Erfahrungsbericht


Bernhard Kast

Moderne rhetorische Rollenmodelle – Erfahrungsbericht

Die Idee für die Lehrveranstaltung „Moderne rhetorische Rollenmodelle” war, dass eine Redeanalyse und somit indirekt eine Modellierung von vorbildlichen Reden auf der Basis von Videomaterial durchgeführt wird. In Büchern und auch Kursen war es lange Zeit üblich, Beispielreden nur in schriftlicher Form zu bearbeiten. Diese Praxis war durchaus sinnvoll, doch durch die mittlerweile hohe Verfügbarkeit von Onlinevideos, DVDs und anderen multimedialen Quellen steht ein breites Spektrum an vorbildlichen Reden in guter Ton- und Bildqualität zur Verfügung, was die Verwendung von entsprechenden „multimedialen Inhalten“ zur logischen Folge hat.

Ein weiterer Aspekt war, die Theorie anhand von Beispielen direkt zu veranschaulichen, also den Studierenden mehr zu „zeigen“, als zu „erklären“. Aus diesem Grund wurde die Lehrveranstaltung von mir auch so konzipiert, dass der Vortrag des Lehrenden nur einen kleinen Teil ausmachen sollte; die offene Diskussion und Teamarbeit dagegen sollten im Vordergrund stehen. Ebenso sollten die Studierenden selbst die Möglichkeit erhalten, in den „Genuss“ von gruppendynamischen Prozessen (=Vortrag mit anschließender Diskussion und Moderation durch die Studenten selbst) zu kommen.

Die konkreten Inhalte orientierten sich an den drei aristotelischen Überzeugungsmitteln Ethos (Person des Redners), Pathos (emotionale Beeinflussung des Publikums) und Logos (Argumentation). Meine Absicht war, für diese Trias ein bewusstes Grundverständnis zu schaffen, welches durch wiederholte Analysen zu einem (unbewussten) „Grundgespür“ führen sollte. Um die erlernten Inhalte nochmal zusammenfassend anzuwenden, sollten in Zweiergruppen Kurzartikel in Form einer Redeanalyse für die Plattform „Rheton“ der Universität Salzburg erstellt werden. Soviel zu den Überlegungen, dem Rahmen und der Theorie. Im Folgenden möchte ich konkret ausführen, was funktioniert und was nicht funktioniert hat und welche Erfahrungen ich aus meiner Lehre gezogen habe.

Die Einbindung der Studierenden durch Vorträge mit selbstmoderierter Diskussion und Informationssammlung ist sehr gut gelungen. Für manche Studierende war es kein Problem, die Gruppen so zu leiten, dass die Diskussion und Informierung erfolgreich verlief. Andere Studenten wiederum scheiterten daran kläglich und lernten dadurch, welche Fehler man vermeiden sollte.

Eine Herausforderung, die ich leider zu spät als solche erkannte, war, den Studierenden Sinn und Zweck des Kurzartikels nahezubringen. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen war ich selbst vom generellen Nutzen sehr wohl überzeugt; bestand doch meine Diplomarbeit zum Großteil aus einer Redeanalyse. Zum anderen aber betrachtete ich die Verfassung des Artikels nicht als grundlegend für den Kurs. Dementsprechend stiefmütterlich behandelte ich die Promotion des Lerneffekts.

Aufgrund der Tatsache, dass die bisherigen analysierten Reden meist in geschriebener Form vorlagen, legte ich einen Schwerpunkt auf die nonverbalen und paraverbalen Inhalte. Deshalb wurde der eigentliche Redeinhalt teilweise vernachlässigt, der bei Textanalysen im Vordergrund stand. Infolgedessen verzichtete ich auch auf eine generelle Behandlung von Argumentationstheorie und -analyse, die für gewöhnlich Inhalt eines eigenen Kurses sind. Bei der Vorbereitung einen zukünftigen Kurses ist es daher nötig, wohl mindestens zwei bis vier Einheiten für Argumentationsanalyse einzuplanen und entsprechende Literatur bereitzustellen.

Das Hauptziel, nämlich den Studierenden ein Grundverständnis und „Grundgespür“ für Ethos, Pathos und Logos zu vermitteln, wurde erreicht. Bei der Feedbackrunde in der letzten Einheit erzählte eine Studentin, dass sie inzwischen selbst bei Referaten und Gesprächen „automatisch“ und nebenbei die drei Überzeugungsmittel zu analysieren begänne, woraufhin andere Studierende Ähnliches berichteten. Dies stellt eine enorme Steigerung zu unseren ersten im Unterricht durchgeführten Analysen dar, wo die Studierenden noch erhebliche  Schwierigkeiten hatten, einige wenige Punkte zu erkennen.

Bei der Korrektur und redaktionellen Nachbearbeitung der Artikel wurde mir klar, dass sich bei manchen Studierenden einige Ungenauigkeiten und auch Fehler eingeschlichen hatten, wohingegen andere Studierende genau und korrekt vorgingen. Eine Ursache dafür dürfte sein, dass die gemeinsamen Diskussionen über die Reden für manche Studierenden zu wenig hinreichend bzw. meine Darstellungen nicht immer ausführlich genug waren. Aus diesem Grund scheint es mir sinnvoll, in Zukunft während des Semesters ein bis zwei schriftliche Überprüfungen durchzuführen, die als fachliches Feedback für den Lehrenden dienen sollten. D.h. jene Aspekte, die von den Studierenden nicht oder falsch beantwortet werden, sollten richtig gestellt werden bzw. neuerlich erklärt werden. Äußerst interessant war der Umstand, dass die praktischen rhetorischen Fähigkeiten indirekt proportional zu der Qualität der Artikel waren, d.h. jene Studierende, die sich als sehr gute Vortragende erwiesen haben, haben bei der Analyse meist essentielle Punkte nicht ausreichend beschrieben (oder beschreiben können?).

Die Stimmung war den ganzen Kurs über locker, die Inhalte und Diskussionen haben darunter keineswegs gelitten. Ganz im Gegenteil, eine explizite Aufforderung zur Mitarbeit war sehr selten nötig, ebenso hielten sich die Störungen durch Gespräche sehr in Grenzen. Böse Zungen mögen behaupten, dass dies daran lag, dass einer der üblichen Störenfriede nicht mehr als Student, sondern als Lehrveranstaltungsleiter anwesend war.