Martin Luther King: „I hava a dream“


 

Katharina Matthes und Katharina Starzinger

Martin Luther King: "I have a dream"

 

Situationsinformation

“Ich habe einen Traum”. Nahezu jedem sind diese Worte, die aus Martin Luther Kings Mund stammen, ein Begriff. Anlässlich der großen Protestkundgebung March on Washington for Jobs and Freedom am 28. August 1963 hielt Martin Luther King diese Ansprache in Washington D.C. Vor dem Lincoln Memorial lauschten mehr als 250.000 Menschen seinen Worten.

Der Titel der Kundgebung March on Washington for Jobs and Freedom macht bereits klar, worum es King geht. Er setzt sich für Arbeit und Freiheit ein, genauer gesagt geht es ihm um die Gleichstellung der in den USA lebenden Afroamerikaner in Bezug auf Gleichheit, Freiheit und Arbeitsplätze.

 

Die Person Martin Luther King Jr.

Martin Luther King Jr. war ein US-amerikanischer Bürgerrechtler und Baptistenpastor. Er setzte sich insbesondere für soziale Gerechtigkeit und die Gleichstellung der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten von Amerika ein. Schon während des Studiums entdeckte er seine Leidenschaft für das Reden und nahm erfolgreich an mehreren Studenten-Wettbewerben teil. [http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_King]

 

Redegattung

Bei der Rede “I have a dream” handelt es sich um eine Mischung aus Gerichts- und Beratungsrede. Zum einen handelt der Inhalt von Recht bzw. Unrecht,  zum anderen geht King stark auf die Vergangenheit ein. Beides spricht für eine Gerichtsrede. Im Laufe der Rede geht King jedoch sowohl auf die Zukunft als auch den Nutzen bzw. Schaden ein, diese Punkte sprechen für die Beratungsrede.

 

Ethos

Martin Luther King war zum Zeitpunkt der Rede schon ein bekannter Führer der Schwarzenbewegung. Am Beginn der Rede wurde er vorgestellt als „Dr. Martin Luther King“. Zusätzlich ist er einer der Redner, die vor einer großen Menschenmenge sprechen (dürfen). Aus diesen Gründen ist eine große Autorität und Kompetenzvermutung gegeben. Aufgrund seiner Bekanntheit und Verdienste darf man darauf schließen, dass er auch die Sympathie des Publikums genießt.

Trotz seiner „erhöhten“ Position (physikalisch wie sozial) kreiert Martin Luther King ein „Wir-Gefühl“, indem er wiederholt Phrasen mit „us“, „we“, „our“, etc. einbaut und auch Erfahrungen persönlicher Diskriminierung einbringt. Mit seinen einfachen, aber sehr deutlichen Sätzen erhöht sich seine Authentizität und die Verbindung zum Publikum wird nochmals verstärkt. Durch seine Sprachwahl und das Verhältnis zur Umgebung zeigt Martin Luther King, dass er für diese Botschaft lebt und die Freiheit der Schwarzen sein Lebensziel darstellt.

Der schwarze Anzug mit Krawatte unterstreicht die hohe Stellung Kings, sie steht im Kontrast zu den weißen Anzügen und Kopfbedeckungen der Männer im Hintergrund. Diese stehen in unmittelbarer Nähe direkt hinter ihm und scheinen seine Rede zu verfolgen, ohne jedoch dabei in komplette Starrheit oder Andächtigkeit zu verfallen. Dadurch wirken die Männer im Hintergrund als ebenbürtig und geben der Szenerie eine egalitäre Wirkung.

King beginnt seine Rede sehr langsam mit Pausen, nahezu zelebrierend gesprochen, später steigert er graduell die Geschwindigkeit, bleibt jedoch im Großen und Ganzen langsam. Kings Stimme ist die ganze Rede hindurch rhythmisch, wodurch sie eindringlicher wirkt. Dies verleiht ihm auch eine erhabene Wirkung. Der seriöse und bestimmte Gesamteindruck wird noch durch die durchgehend aufrechte und gerade Körperhaltung ergänzt. Er verwendet vor allem am Anfang kaum Gestik oder Mimik und setzt nur am Höhepunkt seiner Ansprache Handbewegungen und Gesten ein. Seine Stimme setzt King entsprechend dem ein, welche Stimmung er beim Publikum erzeugen will. Wird der Inhalt emotionaler, wird schneller gesprochen; Dem Inhalt wird somit auch auf paraverbaler Ebene Ausdruck verliehen.

