Reden ist Führung

Abstract: Thilo von Trotha weist darauf hin, dass die Potentiale der Rede weit unterschätzt und oft zu wenig genutzt werden. Ein gut gegliederter, sprachlich ausformulierter und ansprechender Vortrag bildet ein Führungsinstrument; dessen können und sollten sich alle Redner, vor allem aus Wirtschaft und Politik, im öffentlichen Interesse bedienen.


Thilo von Trotha

Reden ist Führung

 

Ich kenne zahllose Definitionen des Begriffes Führung. Die meisten sind umständlich und lang. Meine ist kurz: Führen heißt Ziele setzen und die materiellen und psychologischen Voraussetzungen schaffen, sie zu erreichen. Führung ist nicht überall wichtig. Eine Ehe kann ohne die Führung eines Partners wunderbar funktionieren. Eine Reisegesellschaft braucht Wegweisung, aber keine Führung. Ein großes Abendfest kann ohne jede Führung zu einem großen Erfolg werden. Überall wo Ziele erreicht werden sollen, ist Führung jedoch unerlässlich. Wo koordiniert werden soll, wo mehrere an einem Strick ziehen sollen, gar Durchsetzung erwartet wird, ist Führung unerlässlich.

Ohne Führung ist kein Staat zu machen. Politik machen heißt Gefolgschaft suchen durch Führen. Ohne Führung ist kein Unternehmen zu managen, auch kein Verband. Nicht umsonst reden wir von Unternehmensführung, Verbandsführung. Je arbeitsteiliger eine Gesellschaft ist, desto nötiger hat sie Führung. Damit in den Einzelteilen das Ganze nicht zusammenbricht. Der Versuch, Führung durch Schmusekurs und Hasen-Haken-Schlagen zu ersetzen, ist der Kern des hausgemachten Teils der Depression des Jahres 2003.

Ich kenne im Wesentlichen drei Methoden der Führung:

  • erstens Führung durch Gewalt – das ist die elendste
  • zweitens Führung durch (gutes) Vorbild – das ist die edelste
  • drittens Führung durch Rede – das ist die einfachste.

Offene Gewalt galt in der Zeit der Zivilgesellschaft, also bis zum 11. September 2001 – als gesellschaftlich geächtet. In sublimierter Form war sie etwa als Anpassungsdruck um so wirksamer. In der Zeit der Kriegsgesellschaft – also nach dem 11. September 2001 – scheint auch die offene Gewalt wieder salonfähig zu werden, wie die Debatte über die Zulässigkeit der Folter selbst in Deutschland nahe legt.

Die suggestive Kraft des Vorbilds wird von den Führungskräften selten erkannt. Da gibt es Bilanzfälschungen und Abfindungsskandale à la Mannesmann/Vodafone, aber die Unternehmer entrüsten sich über Schwarzarbeit und hohen Krankheitsstand in der Belegschaft.

Als Bernhard Weatherhill 1994 aus dem Amt des Sprechers des britischen Unterhauses ausschied, zog er knapp Bilanz: „An eine gute Rede erinnert man sich vielleicht nicht immer, aber eine schlechte vergisst oder vergibt man nie.“ Bernhard Weatherhill ist im deutschsprachigen Raum wenig bekannt. Doch wer noch weiß, wie sich am 10. November 1988 der Präsident des deutschen Bundestages, Dr. Philipp Jenninger, mit seiner Ansprache zum Gedenken der nationalsozialistischen Gräuel gegen die jüdische Bevölkerung um Amt und Würden, Kopf, Kragen und Ansehen redete, der weiß: Bernhard Weatherhill mag so unrecht nicht haben.

Wir Deutschen sind – was Reden angeht, ein in Vergeben und Vergessen geübtes Volk, müssen es sein. Wenn jede schlechte Rede ähnliche Konsequenzen hätte wie die des Herrn Jenninger, müssten die meisten Ämter bei uns verwaist sein.

Doch wir wissen: Reden können Berge versetzen. „Worte sind Luft, aber die Luft wird zum Wind und der Wind macht die Schiffe segeln“, sagt ein kluges Sprichwort. Nicht nur die beruhigenden Worte der Mutter bewirken viel, die ihrem Kind die Angst vor dem Gewitter nimmt. Ebenso die heitere Tischrede, die Großvaters Geburtstag erst Glanz und Würde verleiht. Wir alle kennen die Völker bewegende Kraft großer Reden, „Reden, die die Welt bewegten“ – so der Titel eines Buches, das große Reden aus neun Jahrhunderten vorstellt.

Es waren zunächst Worte des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, die die „Achse des Bösen“ bezeichneten und die Welt in Gut und Böse einteilten. Kaum einer fand das gut. Doch weil hinter den Worten eine große Militärmacht stand und schlankweg eingesetzt wurde, teilten die Worte die Menschen in Gut und Böse.

Ob kleiner, ob großer Anlass – führen gelingt nur in wenigen Fällen wortlos. Je demokratischer und arbeitsteiliger eine Gesellschaft ist, desto wichtiger werden Reden und Sprache. Die Rede ist das zentrale Führungsinstrument der modernen Gesellschaft. Ohne Sprache kommen nur Piktogramme und einige Comic-Hefte aus.

