Geschichte und Öffentlichkeit

Abstract: Der Text untersucht das häufig schwierige Unterfangen der Geschichtswissenschaft, ihre Ergebnisse an die Frau und an den Mann zu bringen. Obwohl die Expertenmeinung der Historikerinnen und Historiker durchaus gefragt scheint, gelingt es den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen häufig nicht, ihre Deutungskompetenz auch für gegenwärtige Probleme adäquat zu präsentieren. Wie die Geschichtswissenschaft ihren Stellenwert in der Öffentlichkeit deutlich machen kann, auch darüber macht sich Sigrid Vandersitt in diesem Text Gedanken.


 

Sigrid Vandersitt

Geschichte und Öffentlichkeit. Funktionen und Wege der Geschichtswissenschaft.

1. Wozu Geschichtswissenschaft?

53% der Deutschen wollen NS-Verbrechen ‚vergeben‘“ lautete eine Headline auf der ORF-Site vom 6.5.2001. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage im Auftrag des Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‘. Weitere Schlagzeilen vom 6.5.2001: „Gedenkfeiern in Mauthausen„, „Nationalsozialismus nicht mit ‚Augenzwinkern‘ tolerieren„.Die Beispiele lassen sich fortführen. Insbesondere der Nationalsozialismus beansprucht als Teil der deutschen und österreichischen Geschichte immer wieder seinen Platz in der Öffentlichkeit, in der Politik und im äußerst unterschiedlich ausgeprägten historischen Bewusstsein der Bevölkerung. Diese folgenschwere Zeit hat viele unbeantwortete Fragen hinterlassen, die stets von Neuem nach Klärung und nach Orientierung verlangen, Expertenmeinung scheint gefragt. Sie wurde eingeholt, als Franz Fuchs Österreich mit Briefbomben in Atem hielt, und eine Historikerkommission war damit beauftragt, die Regierung in Sachen Entschädigungszahlungen für arisiertes Eigentum zu unterstützen.

Spätestens dann, wenn die Angelegenheit von öffentlichem Interesse ist und genügend politische Sprengkraft besitzt, wird der Ruf nach eben diesen ExpertInnen laut. Wer sind nun aber diese ExpertInnen? Ist das jemand, der sich von Berufs wegen mit Vergangenheit beschäftigt, jemand, der Vergangenheit kritisch und differenziert zu sehen versteht – oder ist das einfach jemand, dem zugetraut wird, in der Vergangenheit Bescheid zu wissen? Im Allgemeinen wird der historischen Wissenschaft jene fachliche Autorität eingeräumt, die sie zu Expertenmeinungen legitimiert. HistorikerInnen erhalten dann meist auch medialen Raum und Gelegenheit, die geforderte Rückbindung der historischen Wissenschaft an die Gesellschaft einzulösen. Für HistorikerInnen liegt hierin zwar „die Chance, bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu finden„, Manfred Hettling weist aber auch darauf hin, dass „zugleich die Gefahr, mit vermeintlicher wissenschaftlicher Gewissheit Fragen beantworten zu können, die sich einer wissenschaftlichen Beantwortung entziehen.“ 1 (Man denke etwa in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus an die Frage nach der Kollektivschuld.) In Summe ist die Expertentätigkeit jedoch ein wichtiger Beitrag, um die gesellschaftliche Bedeutung einer kritischen Geschichtswissenschaft zu untermauern und im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu verankern.

Die Frage lautet: Was kann und soll Geschichtswissenschaft über diese konkret politische Dimension hinaus heute leisten? Es geht in erster Linie um die Rekonstruktion von Vergangenheit auf verschiedensten Ebenen. Es geht aber auch um das Verständlich-Machen dieser Rekonstruktionen, um das Übersetzen 2, um das Erklären und Verstehen vergangener Ereignisse, Prozesse, gesellschaftlicher Befindlichkeiten etc.

