Michael Andrews: “Four People Sunbathing”

 

 


 

 

 

Maximilian Huck

Michael Andrews: "Four People Sunbathing" (1955)

 

Ich entdecke Michael Andrews’ „Four People Sunbathing“ aus dem Jahr 1955 gleich im ersten Raum der Ausstellung, die man Francis Bacon und seinem künstlerischen Umfeld – zu dem eben auch Andrews zählte – gewidmet hat. Man hat das Bild in den zweiten Abschnitt des Raumes gehängt, der mit einer dünnen Trennwand vom vorderen Bereich abgegrenzt wird. Gemeinsam mit drei anderen Werken des Künstlers sowie mit Bildern von Diether Roth und Richard Hamilton soll hier eine thematische Einheit gebildet werden: „Die Schönheit der Natur versus die Strenge der Moderne“. Auch die Werke Andrews’ hat man nach diesen Kriterien ausgewählt; drei zeigen Darstellungen von Menschen, Landschaften und Gärten – eines zeigt eine kalte Wolkenkratzerfront.

Sein „Four People“ zählt zu den „Naturbildern“. Bei der Hängung hat man sich wohl an Francis Bacons Tryptichon-Stil orientiert: Gemeinsam mit einem Bild ähnlichen Formats und ähnlichen Farbeindrucks flankiert es ein großes, sich stark von den beiden „Seitenflügeln“ unterscheidendes Selbstportrait Andrews’. Ich konzentriere mich aber dennoch auf die Sonnenbadenden. Schon allein der Umstand, dass der heutige Tag genauso heiß, drückend und schwül ist, wie der auf dem Bild festgehaltene Moment – doch dazu später – lässt mich selbst leichter seine Stimmung einfangen.

Dadurch, dass man es in eine Ecke des Raumes gehängt hat, kann man es ruhig betrachten, während die anderen Ausstellungsbesucher an einem vorbeiziehen. Und dadurch, dass ich außerdem das Glück habe, dass man Michael Andrews bereits den ersten Ausstellungsraum gewidmet hat, wird man nicht belästigt von dem Dröhnen, welches aus dem dritten Saal dringt, der Francis Bacon selbst gewidmet ist. Dort versucht man mittels eines in Dauerschleife laufenden Dokumentarfilms über sein Leben zu kompensieren, dass man vom Namensgeber der Ausstellung selbst lediglich drei Werke auftreiben konnte …

Doch kommen wir zurück zu „meinem“ Bild, den „Four People Sunbathing“: Michael Andrews hat darauf eine Gartenszene festgehalten; samt Rasen, Blumenbeeten, Bäumen und Ziersträuchern – und in der Mitte vier Menschen, sonnenbadend. Dazu eine Gartenmauer samt Tor und viel blauem Himmel. Ein gewisses Freizeitgefühl stellt sich beim Betrachten also bald ein.

Die vier Sonnenbadenden hat der Künstler ins Zentrum seines Bildes gerückt. Für zwei von ihnen gab es Liegestühle, die anderen beiden liegen vor und hinter den Sitzenden im Gras. Von den Sitzenden erscheint dabei besonders präsent ein Mann mit Hut in der Bildmitte. Er ist die größte Figur im Bild und als einziger der Gruppe aufrecht. Die anderen dösen vor sich hin.

Neben den vier Menschen seien aber auch nochmals die übrigen Bildelemente genauer betrachtet. So der äußerst weitläufige Rasen, auf dem es sich die „Four People“ gemütlich gemacht haben. Er nimmt mehr als die Hälfte des Bildes ein und prägt somit wesentlich den Charakter des Gesamtwerkes. Sträucher, Bäume und Beete sind hingegen an den Rand gerückt und erfüllen eher eine schmückende Funktion. Besonders ins Auge sticht schließlich die hohe Gartenmauer im Hintergrund. Scharf grenzt sie den Garten von der Außenwelt ab und bildet mit ihrer Oberkante auch den Horizont. Lediglich das Gartentor bietet einen Blick auf das nur zu erahnende „Dahinter“, möglicherweise wieder Natur. Über der hohen Gartenmauer dann nur noch Himmel – und wie bereits erwähnt, viel Himmel. Beinahe ein Drittel der Bildfläche wird von ihm eingenommen.

Michael Andrews gelingt mit seiner Anordnung der Bildelemente die Fokussierung des Betrachters auf die vier Personen, wobei einem ein tieferes Verstehen der Szene wohl aber erst unter Rücksichtnahme auf die anderen Bildbestandteile möglich wird. Diese, ihre freie Zeit im Grünen genießenden, Menschen, sind sie nicht – wie die hohe Mauer andeuten könnte – doch Gefangene? Und könnten sie nicht, wenn sie wollten, ausbrechen? Das Tor steht offen und der Himmel darüber ist weit und grenzenlos…

Doch treten wir noch einen Schritt näher an das Bild heran. Michael Andrews hat es in groben Pinsel- und Spachtelstrichen mit Ölfarbe gemalt; allein der „Hutmann“ im Zentrum erscheint etwas schärfer und genauer ausgeführt als der Rest des Bildes. Möglicherweise ist er ja der Kopf seiner Gruppe. Ist er auch der einzige Wache, Aufrechte und der Einzige der vier, der eben diesen Hut trägt. Ein eleganter Straßenhut, der in starkem Kontrast steht zur Blöße seines unbekleideten Körpers.