Die Sprache ist das wichtigste Handwerkszeug der Politik im Kampf um Gefolgschaft, um Mehrheiten, um Köpfe. Redekunst wird dadurch zum Markenzeichen der Demokratie. Um die deutsche Demokratie scheint es danach schlecht bestellt zu sein. Aber der Eindruck täuscht: die meisten Reden im deutschen Bundestag sind deswegen schwach, weil sie nicht führen dürfen, sondern lediglich die Entscheidung von Gremien plausibel machen, über die nach den Regeln des Fraktionszwangs abgestimmt wird. Der Fraktionszwang ist der Totengräber der politischen Rede. Überall da, wo er aufgehoben wurde – etwa bei der Bonn/Berlin Frage – passieren die „Sternstunden des Parlaments“.

In Industrie, Handel und Verbänden wächst die Notwendigkeit der Kommunikation nicht nur nach innen in Form von Absprachen und Motivation, sondern auch nach außen.

Ein Unternehmen, dem es nicht gelingt, seine unternehmerischen Ziele in Akkordanz zu seinem gesellschaftlichen Umfeld zu bringen, ist zum Untergang verurteilt. Der Atombranche zum Beispiel gelang dies nicht. Sie verkümmerte.

Der moderne Mensch will nicht gehorchen, er will überzeugt werden. In der Überzeugungsgesellschaft steht der Kampf um Köpfe permanent auf der Tagesordnung. Er wird zunehmend auch mit Bildern geführt. Doch Wort und Rede stehen im Mittelpunkt. Sie stiften Sinn, geben Führung und Orientierung. Durch Worte schafft der Geist Realität.

Der Dichter wird geboren, der Redner wird gemacht. Poeta nascitur, orator fit. Reden schreiben wie Reden halten ist erlernbar. Genie und Talent sind nicht erforderlich. Begabungen schaden nichts – das gilt hier ebenso wie bei den Schreinern und Schneidern. Der Weg zum guten Redner führt über eine einzige Brücke: die Übung. Suchen Sie sich Redeanlässe, damit Sie Übung gewinnen.

Die Welt ist voller Redeanlässe. Vor allem im privaten Bereich – da geht es nicht gleich um die Wurst, um die berufliche Existenz. Zu Mutters oder Tante Friedas Geburtstag. Zur Taufe eines Neffen. Kleine Ansprachen, auch wenn sie nicht erstklassig sind, machen großen Eindruck. Denn Wenige finden in Deutschland den Mut zu einer Rede. Doch was rar ist, steigt in Wert und Wertschätzung. Aber bitte nicht übertreiben: nicht überall wo drei Menschen ahnungslos beisammen stehen, sollten Sie das Wort ergreifen.

Rednerische Ausbildung tut Not

Bei dieser zentralen Bedeutung der Rede als Führungsinstrument ist es schleierhaft: In Deutschland gibt es Ausbildung zum Umgang mit Rede und Redenschreiben erst in Ansätzen. Anders als in England und Amerika, wo in Debattierclubs und Unions der Umgang mit freier Rede schon von Kindesbeinen an zuerst in der Schule und dann an den Universitäten gelehrt wird. Die Franzosen verstehen die Pflege der Redekultur als Beitrag zum Erhalt ihrer nationalen Kultur.

Durch das Wirken des „Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache“ sind Ansätze des englischen Systems auch in Deutschland heimisch geworden. Der Freistaat Sachsen bietet an all seinen Schulen Debattierclubs nach englischem Vorbild. Die Hertie-Stiftung und andere Stiftungen haben Millionen-Beträge bereit gestellt, um den Bundeswettbewerb „Jugend debattiert“ zu ermöglichen. Vor wenigen Jahren gab es an zwei oder drei deutschen Hochschulen Debattierclubs, heute sind es weit über 30, vgl. www.debattierclubs.de.

Der Unterschied zwischen Rede und Vortrag

Es gibt viele Arten von Wortbeiträgen vom Pult aus: Redenvorträge, Statements, Predigten, Referate, private Erzählungen, Berichte. In meinen Seminaren werde ich oft gefragt, wo der Unterschied zwischen diesen Arten von Wortmeldungen liegt. Ich bin kein Theoretiker, kann es also nicht genau begründen. Aber als Praktiker weiß ich: der Schwerpunkt von Rede und Predigt liegt auf der Willensbeeinflussung des Hörers. Der Politiker etwa will, dass der Wähler am Wahltag sein Kreuz an der richtigen Stelle macht. Der Pfarrer will den Kirchenbesucher zu Gott führen oder bei Gott halten. Bei den anderen Arten von Wortbeiträgen steht die Informationsvermittlung oben an! Auch die biederste Wissensvermittlung ist nicht frei von Willensbeeinflussung. Es gibt wohl keine Willensbeeinflussung ohne Kenntnisse, Eindrücke und Wissen zu vermitteln.

Redeziele

Warum erhebt sich jemand in einer angeregt plaudernden Gesellschaft, schlägt an sein Glas und bittet einen Augenblick um Gehör? Warum tritt jemand an ein Rednerpult und wartet, dass alle anderen im Saal ihm lauschen? Nur Konvention, eine Pflichtübung, die Lust am Lippen vibrieren? Was ist das Ziel des Redners, die Absicht, die er mit seiner Ansprache verfolgt? Ich kenne vier Redeziele:

