Francis Bacon: “Man in Blue IV”


Sabrina Jäger

Francis Bacon: "Man in Blue IV"

 

Dieses Bild von Francis Bacon hat mich angesprochen, da es sich von allen anderen Bildern Francis Bacons in der Ausstellung deutlich unterschied. Es besteht lediglich aus zwei Farben – blau und weiß. Der blaue, dunkle Teil des Bildes überwiegt und füllt beinahe die gesamte Leinwand aus. Nur wenige Akzente und scheinbare Lichtpunkte im Gemälde wurden mit der hellen Farbe gesetzt. Es scheint, als würde das dunkle Blau nur durch wenige helle Linien und Flächen unterbrochen werden, um dem Betrachter eine Räumlichkeit aufzuzeigen und ihm in der Fülle des Blaus eine Szene erkennen zu lassen. Die Person, die sich im Zentrum des Bildes befindet, ist ein Mann, der hinter einem Schreibtisch sitzt. Er lehnt sich auf ihn und hat seine Hände gefaltet. Sein Gesicht sieht traurig aus. Es ist die größte helle Fläche des Bildes, wird aber von feinen, unregelmäßigen, dunkelblauen Linien durchzogen. Dadurch sind das Gesicht und die Gesichtszüge nur schwer zu erkennen und die Person wirkt niedergeschlagen und müde. Die weißen Linien, die hinter der Person zu sehen sind, bilden scheinbar einen Raum um sie. Dieser Raum füllt nicht das ganze Gemälde aus und wirkt daher wie ein Raum im Raum. Dadurch, dass die Linien im Hintergrund parallel und in einem regelmäßigen Abstand zueinander verlaufen, scheinen sie beinahe wie Gitterstäbe, die den Mann umschließen.Obwohl er durch diesen Raum eingesperrt scheint, wirkt er durch den Anzug, den er trägt, sehr seriös und selbstsicher. Zudem gibt ihm der Tisch, auf den er sich stützt, Halt.

Als ich im Internet zu dem Gemälde recherchierte, um ein paar Hintergrundinformationen zu erhalten, habe ich gelesen, dass Francis Bacon häufig Fotografien oder Personen aus seinem Leben als Vorlage für seine Bilder genommen hat. So fand ich auch einen Hinweis darauf, dass sein Liebhaber Peter Lacy als „Man in Blue“ auf Leinwand verewigt wurde. Ich kann allerdings nicht mit Sicherheit sagen, dass Peter Lacy auf dem Gemälde, das ich hier bespreche, zu sehen ist, da Francis Bacon im Jahre 1954 insgesamt vier Bilder der Serie „Men in Blue“ malte.

In der Ausstellung waren nur wenige Bilder von Francis Bacon zu sehen, die allesamt in einem Raum ausgestellt waren. „Man in Blue IV“ war direkt links neben der Tür aufgehängt. Als ich den Raum betrat, habe ich das Gemälde zunächst also gar nicht gesehen. Erst als ich mich wieder zur Tür wandte, fiel mein Blick auf das Bild. Dabei fiel mir auf, dass dem Gemälde sehr wenig Platz im Raum gegeben wurde. Es kam mir vor, als würde es in eine Ecke gedrängt werden. Vielleicht war es auch absichtlich so platziert, da es sowieso eine sehr düstere und melancholische Stimmung vermittelt und der Mann im Bild sehr gedrängt wirkt. Gemalt wurde es mit Ölfarbe auf einer Leinwand. In der Ausstellung war es hinter Glas zu sehen.

Die Anordnung der Szene im Gemälde wirkt genau geplant. Der „Raum im Raum“ wirkt sehr kantig, geradlinig und abgegrenzt vom übrigen Teil des Bildes. Der Raum ist zur rechten Bildkante hin offen, nach oben, unten und nach links geschlossen. Die Flächen des Tisches, der Wände und der Decke wirken wie geometrische Figuren, die zu einer Szene zusammengewürfelt wurden. Der Mann befindet sich fast genau in der Mitte des Bildes. Seine Silhouette wirkt sehr abgerundet und er scheint von seiner Umgebung erdrückt zu werden. Dies wird noch einmal durch den „Raum im Raum“ unterstrichen, der deutlich kleiner als das Gemälde insgesamt ist.

Offen bleibt allerdings, was rechts vom Bild passiert. Der Raum ist nicht völlig geschlossen und der Mann blickt auch in diese Richtung. Es scheint, als würde er eine Person ansehen, die sich dort aufhält oder etwas Anderes, das seine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich denke, dass mit dem Bild eine traurige und einengende Stimmung vermittelt werden soll. Der Blick des Betrachters wird als Erstes auf das Gesicht des Mannes gelenkt, das im Mittelpunkt des Bildes liegt und durch die helle Färbung deutlich hervorsticht. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass der Blick des Mannes auf etwas fixiert ist. Das Gesicht sieht starr und angespannt aus und durch die Schattierungen wirkt es sehr verfallen.

Ich denke, dass der Betrachter in die Stimmung des Bildes hineingezogen und neugierig gemacht werden soll, was sich außerhalb des Bildes befinden könnte und worauf der Blick des Mannes fixiert ist. Ich gehe davon aus, dass dem Betrachter, so wie auch mir, als Erstes die dunkle Färbung des Gemäldes und der helle Mittelpunkt auffällt. Man fragt sich, warum eine so düstere Stimmung vermittelt wird und welche Geschichte den Mann in diese Situation gebracht haben könnte.

Meiner Meinung nach kommt die rhetorische Persuasion des Gemäldes aber nicht zustande. Bei oberflächlicher Betrachtung wird durch die große, dunkle Fläche und die wenigen Lichtpunkte sofort eine düstere und traurige Stimmung vermittelt. Der Betrachter wird in diese hineingezogen und bleibt (so ist es zumindest mir gegangen) am Bild hängen. Bei eingehender Betrachtung erkennt man auch noch die feinen Details, die die Szene bereit hält. Diese Details machen neugierig und verleiten den Betrachter dazu, zu hinterfragen, was die Intention des Bildes ist und herauszufinden, was beim Betrachten des Gemäldes unklar bleibt bzw. was nicht abgebildet, aber zum Verstehen der Szene notwendig ist. So ist es auch bei mir gewesen und genau das ist das Merkwürdige und Unerklärkliche daran. Obwohl ich mich nun schon öfters mit diesem Bild auseinandergesetzt und es betrachtet habe, ist mir leider noch immer nicht klar geworden, was denn die Intention ist. Wie schon zuvor erwähnt, bleibt offen, was sich rechts vom Gemälde befindet – also worauf die Person im Bild blickt und was ihre Gedanken scheinbar gefangen hält. Das wäre meiner Meinung nach ein wesentlicher Punkt, der helfen könnte, die Szene und die Intention, die dahintersteckt, zu verstehen. Für mich aber haben sich diese Fragen nicht erschlossen, und obwohl ich in die Stimmung des Gemäldes hineingezogen wurde, konnte es mich letztendlich nicht für sich gewinnen.

 


 

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