Unbekleidet beziehungsweise in Badekostümen sind alle vier – und blass; Stadtmenschen. Und keiner aus der Runde sieht so aus, als ob er den Nachmittag unter freiem Himmel wirklich genießen könnte. Verrenkte, verdrehte Körper – beinahe anorganisch gezeichnet: Sie können alle nicht aus ihrer Haut und loslassen. Sich befreien. Auch der Kopf der Gruppe, der selbst in seiner freien Zeit einen Hut aus dem Arbeitsalltag trägt, wird sie bei einer Befreiung wohl nicht anführen. Denn auch er, obwohl aufrecht, erscheint erschlagen.

Bereits dieses trübe und dabei doch so grelle Licht zeigt ja die drückende Schwüle des Sommernachmittags an, die jede Aktivität lähmt und jedes Ausbrechen verhindert. Der Künstler taucht sein ganzes Bild in dieses unangenehme Licht: Der Rasen wird giftgrün, das Blau des Himmels erscheint nicht strahlend, sondern dunstverhangen. Allein das dunkle Rot der Mauer präsentiert sich satt und warm. Vielleicht bedeutet diese Mauer für die Menschen also doch Schutz und nicht Gefängnis – Schutz vor einer zunehmend feindlichen Umwelt an einem schwülen und lebensfeindlichen Sommertag. Und durch das Tor, das zwar Freiheit böte, sieht man ja nicht genau, was dahinter kommt – wer weiß, ist dort draußen vielleicht noch alles viel schlimmer?

Michael Andrews schafft es also mit einem einfachen Motiv, indem er Stilmittel wie abnormal verzerrte Körper und unnatürlich grelle Farben anwendet, beim Betrachter ein unangenehmes Gefühl auszulösen – obwohl der Bildinhalt selbst Assoziationen hervorrufen könnte, die man als angenehm einstufen würde: Ein Sommertag im Freien. Doch Andrews setzt auf Widersprüche. Seine Sonnenbadenden genießen die Freizeit und sind doch Gefangene ihrer Selbst, ihrer Verpflichtungen, des Arbeitslebens, … der Welt der Moderne. Aber die Mauern, die sie sich bauen, sind für sie nicht Gefängnis, sondern Schutz und Geborgenheit – vor zuviel Freiheit und der Angst davor. Denn das Leben dort draußen ist hart und unwirtlich. Unweigerlich stellt sich den Betrachtern die Frage: Sind diese Menschen vielleicht unser Spiegelbild? Was geben wir auf, um wir selbst sein zu dürfen?

Warum hat Michael Andrews dieses Bild aber nun gemalt, für welchen Zweck? Konzentriert man sich nochmals lediglich auf das abgebildete Motiv – vermutlich Freunde Andrews’ beim Entspannen im Garten des Künstlers – könnte man schließen, dass das Werk lediglich gedacht war, um seine persönliche Erinnerung an ein geselliges Zusammensein festzuhalten. Um es sich im eigenen Haus aufzuhängen und es bei weiteren Zusammentreffen der Freundesrunde zum Zentrum neckischer Gespräche zu machen: „Schau, wie dick Michael deinen Bauch gemalt hat – da bist du sofort wiederzuerkennen…“

Tatsächlich handelt es sich bei den „Four People Sunbathing“ aber um ein mindestens Ein mal Ein-Meter-Fünfzig großes Gemälde mit breitem Rahmen, aufwendig auf Holz gemalt und hinter Glas gesetzt. Und somit wahrscheinlich nicht gedacht für eine Mauernische im Eigenheim, sondern durchaus für eine Präsentation in einem etwas „würdigeren“ Ambiente. Besinnt man sich dann schließlich noch auf die Fragen, die auftreten, wenn man sich mit seinem Werk etwas näher beschäftigt, so wird letztlich klar, dass Michael Andrews seine Sonnenbadenden einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wollte – im Rahmen von Ausstellungen wie jener, in der ich sein Bild gerade eben betrachtete.

Ja, er benutzte ein privates Motiv – aber seine Fragen richtete er an alle. Auch an mich? Inwieweit bin ich selbst frei? Inwieweit ziehe ich die Unfreiheit vor? Empfinde ich die Freiheit der Natur als Bedrohung? Und die Zwänge der Moderne als Schutz? Bin ich glücklich? Fragen, die das Bild von Michael Andrews bei mir überhaupt erst aufgeworfen hat. Antworten darauf suche ich noch.

 


 

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