  • Der Redner will informieren und dadurch seine Zuhörer beeinflussen. Zum Beispiel: „Die Zahl der Unfälle hat im letzten Jahr um 12 Prozent zugenommen.“ Beeinflussungsziel: die Bereitschaft wecken, endlich etwas für die Sicherheit im Straßenverkehr zu tun.
  • Der Redner will seine Zuhörer motivieren. Zum Beispiel: „Wir haben jetzt drei Jahre lang nachgedacht und geplant. Wir haben klare Vorstellungen über die Zukunft unseres Unternehmens. Jetzt gilt es, sie umzusetzen. Also tun wir das!“ Beeinflussungsziel: die innere Bereitschaft erzeugen, endlich in die Handlungsphase einzutreten.
  • Der Redner bringt seine persönliche Stimmung zum Ausdruck. Sie steht im Mittelpunkt aller Persönlichkeitsreden. Jubilarrede: „Wie gut, dass der Jubilar so lange bei uns ist.“ Geburtstagsrede: „Sie ist eine gute Mutter/Kollegin/Führungskraft.“ Beeinflussungsziel: die Zuhörer sollen sich der Bewertung des Redners anschließen.
  • Der Redner unterhält sein Publikum, um dessen Zuneigung zu gewinnen. Beeinflussungsziel: Akzeptanz auf Grund von Sympathie und damit die Bereitschaft der Hörer, der Meinung, den Vorschlägen des Redners zu folgen.

Die einzelnen Redeziele sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie fließen ineinander, sind in einer guten Rede alle vertreten. So wie die Gesundheit eines Menschen nie vom Herzen, von der Lunge oder von den Nieren alleine ausgeht oder abhängt, sondern erst das Funktionieren aller Organe zum Wohlbefinden führt: eine gute Rede soll informieren, aktivieren, den Hörer unterhalten und die Stimmung des Redners zum Ausdruck bringen.

Keine Angst vor Lampenfieber

Rede ist kein Monolog. Rede ist Dialog. Der eine steht und redet. Die anderen antworten stumm. Sie gehen mit dem Redner mit. Sie bangen mit ihm. Nur da, wo Feindseligkeit zwischen Redner und Publikum herrscht, warten sie auf die Schwachstelle. Viele Redner haben sich aber angewöhnt, das Publikum wie einen Feind zu sehen. Sie machen sich damit die Arbeit schwer. Die Wirklichkeit: Das Publikum ist der Freund des Redners.

Das schließt die Angst vor der Rede nicht aus. Das beste Mittel gegen Angst ist eine gute Vorbereitung. Wer im Selbstgespräch mit sich weiß, dass er ein gutes Manuskript hat, der weiß auch, dass er vor seinem Publikum bestehen wird. Die Gründlichkeit der Redevorbereitung entscheidet nicht darüber, ob der Redner Angst hat, aber sicher darüber, ob er Angst haben muss.

Bereiten Sie sich also gründlich auf Ihre Rede vor. Gründlich heißt nicht pedantisch. Pedanterie ist unangenehm. Verzichten Sie etwa auf übertriebene Vollständigkeit und Genauigkeit. Wie hölzern und verwirrend sie wirken können, zeigt der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber immer wieder.

Im Übrigen hilft gegen Angst nur Übung – die Erfahrung, sie zu bezähmen. Vertrauen Sie sich selbst. Sie haben Aufsätze geschrieben, die Zustimmung gefunden haben. Sie haben in zahllosen Gesprächsrunden mit Kommilitonen, im Freundes- und Familienkreis bewiesen: Sie können sich ausdrücken. Sie verstehen es, Gedanken logisch einen aus dem anderen zu entwickeln. Jetzt, wo Sie vor ein Publikum treten, werden Sie es auch schaffen. Und durch Übung besser und besser werden.

Den Hörern Spaß machen und nützen

Der römische Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) hat die klassische Forderung an jede gute Rede formuliert: sie muss delectare et prodesse, dem Zuhörer Spaß/Freude bereiten und ihm nützen. Sie gilt noch heute unverändert.

Ziemlich undeutsch, dieser Horaz: er redet von Spaß und Freude, räumt ihnen sogar den ersten Platz ein. Richtig, genau da gehören sie hin. Nicht nur, weil die resignierende Bemerkung des Freiherrn von Knigge stimmt: „Die Menschen wollen lieber unterhalten, als unterrichtet werden.“ Sondern weil für die Redenvorbereitung gilt, was wir uns als Zuhörer wünschen und Voltaire so ausgedrückt hat: „Jede Art von Rede ist erlaubt, nur nicht die langweilige. Ein tüchtiger Koch kann aus der zähesten Ledersohle noch ein schmackhaftes Gericht bereiten.“

Hände weg von Langeweile. So wie Sie selbst die Langeweile verabscheuen, so möchte jeder Zuhörer vor dieser durch die Ohren verabreichten Schlaftablette geschützt werden. Das Gegenteil von Langeweile ist Kurzweil, ist Unterhaltung. Unterhalten Sie Ihre Zuhörer. Dann ist Ihnen das Interesse des Auditoriums bis zum Ende der Rede sicher, die Leute werden Ihnen zuhören. Sie haben eine reale Chance, Ihren Führungsauftrag zu erledigen.

Verachtung für Unterhaltung ist zwar kerndeutsch, aber trotzdem falsch. Nicht nur im alten Rom wollten die Menschen belustigt werden –panem et circenses, Brot und Spiele – galten als Herzstück der Regierungskunst. Seitdem haben sich die Beförderungsmittel, die Häuser, die Essgewohnheiten geändert – nicht aber die Menschen. Sie lieben es, unterhalten zu werden, wobei das Niveau der Unterhaltung so unterschiedlich ist wie die Unterhaltungsindustrie – eine der größten des Landes.

