst. Aristoteles (384-322 v. Chr.) hielt sie, wegen der Anwendung unredlicher Mittel, für eine Art unerlaubten Kampfes: “Beim Sport greifen die, welche um jeden Preis den Sieg haben wollen, nach jedem Mittel, und hier im Wortgefecht machen es die Streithähne genauso…” (Sophistische Widerlegungschlüsse, 171b 22-25). Demnach muss es also eine Einstufung gegeben haben, welche der rhetorischen Mittel redlich und erlaubt und welche es nicht waren. Doch ein solcher Katalog ist nicht überliefert, wie auch keine einschlägigen Anleitungen dazu. Da – wohl auch gegen solche Gefährdungen – von Philosophen wie Rhetoren das Ideal des gebildeten, sittlich hochstehenden Redners, des vir bonus, propagiert wurde, verbaten sich derartige Werke. Indirekt allerdings ließ sich aus den in Rhetorikanleitungen enthaltenen Warnungen im Umkehrverfahren durchaus lernen – und die Geschichte der Rhetorik belegt dies auch. So fehlt es nicht an Eristik in der Praxis, doch an einschlägigen Werken darüber. Erst als wieder so etwas wie “Volksdemokratien” entstehen, mit öffentlicher Rede und Gegenrede, mit der Absicht vor einem größeren Publikum über den Gegner zu siegen, per fas et nefas, wie es Schopenhauer formulieren wird, erscheinen zu Beginn des 19. Jh. die ersten Werke im Umkreis des englischen Parlamentarismus. J. BENTHAM schrieb aus der Praxis heraus, doch in einer antikischen moralistischen Haltung. Sein Zeitgenosse HAMILTON verfertigte eine eher zynische Anleitung zum Gebrauch derartiger Techniken, posthum erschienen, dann aber mit einem langen Nachleben.

SCHOPENHAUER, in der Linie von Bentham, verfasste 1830/31 seine unvollendet gebliebene “Eristische Dialektik”. Unter Bezugnahme auf die aristotelische Trugschlusstheorie untersuchte und listete er 38 Kunstgriffe auf, damit man sie gleich erkenne und vernichte! Weitere Schriften aus dem 19. Jh. sind mir nicht bekannt. Bis gegen Ende des 20. Jh. wird Schopenhauer immer wieder aufgelegt.

Die nationalsozialistische Propaganda scheint unter diesem Aspekt auch noch nicht untersucht, was generell an der allgemein unklaren Terminologie mit liegen mag. Literaturhinweise zur Eristik fehlen weiter in den neueren Artikeln deutscher wie englischsprachiger Lexika. Überhaupt nur in einzelnen Kapiteln von Werken zur Dialektik oder Argumentation werden die Techniken behandelt, etwa beim Jesuiten LAY im Kampf gegen den Marximus: eine moralische Position bei der Verteidigung der Werte des christlichen Abendlandes.

Erst gegen Ende des Jahrhunderts steigert sich mählich die Produktion, freilich ohne den Namen der Eristik, dafür unter vielen anderen. SCHLEICHERT: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren; enthält ein gerüttelt Maß eristischer Techniken, in der defensiven Variante à la Bentham. Im Geiste Voltaires geschrieben – und mit vielen Beispielen von ihm und aus dessen Zeit – scheint es manchmal etwas archaisch; es liegt aber ein dank guter Quellenauswahl amüsantes Lesebuch für Religionsverächter vor. Mit gründlicher Lektüre und Reflexion wird man mit Fundamentalisten auch heute heftig diskutieren können.

