George Dennis Carlin: „Religion is bullshit.“


 

Joachim Wald und Raoul-André Wortmann

George Dennis Carlin: Religion is bullshit

 

Einleitung

„Religion is bullshit“ ist ein Kabarettstück des US-Amerikaners George Dennis Carlin. Carlin wurde 1937 in New York geboren und verstarb erst kürzlich, am 22. Juni 2008, in Santa Monica. Er war in den Vereinigten Staaten von Amerika als Stand Up Comedian äußerst erfolgreich und besonders als Tabubrecher bekannt. Er war nicht nur als Komiker, sondern auch als Schauspieler und Autor tätig.Absolute Höhepunkte in Carlins Karriere stellten die zahlreichen Grammy Awards dar.

„Religion is bullshit“ fällt in das Genre Kabarett. George Dennis Carlin hat dieses Stück nicht nur unzählige Male eingeübt, sondern auch schon oft aufgeführt. Das stellt natürlich nicht den Standard für eine durchschnittlichen Rede dar, da eine Rede im Normalfall nur einmal gehalten und nicht so vehement eintrainiert wird wie ein Kabarettstück.

 

Redegattung

Bei dem Kabarettstück handelt es sich um eine Tadelrede. Die Hauptaufgabe einer Tadelrede besteht darin, zu belehren und zu unterhalten. Carlin kritisiert den (monotheistischen) Glauben der Menschen und tadelt dabei scheinbar Gott, doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass er vielmehr das von den Menschen erdachte Konzept von Gott kritisiert.

 

Situationsinformation

In seinen Programmen arbeitete der Komiker meist mit Sprache, Psychologie und insbesondere der Religion. In seinen späteren Auftritten nimmt er mit Vorliebe auch vermehrt die amerikanische Politik aufs Korn.

In seinen Comedy-Programmen arbeitete George Carlin meist mit aktuellen sowie mit kulturellen und anderen Themen. In den Stücken konnte er unter dem Schutzmantel von Sarkasmus und Ironie sehr gut seine eigenen Einstellungen und Meinungen vermitteln. In der hier analysierten Situation und dem hier behandelten Teil des Programms spricht Carlin über Religion und bezeichnet ihn als „Religion is bullshit“.

Die Aufführung, welche zum wiederholten Male aufgeführt wurde, findet auf der Bühne der Bass Performance Hall in Fort Worth, Texas, statt. Die Bass Performance Hall war ausverkauft, was die Vermutung nahe legt, dass das Publikum Carlin wohlgesonnen war und seine Fähigkeiten als „Unterhalter“ schätzte (Kompetenzvermutung).

 

Ethos

George Carlins Darstellung ist sehr expressiv gehalten. Sein Energielevel ist während des gesamten Kabarettstücks sehr hoch. Er wirkt sehr impulsiv und aufgeweckt und setzt seine Mimik, Gestik, Körpersprache und Stimme mit großer Variation und überzeichnet ein. Dabei untermalt und unterstreicht Carlin die textlichen Inhalte. Er verändert zum Beispiel seine Körperhaltung und  -bewegungen, um sie dem Inhalt anzupassen. Wenn Carlin positiv über Gott spricht, dann steht er relativ gerade und spricht in einem normalen Ton. Geht es jedoch um negative Eigenschaften Gottes, dann bückt er sich weiter nach unten und spricht auch in einem wesentlich tieferen Ton. Ebenso reißt er seine Augen weit auf, wenn er über Gott spricht. Das wirkt so, also wolle er über etwas sehr Wichtiges und Großes reden. Gleichzeitig macht er sich jedoch auf inhaltlicher Ebene darüber lustig.

Das Auftreten Carlins in schwarzer Kleidung mit seinen grauen, nach hinten gelegten Haaren und ebenfalls grauem Vollbart gibt ihm einen intellektuellen und existentialistischen Touch. Er erfüllt genau "das Klischeebild des melancholischen, meist schwarz gekleideten jungen Existentialisten, der zwischen Jazzkeller, Cafe und Universität" (http://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus) verkehrt.