Unterhaltung ist nicht nur Kabarett und Zirkus. Hugh Grant und Jan Ullrich, Herbert Grönemeyer und Michael Ballack, Michael Schumacher, Goethe, Shakespeare, Beethoven, U- und E-Musik, der Riesenmarkt der Unterhaltungselektronik, von der CD bis zur Produktion von und dem Handel mit Klavier und Klarinette, und die Urlaubsreise, sie alle dienen der Unterhaltung. Sie ist ein zutiefst menschliches und ganz legitimes Bedürfnis, das nicht zu respektieren sich in einer Rede bitter rächen wird. Und das umgekehrt anzuerkennen, den Erfolg einer Rede enorm beflügelt.

Es kann funktionieren, die Zuhörer „mit Gewalt“ in den Vortragsraum zu locken: etwa, wenn die Redezeit von der Arbeitszeit abgezogen oder gar mit einem Imbiss gekrönt wird. Aber nie und durch nichts kann ein Mensch gezwungen werden zuzuhören. Die Zuhörbereitschaft muss sich der Redner mit dem Einstieg erobern und während der Rede erhalten. Unterhaltung ist nicht das einzige Mittel dazu. Aber ein vorzügliches.

Kompliziert denken und einfach reden

Wie schmerzhaft oft erleben wir das Umgekehrte: In langen Schachtelsätzen, mit vielen Fremdwörtern, die Eindruck machen, im Habitus wichtigtuerische Kompliziertheit, entströmt – bei genauem Hinsehen – dem Mund des Redners nichts als heiße Luft. Die erfolgreichen Redner wissen: Kluges, präzise Bedachtes, Kompliziertes und Schwieriges in ganz einfachen Worten zu sagen, am besten so, dass jeder Hörer meint, genauso würde ich es auch sagen – ist Voraussetzung des Verstandenwerdens, der Verständigung, ohne die Information und Führung nicht möglich sind.

Je durchdachter und klarer die Gedanken sind, desto einfacher, verständlicher und schlichter kann unsere Sprache sein. Sie muss einfach sein, erstens, um von allen verstanden zu werden. Und zweitens, weil in Schlichtheit Bescheidenheit und Anmut liegen. Nur der Parvenü plustert sich auf. Der wirklich Erfolgreiche hat die Größe, schlicht zu sein. Schlichtheit, Einfachheit haben nichts mit Primitivität zu tun: sie sind – siehe die Literatur – die Krönung der Kommunikation.

„Deine Sprache verrät dich“,

sagt Matthäus im Neuen Testament. Wir erinnern uns: Während des letzten Abendmahls sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Einer von euch wird mich verraten.“ Petrus: „Bin ich’s Herr?“ Christus: „In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Nach der Gefangennahme Christi mischt sich Petrus vor dem Hause des Kajaphas unter die Menge. „Du bist einer von denen“, ruft ihm eine Magd zu. Petrus leugnet. Die Menschen am nächtlichen Feuer beharren: „Deine Sprache verrät dich.“ Da kräht der Hahn.

Der Verrat der Sprache: Wer spricht, verrät über sich und seine Person viel mehr, als er in seiner Rede sagt. Durch Wortwahl und Gestik, durch Betonung und Gedankenführung, durch Körperhaltung und die gesamte Erscheinung gibt er Auskunft über seine Persönlichkeit, über sein Denken und Sein, mögen sich die Worte noch so streng auf ein nüchternes Thema konzentrieren.

Soziologen haben ermittelt: Selbst in unserer überrationalen Epoche findet nur 40 Prozent zwischenmenschlicher Kommunikation über Sprache statt. Mehrheitlich teilen sich Menschen nonverbal mit, am meisten durch „sprechende Blicke“ und „Körpersprache“. In „Das Parfüm“ hat Patrick Süskind die suggestive Kraft des Geruchs wieder bewusst gemacht, die vor allem in der Negation „Ich kann ihn nicht riechen“ Eingang in unsere Umgangssprache gefunden hat.

Der Redner kommuniziert während seiner gesamten Sprechzeit nonverbal mit den Zuhörern, umgekehrt die Zuhörer mit ihm. Rede ist kein Monolog, sie ist Dialog, der hauptsächlich nach den Regeln nonverbaler Kommunikation geführt wird.

Unerfahrene Redner wollen die General-Auskunft über sich selbst verweigern, versuchen, den Dialog auf den verbalen Teil ihrer Rede zu reduzieren, in dem sie ihre Person zu verstecken versuchen. Verstecken etwa hinter einem Manuskript, von dem sie ablesen und nur von Zeit zu Zeit misstrauisch aufblicken, um zu prüfen, ob das Publikum noch da ist. Verstecken, indem sie sich hinter einem riesigen Pult für die Zuhörer unsichtbar machen. Verstecken, indem sie hundertmal gehörte Gedanken vortragen, von denen sie wissen, niemand kann ihnen widersprechen. Doch dieses Versteckspiel funktioniert nie. Wer den Mut nicht hat, über seine Person als Ganzes Auskunft zu geben signalisiert vom Rednerpult, was er am dringendsten verborgen wissen will: Ich bin ein Feigling.

Der Redner hat gar nicht die Wahl, ob er sich über die Botschaft seiner Rede hinaus als ganzer Mensch vor dem Publikum „entlarven“ will – er muss es. Dann ist es nur folgerichtig, während der Rede offensiv mit dem Pfund der eigenen Persönlichkeit zu wuchern. Mit Energie und Charme, Klugheit und Bescheidenheit, dem Erzählen eigener Erlebnisse, Dialekt und Subjektivität.