Wie aber gewinnen diese Re-Konstruktionen und ihre Vermittlungen jene gesellschaftliche Relevanz, die eine Geschichtswissenschaft schließlich auch legitimiert? Nachdem eingangs auf die politische Dimension der historischen Wissenschaft hingewiesen wurde, soll nun ein Blick auf ihre weitere Funktionen diese Frage beantworten helfen. Ausgangspunkt jeder historischen Forschung ist stets die Gegenwart, sowohl was das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit, also die Fragestellung, als auch die Art der Darstellung – und dazu zählt nicht zuletzt ihre Sprache 3 – betrifft. Bestimmte gegenwärtige Phänomene oder Ereignisse bedürfen, wenn die individuelle, an das Subjekt gebundene Erinnerung dazu nicht ausreicht, einer historischen Erklärung. Um etwa die einstmalige Existenz der Berliner Mauer zu verstehen, ist es notwendig ihre Entstehungsbedingungen zu kennen. Oder eine explizit österreichische Frage: Wie etwa lassen sich Bedeutung und Funktion der Sozialpartnerschaft anders erklären als historisch? Mittlerweile wurden etliche Generationen geboren, die nicht über die Erinnerung an die Entstehung dieser einflussreichen ‚Institution‘ der Zweiten Republik verfügen.

Geschichtswissenschaft kann also dort kollektive Erinnerungsarbeit leisten, wo es gesellschaftlich notwendig bzw. verlangt ist. Historie kann als Erinnerungswissenschaft aber auch „Aufklärungsarbeit“ leisten, indem die bewusste, wissenschaftlich betriebene Erinnerung jene „wuchernde, halb verdrängte, unaufgeklärte [kollektive] Erinnerung4 zähmt und mit Legenden bricht, die allzu leicht zu Geschichtslügen werden und politisch missbraucht werden können. Etwas historisch erklären5 bedeutet also u.a., sich auf die Suche nach den Ursachen eines bestimmten Ist-Zustandes zu begeben, wobei jedoch aus den Erklärungen nicht zwingend ein Änderungsanspruch für diesen Ist-Zustand abgeleitet werden kann. Oft ist zwar der Wunsch, einen gegenwärtigen Zustand zu ändern, Anlaß für eine historische Erklärung, manchmal ist es aber auch das Gefühl der Befremdung6, das von der historischen Erklärung Orientierung und Neubewertung verlangt. Bei all dem sollte aber im Gedächtnis behalten werden, dass Geschichtswissenschaft u.U. selbst kulturelle und politische „Wahrheiten“ schafft. Ihre „Rolle bei der Legitimation und Stabilisierung bestehender sozialer und politischer Herrschaftsverhältnisse, bei der Rechtfertigung politischer Entscheidungen, bei der Abwehr von Kritik und bei der Begründung von Protest7 wird vielerorts unterschätzt. Die Situation des Staates Israel etwa und der Konflikt zwischen der israelischen und der palästinensischen Bevölkerung weist auf allen Ebenen historische Implikationen auf. Legitimationsversuche und Proteste beiderseits werden oft historisch argumentiert und prägen damit die soziale Wirklichkeit der Bevölkerung. Oder: Die österreichische Diskussion im Herbst 2001 um die Bedeutung und den Wirkungsbereich der Gewerkschaften kann nur unter Berücksichtigung vergangener Leistungen dieser Organisationen geführt werden, denn erst der Blick auf die Vergangenheit lässt die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaften in ihrer vollen Tragweite transparent werden. Geschichtsschreibung kann somit direkt oder indirekt zur Orientierung in der Gegenwart beitragen, nicht zuletzt auch zur politischen Orientierung. Selbstverständlich ist die Geschichtswissenschaft auch verstärkt gefordert, eine distanzierte Haltung gegenüber ihrer legitimierenden und stabilisierenden Rolle einzunehmen. Sie muss eben auch eine misstrauische Wissenschaft sein, die herrschende Paradigmen zu hinterfragen weiß und Instrumentalisierungen, will heißen politische Indienstnahmen, zurückzuweisen versucht.

Gegenwartsrelevanz erhält die Geschichtswissenschaft aber noch unter einem weiteren Aspekt: Jegliche historische Darstellung ist immer auch eine Darstellung der Veränderung, sei es, dass der Prozess des Wandels selbst thematisiert wird, sei es, dass man des Wandels zwangsläufig durch den Vergleich zwischen Gegenwart und Vergangenheit gewahr wird. Es kommt insbesondere der Geschichtswissenschaft zu, ein Bewusstsein zu fördern, das starre, wenig flexible Vorstellungen von Vergangenheit und auch von Gegenwart aufbricht, und somit die Gegenwart als prinzipiell veränderbar zeigt, wenn auch „weder alles veränderbar, noch Veränderbares jederzeit, mit jeder Geschwindigkeit, in jeglichem Maße veränderbar8 ist. Vielmehr ist das Aufzeigen einer prinzipiellen Veränderbarkeit ein Beitrag dazu, „eine Haltung zu erzeugen, die die massiv und sachzwangartig uns entgegentretende Wirklichkeit nicht in ihrer scheinbaren Notwendigkeit akzeptiert.“9 Diese Haltung ist vor allem dann hilfreich, wenn es größere gesellschaftliche Probleme wie etwa Rassismus oder Antisemitismus zu lösen gilt.