Den Degen des Esprits ersetzt jetzt der Knüppel aus dem Sack. ANTON füllt diesen mit über 100 einschlägigen Techniken. Doch mehr als ein ungeordneter Katalog gelang nicht, nur eine mit griffigen Titeln versehene Auflistung, mit Anleihen aus der älteren Literatur, mit Wiederholungen und Doppelgleisigkeiten. Den direkten Einsatz erschweren die fehlende Übersicht und Systematik, was den Nutz- wie Gebrauchswert reduziert. Von einer ethischen Position aus mag das begrüßenswert erscheinen, doch wo gibt es noch viri boni? Dennoch -ganz die alten Werte der Rhetorik über Bord zu werfen (mit dem Ende der Schifffahrtsmetaphern!), gelingt auch noch nicht recht. So will BREDEMEIER in seiner “Schwarzen Rhetorik” die darin “beschriebenen Techniken” auch einmal zu deren “Abwehr” einsetzen, dann freilich auch zum eigenen Nutzen. “Die manipulative Möglichkeit, sich aller notwendigen rhetorischen, dialektischen, eristischen und rabulistischen Kunstgriffe zu bedienen”, gehört bei ihm zur zielorientierten Gesprächsführung, zur Erreichung des intendierten Ergebnisses. Obige Adjektive werden vorab recht subjektiv definiert, um sie dann der “Schwarzen Rhetorik” unterordnen zu können; in sichtlichem Mühen, einen eigenen Begriff zu kreieren. Den eigentlichen Inhalt des Buches bildet dann ein mixtum compositum aus früheren Werken und erzählten Taten Bredemeiers, samt Teilen aus Schlagfertigkeitstraining, Kommunikationstheorie und Rollenspiel. “Macht und Magie der Fragetechniken” ließe sich angesichts von deren Umfang gleich gut als Untertitel setzen. Sprachlicher Duktus wie rhetorische Textgestaltung fallen uneinheitlich aus: Kurze, salopp und umgangssprachlich formulierte Sätze wechseln mit abschnittlangen, die das Pathos durchaus streifen. Die generelle Patchwork-Technik ist leichter erkennbar als eine Systematik. Hier liegt ein in allem ganz typisches Werk für Adressaten in der Wirtschaft vor, das zugleich in gewisser Weise auch die dortige Kommunikation spiegelt; nach Bredemeier – und nicht nur nach ihm – herrscht dort “Krieg”.

Das klassische Zitat des Gorgias vom “Wort als Waffe” (immerhin 4. Jh. v. Chr.) hat nichts an Bedeutung verloren. Letztlich spiegelt auch die “Schwarze Rhetorik” das alte Dilemma der Rhetorik wider, zwischen Ethos und Telos (hier als Abwehr vs. direkten Eigennutz) negativ beurteilt zu werden.

Ob allerdings Eigendefinitionen beim – bleiben wir moralisch – Erkennen solcher Techniken zu direktem Eigennutz hilfreich sind, steht zu bezweifeln. Dass aber die Schulen derlei Analysefähigkeiten lehren müssen, steht angesichts der Um- wie Zustände der öffentlichen Beredsamkeit nicht im Zweifel.

Besser als individuelle Begriffe zu prägen, scheint es, die vorhandenen Definitionen so präzise zu fassen als möglich. Mein Vorschlag zur Diskussion (der noch in einem Buch detailliert begründet wird): Eristik ist der absichtliche Einsatz von gesellschaftlich als nicht-konsensual/zulässig geltenden verbalen Techniken in einer Kommunikationssituation, um eigene Ziele zu erreichen

Mit solch einer Definition können alle eingangs angeführten Äußerungen wie zitierten Werke der Eristik zugewiesen werden.

Literatur:

ARISTOTELES, Sophistische Widerlegungen, übers. u. hg. v. Eduard ROLFES, Hamburg 1995.

BENTHAM Jeremy, Book of Fallacies, London 1824.

BENTHAM Jeremy, LARRABEE Harold A., Bentham’s handbook of political fallacies, Baltimore 1952.

HAMILTON William Gerard, Die Logik der Debatte. Bemerkungen über den Glanz der Rede und die Schäbigkeit der Beweise, hg. v. Gerd ROELLECKE, Heidelberg 1978.

SCHOPENHAUER Arthur, Eristische Dialektik. Einleitung in die Philosophie nebst Abhandlungen zur Dialektik, Leipzig 31895; Die Kunst, Recht zu behalten, hg. v. Francesco VOLPI, Frankfurt 1995.

LAY Rupert, Dialektik für Mager. Methoden des erfolgreichen Angriffs und der Abwehr, München 161994.

ANTON Karl-Heinz, Mit List und Tücke Argumentieren. Technik der boshaften Rhetorik, Wiesbaden 1995.

SCHLEICHERT Hubert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren, München 1997.

BREDEMEIER Carsten, Schwarze Rhetorik. Macht und Magie der Sprache. Zürich 22003.

 

Lothar Kolmer

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