Solbach Andreas , Beer Johann: Rhetorisches Erzählen zwischen Satire und Utopie

Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2003 (Frühe Neuzeit 82).

 

Nächstes Jahr, 2005, jährt sich der 350. Geburtstag von Johann Beer. Dieser zählte lange, da er unter zahlreichen Pseudonymen schrieb, zu den unerkannten – und gehört noch immer zu den unbekannteren Autoren. Erst 1933 gelang es Richard Alewyn, den Spuren im erzählerischen Werk in Beers Heimat, den Attergau, zu folgen. Dieser stellte ihm zeitlebens einen locus amoenus vor (wie weit er es gegen Ende des 17. Jahrhunderts war, muss offen bleiben, dass er es jetzt durch eine so gnaden- wie geschmackslose Verbauung nicht mehr ist, betoniert sich selbst).

Der Wert dieser Habilitationsschrift liegt darin, das gesamte erzählerische Werk im Überblick zu behandeln. Ein eigenes Bild, d. h. vorgehende Lektüre, über diesen Autor bleibt unabdingbar, da die Ansätze in der Literatur divergent ausfallen. Alewyn sah in Beer einen genialischen Erzähler, der die Grenzen der damaligen religiösen Moral – der Zeit der Gegenreformation – überschritt. Die vorliegende Arbeit zielt auf eine andere Kritik an Beer, durchaus auch im Kontext des Genialischen: er habe einfach darauf los geschrieben, seiner Phantasie freien Zügel gelassen, in seinen Werken sei kein Plan, keine Komposition zu sehen. Solbach stellt dagegen ein “künstlerisch-kalkulierendes, rhetorisch fundiertes Verfahren der Textkonstituierung durch den Autor, der seine Werke weitgehend bewusst plant und gestaltet” (S. 2.). Dabei setzte Beer seine rhetorischen Kenntnisse ein. Der Ansatz von Solbach will Rhetorik und Erzähltheorie verbinden, dabei will er nicht die rhetorischen Mittel untersuchen, sondern eine Erzählrhetorik, die “erzähltheoretische Konstrukte als Funktion rhetorischer Intention” integriert (S. 6).

Nach Solbach will der Attergauer seine Leser mit Satire belehren, darum verfolge er ein durchgängiges Programm, mit dem klassischen Muster des delectare und prodesse. Dabei unternähme Beer zugleich eine poetologische Selbstreflexion, lote die Möglichkeiten literarischer Umsetzung aus. Seine Rhetorik orientiere sich hin zur narratio.

Ob diese poetologischen Reflexionen bei Beer tatsächlich so stringent ausfallen, ob nicht wirklich manchmal eine üppige Phantasie quer schießt, fragt sich doch. Zudem: wie ist zwischen dem Autor und seinen Figuren zu unterscheiden? Wie und ob drücken diese Beers Weltbild und Wünsche aus? Verweisen “die von Adel” nicht auf Beers dauernden Traum von einer Standeserhöhung? Solche Fragen lassen sich freilich erst stellen, wenn das Material, wie hier, überhaupt einmal zusammengetragen und vergleichend interpretiert wurde.

Die Lektüre erweist schnell die germanistische Habilitationsschrift, mit wenig rhetorischer Textgestaltung (dies “erscheint” gleich mehrfach im ersten Satz), dazu tiefem Fachjargon. In summa verfasste Solbach ein Werk für die gelehrte Welt der Germanisten, spezialisiert auf Barockliteratur: Ein recht spezifisches Geburtstagsgeschenk. Einem breiteren Leserkreis versperren Schreibart, Darstellungsweise und Ansatz doch den Zugang.

Lothar Kolmer

Print Friendly, PDF & Email