Mit der Darstellung des historischen Wandels eng verbunden ist auch die Verdeutlichung der komplexen Bedingungen, unter denen sich dieser Wandel vollzieht. Eine ernsthafte Wissenschaft wird von monokausalen Erklärungen und Begründungen Abstand nehmen, wird versuchen der Komplexität menschlichen Lebens und Handelns möglichst differenziert gerecht zu werden und wird versuchen, die Relativität von Perspektiven zu zeigen.10 Es wird z.B. nicht genügen, den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich allein mit imperialistischen Absichten der Nationalsozialisten zu begründen, es wird auch nicht genügen, ihn allein der Anschlussbegeisterung weiter Teile der österreichischen Bevölkerung zuzuschreiben. Erst der umfassende Blick auf einzelne Entwicklungsstränge, auf Strukturen, Prozesse, Handlungen, Ereignisse etc. und ihr Zusammenwirken wird uns eine Vorstellung vermitteln, weshalb Österreich 1938 diese Entwicklung nahm. Und wer weiß, dass simplifizierende, vielleicht auch vorschnelle Erklärungsmuster hinsichtlich historischer Ereignisse und Vorgänge oft zu kurz greifen, wird idealerweise auch einen differenzierten und kritischen Blick auf die Gegenwart entwickeln.

Neben der Förderung einer differenzierten Wahrnehmung von Gegenwart kann Geschichtswissenschaft aber auch indirekt zum besseren Verständnis der Gegenwart beitragen. Indem sie sich auch mit weit zurückliegenden Zeiten und Epochen beschäftigt, obliegt ihr die Aufgabe, diese oftmals sehr fremd erscheinenden Zeitabschnitte den Menschen von heute wieder näher zu bringen, das Fremde also vertrauter zu machen. Daher nimmt sie nicht nur eine vermittelnde Rolle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch zwischen dem Fremden und dem Eigenen ein. Die Alterität des Mittelalters anschaulich zu machen, zu erklären und vielleicht Verschüttetes darin wieder zu entdecken, kann eine spannende und lohnende Aufgabe sein. Anhand einer modellhaften, behutsamen Darstellung einer längst vergangenen Zeit ist es durchaus möglich, Verständnis für das Andere zu wecken und es in seiner Gewordenheit und Veränderbarkeit begreiflich zu machen. Eine differenzierte Betrachtung des Eigenen und des Fremden ist jedoch nicht nur für die Vergangenheit von Bedeutung, sie rührt unzweifelhaft auch an der Frage gegenwärtiger und künftiger Identitäten.

Geschichtswissenschaft liegt folglich mindestens so nahe an der Gegenwart wie an der Vergangenheit, sie ist an die Gesellschaft rückgebunden und trägt daher auch gesellschaftliche Verantwortung. Ihre Aufgabe kann es aber nicht sein, Prognosen für die Zukunft zu erstellen, sie kann auch nicht Vergangenheit bewerten, und die Geschichte als Lehrmeisterin11 zu sehen ist nicht mehr als ein idealistischer Wunsch. Geschichtswissenschaft kann vielleicht ihren Beitrag beim Entwurf ‚vernünftiger‘ Weisen des Zusammenlebens leisten, sie kann vielleicht auch wünschenswerte Ziele für die Zukunft auflisten und ihren Platz etwa in der Friedens- und Konfliktforschung einnehmen und sie kann u.U. auch die Diskrepanz zwischen Absicht und Wirkung zeigen12. Keinesfalls aber lassen sich aus ihr künftige Handlungsweisen und -direktiven ableiten in der Art monokausaler Bedingungszusammenhänge (wenn-dann).