Der Ton macht die Musik und Carlins Tonspektrum ist sehr vielseitig. Er verfügt über eine hohe Stimmvariation, welche er mit nonverbalen Elementen noch unterstreicht. Hingegen greift er auf der anderen Seite auf einen sehr einfachen Wortschatz zurück. Die Sprache ist leicht verständlich und beinhaltet kaum Fremdwörter. Schimpfwörter dagegen kommen zahlreich vor. Generell wirkt Carlin trotz der bewusst eingesetzten Darstellung sehr authentisch.

 

Pathos

„Religion is bullshit“ setzt sich mit Religion, Glauben und Gott auseinander; dabei handelt es sich um sehr emotionale Themen, da diese Themen eng mit Werten und Glaubensüberzeugungen der Menschen  verwoben sind. Kritik oder gar ein Angriff auf persönliche Werte oder Glaubensvorstellungen löst üblicherweise starke emotionale Reaktionen der betreffenden Person aus. Carlin nähert sich dieser schwierigen Thematik auf humorvolle Art und Weise. Gott an sich wird als Person betrachtet, wodurch er auf eine Stufe mit dem Menschen gestellt wird. Carlin spricht beispielsweise von Gott teilweise einfach als „guy“. Folgende Passage ist ein gutes Beispiel für die Personifizierung von Gott: “And by the way, I say 'this guy' because I firmly believe, looking at these results, that if there is a God, it has to be a man. No woman could or would ever fuck things up like this.” In dieser Äußerung macht sich Carlin nebenbei auch noch über die “männliche Spezies” lustig.

Carlins einfacher und mit Schimpfwörtern durchsetzter Wortschatz steht im Gegensatz zum hohen inhaltlichen Niveau des Themas. Diese Diskrepanz sorgt für eine emotionale „Grundspannung“, die mit entsprechendem Humor schnell in Gelächter verwandelt wird. Als Beispiel sei die Aussage „Holy Shit!“ genannt, die in diesem Kontext einen Wortwitz darstellt und auch den oben genannten Gegensatz illustriert. Des Weiteren spricht Carlin immer wieder alltägliche Umstände an, wodurch ein persönlicher Bezug für das Publikum hergestellt wird.

Carlin erzeugt großes Gelächter im Publikum – zum einen durch seine übertriebene non- und paraverbale Darstellung, zum anderen durch seine Angriffe auf althergebrachte Glaubensvorstellungen und Angewohnheiten. Diese Vorstellungen und Gewohnheiten werden überzeichnet und in einfachen Sachverhalten dargestellt, dadurch nimmt Alltägliches geradezu groteske und lächerliche Formen an, wie zum Beispiel: „Religion has actually convinced people that there's an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day.“ Durch den Vergleich der Bibel mit populären Geschichten und Kindererzählungen erzeugt Carlin nicht nur einen Wiedererkennungseffekt, sondern erntet durch dieses kuriose Gegenüberstellen der Bücher auch viel Gelächter. Im Publikum löst folgende Passage ungemein großen Beifall aus: „And for those of you who look to The Bible for moral lessons and literary qualities, I might suggest a couple of other stories for you. You might want to look at the Three Little Pigs, that's a good one. Has a nice happy ending, I'm sure you'll like that.“

George Carlin verwendet als weiteres Stilmittel Zynismus. Zynismus wird oft fälschlicher Weise mit Sarkasmus verwechselt. Zynismus beschreibt die Herabsetzung von Wertvorstellungen anderer Menschen, aber auch die grundsätzliche Infragestellung moralischer Werten. Ein Beispiel hierfür in „Religion is Bullshit“ ist: „But people do pray, and they pray for a lot of different things, you know, your sister needs an operation on her crotch, your brother was arrested for defecating in a mall. But most of all, you'd really like to fuck that hot little redhead down at the convenience store. You know, the one with the eyepatch and the clubfoot? Can you pray for that?…“. In diesem Beispiel zieht Carlin nicht nur das Beten an sich ins Lächerliche. Er leitet vom Beten sogar über auf ein – in der Öffentlichkeit/Fernsehen – wenig angesprochenes Thema, nämlich Sex. Durch diese extreme Gegenüberstellung zweier Dinge, die sich in moralisch gesehen an zwei entgegensetzten Polen befinden, spielt Carlin den Zynismus-Trumpf voll aus. Dies führt im Publikum zu lautem Beifall und Gelächter.

