Österreichischer Zeitgeschichtetag (Oktober 2003)

Österreichischer Zeitgeschichtetag (Oktober 2003)

Sechster Österreichischer Zeitgeschichtetag "Kunst – Kommunikation – Macht",

Tagung vom 29. 9. – 1. 10. 2003

Veranstalter: Universität Salzburg, Institut für Geschichte

Die Themen Kunst, Kommunikation und Macht standen im Mittelpunkt des Österreichischen Zeitgeschichtetages, der vom 29. September bis zum 1. Oktober 2003 in Salzburg stattfand. Mehr als 100 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschäftigten sich vier Tage lang mit den Verbindungen der Zeitgeschichte zu den drei Generalthemen.

Performative Wende und die magische Macht des Bilderglaubens

Im Eröffnungsvortrag postulierte der Medientheoretiker Peter Weibel eine performative Wende. Seiner Meinung nach sei an die Stelle der medial vermittelten Politik nun die performative Politik getreten. Die Politiker versuchen, durch Sprechakte Tatsachen zu schaffen. Zuvor müssen freilich bereits die Bedingungen geschaffen werden, dass die sprachlich angekündigten Tatsachen auch wirklich in die Tat umgesetzt werden können. Problematisch werden diese performativen Akte deshalb, weil die Macht in der demokratischen Gewaltentrennung zwischen Regierung, Gerichten und Parlament geteilt werden soll. Durch performative Politik wird das Parlament allerdings entmachtet. Die Meinungsbildung erfolgt nicht mehr in langen Parlamentsdiskussionen, sondern durch rasche Entscheidungen der Regierung. "Speed kills", fasst Peter Weibel diese Strategie zusammen.

Den zweiten Eröffnungsvortrag hielt Lydia Haustein. Die Kunsthistorikerin beschäftigte sich mit der magischen Macht des Bilderglaubens und damit, wie Bilder Geschichte (re)produzieren. Über Bilder und visuelle Botschaften trägt demnach auch die Kunst dazu bei, gesellschaftliche Veränderungen widerzuspiegeln. Doch obwohl das 20. Jahrhundert als das visuellste Jahrhundert der Geschichte gilt, rezipiert die Geschichtsforschung die Bedeutung der Bildquellen für die Sinndeutungen und Interpretationen von Geschichte und Gegenwart noch immer zu wenig.

Populäre Geschichtsvermittlungen

Um dieses Defizit zu beheben, wurden am Salzburger Zeitgeschichtetag populäre Geschichtsvermittlungen analysiert, die viel mit Bildern arbeiten und selbst starke und mächtige Geschichtsbilder produzieren. Nicht nur für die Salzburger Zeithistorikerin Ingrid Bauer, eine der Organisatorinnen des Zeitgeschichtetages, war die Frage, wie sich die Historiker dieser Herausforderung stellen können, einer der wichtigsten Diskussionspunkte der Veranstaltung. Auch Frank Stern fordert von den Zeithistorikern, das Medium Film für die Vermittlung der eigenen Forschungsergebnisse nutzbar zu machen. Der an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Israel lehrende Historiker setzt sich zum Ziel, die Kooperation zwischen Filmemachern und Wissenschaftlern zu verbessern. Beispiele für geglückte Kooperationen gibt es bereits. Für Frank Stern sind der ästhetische und der wissenschaftliche Zugang zur Vergangenheit keine Widersprüche. Sie ergänzen einander.

Die Filmemacherin Elisabeth Scharang wählt den ästhetischen Zugang und hat sich bereits in mehreren Filmen zeitgeschichtlichen Themen gewidmet, etwa dem Novemberpogrom 1938 oder dem Mythos 1968. Ihre Arbeit unterscheidet sich von der eines Historikers insofern, als die Erfahrungen, die Menschen machen, für sie wichtiger sind als die historischen Fakten. In der Diskussion mit den Historikern konstatierte Elisabeth Scharang eine große Berührungsangst der Wissenschaftler mit dem Medium Film und große Angst vor der verfälschten Darstellung der Vergangenheit.

Dass die Scheu der Historiker vor den Massenmedien doch nicht so groß ist, zeigten die Untersuchungen des Historikers und Journalisten Heinz Niederleitner. Seine Umfrage unter österreichischen Historikern offenbarte eine große Bereitschaft zur massenmedialen Geschichtsvermittlung.

