Spieß Karl-Heinz (Hg.): Medien der Kommunikation im Mittelalter

Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 15).

 

Die “historische Erforschung von Kommunikation […] hat gegenwärtig Konjunktur”, “inflationärer Gebrauch” des Begriffes ließ ihn jedoch zu einem “Plastikwort” verkommen (S. 9). Dieser Aussage von Volker DEPKAT (Kommunikationsgeschichte zwischen Mediengeschichte und der Geschichte sozialer Kommunikation. Versuch einer konzeptionellen Klärung, 9-48) ist zuzustimmen. Um mehr Klarheit zu schaffen, gibt er Definitionen und einen Aufriss von Habermas’ Diskurs- und Luhmanns Systemtheorie. Das ist als guter Einstieg in diese Theorien wie in den vorliegenden Sammelband zu verwenden. Dies auch, weil kurze Resümees der folgenden Artikel erfolgen, wobei deren theoretische Ausrichtung deutlicher wird als in manchen der Beiträge selbst. Der Beitrag von Christina GANSEL (Macht und Ohnmacht der Medien. Zur Entwicklung der Medien und ihrer Leistung in kommunikationstheoretischer Sicht, 48-62) behandelt die Massenkommunikationsforschung, eine nicht unbedingt mittelalterliche Erscheinung. Mit “Großtheorien” lässt sich in der Praxis nur schwer arbeiten, da braucht es die Umsetzung und quasi Subtheorien bzw. adäquate Methoden. Dies erfolgt am ehesten noch bei Ulrich MÜLLER (Medien der Kommunikation – Materielle Kultur zwischen Sender und Empfänger, 105-137). Doch in der Ur- und Frühgeschichtsforschung taucht der Begriff “Kommunikation” selten auf. Die Anwendung etwa von zeichentheoretischen Modellen bereitet Probleme – und wie Depkat eingangs anmerkte “gleichzeitig vergleichsweise großen theoretischen Aufwand!” Was die “Kommunikation” mit dem Leser anlangt, stellen gleich am Anfang zwanzig mittelhochdeutsche Zeilen aus dem Nibelungenlied eine massive Barriere dar.

