2004 Satuer 1. Salzburger Rhetorikgespraeche-06

Tagungsbericht Sektion 1 – Rhetorik in der Politik

Tagung vom 16. – 17. 4. 2004

Veranstalter: Paris-Lodron-Universität Salzburg

 

"Rhetorik in der Politik"

Der (für die Geisteswissenschaften) ungewöhnlich frühen Stunde zum Trotz fanden sich zur Eröffnungsveranstaltung der ersten Salzburger Rhetorikgespräche viele Rhetorikinteressierte im Wallistrakt der Universität Salzburg ein. Nach appetitanregenden, einführenden Worten seitens des Leiters der Salzburger Rhetorik Prof. Dr. Lothar Kolmer und der offiziellen Eröffnung durch den Rektor Prof. Dr. Heinrich Schmidinger diskutierten unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Wicha zum Themenschwerpunkt Rhetorik in der Politik: Mag. Martin Apeltauer (SPÖ Landesgeschäftsführer, Salzburg), Dr. Roland Wöller (MDL, CDU, Dresden), Prof. Dr. Ulrich Müller (Universität Salzburg), Dr. Andrea Geier (Universität Trier) und Dr. Ursula Kocher (FU Berlin).

Politik: Inhalte oder reine PR ?

Zu Beginn des Podiums stellten die Referenten Mag. Martin Apeltauer und Dr. Roland Wöller die Frage, inwieweit die politischen Inhalte zugunsten einer wirksamen "Werbe-Rhetorik" in den Hintergrund gedrängt werden. Mag. Apeltauer nannte in seinen Ausführungen die Individualisierung der Wählerschaft, die Personalisierung der politischen Akteure und die Medialisierung als die drei maßgeblichen Trends. Wobei Individualisierung bedeutet, dass heutzutage die Wählerschaft bei jeder Wahl neu erschlossen werden muss. Unter Personalisierung versteht er die Abkehr von politischen Inhalten zugunsten der Person des Politikers. Schließlich kommt es aufgrund der Omnipräsenz der Medien auch zu einer Medialiserung der Politik an sich. Politik und Unterhaltung fließen ineinander. Personaalentwicklung, Message Development, Wording, Inzenierung sowie eine integrierte Kommunikation werden damit von der Kür zur Pflichtprogramm für jeden ambitionierten Volksvertreter.

Für Dr. Roland Wöller ist die Wiederherstellung der Einheit von Reden und Handeln gleichbedeutend mit einer Wiederbelebung von Quintilians " orator perfectus ". Soziale Kompetenz und Glaubwürdigkeit gehen dabei Hand in Hand. Der ideale Redner ist somit auch Pädagoge. Durch die Beseitigung dieser Differenz gewänne die Politik wieder an Glaubwürdigkeit, Charakter träte an die Stelle des "Image".

In der darauf folgenden Debatte versuchten das Auditorium und die Referenten die Ursachen für den Schwund an Inhalten zu ergründen. Die Verantwortung wurde dabei wechselweise den Medien, den Politikern und dem politisch (nicht mehr?) interessierten Bürger zugewiesen.

In der nun wohlverdienten Kaffeepause bot sich die Möglichkeit zum persönlichen Gespräch, welche weidlich genutzt wurden.

Botschaften der politischen Rede

Im zweiten Abschnitt lag das Hauptaugenmerk auf der Analyse von politischen Reden. Dr. Andrea Geier enttarnte exemplarisch bei Martin Hohmann die fünf Topoi der antisemitischen Rede:

  • Antisemitische Autoritäten und Genealogiebildung
  • Die ‚jüdische Stimme' als Autorität
  • Gestus der Aufklärung: ‚wahre' Täter und ‚wahre' Opfer
  • Die Kulturkritik des Antisemitismus und die Sorge um die Nation
  • Die Figur der zwei Antisemitismen

Diese Topoi lassen sich seit Beginn der Neuzeit im einschlägigen Diskurs fortlaufend beobachten, unterliegen allerdings einer Anpassung an die jeweils herrschenden Gegebenheiten.

Als letzte Rednerin des Vormittages vertiefte sich Dr. Ursula Kocher in einer Analyse der Reden von U.S. Präsident George W. Bush seit dem 11.9.2001. Dabei machte sie deutlich das eine fundierte Forschung immer auf einer großen Anzahl von Reden fußen muss, um die langfristigen Tendenzen des Redners erkennen zu können. Das Umfeld, der Kontext, in welchem die Rede stattfindet sind dabei mindestens so wichtig wie das Gesagte selbst. Im Falle der dargestellten Reden zeigt sich die biblische Metaphorik, welche das Unterbewusstsein unmittelbar ansprechen und besondere Manipulationsmöglichkeiten bieten, sehr deutlich. Licht kämpf gegen Dunkelheit, Freiheit gegen Unterdrückung und letztendlich Gut gegen Böse. Die Mission liegt in der Auserwähltheit der USA begründet. Die verwendeten Bibelzitate werden meist abgekürzt und somit sinnentstellt. In dem personalisierten Konflikt bleibt das konstruierte Feindbild im Rahmen des verdeckten Sprechens jedoch vage, um gegebenenfalls rasch neu besetzt werden zu können.

In der Abschlussdiskussion zum Themenkreis Rhetorik in der Politik wurde eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit gefordert. Vor allem im Hinblick auf die angesprochene Analyse von politischen Reden müssen die in den jeweiligen Fachbereichen vorhandenen Kompetenzen verknüpft werden. Damit würde sichergestellt, dass die Rede in ihrer Gesamtheit interpretiert werden kann.

Nachdem der geistige Appetit damit vorerst gestillt worden war, konnten sich Audi- und Oratorium in der nun folgenden Mittagspause den leiblichen Genüssen zuwenden.

ar/cs

 

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