Ronald B. Kitaj: “Melancholy after Durer”


Hanna Schlagitweit

Ronald B. Kitaj: "Melancholy after Durer" (1989)

 

Da sitzt er nun. Mürrisch sieht er aus, das Haar ergraut, der Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet. Die Krankheit hat dunkle Schatten in sein Gesicht gemalt, tiefe Furchen erzählen von Nächten ohne Schlaf und dunklen Gedanken. Er hat seinen Lieblingsplatz gewählt, den blauen Sessel, hier hat er die letzten Monate verbracht, tatenlos, grübelnd und wartend. Und das Telefon. Er hat es also nicht vergessen, unser Gespräch damals. Er hat es hervorgehoben, auf rotem Hintergrund, es schwebt über ihm, ist dominant ohne jegliche Leichtigkeit, es ist aufdringlich, es hat Bedeutung, das hat er mir in den letzten Tagen immer wieder versichert. Leer fühle er sich, alt, krank und nutzlos. Das hat er mir damals gesagt. Es ist nur ein Organ, nichts weiter, er soll dem nicht soviel Bedeutung zukommen lassen, hab ich gesagt. Ja, ich hab es heruntergespielt, das Herz ist nicht einfach irgendein Körperteil, das war mir schon bewusst, doch er war ja wieder gesund und er sollte dieser Erkrankung nicht zu viel Bedeutung zuschreiben. Wenn du nicht weißt, wie und woran du weiterarbeiten sollst, dann nimm genau das, was du im Moment fühlst, hab ich gesagt, bring deine Stimmung zu Papier, male deine Melancholie.

Melancholie, dieses Wort hab ich benutzt, ohne darüber nachzudenken. Und er hat es genommen, wie einen Strick in die Hand genommen und sich langsam raus gezogen. Er musste es nicht neu erfinden, zu viele waren schon vor uns, haben unser Leben schon gelebt. Er hat Dürers Bild genommen und es übersetzt, wie ein Dolmetscher eine Sprache übersetzt, hat er dieses Bild für sich übersetzt. Sein Werkzeug ist der Pinsel, er hält ihn in der Hand, so wie Dürers Figur den Zirkel. Und er hat keine Flügel, nein, das würde so gar nicht zu ihm passen, er hat dem Original die Flügel abgenommen und mit seiner eigenen schwarzen, trübsinnigen Figur ersetzt. Die Flügel hat er seinem Sohn verliehen, jener lichten Gestalt im Bild, fast schon strahlend sitzt sie neben ihm auf dem Bücherregal, voll von jenen Büchern, in die sich sein Vater monatelang zurückgezogen hat, der Wirklichkeit entfloh, um sich niemandem stellen zu müssen. Der Kleine hält den Pinsel in der Hand, nicht tatenlos wie sein Vater, nein, er ist vertieft in sein Werk und hat keinen Blick für all das, was rund um ihn passiert.

Das hat er so oft gesagt, so vertieft sein, so unbeschwert, ohne Gedanken zu verschwenden an die eigene Vergänglichkeit, genau so möchte er sich fühlen. Aber jeder Versuch ist gescheitert. Die Leinwand liegt vor ihm, der klägliche Versuch zurückzufinden, zu seiner Art zu arbeiten, zu malen wie vor seiner Krankheit, ist gescheitert. Er hat noch so viel Energie aufgebracht, den Versuch, seiner Melancholie zu entkommen, wütend zu übermalen, ehe er wieder versunken ist in seinen düsteren Tagträumen. Zurück zu seiner Schwere, die ihm treu, wie ein Hund seinem Herrchen, Tag und Nacht nicht von der Seite wich. Hier liegt er nun, der Hund, schlafend, zusammengerollt, und nicht mehr ganz so nah seinem Herrchen, aber er verlässt ihn auch nicht. Der Frieden trügt, das Tier ist wandelbar, der friedlich schlafende treue Hund kann sich jederzeit aufbäumen und zu jener schwarzen Bestie werden, die ihn wieder nach unten zieht. Es ist der „black dog“, den hat er keineswegs zufällig gewählt, er hat es mir gesagt, damals am Telefon, es war der Versuch unbeschwerter zu klingen, als er meinte, dass er sich fühle wie Churchill, der den black dog zum Symbol der Depression machte. Hier ist er also wieder, der schwarze Hund, die Dunkelheit seiner schweren Stunden.

Schwarz wie seine Kleidung ist der Hintergrund.  Schwarz, die düsterste aller Farben, die eigentlich keine Farbe ist, und doch so vieles ausspricht, ohne ein Wort zu verwenden. Auch Dürers Regenbogen im Hintergrund hat er verwendet, aber er ist nicht so strahlend wie im Original und der helle Komet, der vielleicht Licht bringen kann, auf den hat er gänzlich verzichtet.

Ich habe es verstanden, sein Bild. Heute hat er mich angerufen, seine Stimme hat sich verändert. Nicht mehr langsam und leise, zögerlich und kurzatmig, als hätte sein krankes Herz gesprochen, nein, fest klang seine Stimme und entschlossen. Er wollte mir danken für den Rat, den ich ihm gegeben habe, damals, und ich soll sie mir anschauen, seine Melancholie. Zugegeben, ich musste erst in den Tiefen meines Gedächtnisses kramen, ich weiß, ich wollte ihn aufbauen, so wie ein Freund das nun macht. Ich weiß, ich hab damals nicht lange darüber nachgedacht, was ich ihm sagen soll. Es gibt nichts zu danken, hab ich ihm heute gesagt, er hat dieses Bild ganz alleine geschaffen.

Ich bin gerührt, jetzt davor zu stehen und glaube zu verstehen, was in dir vorgegangen ist. Aber ich weiß auch, dass meine Gedanken über dein Bild Gedanken bleiben. Ich werde nichts sagen, es wären überflüssige Worte. Deine Melancholie bleibt deine Melancholie, sie muss nicht weiter besprochen und zerredet werden. Ein Blick reicht, und wir wissen, dass wir uns verstanden haben. Es ist gut so wie es ist.

 


 

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