Während die Mimik kaum expressiver wird, so wird Kings Stimme im Laufe der Rede oftmals vehementer und eindringlicher. Dadurch erzielt King den Effekt, dass er zwar klar und bestimmt vorträgt, jedoch nicht feindselig wirkt. Auffällig ist das ständige Ablesen der Rede von der Vorlage, dadurch ist der Blickkontakt zum Publikum sehr eingeschränkt.

 

Pathos

Pathos behandelt die emotionale Beeinflussung des Publikums – dies umfasst das Auslösen von gewissen Emotionen im Publikum sowie den Einsatz von rhetorischen Figuren, die bei gezieltem Einsatz Inhalte hervorheben bzw. verschleiern können.

In Bezug auf Pathos lässt sich Folgendes bei „I have a dream“ feststellen: Martin Luther King spricht in seiner Rede viele Werte an, er spricht von Freiheit, Armut, Diskriminierung – große Themen, die bewegen. Diese Punkte stellt King in starken Kontrast, indem er Antithesen verwendet – dabei stellt die Kontrastsyntax die Vergangenheit, das Positive die Zukunft dar. Durch den Einsatz des Stilmittels wird die Wichtigkeit der von King geforderten Ziele besonders hervorgehoben, hier einige Beispiele:

Kontrast-Vergangenheit

  • „night of their captivity”
  • dark and desolate valley of segregation
  • quicksands of racial injustice”
  • oppression”

Ziel-Zukunft

  • joyous daybreak”
  • sunlit path of racial justice
  • solid rock of brotherhood
  • freedom and justice

Neben Antithesen verwendet Martin Luther King weitere rhetorische Figuren. Geminationes verleihen wiederholten Wörtern innerhalb einer Periode eine besondere Bestärkung, die Wörter “history“, “again and again“, “destiny“, “go back to…“, “sons of…“ in Wiederholung sorgen für eine Bekräftigung des ganzen Satzes, in dem sie vorkommen.

Auch Anaphern bewirken die Hervorhebung eines wichtigen Wortes, in diesem Fall durch eine Wiederholung am Satz(teil)anfang; die Bestimmtheit des Gesagten erhält eine Steigerung und erhöht die Eindringlichkeit. Beispiele in der Rede sind “One hundred years later“ (4-fache Wiederholung), “We refuse to believe“ (2-fache Wiederholung), “Now is the time to…” (4-fache Wiederholung), “We must“ (2-fache Wiederholung), “We can never be satisfied as long as…” (5-fache Wiederholung), “With this faith we will be able to…” (3-fache Wiederholung).

Martin Luther King hat auch einige Allusionen eingebaut, dabei handelt es sich um Andeutungen auf Inhalte bekannter Texte. Er verweist dabei sowohl auf die amerikanische Verfassung (“We hold these truths to be self-evident, that all men are creates equal.”), als auch auf die Gettysburg-Rede Lincolns (“Five score years ago…”) und des Öfteren auf die Bibel. [http://en.wikipedia.org/wiki/I_Have_a_Dream]

