Peter Doig: “At the Edge of Town”


Nicole Mirnig

Peter Doig: "At the Edge of Town" (1982)

 

Es gibt einen Spruch, der besagt, dass Bilder sprechen. Das stimmt sicherlich, denn jedes Bild erzählt eine Geschichte. Manche Bilder erzählen jedoch nicht nur, sie werfen vielmehr Fragen auf und stellen den Betrachter vor das eine oder andere Rätsel. So auch bei diesem Bild von Peter Doig. Auf den ersten Blick ganz simpel wirkend, hat es einen auf den zweiten bereits gefangen genommen. Man taucht ein in die Welt des geheimnisvollen Mannes und stellt sich den Rätseln, die uns der Maler aufgibt.

Ein Mann hält sich an einem Baum fest und blickt in ein naturbelassenes Tal. Sein Blick ist finster, vielleicht auch böse. Ein Ast des sich am rechten Bildrand befindenden Baumes erstreckt sich fast über den gesamten oberen Rand und wirkt dadurch wie ein rahmendes Element. Der Baum scheint relativ groß zu sein, denn man sieht lediglich einen kleinen Teil des Stammes. Der Mann fasst mit der linken Hand an den dem Rücken zugekehrten Baum und blickt von oben links in das Bild hinab. Vor ihm erstreckt sich eine weitläufige Landschaft im Goldenen Schnitt.

Der Mann ist lediglich mit einer Hose bekleidet, deren Blau im ähnlich getönten Landschaftshintergrund fast verschwindet. Sein nackter Oberkörper und das Gesicht sind aschfahl, die Haare sind kurz und rabenschwarz. Der Baum, an dem er sich festhält, ist fast schwarz und ganz kahl. Das Tal ist gefüllt mit allerlei Bäumen und Gewächsen. Die Farbwahl beschränkt sich überwiegend auf kalte Töne. Dennoch steht die doch eher bunte Landschaft in starkem Kontrast zu dem kahlen Baum. Die letzte Baumreihe am Horizont besteht lediglich aus vom Licht der Sonne erzeugten Silhouetten. Die restlichen Bäume haben allerlei Farben. Von gelbgrün bis zu einem satten Tannengrün sind alle Schattierungen vorhanden. Am blauen Himmel befinden sich ein paar größere Wolken. Nur eine Stadt ist weit und breit nicht zu sichten.

Auch das gleißende Licht der untergehenden oder aufgehenden Sonne ist weniger ein Lichtblick als ein greller Fleck am blauen, bewölkten Himmel. Die Bäume am Horizont befinden sich noch im Sonnenlicht und werden so von einem rötlichen Schimmer umgeben.

Das Bild wurde mit Ölfarben auf eine größere Leinwand gemalt. An und für sich wirkt das Bild ziemlich groß, was jedoch die Platzierung in der Ausstellung „A Guest of Honour, Francis Bacon & sein Umkreis“ im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg so nicht vermittelt. Das Bild hängt nahe dem Eingang, jedoch in einem Winkel, sodass es vom Museumsbesucher nicht sofort gesehen wird. Es hängt an der Wand rechts vom Eingang, relativ weit hinten. Der Besucher wird aber eigentlich ein bisschen daran vorbeigeführt. Es ist umringt von großen, sehr bunten und eindrucksvollen Bildern – den wohl fröhlichsten der gesamten Ausstellung. Bei Betrachtung dieser Bilder ist man gezwungen, Peter Doigs At the Edge of Town den Rücken zuzukehren. So hängt genau gegenüber ein sehr kräftig gehaltenes, mindestens doppelt so großes Landschaftsbild. In dessen Bann einmal gezogen, hat man kaum mehr Augen für At the Edge of Town. Man betritt die Ausstellung und läuft daran vorbei. Ich persönlich habe diese Erfahrung auch gemacht – ich bemerkte das Bild zuerst gar nicht.

Kaum ist man ein paar Schritte im Bereich der Ausstellung vorgedrungen, nehmen einen andere Sinneseindrücke gefangen. Denn bei Bacon gibt es nicht nur Bilder zu bestaunen: Es gibt auch ein Video – in ohrenbetäubender Lautstärke. Der Fernsehapparat, auf dem das gute Stück ausgestrahlt wird, steht ganz im letzten Eck, fast schon versteckt. Doch durch die lauten Geräusche, die er von sich gibt, ist er kaum zu übersehen. Möchte man sich die Bilder im näheren Umkreis betrachten, wirkt dies eher störend als lehrreich. Deshalb bin ich ganz froh, dass mein Bild am anderen Ende der Ausstellung angebracht ist. Das bringt mich sogleich auf den nächsten Punkt: Möchte man nämlich die Ausstellung verlassen, so kommt man an Peter Doigs Bild fast nicht vorbei. Man läuft geradewegs darauf zu und der Blick verfängt sich sofort darin. Die Farben, die Traurigkeit, der Titel – alles ist irgendwie geheimnisvoll. Warum ist von einer Stadt die Rede? Nichts in diesem Bild deutet auch nur annähernd darauf hin. Es gibt weit und breit nur Natur zu sehen – unberührt. Wo kommt der Mann her? Er sieht nicht glücklich aus, im Gegenteil: Er wirkt ernst, böse, verängstigt. Vielleicht läuft er vor etwas davon, vor einem drohenden Unheil, vor der Stadt, dem Lärm, den Menschen. Und wo genau ist die Stadt? Gibt es sie überhaupt? Der Titel des Bildes spricht von einer Stadt, blickt man aber auf das Bild, so ist kein Indiz dafür zu sehen. Somit widersprechen sich  Titel und Darstellung des Bildes, es herrscht eine Diskrepanz zwischen inventio und dispositio. Das Bild wirft viele Fragen auf. Es bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen, diese zu beantworten.  

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