Tagung Geisteswissenschaften: Herausforderung angenommen! (Oktober 2003)

Tagung Geisteswissenschaften: Herausforderung angenommen! (Oktober 2003)

Geisteswissenschaften: Herausforderung angenommen!

Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 24. und 25. Oktober 2003

Veranstalter: Zentrum für Literaturforschung Berlin und VolkswagenStiftung

"Wer wird nach dem Warum gefragt, wenn fundamentalistische Selbstmordattentäter die westliche Kultur zum Einsturz zu bringen versuchen, wer nach dem Wohl und Wehe der Präimplantationsdiagnostik, wer nach der Menschenwürde in einer globalisierten Gesellschaft? Wer, wenn nicht die Geisteswissenschaften und ihre Vertreter?"

Und trotzdem haben die Geisteswissenschaften derzeit keinen leichten Stand. Sie seien sperrig, überflüssig, unrentabel, behaupten die Kritiker, und an vielen geisteswissenschaftlichen Instituten regiert der Rotstift. Lehrstühle werden nicht nachbesetzt und Bibliotheken können dringend nötige Fachliteratur nicht mehr ankaufen.

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften

Die gesellschaftliche Bedeutung der Geisteswissenschaften herauszustreichen, war ein Ziel dieser Tagung. Dazu wurden auch Projekte der Förderinitiative "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" präsentiert. Sie sollten zeigen, welchen Beitrag geisteswissenschaftliche Forschung für die Lösung von Kernfragen menschlicher Existenz leistet. So wird – als ein Beispiel von vielen – die Frage "Woher kommt das menschliche Wollen?" von Geisteswissenschaftlern an deutschen und Schweizer Universitäten gemeinsam mit Naturwissenschaftern und unter Zuhilfenahme modernster Methoden der Hirnforschung untersucht.

Woher der Wille der Geisteswissenschaftler zu einer Öffentlichkeitsoffensive kommt, ist angesichts der zunehmenden Ökonomisierung der Wissenschaften offenkundig. Drittmittel und Investitionen von Firmen fließen nicht in Forschungen, die sich Gesellschaftskritik oder die Bewahrung und Aufarbeitung kulturellen Erbes zum Ziel setzten. Und wenn der Staat sich aus seiner gesellschaftlichen Verantwortung zunehmend zurückzieht, hinterlässt er ein Vakuum, in dem die Geisteswissenschaften ersticken.

Popularisierung nicht um jeden Preis

Mit den Naturwissenschaften zu kooperieren und ethische Grundfragen zu klären, ist ein Weg, das Vakuum wieder aufzufüllen. Die Tagung zeigte, dass hier durchaus ein Interesse seitens der Naturwissenschaften vorhanden ist und der Beitrag der Geisteswissenschaften in der interdisziplinären Kooperation sich keineswegs auf jene eines kritischen Wächters beschränkt. Vielfach sind es die von den Geisteswissenschaften konstatierten "Grundfragen", die forschungsleitend werden.

Eine Podiumsdiskussion über "Das Ende des Elfenbeinturms: Geisteswissenschaftliche Forschung heute" brachte neben allerlei bekannten Lösungsvorschlägen wie verstärkter Interdisziplinarität und einer Öffnung hin zu gesellschaftsrevelanten Fragestellungen auch kritische Einwände zu Tage, die in Zeiten ständiger Reformdiskussionen mehr Gehör verdient hätten. So wandten sich einige Diskussionsteilnehmer gegen eine Umwandlung des bestehenden universitären Fächerkanons, weil sie den Verlust fachspezifischer Vertiefung fürchteten. Und gerade diese sei die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle interdisziplinäre Zusammenarbeit. Schließlich wurde auch eindringlich darauf verwiesen, dass eine zu starke Ausrichtung der universitären Forschung auf gerade aktuelle gesellschaftliche Grundfragen eine der Stärken wissenschaftlicher Forschung gefährde: jene, von sich aus gesellschaftliche Probleme zu erkennen, zu kritisieren und in die Diskussion einzubringen.

weitere Informationen:

http://idw-online.de/public/pmid-70515/zeige_pm.html

eh