Sprechen Sie ungekünstelt. Sagen Sie nur Dinge, die zu Ihnen passen. Schlüpfen Sie nicht in eine fremde Rolle – das können nur wirklich gute Schauspieler überzeugend.

Vertrauen Sie dem Erscheinungsbild und der Wirkung Ihrer Person. Es bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig. Wenn diese nicht positiv wären, Sie nicht interessant wären, würde niemand eine Rede von Ihnen anhören wollen. Seien Sie wie Sie sind – Ihre Sprache verrät sie doch.

Die Botschaft der Rede

Wer eine Reise antritt, muss das Ziel kennen. Wer eine Rede beginnt, muss wissen, was er sagen will. Genau zu wissen, wohin er führen will, ist für den Redner unverzichtbar.

Die Botschaft ist die Kernaussage einer Rede, ist, was sich der Hörer merken soll, kurz gefasst in einem Satz; ist die alles zusammenfassende, auf das Wichtigste reduzierte Kurzfassung, die morgen als Headline über dem Zeitungsartikel stehen soll, der über die Rede berichtet.

Konzentrieren Sie das, was Sie sagen wollen, Ihr Führungsziel, in einer knappen Aussage – in einem einzigen Satz. Das ist schwer; denn Sie müssen sich festlegen, das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Doch es ist zwingend nötig, wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, ziellos und ohne roten Faden Ihr Publikum zu verwirren. Schreiben Sie den Satz auf und legen Sie ihn gut sichtbar auf den Schreibtisch, damit der Blick immer wieder darauf fällt.

Gehen Sie bei der Festlegung der Botschaft besonders sorgfältig vor: Sie ist keine überflüssige Formalie, sondern als Zielbestimmung Ihrer Rede von überragender Bedeutung. Lassen Sie sich Zeit. Prüfen Sie die Richtigkeit, Treffgenauigkeit und Aussagekraft der Botschaft im Gespräch mit anderen – Freunden, Interessierten, Betroffenen.

Sie haben wenig Zeit für die Vorbereitung Ihrer Ansprache? Jetzt wird die Botschaft noch wichtiger. Es gibt keinen besseren Zeitraffer für die Redevorbereitung als eine klare Botschaft! Ist sie einmal bestimmt, brauchen die Fakten, Pläne und Überlegungen nur noch in ihrem Lichte aufbereitet zu werden.

Die Gefahr widersprüchlicher Aussagen ist gebannt. Die Fülle Ihnen zur Verfügung stehender Fakten, Zahlen und Informationen ordnet sich im Lichte der Botschaft, so wie sich die Eisenspäne im Spannungsfeld eines Magneten richten.

Auf die sieben Grundregeln kommt es an!

Eine klare Botschaft zu haben ist das eine, sie dem Publikum verständlich zu machen das andere. Verstanden wird die Botschaft, wenn die Zuhörer bereit sind zuzuhören – im Idealfall vom ersten bis zum letzten Satz. Sie hören zu, wenn sie Interesse am Gesagten finden. Interesse entwickeln sie, wenn sie selbst betroffen sind, die Rede frisch, lebendig formuliert ist und gedanklich gut nachvollzogen werden kann, wenn die Hörer spüren, der Redner meint es ernst, er ist glaubwürdig. Mit einem Satz: Die Botschaft muss klar und ihre Präsentation Zuhörer gerecht sein – dann ist die Rede gut.

Die sieben Grundregeln:

  • Die gute Rede muss informativ und interessant sein.
  • Ihre Gedanken sollen klar, verständlich und für den Zuhörer nachvollziehbar formuliert werden.
  • Die Rede soll abwechslungsreich in Gedanken und Vortrag sein.
  • Ihre Sprache soll anschaulich und bildhaft sein – Anekdoten, Geschichten und Schilderungen von Erlebnissen beleben eine Rede.
  • Weise dosierter Humor ist das Salz einer guten Rede.
  • Eine Rede gilt zuhörenden Menschen – also spricht der gute Redner primär nicht „zur Sache“, sondern zu Menschen, urteilt und ist subjektiv.
  • Die gute Rede muss wahrhaftig sein. Der Redner redlich.

Welche der Regeln dabei die wichtigste ist, hängt von der Art der Rede ab. Am Rosenmontag ist Humor das Wichtigste. Am Hochzeitstag kommt es entscheidend darauf an, wie der Redner die persönliche Brücke zu den Hörern schlägt. Zwei Sterne freilich sollten stets besonders hell leuchten:

  • 1. Jeder Redner hat die Pflicht, informativ und interessant zu sein.
  • 2. Je mehr der Redner motivieren will, desto mehr Führungskraft muss er zeigen.Führung fußt auf Vertrauen. Vertrauen ist ohne Glaubwürdigkeit nicht zu gewinnen. Der Redner muss also wahrhaftig sein.

 

Eine Rede muss informativ und interessant sein

Informativ – wie begrüßenswert! Interessant – wie aufregend! Aber was ist informativ und interessant? Gewiss, jeder Mensch setzt seine eigenen Schwerpunkte. Was einer interessant findet, langweilt den anderen. Trotzdem: es gibt Wege, das Interesse – fast – aller zu gewinnen; einiges ist für alle interessant:

  • Machen Sie Ihre Zuhörer neugierig! Zum Beispiel mit Neuem. Neu ist immer faszinierend, die Menschen sind neu-gierig. In der Informationsgesellschaft, deren Herzstück das Neu-Zur-Kenntnis-Nehmen ist, wird Kenntnis des Neuen zur Pflicht. Wer Neues weiß, dem wird zugehört. Aber was ist „neu“? Das objektiv Neue ist das noch nie Dagewesene, das eben Geborene: „Gerade hat sich der Bundeskanzler mit den Gewerkschaften überworfen.“ Oder: „In Nahost ist wieder ein Gewaltausbruch passiert.“

    Freilich: wer mit objektiven Neuigkeiten arbeitet, bleibt auf Handlung und Autorenschaft Fremder angewiesen. Den Vorzug, nichts erfinden zu müssen, bezahlt er mit dem Nachteil, finden zu müssen, was als Träger seiner Botschaft in Betracht kommt.

