Peter Doig: “Bird House”


Barbara Schnitzer

Peter Doig: "Bird House" (1995)

 

Schnee bedeckt den Wald und alles strahlt und leuchtet unter der warmen Wintersonne.

Es ist still. Friedlich.

Und ganz unscheinbar hängt es da, ein kleines Vogelhäuschen. Fast verschwindet es unter der dicken Schneedecke und den dichten Ästen.

So belebt es im Sommer sein mag, so ruhig und verlassen wirkt es im Winter. Für die Vögel ist es jetzt zu kalt, um darin zu wohnen, dennoch kann man sich das fröhliche Gezwitscher vorstellen, das es hier geben wird, wenn der Schnee schmilzt und der Winter dem Sommer weicht.

Von den vielen feinen Ästen des Strauches hängen kleine Lampions. Sie sind wie Farbkleckse in der weiß-braunen Landschaft und schimmern fröhlich durch die Äste hindurch. Wer sie wohl aufgehängt hat?

Sieht man genauer hin, entdeckt man im Hintergrund einen Zaun. Auch er ist verschneit und hinter den vielen braunen Ästen kaum erkennbar. Wo genau der zugehörige Strauch steht, wird nicht sofort klar. Es kann ein zugefrorener und zugeschneiter See sein oder ein schneebedeckter Waldboden.

Das Vogelhäuschen ist an einem roten Seil befestigt, das sich wie eine Schlange um die Äste wickelt und vom Baum wegführt. Wer immer es auch aufgehängt hat – man kann die Sorgfalt erkennen, mit welcher es befestigt wurde, um den Vögeln im Sommer Sicherheit zu geben.

Das Bild wirkt sehr beruhigend, da die winterliche Landschaft nahezu bewegungslos dargestellt ist. Der Künstler Peter Doig lässt das Bild vielmehr durch die Ölfarben bewegt und lebendig erscheinen. Die Pinselstriche sind sehr dick und deckend. Doig verwendet Farben, die starke Kontraste setzen. Weiß, Braun und Hellblau dominieren. Die bunten Lampions fallen erst nach einiger Zeit auf, da sie sich sehr versteckt im Hintergrund befinden.

In den ersten Sekunden der Betrachtung wirkt das Bild etwas „wirr“, da der obere Teil nur aus Ästen besteht und vorwiegend mit dunkeln Farben gemalt ist. Stellt man sich jedoch vor, an genau dieser Stelle das Motiv in Wirklichkeit zu betrachten, bekommt es eine ganz andere Wirkung.

Das Vogelhäuschen wurde, wie das gesamte Bild, mit dicken Pinselstrichen gemalt, welche den optischen Effekt haben, dass das Bild zweidimensional wirkt. Es sticht vor allem mit den Farben Weiß und Grün-Braun hervor. Das Bild trägt seinen Namen, wodurch das Vogelhäuschen an größerer Bedeutung gewinnt, als es beim Betrachten den Anschein erweckt.

„Bird House“ überzeugt durch seine starken, kräftigen Farben. Dadurch, dass der Hintergrund kaum erkennbar ist, weil die Äste alles verdecken, kann man nur erahnen, was sich hinter ihnen befindet. Weitere Bäume? Häuser? Menschen? Man weiß es nicht…

Meiner Meinung nach ist das Bild sehr gelungen, da es etwas Geheimnisvolles verbirgt. Wo befindet sich dieses Motiv? Wer hat das Vogelhäuschen gebaut und aufgehängt? Ich stand vor dem Original, und das Bild fing mich sofort ein. Durch seine Größe, das Bild ist ca. zwei Meter hoch, fühlte ich mich gleich in die Landschaft hineinversetzt. Ich hatte plötzlich den Wunsch, direkt in das Bild hineinzuspringen, den Schnee anzufassen und in das Vogelhäuschen zu schauen. Ich wollte wissen, was sich hinter den Ästen und dem Zaun befindet. Alle anderen Bilder interessierten mich nicht mehr wirklich, ich war so befangen von diesem einen Bild. Meine Phantasie leistete plötzlich gute Arbeit, ich stellte mir vor, mich in der winterlichen Landschaft zu entspannen und auf all die Fragen eine Antwort zu bekommen, die ich mir stellte.

Das Bild erzielt also eine sehr reale Wirkung, obwohl es doch mit groben, deckenden Pinselstrichen gemalt wurde. Der Maler hat sich also genau überlegt, wie er durch seine Malweise all diese Emotionen hervorruft. Ich kann es nicht genau sagen. Vielleicht ist es diese scheinbare Realität, die der Künstler schafft. Ich weiß es nicht.

Rhetorisch ordne ich dieses „Erzeugen von Unwissen“, so dass der Betrachter nicht weiß, was sich dahinter, davor und daneben befindet, der elocutio zu. Gerade ausdrucksvolle Pinselstriche können enorme Wirkung erzielen.

Schnee bedeckt den Wald und alles strahlt und leuchtet unter der warmen Wintersonne.
Es ist still. Friedlich.

 


 

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