Es fragt sich hier, wie auch anderweitig, ob angesichts des Forschungs- bzw. Theoriestandes mit den gewählten Quellen wirklich Erkenntnisse zu erzielen sind bzw. ob nicht in einigen Fällen Aufsätze aus den eigenen Forschungsbereichen schlichtweg “theoretisch” etwas “angereichert” wurden. Mit einer halben Seite Theorie am Schluss handelt Hedwig RÖCKELEIN über Nonverbale Kommunikationsformen und -medien bei der Translation von Heiligen im Frühmittelalter, 83-104. Dabei agiert der “Körper des Heiligen […] in drei verschiedenen Rollen”: “Er war ‘Sender’ indem er Heil spendete, er war ‘Empfänger’, indem er die Gebete der Gläubigen […] empfing, und er war ‘Medium’, indem er zwischen Gott und den Menschen vermittelte” – das ist doch das alte “Radio-Modell”. Jürgen HEROLD (Empfangsorientierung als Strukturprinzip: Zum Verhältnis von Zweck, Form und Funktion mittelalterlicher Briefe, 265-287) gestaltet seinen Text artifiziell: “Das Zeichensystem der gesprochenen Sprache wird in einen adäquaten, linear angeordneten Code alphabetischer Zeichen umgewandelt, die optisch, d.h. über den Gesichtssinn wahrgenommen werden […] Ergebnis dieser Transformationsvorganges ist ein (eindimensionaler, linearer, diskursiver) schriftlicher Text auf der (zweidimensionalen, graphischen) Oberfläche eines (dreidimensionalen, materiellen) Textträgers, dem Brief im gegenständlichen Sinn” (S. 266). Seine These von der “ausgeprägten Empfangsorientierung” der Briefe ist so neu nicht, dergleichen findet sich schon in der antiken Rhetorik. Robert FAJEN (Melancholische Projektionen. Literatur und Malerei als Medien adeliger Familienpolitik im Spätmittelalter, 205-235) passte besser in den Kontext der Familienpolitik und auch Ludwig BIEWER (Wappen als Träger von Kommunikation im Mittelalter: Einige ausgewählte Beispiele, 139-154) fällt mehr heraldisch als kommunikativ aus und trägt wenig zur Kommunikationsforschung bei. Doris RUHE (Ratgeber. Hierarchie und Strategien der Kommunikation, 63-82) sieht Ratgeben als eine der Grundkategorien mittelalterlicher Ordnung. Doch sie untersucht nicht die Primärquellen, die Ratgeber, sondern die Literatur, die dieses beschreibt, was ohne entsprechende Reflexion zur Erkenntnis führt: mittelalterliche Kommunikation hatte ihre ganz eigene Komplexität und Differenziertheit. Klaus KRÜGER (Bilder als Medien der Kommunikation, 155-204) fragt nach der “Sprachfähigkeit” der Bilder unter den Bedingungen des mittelalterlichen Denkens. Der schon mehrfach verwendete Text entspringt mit seiner riesigen Materialfülle einer kunsthistorischen Vorlesung und dient eher der fachlichen Binnenkommunikation. Dies und anderes zeigt ein herausgegriffener Satz (S. 179): “Das metaphorische Verständnis von der ‚Sprache’ des Bildes, wie es sich hier manifestiert, hier nämlich eine durch die genuinen, visuellen Mittel der Darstellung bestimmten Ausdrucks- und Veranschaulichungsleistung, weist der mittels Schrifttexten sichtbar gemachten Artikulation letzten Endes eine obsolete Rolle, diejenige eines medienfremden Einhelfers zu, eine Fremdheit, die auch durch Strategien der fiktionsimmanenten Unterbringung in aufgeschlagenen Büchern, sich entfaltenden Schriftrollen, usw. nicht eigentlich aufgehoben oder kompensiert wird.” Falk EISERMANN (Bevor die Blätter fliegen lernten. Buchdruck, politische Kommunikation und die ´Medienrevolution` des 15. Jahrhunderts, 289-313) behandelt Einblattdrucke als Verbreitungs- und Speichermedium. des 15. Jahrhunderts. Nikolaus HENKEL (Mediale Wirkungsstrategien des mittelalterlichen “Dramas”. Ein Beitrag zur Konstruktion literarischer Intermedialität, 237- 263) kommt zum Schluss (S. 257): “Die Untersuchung der Spiele und Feiern unter medialer Perspektive, mit dem Ziel, historische Intermedialität zu (re-) konstruieren, steht erst am Anfang, ist aber, wie die ausgewählten Beispiele zeigen sollen, ein lohnendes Arbeitsfeld.”

Das Plastikwort “Kommunikation” für den Zeitraum des Mittelalters präzisieren zu wollen, ist verdienstvoll. Doch stellt sich angesichts der Beiträge die Frage, nach welchen Gesichtspunkten deren Auswahl getroffen wurde. Bei den “empirischen Untersuchungen” bleibt die Verhaftung an die jeweilige Disziplin sehr eng. Häufig wirkt das Etikett “Kommunikation” oder “Medialität” eher aufgeklebt. Es genügt nicht immer, die Kommunikationsvorgänge im Mittelalter anzusehen, es gibt auch eine Kommunikation zwischen Wissenschaftler und Text bzw. Wissenschaftler und Publikum – und letztere ist zum Teil wenig geglückt. Der Band zeigt den Stand einer Art von Kommunikationsforschung, die Schwächen wie die Desiderate, und verhilft dazu, auf diesem schwierigen Gebiete weiter zu kommen. Dabei sollte öfter über den Tellerrand der eigenen Fachdisziplin hinaus gesehen werden und der Zugang weniger von der Textebene und mehr von der Theorie her erfolgen.

Lothar Kolmer

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