    Das subjektiv Neue kann vom Redner Kraft seiner Phantasie, seines Kopfes selbst geschaffen werden, ist ein schöpferischer Akt, der seine Grenzen allein in den Fähigkeiten des Redners findet. Neues in diesem Sinne entsteht, wenn Gedankenverbindungen überraschend geknüpft werden, etwa indem Begriffe in einen noch nicht bekannten Zusammenhang gebracht werden.

  • Vermeiden Sie Phrasen! Genauigkeit und Präzision sind interessant. Aber Vorsicht: dem Hörer keine Fakten-, Wissens- oder Daten-Wüsten zumuten. Vorsicht vor allem vor Phrasen, den nebulösen Sammelbegriffen, die viele Redner gebrauchen, ohne sie selbst durchdacht oder verstanden zu haben und die sie deswegen ihrem Publikum nicht vermitteln können. Phrasen sagen nichts Falsches aus. Phrasen sind Begriffe, die zu oft, bei zu verschiedenen Gelegenheiten, von zu vielen Leuten gebraucht wurden und deswegen die Klarheit ihres Aussageprofils verloren haben.
  • Provozieren Sie, aber treiben Sie es nicht auf die Spitze! Interessant sind kurz, knapp und konzentriert vorgetragene Gedanken, Zuspitzungen, Provokationen, etwa: „Die Risikoscheu der Deutschen ist das größte Risiko für die Deutschen.“ Provokationen provozieren den Widerspruch. Sie müssen also sitzen.
  • Geben Sie Ihre Grundsätze bekannt! Viele Zuhörer bringen grundsätzlich Ausführungen großes Interesse entgegen: Sie gewähren tiefen Einblick in die Denk- und Entscheidungsstruktur des Redners, sind vertrauensbildend, weil die Zuhörer spüren: Tages- und Detailfragen werden im Lichte von Grundsatzentscheidungen entschieden. Sind diese bekannt, ist die Logik jener leichter nachzuvollziehen.

 

Eine Rede soll klar, verständlich und genau sein

Eine Rede kann vom Publikum nicht besser und klarer verstanden werden, als sie vom Redner gedacht und konzipiert wurde. Deswegen: Wer verstanden werden möchte, muss zuerst selbst wissen, was er will.

Wer nicht weiß, was er will, muss nachdenken, Gespräche führen, lesen – bis er Klarheit hat. Sonst ergeht es ihm wie vielen schlechten Rednern, die sich im Treibeis ihrer Sachkenntnisse nicht entscheiden können und so von einer Eisscholle zur anderen hüpfen und am Ende erkennen müssen: das Publikum ist ihnen bei dieser Springprozession nicht gefolgt. Die unklare und unverständliche Rede wird von den Hörern zu Recht als Zumutung und Herabsetzung empfunden: Der Sprecher achtet die vor ihm Sitzenden so wenig, dass er sie nicht einmal mit der Mühe einer ordentlichen Vorbereitung seiner Worte auszeichnet. „Liebesverweigerung“ beantworten Menschen mit „Liebesentzug“. Die Folge: Der Redner erreicht den Führungszweck seiner Rede nicht, sie geht ins Leere.

  • Der Aufbau der Rede muss klar sein! Der Aufbau einer Rede ergibt sich aus dem Thema, aus der Botschaft. Je einfacher und unkomplizierter, desto besser. Wählen Sie einfache Gliederungselemente: erstens, zweitens, drittens; These/Antithese/Synthese; Wo stehen wir, was wollen wir, was ist zu tun? Vor allem aber gilt der Grundsatz des alten Cato: „Rem tene, verba sequentur – halte Dich an die Sache, die Worte werden schon folgen.“
  • Sagen Sie, was zu tun ist! Eindeutige Handlungsvorgaben erhöhen die Klarheit und die Verständlichkeit einer Rede.
  • Keine Überforderung der Hörer durch Bandwurmsätze!
  • Veranschaulichen Sie mit Beispielen!
  • Vorsicht vor zu großen Gedankensprüngen! Sprünge in der Gedankenführung erschweren Klarheit und Verständlichkeit einer Rede, denn sie verwirren. Der gute Redner nimmt seine Zuhörer „an die Hand“ und geleitet sie Schritt für Schritt auf der Bahn seiner Vorstellungen, entwickelt eine Überlegung aus der anderen und geht so Stufe um Stufe seinem Rednerziel entgegen, das Publikum zu führen. Dabei folgt er keinem anderen Schema als der inneren Logik.
  • Jedes Thema nur einmal ansprechen! Bei Jahreshauptversammlungen, Haushaltsreden und Rechenschaftsberichten wird oft eine Reihe von Themen nacheinander abgehandelt. Es gilt etwa, Bericht über das Pharmageschäft, über landwirtschaftliche Produkte, über Farben und Lacke zu geben; über Auslands- und Inlandsumsätze. Spricht der Redner eines der Stichworte nach seiner Abhandlung noch einmal an, können sich die Zuhörer irritiert fragen: „Hatten wir das Thema nicht schon einmal? Widerspricht der Redner dem vorher Gesagten?“ Das verwirrt und steht der Führungsabsicht im Wege.
  • Verben statt Substantive benutzen! Verben sind das pulsierende, das lebendige, entwicklungsbereite Element unserer Sprache. Verbenreiches Sprechen suggeriert, der Redner ist offen, verhandlungsbereit und in einer Weise nicht endgültig festgelegt, die dem Gegenüber die Möglichkeit der Mitwirkung einräumt. Es wird damit vom Hörer als frisch, menschlich und sympathisch empfunden und somit gern gehört.

Substantive beschreiben die fertigen Dinge, sind das Element des Status quo, der Vollendung, der Perfektion. Eine Sprache reich an Hauptwörtern signalisiert Abgeschlossenheit, Veränderungsunwillen und das Verweigern der Einflussnahme durch das Gegenüber. Sie wird vom Hörer als starr und unsympathisch empfunden und somit ungern gehört.

Der Redner, der niemanden einschüchtern will, der sich nicht etwa unentschlossen, aber flexibel geben will und darauf aus ist, Sympathien für seine Person zu gewinnen, muss widerstehen, Substantive im Übermaß zu gebrauchen, und sich um die Verwendung von Verben bemühen. Das Substantiv ist statisch, das Verb dynamisch.

Nicht: „Wir haben Einigung erzielt.“ Sondern: „Wir haben uns geeinigt.“ Nicht: „Ich möchte meinem Bedauern Ausdruck verleihen.“ Sondern: „Ich bedauere.“

Eine Rede soll abwechslungsreich sein

Für die Rede gilt, was überall im Leben stimmt:

  • Allzeit fröhlich ist gefährlich,
  • allzeit traurig ist beschwerlich,
  • allzeit glücklich ist betrüglich,
  • eins ums andere ist vergnüglich.

„Variatio delectat – Abwechslung macht Freude!“ Gegen gleichbleibende Reize stumpfen die Nerven ab – die Folge ist Reizlosigkeit, die als Langeweile empfunden wird.

Der Redner ist also gehalten, stets neue Reize auszusenden, um die Zuhörbereitschaft seines Publikums zu erhalten:

  • Nicht nur Daten und Fakten aufzählen! Nichts ist für das Publikum ermüdender als Zahlen-, Fakten- oder Namensgräber. Solche überlangen Aufzählungen richten sich einseitig an den Verstand und lassen Phantasie und Emotion verkümmern. Insbesondere Fachleute sind schwer davon zu überzeugen: Zahlen haben in sich in aller Regel keinen Aussagewert. Sie müssen interpretiert werden: Eine Flasche im Keller ist relativ wenig, eine Flasche im Vorstand ist relativ viel.
  • Mit Gegensätzen arbeiten! Gegensätze sind das blanke Gegenteil von Langeweile und auf besondere Weise geeignet, das Gewollte deutlich zu machen: „Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem Ihr die Starken schwächt. Ihr werdet denen, die ihren Lebensunterhalt verdienen, nicht helfen, indem Ihr die ruiniert, die zahlen. Ihr werdet keine Brüderlichkeit schaffen, indem Ihr den Klassenhass schürt.“ (US-Präsident Abraham Lincoln)
  • Fordern Sie aktives Zuhören!
    • Reden Sie nicht in monotoner Angestrengtheit.
    • Wechseln Sie die Sprechtempi.
    • Versuchen Sie, Pausen einzulegen.

Ihre Sprache soll anschaulich und bildhaft sein

Zeigen Sie sich Ihren Zuhörern als Persönlichkeit

In der Kommunikation kommt es primär auf Information an! Wirklich? Wer unterhält sich gerne mit einer Litfaßsäule oder einem Faxgerät? Obgleich die doch voller Informationen stecken? Es ist zwar kerndeutsch, nach Objektivität, nach „zur Sache“ zu rufen, doch Info und Fakt sind nicht die einzigen Pferde im Stall dessen, der die Botschaft verbreiten möchte: „Ich führe Euch zum Ziel!“ Die anderen heißen „Persönlichkeit“ und „Charakter“, heißen „Stil“ und „Ausstrahlung“. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Es interessiert nicht nur die Nachricht eines Menschen, es interessiert auch der Mensch selbst.

Wer führen will, muss als Mensch erkennbar sein. Führung ist eine Frage der Persönlichkeit. Die Menschen folgen keiner Idee oder Ideologie, sondern folgen Menschen mit Ideen.

Wer nicht nur sein Kopf-Können, sondern seine ganze Person, sich selbst als Mensch mit der ihm eigenen Prägung – zwingend also auch mit seinen Schwächen – in die Waagschale der Rede wirft, macht sich verwundbar, weil er Missverständnissen, Ablehnung, persönlicher Diffamierung ausgesetzt ist. Angriffen standhalten zu wollen erfordert Mut. Mut freilich ist eine Tugend, eine der großen Tugenden, und wird – jenseits willensgesteuerter Wahrnehmung – von allen Menschen aller Rassen zu jeder Gelegenheit anerkannt. Die Hörer spüren die Charakterstärke dessen, der sich angreifbar macht, weil er nicht nur sein Wissen, sondern auch sein Wesen darbietet. Sie honorieren diese Demonstration der Selbstgewissheit mit Respekt und Achtung auch da, wo sie den inhaltlich-fachlichen Ausführungen oder den Wertsetzungen des Redners vielleicht nicht zustimmen. Also:

  • Persönlichkeit gezielt einsetzen! Urteilen Sie, werten Sie, seien Sie subjektiv. Ganz viele Reden sind schlecht, weil der Redner glaubt, die Fakten sprächen für sich – sagt das sogar oft so. Doch er irrt. Fakten und Zahlen sprechen nicht für sich, sie wollen durch Geist, Phantasie und Absicht – Führungswillen – interpretiert, in Zusammenhang gebracht werden. Erst der Geist gibt den Fakten Tendenzen.
  • Sprechen Sie von sich selbst! Schildern Sie eigene Eindrücke, Erlebnisse, in denen sich Ihre Zuhörer wiederfinden können. Aber nicht zuviel: keine Eitelkeiten.