 

Logos

Carlins Rede enthält eine Vielzahl von Argumenten, welche sich hauptsächlich auf kunstgemäße/technische Beweise stützen. Seine Beweisführung stützt sich auf eine Vielzahl von allgemeinen Aussagen über das tägliche Leben und der populären Vorstellung des monotheistischen/christlichen Glaubens. Diese Aussagen setzt er meist so in den Kontext, dass sie einen Widerspruch (Kontradiktion) ergeben.

 

In den meisten Fällen sind die Argumente logisch und plausibel. Jedoch zieht Carlin keine klare Trennlinie zwischen Religion, Kirche und Gott. So kritisiert er Religion allgemein, obwohl er sich inhaltlich nur im monotheistischen „Bereich“ bewegt. Oder wenn er behauptet, dass Gott immer mehr Geld braucht, spricht er eigentlich nur die jeweiligen Kirchen an. Abgesehen von diese Ungenauigkeiten macht Carlin keine größeren Fehler in seiner Argumentation und der inhaltlichen Darstellung.

 

Wie schon erwähnt bedient sich Carlin hauptsächlich des Widerspruchbeweises, wobei er oft nur die Prämissen anführt und die Konklusion dem Publikum überlässt, wie zum Beispiel zu Beginn
  1. Bei Verstoß gegen die Gebote schickt Gott dich/den Sünder für immer in die Hölle.
  2. Gott liebt dich/alle.

Carlin kommentiert diesen Widerspruch nicht weiter; stattdessen beschreibt er in seiner Präsentation zunächst die Hölle und fügt dann lakonisch an: „But he loves you!“.

Manchmal führt Carlin die Konklusion auch aus, wie im Folgenden beim klassischen Problem der Theodizee:

  1. Gott ist allmächtig, allgütig und allwissend.
  2. Es gibt Krieg, Elend, etc. auf der Welt.
    Carlin präsentiert dieses Argument in Form einer Personifikation Gottes, indem er anmerkt, dass diese Ergebnisse nichts auf dem Lebenslauf eines höheren Wesens verloren haben. Deshalb zieht er den Schluss, dass Gott
  3. mindestens inkompetent und vielleicht gleichgültig gegenüber der Situation ist.

Im Bereich der Topik zieht Carlin hier die Fundorte für die Beweise aus der Person und der Sache. Da wären die Herkunft (natura), Taten (facta) und Gewohnheiten (habitus): Gott, Inkompetenz und Gleichgültigkeit. Bei der Sache sei die Wirkung (eventus) in Form von Krieg etc. genannt.

Seine Kritik an Gott fasst Carlin in einem Satz zusammen, indem er eine klare, harte und eindeutige Aussage trifft, die er – in ihrer Präsentation – nur dadurch abschwächt, dass er sie auf sich selbst bezieht:

"So rather than be just another mindless religious robot, mindlessly and aimlessly and blindly believing that all of this is in the hands of some spooky incompetent father figure who doesn't give a shit, I decided to look around for something else to worship.
Die implizite Argumentation ist klar:

  1. Wenn man an (diesen) Gott glaubt,
  2. dann ist man „ just another mindless religious robot…“

Inhaltlich bedient sich Carlin nicht nur direkter, sondern auch indirekter Angriffe. Im Mittelteil seines Stücks geht Carlin (scheinbar) darauf ein, warum er die Sonne verehrt. Dabei zählt er jedoch alle die Punkte auf, die im Licht der üblichen religiösen Praxis lächerlich wirken bzw. von ihm als lächerlich dargestellt werden: „Sun worship is fairly simple. There's no mystery, no miracles, no pageantry, no one asks for money, there are no songs to learn, and we don't have a special building where we all gather once a week to compare clothing. And the best thing about the sun, it never tells me I'm unworthy.“

Dies hat mehrere Vorteile: Durch die kontrastreiche Darstellung ist es leichter, alltägliche übernommene Verhaltensweisen bloßzustellen. Außerdem werden die teilweise sehr harten Feststellungen abgeschwächt, da sie in umgekehrter Form angebracht werden. Schließlich hat die indirekte Formulierung einen eigenen humoristischen Effekt.