Um einen detaillierteren Einblick in Martin Luther Kings Wortwahl zu erreichen, wird  der Text im Folgenden genauer betrachtet. In Zeile 3 erwähnt King den Schatten eines großartigen Amerikaners (“shadow of a great American“), womit er Abraham Lincoln meint. Dabei ist – wie oben erwähnt – der Beginn des Satzes eine Allusion auf eine Lincoln-Rede. Abraham Lincoln gab den Schwarzen mit der Emanzipationserklärung eine großartige Perspektive (“great beacon of hope“ (Zeile 4 f.)). Dabei spricht King indirekt die Werte Freiheit und  Selbstbestimmung an. Metaphorisch führt er aus, dass diese Erklärung wirke wie „joyous daybreak to end the long night of their captivity“, um dann festzustellen, dass die Erklärung noch immer nicht erfüllt ist: „But 100 years later, …“. Wenig später greift er diesen Umstand nochmals metaphorisch auf, indem er von einem Scheck spricht, der nicht gedeckt ist. Dabei kommt es zu großem Gelächter im Publikum. Inzugedessen spielt er auch mit „bank of justice“ auf das Treuegelöbnis und auf die amerikanische Flagge (Pledge of Allegiance) „… with liberty and justice for all“ an. King verweist auf die Grundrechte und kollektive Kulturelemente (Hymnen, Lieder), ebenso wie auf die Grundwerte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Durch Antithesen stellt King Kontrastpaare her, wie zum Beispiel durch die Metaphern “lonely island of poverty“ (Zeile 9) und „vast ocean of material prosperity“ (Zeile 10). Sie zeigen und betonen den enormen Unterschied im Leben von Schwarzen und Weißen. Außerdem ist eine “lonely island“ von einem “vast ocean“ umgeben, was verdeutlicht, dass die Mehrheit aus Reichen besteht.

Durch das mehrmalige Wiederholen von „go back“, gefolgt von verschiedenen Regionen, spricht er Menschen aus den verschiedenen Konfliktzonen an. An die Menschen aus “Mississippi“ wird genauso appelliert wie an diejenigen aus “Georgia“ und anderen Staaten.

Die Metapher “it is a dream deeply rooted in the American Dream“ (Zeile 68) erklärt, wie selbstverständlich das Erreichen des Zieles eigentlich ist. Denn es ist das Grundrecht eines jeden Staatsbürgers, den Amerikanischen Traum zu verfolgen. Dies wird auch in der Wiederholung  des mit “I have a dream“ begonnenen Statements (Zeile 69-86), welches die Forderungen Kings beinhaltet, deutlich.

Der Redner erwähnt auch die Kinder, “children“ (Zeile 92), mit Blick auf künftige Generationen. Mit dem wiederholten Aussprechen des Wortes “together“ (Zeile 90) macht er klar, dass die Menschen nicht allein sind. Im Folgenden adaptiert er einen Liedtext (Allusion): “Let freedom ring…“ (Zeile 98-102) In den letzten Zeilen beschreibt King verschiedene Gruppen von Menschen, u. a. “Jews“, “Gentiles“, “Protestants“, “Catholics“ (Zeile 106 f.), wodurch er die Gleichheit der unterschiedlichen Gruppen hervorhebt, nicht nur von schwarz und weiß, sondern auch von verschiedenen Religionen. Er bedient sich religiöser Sprache, die sein Ziel für die Zukunft unterstreicht.

 

Logos

Logos behandelt die Inhalte, deren Plausibilität und Strukturierung, sowie die Argumentation und Beweisführung. Zuerst werden die wesentlichen Redeinhalte und ihre Strukturierung betrachtet.

Die Rede “I have a dream“ folgt einer nachvollziehbaren Gliederung; Sie ist in sechs Paragraphen unterteilt. Der erste und gleichzeitig kürzeste Paragraph stellt die Einleitung dar, in welcher der Redner hervorhebt, dass er sich für Freiheitsrechte einsetzt (Zeile 1 f.). Im zweiten Abschnitt erwähnt King die in der afroamerikanischen Bevölkerung ruhende Hoffnung, die bereits seit Jahren besteht, allerdings nie in die Tat umgesetzt wurde (Zeile 3-12). Im dritten Paragraph (Zeile 13-17) bezieht sich der Redner auf die Unabhängigkeitserklärung und die Tatsache, dass Schwarze immer noch Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung sind. Im nächsten Teil spricht King davon, was zum einen getan, zum anderen vermieden werden muss, um eine Veränderung der gegenwärtigen Zustände hervorzurufen. (Zeile 17-29) Im folgenden fünften Abschnitt (Zeile 30-66) bringt King dem Publikum seinen Willen, etwas zu verändern, noch einmal näher. Jeder soll sich angesprochen fühlen und so liefert der Redner viele Beispiele, mit welchen er jeden Zuhörer integriert. Im sechsten und letzten Paragraphen (Zeile 67-108) betont King zum wiederholten Male, dass Hoffnung und Glaube sehr wichtig zur Erreichung des Ziels der Gleichstellung und Vereinigung der Menschen sind.

