Michael Andrews: “Melanie and Me Swimming”

 

 


 

 

Christina Mäser

Michael Andrews: "Melanie and Me Swimming" (1978 – 1979)

 

Es ist dunkel, es ist unheimlich, es ist bedrohlich… das Wasser, in welchem Melanie schwimmen lernen muss. Der Bergsee, in dem Melanie schwimmt, wirkt auf den ersten Blick wie ein dunkles Schlammloch, würden nicht die weißen Beine des Vaters durch das Wasser leuchten. Bei genauerer Betrachtung kann man feststellen, dass das Wasser kristallklar ist und der schwarze Grund die beängstigende Dunkelheit an die Wasserfläche spiegelt.

Die Stimmung ist grausam, sie macht Angst. Im Hintergrund sind bedrohliche Kalksteine, die gefrierende Kälte ausstrahlen. Ein Schaudern durchzuckt den Bildbetrachter schon beim bloßen Gedanken daran, auch nur einen Fuß in diesen See setzen zu müssen. Selbst steht er trockenen Fußes im Museum, hat den Schwimmkurs wahrscheinlich erfolgreich hinter sich gebracht und leidet aus tiefstem Herzen mit dem kleinen Mädchen.

Was geht wohl durch den Kopf der kleinen Melanie? Schrecken? Grauen? Angst?

Ihr Gesicht ist verzerrt, ihre kleinen, kindlichen Ärmchen sind voller Panik an die Arme des Vaters gekrallt, der für sie den einzigen Rettungsanker inmitten dieses dunklen Wahnsinns darstellt. Melanie trägt keinen Schutz am Leibe und ist splitternackt. Es gibt nur sie, den See und die Angst. Ja, und den Vater.

Haare hängen wild in ihr Gesicht, doch sie traut sich nicht, die Strähnen fortzustreichen. Jede unkontrollierte Bewegung bedeutete Gefahr und die Angst vor dem Wasser frisst sie innerlich fast auf. Sie darf nicht an den unerforschten Grund denken, er will sie zu sich herabziehen und ihren Körper festhalten. Tapfer hält sie den Kopf über der Wasseroberfläche, ihr Gesicht reflektiert die Dunkelheit. Ihre Augen sind geschlossen, denn die Angst, den Ort des Wahnsinns zu erblicken, ist zu groß. Sie verlässt sich lediglich auf ihre Händchen, die den Vater spüren und hofft, dass sie dieser niemals loslassen wird.

Melanies Schwimmlehrer heißt Angst. Von ihm wird sie gequält und getrieben, getrieben zu panischen Schwimmversuchen. Schwer atmend versucht sie, mit aller Kraft ihren Körper an der Wasseroberfläche zu halten, sie strampelt panisch. Die Vorstellung und die Angst vor dem dunklen und mysteriösen Grund gibt ihr die Kraft dazu. Sie strampelt und strampelt, gleitet jedoch mit ihren Beinchen immer wieder in die Tiefe.

Warum muss Melanie so schwimmen lernen? Warum gönnt ihr der Vater nicht einen Schwimmkurs mit lustigem Schwimmreifen, flottem Badeanzug und anderen Kindern?

Und warum in Gottes Namen wählt der Vater ausgerechnet diesen See?

Die Vorstellung, in diesem Gewässer unterzugehen, ist grausam und die Kälte des Wassers ist förmlich zu spüren. Die Abgeschiedenheit lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Dieser Bergsee ist fern von Gut und Böse und alles, was er zu bieten hat, sind Kälte und Schrecken.

Der Vater selbst fürchtet sich vor diesem Ort. Er hat Angst, sein Töchterchen loszulassen und es dem Wasser zu überlassen. Die Wahl dieses Sees ist eine harte Probe. Wird er es schaffen, sein Mädchen gehen zu lassen und ihm selbst die Verantwortung für sein Leben zu geben?

„Melanie and me swimming“ stellt einen schwierigen Prozess der Erziehung und des Erwachsenwerdens dar. Es spiegelt die Ängste des Loslassen und Losgelassenwerdens wider. Das Bild hat einen tiefen symbolischen Charakter. Der Betrachter wird emotional ergriffen und versteht, was hinter den Tiefen des Wassers steht.

Der Vater muss sein Kind erst halten und stützen. Er muss es Schritt für Schritt die Regeln und Grundfragen des Überlebens und Selbstständigwerdens lehren und dann entscheiden, wann der Moment gekommen ist, in dem er es loslassen kann.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, sodass jeder alleine seine Richtung ansteuern kann? Es liegt an beiden. Der Vater ist dabei die treibende Kraft und es ist seine Aufgabe, seinem Mädchen das notwendige Maß an Wissen, Mut und Kraft mitzugeben. Dann muss er entscheiden, wann er sein Mädchen aus seinen Griffen loslassen kann, um ihm zuzuschauen, wie es selber die Wellen des Lebens schaukeln wird. Doch auch das Mädchen muss ihren Beitrag dazu leisten. Will sie losgelassen werden, oder genießt sie doch die Sicherheit des vertrauten, väterlichen Haltes?

Wie schwierig muss es für den Vater sein, sein Mädchen alleine davon gleiten zu sehen. Die Zukunft ist ein dunkles Loch, das niemand kennt. Das Einzige, was der Vater dem Mädchen noch mitgeben kann, sind gute Tipps für die ihm richtig erscheinende Richtung. Doch irgendwann wird Melanie alleine so weit vorangekommen sein, dass sie ihn nicht mehr hören wird und auch die Kraft haben wird, alleine im Dunkel der Ungewissheit gegen den Strom voranzuschwimmen.

Die Wahl des Bergsees scheint wohl vom Vater gut durchdacht zu sein und der Beobachter des Bildes kann ihn nun mit anderen Augen sehen. Der grausame Schwimmlehrer wird zum liebevollen, besorgten Vater, der seinem Kind die Abgründe des Lebens frühzeitig zeigen will und es lehrt, im richtigen Moment loszulassen.

„Melanie and me swimming“ stellt auf geheimnisvolle Art und Weise eine Situation aus dem Alltag von Eltern und Kind dar, wobei sich der Betrachter in mindestens einer Person wiederfinden kann. 

 


 

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