2. Vermittlungsorte

Der kommerzielle Erfolg historischer Romane oder Filme zeigt, wie elementar das menschliche Bedürfnis nach Geschichte und Geschichten ist. Mittlerweile scheint es allgemein ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit an historischen Themen zu geben.13 Nun sollte man aber die Formung von Geschichtsbildern nicht zur Gänze kommerziellen Medien zu überlassen. Es bedarf eines wissenschaftlichen Korrektivs, das voreilig produzierte Bilder immer wieder zurecht rückt und dem Publikum ein kritisches Instrumentarium zur Beurteilung der präsentierten historischen Inhalte an die Hand gibt. Wie aber findet die Geschichtswissen-schaft ihren Weg an die Öffentlichkeit, um diese Aufgabe wahrzunehmen? Im Folgenden einige Überlegungen dazu.

Die (Print)Medienlandschaft ist ein weites Feld, auf dem sich mannigfaltige Interessen tummeln. Tages- und Wochenzeitungen, Magazine und Boulevardblätter bedienen unterschiedliche Lese- und Informationswünsche. Berichte oder Essays historischen Inhalts sind überwiegend an eine – im Verständnis der Aufklärung – bildungsbürgerliche Leserschaft gerichtet, wobei sich einige Printmedien herauskristallisiert haben, die sich speziell dieses Publikums annehmen. Für Deutschland sind hier z. B. FAZ, Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel zu nennen, für Österreich Der Standard, Die Presse, bisweilen auch Profil. Neben der Bearbeitung historischer Themen werden immer wieder aktuelle wissenschaftliche Trends aufgegriffen wie. Frei-lich ist das Lesepublikum dieser Beiträge vergleichsweise ein zahlenmäßig geringes, nichtsdestotrotz gelangen auf diesem Weg innerwissenschaftliche Informationen, wenn auch verkürzt, an die Öffentlichkeit. Wer sich als HistorikerIn allerdings mit der Absicht trägt regelmäßig zeitgeschichtliches Geschehen zu kommentieren, wird unweigerlich auf Probleme stoßen. Auf die Schwierigkeiten, die aus einer regelmäßigen publizistischen Tätigkeit erwachsen können, hat Jakob Tanner ausführlich hingewiesen.14 Diese Schwierigkeiten, wie etwa die einer wissenschaftlichen Forschung abträgliche Schnelllebigkeit öffentlicher Themen, zeichnen auch dafür verantwortlich, dass nur wenige HistorikerInnen sich dieser journalistischen Aufgabe stellen bzw. stellen können. Viel eher sind HistorikerInnen als VerfasserInnen von Beiträgen mit konkret historischem Inhalt zu finden, denen anlässlich von Gedenktagen, Jubiläen etc. in den Printmedien vermehrt Raum gegeben wird.

Neben den Printmedien sind es vor allem die audiovisuellen Medien, die HistorikerInnen einen Weg an die Öffentlichkeit bieten. Einschlägige Fernsehsender produzieren immer wieder sehenswerte und mehr oder weniger kurzweilige Beiträge, die interessierten ZuseherInnen die Vergangenheit in ansprechend aufbereiteter Form näher bringen sollen. An der Produktion sind entweder HistorikerInnen beteiligt, oder aber sie werden zur wissenschaftlichen Beratung herangezogen. Historische Komplexität geht allerdings gelegentlich zulasten der begrenzten Sendezeit und des Quotenzwangs, dennoch sind dies aus wissenschaftlicher Sicht begrüßenswerte Bemühungen, die ihren Beitrag zur Bildung eines historischen Bewusstseins leisten. Auch das Radio stellt immer wieder Sendezeit für historische Themen zur Verfügung. Freilich sind es nicht die Massensender, die ihrem Publikum bildungspolitische Inhalte an Herz legen. Es sind Sender, die einen programmatischen Bildungsanspruch erheben und die HistorikerInnen nicht nur zu Diskussionen und Gesprächen einladen, sondern ihnen von Zeit zu Zeit auch die Gelegenheit bieten, Sendungen zu gestalten.[vgl. Ewald Hiebl: Geschichte, Hörfunk und Öffentlichkeit, in: Rheton 1/2004]

Raum für öffentliches Engagement in Sachen Geschichte bietet zunehmend das Internet, wobei sich hier der kritische Umgang mit historischen Informationen im Internet schwierig gestaltet, da mittlerweile eine unüberschaubare Fülle an Artikel und Abhandlungen zu historischen Themen geboten wird. Es ist für Laien nicht immer leicht, unter der großen Anzahl von Websites, die Beiträge zu historischen Themen enthalten, zwischen seriösen und weniger seriösen zu unterscheiden. Auch hier ist die Fachwissenschaft gefordert, die Spreu vom Weizen zu trennen, Informationen beziehungsweise Leitlinien zu bieten oder z.B. mit Links den UserInnen hilfreich zur Seite zu stehen. [vgl. u.a. Universität Salzburg – Fachbereich Geschichts – und Politikwissenschaft]

