Till Dietmar: Transformationen der Rhetorik

Untersuchungen zum Wandel der Rhetoriktheorie im 17. und 18. Jahrhundert

(Frühe Neuzeit. Studien und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur im europäischen Kontext, Bd. 91) Max Niemeyer Verlag Tübingen 2004, zugleich Diss. Tübingen 2002.

 

Die Arbeit stellt mit ihren 640 Seiten ein opus magnum dar – und der Autor hätte nicht zu betonen brauchen, dass für die Druckfassung noch Kürzungen vorgenommen wurden. Man spürt, um in der Terminologie des 18. Jahrhunderts zu bleiben, dass die “Anlage größer” war. Das Werk geriet enzyklopädisch, mit einer Fülle von Sachen und Begriffen; deswegen hätte man sich ein solches Register gewünscht. Die Literatur dürfte wohl alle Titel zu den Rhetoriktheorien des 16. bis wohl 19. Jahrhunderts versammeln.

Rhetorikgeschichte wird hier “als Auseinandersetzung verschiedener widerstreitender Konzepte von Rhetorik” verstanden; im Wesentlichen zwischen solchen von “Kunst” und “Natur”. Die Arbeit setzt ein mit kritischen Überlegungen zur neueren Literatur. Till unterscheidet “zwei grundsätzliche historiographische Modelle” in der Rhetorikgeschichtsschreibung: ein “anthropologisches” und ein “strukturalistisches”. Er kritisiert ersteres, stützt sich auf letzteres; auf Foucault geht er ansatzweise ein. Wesentlich ist der Begriff des Affekts bzw. der Selbst-Affektation, wie auch anderswo werden lange Linien von der Antike herauf gezogen. So auch beim Aufgreifen der ciceronianischen negligentia diligens im Späthumanismus bis hin zum Anticiceronianismus im Barock. Till behandelt die Schriften von Weise, Gottsched, die Kritik am Pedantismus seit dem 17. Jahrhundert, deutsche Rhetoriker wie Kunold. Ein Kapitel ist der Aufklärungspädagogik mit Locke und Rousseau gewidmet. Locke wertet die Verführbarkeit des Menschen als anthropologisches Faktum. Der Beredsamkeit kann man nicht widerstehen. Persuasion ist gesellschaftlich notwendig, doch wird jetzt die ungelernte “Affektrhetorik” gegen die somit diskreditierte Schulrhetorik gesetzt. Die Rezeption von Lamy in Deutschland trug weiter zur Entwicklung des Individualstils bei, der nicht lernbar, sondern charakterbedingt sei. Damit gelangte die Officia -Rhetorik an ein Ende. Die Rhetorikentwürfe der Spätaufklärung und deren Kritik an der “Mechanik der Rede” trugen ebenso bei wie die Hinwendung zur Ästhetik, mit der Basis auf den individuellen Ingenium, etwa bei Johann Georg Sulzer. Den Abschluss bildet Kant mit seiner heftigen Ablehnung in der Kritik der Urteilskraft. Er schafft die traditionelle Einheit von natura und ars ab und setzt dem Prinzip der imitatio radikal das Genie entgegen. Rhetorische Überzeugungsmittel werden aus Misstrauen gegen die persuasorische Macht der öffentlichen Rede abgelehnt. Um 1800 klafften rhetorische Theoriebildung und oratorische Praxis weit auseinander. Zum “Untergang der Rhetorik” im 18. Jh. gibt es also keine monokausale Erklärung, sondern ein Bündel von Ursachen, das in der Arbeit detailliert erläutert wird. Es ist ein großer Überblick geleistet, mit einer Fülle von Informationen zur Rhetorikgeschichte und -theorie von der Antike herauf. Angesichts dessen wären für den Leser Resümees an den Kapitelenden und eine Schlusszusammenfassung noch hilfreich gewesen.

Lothar Kolmer

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