 

Eine Rede soll wahrhaftig und redlich sein

Je höher der Führungsanspruch einer Rede ist, desto entscheidender wird, ob die Hörer dem Redner vertrauen: Niemand folgt einem anderen, lässt sich von jemandem führen, von dessen Aufrichtigkeit er nicht überzeugt ist. Um Vertrauen und damit Führungskompetenz zu gewinnen, muss die Rede wahrhaftig sein. Also:

  • Probleme ungeschminkt ansprechen, nichts beschönigen, nichts verharmlosen! Die Übertretung dieses Gebotes ist einer der wichtigsten Gründe für den Vertrauensverlust in der Politik. Das Herunterspielen von Problemen, das Um-Den-Heißen-Brei-Reden und Schön-Reden offensichtlicher Schwächen ist nicht geeignet, den Eindruck an Wahrhaftigkeit orientierter, sachlicher Auseinandersetzung mit einem Thema zu machen und damit Vertrauen zu begründen. Im Gegenteil: Sie vermitteln dem Hörer den Eindruck, an der Nase herumgeführt zu werden. Etwa: Das mangelnde Wachstum der deutschen Wirtschaft sei der Weltkonjunktur geschuldet.
  • Bei der Halbwahrheit schmerzt die Verachtung, die aller Verschleierung innewohnt: „Du bist es mir nicht wert, mich selbst dem Risiko der Aufrichtigkeit auszusetzen, und so sollst Du mit dem Abfall meiner Lüge vorlieb nehmen.“ Der Gekränkte lässt sich aber nicht führen.
  • Keine Übertreibungen! Verschleiern ist das Bedecken eines Teils von Erkenntnis. Ziel von Übertreibung ist das Aufbauschen eines Teils von Erkenntnis. Beide entsprechen nicht der Wahrheit, sind also zur Hälfte Lüge. Übertreibung ist umgekehrtes Verschleiern. Übertreibung im Schlechten ist Bosheit. Übertreibung im Guten ist Schmeichelei. Beide untergraben Vertrauen.
  • Nebelworte vermeiden! Worte bezeichnen Gegenstände und Begriffe, um sie voneinander zu unterscheiden. Sie gliedern das Ganze, damit alles begriffen werden kann. Der Baum heißt Baum, das Haus heißt Haus. Worte enthüllen, klären, heben ihren Gegenstand aus der Masse des Namenlosen und schaffen ihm so Identität.
  • In unserer Sprache tauchen jedoch immer wieder Worte auf, deren Zweck auf Vernebelung gerichtet ist, die eine Schein-Identität begründen wollen. Worte, deren Aufgabe ist zu verbergen, in dem sie vortäuschen, Worte, die mit der Wahrheit lügen.
  • Entsorgungsparks entsorgen nicht die Sorgen – es sind atomare Mülldeponien.
  • Gummigeschosse sind Stahlkugeln mit hauchdünnem Gummibezug.
  • Minuswachstum gibt es nicht. Mit Wachstum ist immer die Vorstellung von Ausdehnung verbunden.
  • Wer einen „Ausgabenüberschuss“ erzielt, gibt mehr aus als er hat.
  • Dem Zuhörer nicht nach dem Munde reden! In der Mediengesellschaft gebietet die Vernunft, was vorher bloß der Anstand empfahl: vor allen Zuhörern inhaltlich die gleiche Aussage zu machen, nie aus Gefälligkeit sagen, was die Leute hören wollen. Das spricht sich herum und die Glaubwürdigkeit ist verloren.
  • Wahrhaftigkeit in der Rede heißt nicht, alle Schwachstellen dem Publikum aufzudecken. Was der Redner sagt, muss wahrhaftig sein. Doch er braucht nicht alles zu sagen, was er weiß.

    Die aller jämmerlichsten Gestalten sind die, die am Ende Opfer ihrer eigenen Unaufrichtigkeit werden, die an ihre eigenen Halbwahrheiten zu glauben beginnen und damit ihre Kräfte einschläfern.

    Menasse Katzenkopf schaut gelangweilt durch das Fenster und da eben ein Freund vorüber geht, ruft er zum Spaße herunter: „Auf dem Marktplatz tanzt ein Lachs!“ Der Informierte dankt, beschleunigt seinen Schritt, gibt seine Kenntnis weiter und bald strömt es auf allen Gassen zur Ortsmitte. Da nimmt Menasse seinen Hut. „Wo willst Du hin?“, fragt seine Frau. „Zum Marktplatz,“ spricht Menasse. „Vielleicht tanzt dort wirklich ein Lachs.“

    Wahrhaftigkeit dient nicht nur dem Publikum, sondern dem Sprecher selbst. Er sieht die Welt klarer.