Gegen Ende des Stücks äußert sich Carlin noch gegen die Praxis des Betens. Er führt dabei einen Widerspruchsbeweis, wobei er die Effektivität des Betens und den göttlichen Plan gegeneinander antreten lässt: Wäre Beten erfolgreich, dann könnte es den göttlichen Plan beeinträchtigen. Also muss entweder Beten sinnlos sein oder der göttliche Plan kann durch Beten beeinträchtigt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass George Carlin sehr viele Argumente aufzählt, welche die Sinnlosigkeit von Religion deutlich machen sollen. Somit überzeugt er das Publikum und zieht es auf seine Seite. Carlin beschreibt viele religiöse Gewohnheiten und Gegebenheiten und stellt diese als sinnlos und lächerlich dar. Die einzelnen inhaltlichen Teile des Kabaretts werden nicht ein- oder übergeleitet, was den Eindruck erweckt, als würde Carlin von einem Thema zum nächsten springen. Das gesamte Kabarett-Stück wirkt inhaltlich logisch und ist leicht verständlich. Die zentrale Aussage findet sich kurz und prägnant in der dem Titel des Stücks wieder: „Religion is bullshit“.

 

Verhältnis Ethos-Pathos-Logos

Das Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos ist bei diesem Kabarett unserer Meinung nach sehr gut abgestimmt. Auch wenn es so scheinen könnte, dass Carlin seine Gags spontan bringt, so ist dieses Stück sicherlich dutzende Male geprobt und einstudiert worden. Carlin setzt zum richtigen Zeitpunkt Pausen, um dem Publikum „Zeit zum Lachen“ zu geben. Er wartet auch das Gelächter ab, um im richtigen Zeitpunkt wieder zu starten. Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Ethos-Pathos-Logos ist die kurze, folgende Passage: „And I say, fine. Pray for anything you want. Pray for anything, …” Während dieses Satzes geht Carlin locker kleine Schritte umher, bewegt die Hand gleichmäßig locker von einer Seite auf die andere. Er hält die Augen eher geschlossen, so als würde er „ein Auge zudrücken“. Dabei spricht er langsam mit angenehmer Stimme. Dann folgt der Satz: „… but what about the Divine Plan?” Das “but” wird begleitet, in dem er den Zeigefinger zur Warnung anhebt. Das „but“ wird kurz und laut ausgesprochen. Und Carlin reißt wieder die Augen auf, da er wieder von „dieser wichtigen Sache“ spricht. Das Beispiel macht schön deutlich, wie Carlin Ethos, Pathos und Logos einsetzt, um dem Publikum mit emotionaler, rationaler und darstellerischer Prägnanz eindringlich Inhalte zu vermitteln.

 

Anmerkungen/Lernfaktor

„Religion is bullshit“ ist ein gutes Beispiel für perfekt eingesetzte Gestik und Mimik. Das Zusammenspiel mit dem Gesagten ist optimal. Es scheint fast so, also wäre jedes Detail geplant und bewusst ausgeführt, trotzdem wirkt alles spontan und authentisch. Das macht Professionalität aus. Somit ist es uns nicht möglich, Verbesserungsvorschläge zu diesem Kabarettstück zu machen. Hingegen kann man gerade in Bezug auf Körpersprache viel von Carlin lernen, da jede Gestik/Mimik/Körperhaltung zu gesprochenem Wort und Inhalt passt.

Das Video zur Rede kann unter folgender Adresse gefunden werden: