Lucian Freud: “Girl with closed eyes”


Margot Dum

Lucian Freud: "Girl with closed eyes"

(1986 – 1987)

 

In einer Francis-Bacon-Ausstellung bleibt mein Blick an einem besonderen Bild hängen. Es trägt den Titel: „Girl with Closed Eyes“  und wurde von einem guten Freund Bacons gemalt. Aus guter Quelle erfahre ich, dass der Künstler ein Verwandter des berühmten Psychoanalytikers Dr. Sigmund Freud ist. Schmunzelnd male ich mir aus, was Dr. Freud wohl zu diesem Kunstwerk gesagt hätte.

So betrachte ich das Bild sehr genau und sehe eine junge Frau, die nackt auf einem Bett liegt. Sie hat ihren Kopf leicht zur Seite geneigt. Der dünne Hals ist dadurch gestreckt, was darauf deutet, dass sie tief und fest schläft. Dabei frage ich mich, was sie jetzt wohl träumen mag.  Der Mund ist leicht geöffnet. Sie sieht blass aus. Ihre Haare sind ein wenig gewellt und haben eine aschbraune Farbe. Man sieht nur die rechte Brust. Auf der Haut finden sich einige Leberflecken. Das Bettlaken, auf dem sie liegt, ist beinahe grau. Im Hintergrund sieht man eine grau-braune Holzwand. Das Mädchen sieht sehr entspannt aus. Es wirkt, als lebe es ein einfaches Leben, und doch strahlt es Zufriedenheit aus, wenn es schläft.

 

Das sind meine ersten Eindrücke, wenn ich dieses Bild betrachte. Tatsächlich gibt es viele verschiedene Weisen, ein Bild zu betrachten. Die einen sehen eine nackte Frau, andere eine Leinwand, die mit brauner, weißer und grauer Farbe bemalt ist. Wieder andere interpretieren in das Bild eine bestimmte Botschaft hinein.

Die Wahrnehmung ist also subjektiv. Doch der Maler, Lucian Freud, hat dieses Bild – bewusst oder unbewusst – nach bestimmten Kriterien hergestellt. Ziel eines Künstlers ist es immer, den Rezipienten zu überzeugen. Sei es nun mittels Worten, in Form einer Rede, mittels Musik oder auch mittels Bildern.

 

Nun stellt sich die Frage: In welchem Zusammenhang damit steht die Bildrhetorik und was ist das überhaupt?

Dazu müssen wir einen Ausflug in die Theoriegeschichte machen: In der Antike entwickelte sich die Kunst der Rhetorik. Es handelt sich dabei um eine Art strategischer Kommunikation: Der Redner verfolgt ein bestimmtes Ziel. Er will sein Publikum überzeugen. In der Rhetorik nennt man das Persuasion.

Aristoteles formulierte drei Charaktereigenschaften, die ein guter Redner mitbringen sollte. Das ist zum einem Integrität: Er soll in seinem Denken, Tun und Sagen authentisch sein. Weiters setzt Aristoteles das Wohlwollen des Redners gegenüber dem Publikum voraus. Auch eine gewisse Kompetenzvermutung des Publikums gegenüber dem Redner ist von Vorteil.

Um eine gute Rede vorzubereiten, wurde in der Antike eine Produktionstheorie entwickelt. In fünf Schritten soll der Vortragende seine Rede entwickeln:

Zuerst muss er einen Gedanken finden (Inventio). Anschließend ist das Ergebnis zu gliedern (Dispositio). Nun ist das Grundgerüst der Rede entstanden. Der nächste Schritt ist die sprachliche Ausformulierunng (Elocutio). Diese hat das Ziel, später die Aufmerksamkeit des Publikums punktuell zu steigern, je nach Situation. Dann hat der Redner die Aufgabe, sich die Rede einzuprägen (Memoria). Schlussendlich wird die Rede vorgetragen (Actio).