Die Formulierungen und Darstellungen Kings wirken plausibel. Allerdings müsste man die Rede im historischen Kontext betrachten, da sie einige Jahrzehnte zurückliegt und die damalige Situation der Schwarz- und Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten als nicht allgemein bekannt vorausgesetzt werden kann. Jedoch finden sich keine wesentlichen Einwände gegen die Inhalte, weshalb man davon ausgehen kann, dass die vorgetragenen Fakten plausibel sind.

Bei der Betrachtung der Argumentation und Beweisführung der Rede fällt auf, dass King sehr wenig argumentiert. Die Rede ist – vom Logos-Aspekt her – eine Auflistung von Fakten. Zu Beginn führt der Redner aus, dass nach 100 Jahren noch immer eine Reihe von Missständen besteht; Er schließt diesen Paragraph mit „And so we've come here today to dramatize a shameful condition.“ Er begründet also kurz die Demonstration als Folge der bestehenden Ungerechtigkeiten, also mit einem Ursache-Wirkung-Argumentationsmuster.

King setzt auf wiederholte Auflistungen der Umstände, die durch rhetorische Mittel unterstützt werden und dadurch umso eindringlicher werden:„We can never be satisfied as long as the Negro is the victim of the unspeakable horrors of police brutality. We can never be satisfied as long as our bodies, heavy with the fatigue of travel, cannot gain lodging in the motels of the highways and the hotels of the cities.“

Die Argumentation ist einfach und klar gehalten: „weil x nicht erfüllt ist, können wir y nicht“. Die Umstände sind zum einen klar und deutlich, zum anderen durch ihre Alltäglichkeit umso treffender und nachvollziehbarer für das Publikum. King verwendet weitere ähnliche Argumentationen im Paragraphen und schließt diesen dann mit einer generellen Forderung nach „justice“ (Gerechtigkeit) ab. Er bringt also konkrete Beispiele, die die Situation veranschaulichen und Projektionsfläche für das Publikum schaffen, um dann die generelle (abstrakte) Forderung zu äußern.

Generell lässt sich also sagen, dass King auf komplexe Argumentationen verzichtet. Jedoch wird die Eindringlichkeit und Qualität der gesamten Argumentation durch rhetorische Mittel und Anschaulichkeit verstärkt, wodurch diese allgemein verständlich und durch ihre stilistische Qualität auch intellektuell ansprechend und somit für ein breites Publikum geeignet ist.

 

Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos

Die Rede stellt ein Musterbeispiel des Zusammenwirkens von Ethos, Pathos und Logos dar. King tritt seriös, klar und bestimmt auf, jedoch in einem Maße, welches nicht feindselig wirkt. Dies entspricht auch seinem Redeinhalt, wo er klare Forderungen stellt und gleichzeitig dazu aufruft, diese Forderungen ohne Gewalt einzufordern. Auch bei den angesprochenen Gefühlen geht er auf positive Werte, wie Freiheit, Gleichheit und Prosperität ein, anstatt an Rache oder ähnliche negative Werte zu appellieren. Er gibt damit in seiner Rede den gewaltfreien bestimmten Weg vor, dem seine Anhänger folgen sollen und wird so seiner Führungs- und Vorbildrolle gerecht.

 

Kritikpunkte

Es gibt im Wesentlichen nur einen klaren Kritikpunkt bei der Rede, nämlich den Umstand, dass King einen Großteil seiner Rede direkt abgelesen hat bzw. immer wieder längere Zeit auf seine Redevorlage geblickt hat. Dadurch konnte King keinen wirklichen Blickkontakt zum Publikum herstellen.

Video der Rede bei Youtube: