Wahlkampfabschlussrede von Wilhelm Molterer


 

Katrin Erschbaumer, Barbara Schnitzer

Rede zum Wahlkampfabschluss von Wilhelm Molterer

Situation

Diese Rede von Wilhelm Molterer klassifizieren wir als Lobrede auf Erwin Pröll. Sie wurde am 6.03.2008 in Niederösterreich gehalten. Molterer geht es in erster Linie darum, den „Irrtum der Wähler“ von 2006 (dass ein roter Bundeskanzler gewählt wurde) zu korrigieren.

Ethos

Anzumerken ist, dass diese Rede etwas geschnitten ist, was die Spannung gleich am Anfang steigert. Der Schnitt hat allerdings den negativen Effekt, dass der Übergang von einer „Szene“ in die nächste nicht fließend ist. Schnitteffekte sind oft Hilfsmittel, eine Rede dynamischer erschienen zu lassen. In Molterers Rede wurde dieser Effekt nur am Anfang angewandt. Die Rede dauert zusammengeschnitten zirka zehn Minuten.

Wilhelm Molterer steht auf einer Bühne hinter einem Rednerpult und spricht zu einem großen Publikum. In der ersten Reihe sitzt Erwin Pröll, auf welchen sich die Rede zum Teil bezieht. Das Publikum trägt größtenteils Schals und schwingt Fahnen in den Farben der Niederösterreichischen Volkspartei. Das gesamte Publikum ist also auf der Seite von Molterer. Dies ist natürlich ein großer Vorteil, weil Molterer sich anders darstellen und andere Worte benutzen kann, als vor einem Publikum, das sowohl aus Befürwortern, als auch aus Gegnern besteht. Auf einer neutralen Wahlkampfrede würde er sicher niemals den „roten Bundeskanzler“ als „Fehler“ bezeichnen. Das Publikum wird außerdem oft von der Kamera gefilmt, die die Rede aufzeichnet. Vor allem beim Jubeln wird das Publikum oft gefilmt. Dies hat den Effekt, dass die Stimmung immer besser wird bzw. dass der Zuseher von den Emotionen, die das „unmittelbare“ Publikum vermittelt, ebenso beeinflusst wird.

Molterer gibt sich sehr selbstbewusst und sicher. Er nimmt im Laufe seiner Rede mehrere Rollen ein. Zum einen die des Lehrers: Molterer gestikuliert vor allem mit seinen Händen. Da er hinter einem Rednerpult steht, hat er nur die Möglichkeit, den oberen Teil seines Körpers einzusetzen. Die Lehrerrolle ist vor allem am Heben des Zeigefingers erkennbar. Der Lehrer will seine Schüler belehren, ihnen vielleicht sogar unbewusst drohen, wenn sie ihm nicht gehorchen. Eines ist jedoch ganz klar, er vermittelt:„Ich weiß Bescheid“ – nicht nur äußert er dies praktisch 1:1 auf inhaltlicher Ebene, sondern auch auf paraverbaler Ebene mit lauter und energischer Stimme. Die Rolle des Lehrers wird durch die eines Verkäufers ergänzt. Er will die Partei gut verkaufen und von ihrer besten Seite  darstellen. Die Zuhörer sollen ihm seine Rede bzw. seine Partei und Erwin Pröll „abkaufen“.

Durch seine Kleidung wirkt Molterer sehr seriös und glaubwürdig. Er trägt einen dunklen Anzug und eine hellblaue Krawatte. Seine Kleidung ist in dieser Hinsicht nichts Besonderes, weil jeder, der die Rede verfolgt, auch nur dies von einem guten Politiker erwartet. Würde Molterer in Jeans und Bermudahemd auftreten, hätte er von Anfang an schlechte Karten, als Politiker überhaupt ernst genommen zu werden.

Molterers Gestik und Mimik stimmen mit seinem Redeinhalt überein. Er unterstützt ihn außerdem mit gezielten Handbewegungen und Gesichtsausdrücken. Auffällig ist, dass er häufig den Mundwinkel nach oben zieht. Hierbei gewinnt man den Eindruck, dass er dies unbewusst macht, da es wie ein „Tick“ aussieht. Es wirkt allerdings authentisch und daher sympathisch.

Seine Körperhaltung wirkt standhaft und solide. Molterer hält stets Blickkontakt mit dem Publikum und mit Erwin Pröll, wenn er in seiner Rede von ihm spricht. Blickkontakt ist bei der Persuasion sehr wichtig. Würde sich Molterer ständig an Notizen festklammern oder diese herunterlesen, könnte er niemals so große Überzeugungsarbeit leisten oder diese Stimmung hervorrufen. Mit seinem ständigem Blickkontakt hält Molterer den „Draht“ zu seinem Publikum.

Molterers Auftreten beinhaltet autoritäre und auch „volksnahe“ Elemente. Durch sein sicheres Auftreten, seinen ständigen Blickkontakt und seine gezielten und ruhigen, aber starken Gesten, wirkt Molterer sehr autoritär. In seiner Rede bezieht er sich immer wieder auf sich selbst, was den Anschein erweckt, er würde alles wissen und sich überall auskennen. Im Hintergrund stehen außerdem Leute in Anzügen in einer Reihe. Es wirkt fast ein bisschen so, als wären diese sein Gefolge, seine „Diener“, und er der „König“.

Durch den Einsatz seines Dialektes, zum Beispiel „des sog i“, „kloar“, „bei di Leit is“ etc. schafft Molterer eine Verbindung zum „einfachen Menschen“. Dies ergänzt seine autoritäre Selbstdarstellung, da er sich nicht als „gebildeter Besserwisser“ (Intellektueller, Akademiker) präsentiert.  Er weiß, dass sein Publikum größtenteils im Dialekt spricht und so kann er sich geschickt als „einer von ihnen“ positionieren. Er benutzt ebenfalls keine Fachausdrücke und eine einfache Sprache. Da er weiß, dass das große Publikum, das er zu überzeugen hat, nicht nur aus Akademikern besteht, kann er durch diese einfache Sprache eine breite Masse erreichen und wirkt nicht hochnäsig. Molterer gelingt die Kombination und Integration der beiden Rollen „Autoritätsperson“ und „ich bin einer von euch“, dadurch wirkt er weder zu ernst oder zu „flapsig“.

Molterers Stimme ist allgemein sehr kräftig und an bedeutenden Stellen wird er lauter. An anderen Stellen spricht er verhältnismäßig leise und langsam, um gewisse Passagen in seiner Rede sanft und gutmütig erklingen zu lassen. Beispielsweise in diesem Abschnitt:

[Leise] „Um deine österreichische Volkspartei, lieber Erwin, und mir ist dein Wahlkampfauftakt dieses Spiels, das durch die österreichischen Zeitungen gegangen ist, diese tiefe Erinnerung, wo du mit diesem Kind redest. Und wissen Sie, was verantwortungsvolle Politik ist? Heute die Politik so zu gestalten, dass man morgen den Kindern in die Augen sehen kann.“ [Laut] „In Niederösterreich herrschen klare Verhältnisse, in Niederösterreich gibt’s klare Mehrheiten und in Niederösterreich gibt’s klare Positionen. Das ist die Grundlage des Erfolges in diesem Land, liebe Freunde, und das hat Niederösterreich stark gemacht.“

Pathos

Molterer tritt sehr energisch auf. Das Publikum wird unter anderem durch emotionale Äußerungen beeinflusst. Ebenso spricht Molterer wiederholt verschiedene Werte an, diese reichen von generellen politischen Konzepten wie „Sicherheit“ zu persönlichen Qualitäten wie „Handschlagqualität“. Dabei nutzt Molterer wiederholt private Erzählungen, um Betroffenheit und Authentizität zu erzeugen:

„Um deine österreichische Volkspartei, lieber Erwin, und mir ist dein Wahlkampfauftakt dieses Spiels, das durch die österreichischen Zeitungen gegangen ist, diese tiefe Erinnerung, wo du mit diesem Kind redest. Und wissen Sie, was verantwortungsvolle Politik ist? Heute die Politik so zu gestalten, dass man morgen den Kindern in die Augen sehen kann.“

Beim folgenden Beispiel fallen besonders die häufigen Wortwiederholungen auf, Molterer nutzt hier die rhetorischen Figuren Anapher, Epipher und Geminatio. Durch die ständige Wiederholung wird die Urteilsfähigkeit des Publikums eingeschränkt und der geringe Informationsgehalt überspielt. Molterer setzt an mehreren Stellen rhetorische Figuren ein, insbesondere dann, wenn es um Positionen, Angriffe oder Lob geht. Die Figuren erhöhen die Eingängigkeit dieser Punkte und lenken von der – meist schwachen – Argumentation ab, wie unter Logos genauer ausgeführt wird. Wie zum Beispiel:

„Und ich schätze, ich schätze an dir lieber Erwin, eine Fähigkeit, die besonderen Charakter hat und besonderen Charakter zeigt. Du liebst die Menschen. Du suchst die Menschen. Du suchst den Kontakt. Und wenn du den Kontakt suchst, und weil du bei den Menschen bist, weißt du, wo sie der Schuh drückt“.

Molterer setzt noch andere rhetorische Figuren wie Metaphern und Vergleiche. Metaphern haben eine veranschaulichende Wirkung und überzeugen oft mehr als bloße Daten und Fakten. Metaphern können sowohl Dinge ausdrücken, die in anderer Form nicht passend ausgedrückt werden können, als auch abstrakte Sachverhalte vereinfacht darstellen. Ein Beispiel für eine einfache Metapher:

„Sie schlagen in Ihrem Land, liebe Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, am Sonntag ein neues Kapitel in dieser Erfolgsgeschichte dieses Landes auf.“

Anhand der Analyse der Rede kann man feststellen, dass sich diese rhetorischen Figuren konstant durch die ganze Rede ziehen. Sowohl am Anfang, als auch in der Mitte und am Ende der Rede befinden sich Stilmittel, die die Rede lebendig erscheinen lassen und gewisse Inhalte hervorheben.

Häufig greift Molterer Feindbilder auf. Er erwähnt „gebrochene Wahlversprechen“, den „roten Kanzler“ bezeichnet er als Fehler. Als Gegensatz, und um sich und seine Partei aufzuwerten, geht er immer wieder auf „populistische“ Themen ein. Beispiele: Sicherheit, klare Verhältnisse…

Um das Publikum emotional zu beeinflussen, nutzt Molterer auch seine Stimme, seine Körpersprache und den Blickkontakt. Er wird lauter, wenn das Thema brisant wird, und leiser, wenn es um Kinder und die Heimat geht. Die Inhalte sind so gewählt, dass die Werte der (niederösterreichischen) ÖVP abgedeckt werden  (Erfolgsmodell, Sicherheitspolitik, klare Verhältnisse, keinen Kompromiss, etc.). Dadurch bringt er sein Publikum immer wieder zum Jubeln und Fahnenschwingen.  Allgemein benutzt Molterer eine sehr floskelhafte Sprache mit vielen gängigen Phrasen:

„Eure Volkspartei, eine Partei nicht nur der klaren Positionen ist in der Frage Sicherheit, Arbeit oder soziale Gerechtigkeit, sondern auch eine Partei ist, die auf einer Wertebasis, auf einer klaren Wertebasis Politik macht.“ „Bei dir ist ein A ein A und ein B ein B und ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein.“ „Sie schlagen in Ihrem Land, liebe Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, am Sonntag ein neues Kapitel in dieser Erfolgsgeschichte dieses Landes auf.“

Logos

Beim Logos geht es um Redeinhalt, die Beweisführung und die Strukturierung der Rede. Dabei werden auch Punkte wie inhaltliche Korrektheit und Plausibilität betrachtet.

Molterer macht einen inhaltlichen Fehler: Laut dem Lebenslauf seiner Homepage  (http://www.wilhelmmolterer.at/) ist er 1955 geboren, allerdings spricht er in seiner Rede davon, mehrere Regierungsformen[sic!] genossen“ zu haben, womit er allerdings nur Regierungskonstellationen oder Mehrheitsverhältnisse gemeint haben kann, sofern er sich auf die österreichische Geschichte bezieht.

Generell kommen wenige konkrete Aussagen vor. Molterer bleibt – von den Erzählungen abgesehen – auf einer sehr abstrakten Ebene. Er spricht dabei von „klaren Verhältnissen“, „klaren Positionen“, „Sicherheit“, „Vollbeschäftigung“, „sozialer Gerechtigkeit“, „Wertebasis“, „Erfolgsmodell“ und anderen Begriffen, die nicht näher ausgeführt oder bestimmt werden. Dementsprechend ist der Informationsgehalt sehr gering. Molterer bringt sehr wenige Argumente vor. Er zitiert sich ständig selbst, worunter die Plausibilität leidet.

Die Argumentation ist einfach gehalten – zwar ist sie nicht widersprüchlich, jedoch auch meist nicht wirklich schlüssig. Wie im folgenden Beispiel:

„In NÖ herrschen klare Verhältnisse, in NÖ gibt’s klare Mehrheiten und in NÖ gibt’s klare Positionen. Das ist die Grundlage des Erfolges in diesem Land liebe Freunde und das hat NÖ stark gemacht.„

  1. Es herrschen klare Verhältnisse, Mehrheiten und Positionen in NÖ.
  2. Deshalb ist NÖ erfolgreich und stark.

Ob hier Ursache („Klarheit“) und Wirkung (Erfolg) wirklich zusammenhängen, ist nicht klar. Molterer führt zwar noch ergänzend seine Erfahrung auf Bundesebene an, was vielleicht seine Partei zu überzeugen vermag, aber von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtet unzureichend ist. Ebenso führt Molterer aus, dass Erwin Pröll Handschlagqualität besitzt und begründet dies damit, dass er weiß, wovon er selbst spricht. Würde er dabei nicht auf sich selbst, sondern zumindest Kollegen verweisen, würde dies der allgemeinen Glaubwürdigkeit sicherlich zuträglich sein. Die Rede besteht hauptsächlich aus Aussagen und Behauptungen, die manchmal mit einer dürftigen Argumentation verbunden sind. Die Rede wirkt zwar verständlich und im Kontext überzeugend; Sie ist jedoch außerhalb einer Veranstaltung der niederösterreichischen Volkspartei keineswegs plausibel.

Eine Struktur ist in Molterers Rede nicht explizit erkennbar; Jedoch weißt sie eine gewisse Grobstruktur auf. Am Anfang geht Molterer auf die Volkspartei in Niederösterreich allgemein ein, dann auf konkrete politische Maßnahmen (Sicherheitsfrage, Bundesheereinsatz), darauf erwähnt er Lob für Erwin Pröll und zum Schluss sendet er einen Appell an die Wähler:

„Sie haben es in der Hand. Und ich rufe den Niederösterreicherinnen und den Niederösterreichern zu: Schafft Klarheit und wählt Erwin Pröll! Dann geht’s dem Land auch in Zukunft gut.“

Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos

Unserer Meinung nach sind Ethos, Pathos und Logos gut aufeinander abgestimmt, wenn man davon absieht, dass nicht wirklich eine logische Struktur erkennbar ist. Molterer gelang es immer wieder, authentisch zu wirken. Das, was er sagte, stimmte meist mit seinen Gesten und seiner Mimik überein. Das Gesagte wird durch die paraverbalen und nonverbalen Elemente unterstützt.

Dass in seiner Rede nur wenige Fakten und Informationen auftauchen, wird dem Zuhörer nicht schnell bewusst. Es ging Molterer in erster Linie darum, sein Publikum zu begeistern und emotional zu berühren. Die Wortwahl der Rede ist ebenfalls geschickt, da viele Begriffe mehrmals auftauchen und daher große Wirkung besitzen. So zum Beispiel:

„liebe Freunde“, „Sicherheit“, „klare Verhältnisse“, „Verantwortung“, „eure Volkspartei“…

Kritik

Molterer gelang es, durch seine Rede das Publikum mitzureißen und zu motivieren, was am Jubel des Publikums ersichtlich war. Die Zuhörer fühlten sich angesprochen und emotional berührt, was vor allem daran lag, dass sie Anhänger der Niederösterreichischen Volkspartei sind. Die Rede war der Situation somit angepasst. Der größte Fehler Molterers war, dass er sich ständig selbst zitierte und nicht in der Lage war, gute und überzeugende Argumente vorzubringen:

Und ich weiß, wovon ich rede.“, „Ich hab mehrere Regierungsformen genossen…“, „Und ich sage Euch, das ist in der Politik gerade in bewegten Zeiten essentiell wichtig. Jemand als Partner zu haben, der Handschlagqualität hat, und auch hier weiß ich, wovon ich rede, meine Damen und Herren.“

Fazit

Die Rede klassifizieren wir allgemein als sehr gut. Sehr gut in dem Sinne, dass sie ihren Zweck, nämlich die Begeisterung, Überzeugung und Unterhaltung des anwesenden Publikums, voll erfüllt hat. Sieht man jedoch vom Kernpublikum ab, so muss man vor allem beim Logos mehr als ein Auge zu drücken, um von einem befriedigend sprechen zu können. Molterer merkt man an, dass er ein Profi ist, wenn es um politische Reden geht. Es ist nämlich nicht so einfach, das Publikum zufrieden zu stellen, zu überzeugen und mitzureißen. Man muss jedoch auch erwähnen, dass Molterer primär zu einem Publikum spricht, das seiner Partei folgt und damit seine Überzeugungen und Werte teilt.

Die Rede ist zu finden auf der Internetseite: http://de.youtube.com/watch?v=8BdFYdhb47A