Kunst, Macht, Kommunikation und der Nationalsozialismus

Wie Kunst, Kommunikation und Macht – die drei Themenbereiche des Zeitgeschichtetags – ineinander greifen, wurde in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Kunstraub in Österreich sichtbar. Die Historikerin Heidemarie Uhl beschäftigte sich mit einer Tatort-Folge aus dem Jahr 2001, in der es um diese Thematik ging. Sie stellte sich die Frage, wie in diesem Film über persönliche Konstellationen Konflikt in Versöhnung aufgelöst wurde. Uhl sieht die Versöhnung als urösterreichische Sehnsucht im Umgang mit der NS-Vergangenheit.

Macht und Kunst hängen auch abseits der massenmedialen Vermittlung zusammen, das zeigten weitere Vorträge über den nationalsozialistischen Kunstraub. Der Salzburger Kunsthistoriker Gerhard Plasser beschäftigt sich im Auftrag des Landes mit NS-Kunstraub in Salzburg und machte in diesem Zusammenhang eine interessante Entdeckung. Der bislang durchwegs positiv bewertete Kunsthistoriker Josef Mühlmann ist nach Plassers Recherchen nun in einem völlig anderen Licht zu sehen, da er aktiv am Kunstraub beteiligt war.

Wie die Kunst von den Nationalsozialisten in den Dienst der Macht gestellt wurde, das beschreibt die Linzer Historikerin Regina Thumser am Beispiel des dortigen Landestheaters. Die Kultureinrichtung wurde vom Gauleiter für Oberdonau ganz gezielt als Propagandainstrument eingesetzt, und noch heute wird in Publikationen nicht ohne Stolz vermerkt, dass das Linzer Landestheater über Teile der so genannten Führerausstattung verfügt, die Hitler selbst aus propagandistischen Zwecken dem Theater zukommen ließ. Solche Mythen kritisch zu hinterfragen, auch das ist eine wesentliche Aufgabe der Zeitgeschichtsforschung.

Der Wiener Zeithistoriker Gerhard Botz präsentierte am Zeitgeschichtetag die ersten Ergebnisse des großangelegten "Mauthausen Survivors Documentation Project". Die 800 Audio- und über 80 Video-Interviews, die im Rahmen des Projekts geführt wurden, rücken das Konzentrationslager in einen gesamteuropäischen Kontext.

Mitarbeiterinnen des Projekts haben sich mit dem systematischen Einsatz von Vergewaltigungen im NS-Terror beschäftigt. Mittels lebensgeschichtlicher Interviews wurde dieser Missbrauch von Macht, diese sexualisierte Gewalt, behutsam rekonstruiert. Auch die Linzer Historikerin Gabriella Hauch forscht im Themenbereich Sexualität. Sie untersuchte die zahlreichen Verurteilungen österreichischer Frauen wegen verbotener sexueller Beziehungen zu Zwangsarbeitern.

Neue Blicke auf die Zeitgeschichte und die triste Situation der Forscher und Forscherinnen

Einen neuen Blick auf die Nachkriegszeit wirft ein Projekt, das der Grazer Zeithistoriker Stefan Karner präsentierte. Gemeinsam mit russischen Historikern erforschen er und seine Mitarbeiter die sowjetische Besatzungsmacht. Dabei werden neue Dokumente aus russischen Archiven herangezogen, auch um zu analysieren, wie Kunst und Kultur in den Dienst der Macht gestellt wurden. Gegen die amerikanische Kulturpolitik war die sowjetische Propaganda jedoch chancenlos, auch weil es ihr nicht gelang, zentrale Botschaften der westlichen Propaganda zu widerlegen. In diesem Bereich will Stefan Karners Projekt auch Aufklärungsarbeit leisten.

Mit Europäisierung und Globalisierung beschäftigte sich Michael Gehler. Er sieht die Europäisierung als gleichzeitigen Prozess zur Globalisierung. Gehler plädiert auch für eine kulturgeschichtliche Erweiterung der österreichischen Zeitgeschichtsforschung, und das war eine von zahlreichen Anregungen für die zukünftige Entwicklung des Faches. Stefan Karner fordert etwa eine stärkere Integration der österreichischen Zeitgeschichte in den europäischen Diskurs, und Gabriella Hauch stellt einen Umbruch des Politischen fest und schlägt vor, dass die Zeitgeschichtsforschung darauf reagiert. Die Erfüllung dieser Forderungen wird sehr schwierig werden, denn zahlreiche wissenschaftliche Institute, etwa die Boltzmann-Institute, wurden oder werden aufgelöst. In der Abschlussveranstaltung wurde die schwierige Situation der österreichischen Zeithistoriker diskutiert und eine verstärkte Förderung zeitgeschichtlicher Forschung durch öffentliche Gelder gefordert.

Weitere Informationen:

http://www.zeitgeschichtetag.at

eh