Ein weiteres wichtiges Feld der öffentlichen Präsenz sind selbstverständlich historische Publikationen. Die Herausforderung an die Historikerschaft liegt nun darin, die Themen so zu wählen, dass diese auf das Interesse des Publikums stoßen, und diese sprachlich so abzufassen, dass sie einem breiteren, historisch interessierten Laienpublikum auch zugänglich werden. Gewiss wurde dies in den 1970er und 1980er Jahren verabsäumt, als sich die Sprache der historischen Wissenschaft an die der Sozial- und Naturwissenschaften anzulehnen versuchte und somit nur einem kleinen, elitären Kreis verständlich blieb. Doch im Bereich der Publikationen wurde nicht nur sprachlich in den letzten Jahren einiges nachgeholt. Vor allem seit populärwissenschaftliche Darstellungen immer mehr an Boden gewonnen haben und durchaus auch kommerzielle Erfolge erzielen (siehe Hugo Portisch oder Werner Mück), ist die Fachwissenschaft gefordert, auch dieses öffentliche Feld zu bestellen, um einer bisweilen diffusen, häufig emotionalisierenden Vermittlung von Geschichte entgegen zu wirken.

Zwei Bereiche seien nun abschließend noch genannt, die als Schnittpunkte zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft fungieren: zum einen sind es die Museen, die in Permanenz im wahrsten Sinne des Wortes anschauliches historisches Material bereit stellen und Vergangenheit sinnlich erfahrbar machen. Zum anderen sind es Ausstellungen, die immer wieder historisch interessiertes Publikum ‚anlocken‘. Mit der Gestaltung interessanter, vielleicht auch brisanter (Wander)Ausstellungen, wie es etwa die Wehrmachtsausstellung war, rückt die Geschichtswissenschaft plötzlich in ungewohnter und vehementer Weise in das Licht der Öffentlichkeit, wird zum Politikum und muss sich der öffentlichen, in erster Linie medialen Diskussion stellen, die weit über eine innerwissenschaftliche Kontroverse hinausreicht. Plötzlich hat die jahrelange historische Recherchearbeit die öffentliche Arena zu betreten, um in ihr genau jene Kämpfe auszufechten, die nicht nur von einer Rückbindung der Wissenschaft an die Gesellschaft selbst, sondern auch von der Notwendigkeit dieser Rückbindung zeugen.

All diese Felder des öffentlichen Wirkens werden zumeist von HochschullehrerInnen belegt, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Forschungsarbeit über das nötige Tiefenwissen in einem speziellen historischen Bereich verfügen. Wo aber sind die zahlreichen AbsolventInnen der historischen Institute? Ein Großteil der Geschichte Studierenden belegt das Fach Geschichte/Lehramt. Österreichische Lehrpläne sehen den Geschichtsunterricht als verpflichtend vor. AbsolventInnen von Universitäten und Pädagogischen Akademien sind jene historisch ausgebildeten Frauen und Männer, die als Multiplikatoren ihre erworbenen fachlichen und methodischen Kenntnisse unmittelbar weiter geben sollen. Die Lehre, neben der Forschung zentrale Aufgabe der historischen Institute, ist daher von immenser Bedeutung, sowohl was Inhalt als auch Methode betrifft. Da vielfach der Geschichtsunterricht die einzige aktive Beschäftigung mit Geschichte im Leben zahlreicher Menschen ist, sind GeschichtslehrerInnen besonders gefordert (und mit ihnen die Hochschulen und Akademien). Ihnen obliegt nicht nur die Aufgabe, Inhalte zu vermitteln, vielmehr sind sie dazu angehalten das Interesse an Vergangenheit und Gegenwart zu wecken und den SchülerInnen auch ein Instrumentarium an die Hand zu geben, diese kritisch wahrzunehmen und zu beurteilen. Das Geschichtsbild vieler Menschen ist häufig jenes, das ihnen in der Schule vermittelt wurde und das oft unverändert und unreflektiert lange Zeit, vielleicht ein Leben lang, beibehalten wird. Von daher ist auch den Universitäten anzuraten, mehr Augenmerk auf Lehrerfortbildung zu richten und den Leh-rerInnen die Möglichkeit zu geben, weiter am Stand der Forschung zu bleiben. In den meisten Fällen verlieren die Universitäten ihre AbsolventInnen aus den Augen. Hier besteht zweifellos Handlungsbedarf.