 

Sie lesen hier aber einen Text über Bildrhetorik. Hier geht es darum, Bilder zu beschreiben und dadurch beispielsweise eine Rezeptionsstrategie zu erkennen. Ausgangspunkt der Bildrhetorik ist immer die klassische Rede. Denn Bilder kommunizieren eine Botschaft ebenso wie ein Redner. Der einzige Unterschied besteht darin, dass für die Übermittlung des Inhaltes ein anderes Medium gewählt wird. Das Bild hat dennoch einen besonderen Stellenwert: Wir sehen Bilder auch in unserer Fantasie. Wir gleichen das Gesehene mit unserem Erfahrungsschatz ab und machen uns unser eigenes „Bild“.

 

In diesem Fall sehe ich nicht nur ein nacktes Mädchen. Die verschiedenen Eindrücke, die ich gewinne, wenn ich das Kunstwerk betrachte, verschmelzen zu einer Geschichte. Ich stelle mir vor, wie sie wohl heißen könnte, und warum sie sich porträtieren ließ.

Bilder vermitteln also konkrete Botschaften. Lucian Freud hat bei seinem Bild eine genaue Vorstellung davon, was er seinem Betrachter mitteilen will. Er überlegt, wie er das Bild, das in seiner Fantasie bereits vorhanden ist, am besten auf die Leinwand bringt. Dazu muss er wissen, welche Elemente das Bild beinhalten soll und wie diese angeordnet werden. Freud gibt dem Mädchen viel Platz. Im Hintergrund sieht man nur das Bettlaken oder eine Holzwand. Das rechte untere Drittel des Bildes zeigt ihre Schultern und Ansätze der linken Brust. In der Mitte des Bildes befindet sich der Hals. Die linke obere Hälfte des Bildes zeigt den Kopf. Für die Bildaufteilung wird meist eine Dispositionsskizze angefertigt, um die Größenverhältnisse  sowie die Anordnung der Inhalte zu fixieren. Das Mädchen nimmt in diesem Fall den Großteil des Bildes ein.

Vielleicht hat sich der Maler bei der Herstellung auch Gedanken darüber gemacht, wo das Bild später präsentiert wird, womit wir beim Wohlwollen dem Publikum gegenüber wären. Nach der groben Einteilung der Anordnung im Bild beginnen die Feinarbeiten. Mit der Farbgebung kann Lucian Freud  eine bestimmte Stimmung formen. Er stellt sich dunkle Brauntöne für die Ausgestaltung von Schatten vor. Die hellen drücken die Blässe des Mädchens aus. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Muskeln ihrer linken Halspartie leicht angespannt sind, weil ihr Kopf sich auf die rechte Seite neigt. Durch diese detailreiche Darstellung soll der Betrachter für die Wirkung von bewegter Haut sensibilisiert werden.

 

Bevor der Künstler aber tatsächlich zu malen beginnt, muss er sich noch entscheiden, mit welchem Medium er seine Idee transportieren möchte: Hier entschließt sich Lucian Freud, auf einer Leinwand zu malen. Die Leinwand ist das Mittel, um die Bildinformation an das Publikum zu bringen, damit dieses die Botschaft aufnimmt. Der Betrachter erinnert sich an das Bild und die Geschichten, die er damit verbindet. Man könnte hier die Erinnerung des Betrachters mit der Memoria des Redners verbinden.

Schließlich hat der Künstler sein Werk auf die Leinwand gebracht. Das Thema und dessen Gegenstände sind dargestellt. Man könnte das als Bildlichkeit bezeichnen.

 

Wenn das Publikum das Bild betrachtet, ist das vergleichbar mit dem Hören einer Rede. In beiden Fällen werden Inhalte vermittelt, die die Einstellungen und die Gefühle des Rezipienten ansprechen sollen. Eventuell kann somit ein Einstellungswechsel erreicht werden. Der Anblick des „Mädchens mit den geschlossenen Augen“ hat mich jedenfalls dazu veranlasst, es sehr genau zu betrachten. Es weckt in mir eine Reihe von Emotionen: Für mich strahlt das Bild vor allem etwas Geheimnisvolles aus. Das Mädchen sieht sehr entspannt aus, als ob es sich von jemandem beschützt fühlen würde. Vielleicht hat sie den Maler gut gekannt.

 


 

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