Angaben zur Autorin:

Sigrid Vandersitt, Mag. phil, Historikerin, seit 2001 Verlagslektorin mit Schwerpunkt Geschichteschulbuch; Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Theorie der Geschichtsschreibung, Feldpostbriefe im 2. Weltkrieg, Geschichtsdidaktik


Zitiervorschlag:

Vandersitt, Sigrid: Geschichte und Öffentlichkeit. Funktionen und Wege der Geschichtswissenschaft, in: RhetOn. Online Zeitschrift für Rhetorik & Wissenstransfer 2/2004 (www-Datei: http://www.rheton.sbg.ac.at/?page=articles&section=02.04&article=vandersitt, [Datum des Abrufs]).


[1] Manfred Hettling: Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. In: Nolte/Hettling/Kuhlemann/Schmuhl (Hg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte. München. 2000, S.136

[ 2 ] Hans-Georg Gadamer: Die Universalität des hermeneutischen Problems. In: Gadamer Lesebuch, hg. v. Jean Grondin, Tübingen 1997, S. 58 – 70.

[3] „Der Historiker entnimmt seiner Zeit notgedrungen die Worte, in denen er sich ausdrückt, selbst wenn er sich noch so sehr in ‚quelleneigener Begriffssprache‘ tummelt. Dabei wird es notwendig, dass er prüft, ob sie passen, häufig, ob sie noch passen und damit ist er schon auf dem Feld gegenwärtiger Sprach- und Sachkritik.“ Christian Meier: Die Wissenschaft des Historikers und die Verantwortung des Zeitgenos-sen.(1968) In: W. Hardtwig (Hg.), Über das Studium der Geschichte. München.1990, S.327

[ 4 ] Thomas Nipperdey: Wozu noch Geschichte? (1975). In: W. Hardtwig (Hg.), Über das Studium der Geschichte. München.1990, S.372

[ 5 ] vgl. hierzu auch Hermann Lübbe: Was heißt: „Das kann man nur historisch erklären?“,In: Reinhard Koselleck/Wolf-Dieter Stempel (Hg.), Geschichte – Ereignis und Erzählung .München. 1973, S. 542-554

[6] z.B.: Weshalb trägt das österreichische Gardebataillon den monarchistischen Doppeladler im Wappen?

[ 7 ] Kocka, Jürgen: Geschichte – wozu? (1975/1989). In: W. Hardtwig (Hg.), Über das Studium der Geschichte. München.1990, S.436

[8 ] T. Nipperdey, Wozu noch Geschichte, S. 376

[ 9 ] J. Kocka, Geschichte – wozu?, S. 438

[ 10 ] Ders., S. 440

[ 11 ] Günther Landfester: Historia magistra vitae, Genf 1972.

[12] vgl. T. Nipperdey, S. 385

[13] Gustav Seibt begründet dieses gegenwärtige Interesse mit dem „raschen Verschwinden traditioneller All-tagswelten und dem entsprechenden Bedürfnis nach Bewahrung und Erinnerung, [mit dem] Verlust des Fort-schrittsglaubens seit dem ökologischen Schock, [mit einem] schaulustigen Exotismus, der sich archaischen Kul-turepochen zuwendet, [mit dem] exotischen Interesse an alternativen Lebensformen und [mit dem] in den letzten Jahren gewachsenen Bedürfnis, sich die Verbrechen und die Katastrophen der totalitären Gewaltregime dieses Jahrhunderts zu erklären, zu vergegenwärtigen und mit ihnen abzurechnen.“ Gustav Seibt: Die Historische Sozialwissenschaft in der Bürgerlichen Öffentlichkeit. In: Nolte/Hettling/Kuhlemann/Schmuhl (Hg.), Perspekti-ven der Gesellschaftsgeschichte. München. 2000, S. 145/46

[ 14 ] Jakob Tanner: Geschichtswissenschaft, politisches Engagement und Öffentlichkeit. In: Nol-te/Hettling/Kuhlemann/Schmuhl (Hg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte. München. 2000