Zu Besuch bei “Francis Bacon und sein Umkreis”


Christina Mäser

Zu Besuch bei “Francis Bacon und sein Umkreis”

Was erwartet der Besucher, wenn er in die Francis-Bacon-Ausstellung geht? Gleich vorweg noch, der genaue Titel lautet: „Francis Bacon und sein Umkreis“.

Der Besucher erwartet folglich Bilder von Francis Bacon und seinem Umkreis. Nun gut, doch wenn dann von Francis Bacon nur so wenige Bilder da sind, dass sein Umkreis die Ausstellung dominiert, was ist dann? Dann hat der Besucher wohl etwas Falsches erwartet. Aber gut, als Kunstliebhaber ist man ja ein offener Mensch.

Aber bleiben wir doch nun bei den Bildern von Francis Bacon, dem Namensgeber und Ausstellungshelden.
Der Besucher betritt voller Vorfreude den Ausstellungssaal und schaut sich um. Wo befinden sich die Bilder des Helden Francis? Er geht durch den ersten Saal, noch nichts. Dann kommt er in den zweiten, den hinteren Saal. Was ist denn da so laut, was lärmt denn da so? Es ist ein Fernseher. Hier läuft eine Dokumentation über Francis Bacon und nicht zu vergessen: seinen Umkreis. Der Besucher ist nun hin und her gerissen. Eigentlich war er ja gestern schon im Kino und hat sich eine Dokumentation angesehen, heute wollte er ins Museum. Was macht er nun? Soll er sich die Bilder von Francis und seinem Umkreis ansehen, oder soll er sich doch von der netten Fernsehstimme unterhalten lassen? Eine schwere Entscheidung. Er seufzt. Er reibt sich die Augen. Dann überlegt er sich, dass er ja schließlich recht viel Eintritt für die Ausstellung und den Lift bezahlt hat. Francis und seine ganzen Freunde befinden sich auf dem Mönchsberg, und man muss sie da oben erst einmal erreichen. Ist man zu Fuß nicht so gut, gibt es natürlich den Lift. Der gehört aber nicht zu Francis’ Umkreis, das heißt also, der Besucher muss dafür extra bezahlen.

Nun aber zurück zur Entscheidung zwischen Film und Museum. Der Besucher entscheidet sich für das Museum, deshalb hat er schließlich den weiten Weg auf sich genommen. Ein weiterer Seufzer – der Besucher versucht, sich auf die Bilder zu konzentrieren. Doch irgendwie fehlt ihm die Muße dazu. Seine Gedanken sind ständig beim Film, denn der ist so laut, dass er dem Museum doch tatsächlich die Schau stiehlt. Gott sei Dank hat der geübte Museumsbesucher Ohropax dabei. Er greift in seine Tasche und holt die kleinen Dinger heraus. Es folgt ein strafender Blick des Museumswärters. Der Besucher ist verunsichert. Stören den Francis oder sein Umfeld die Ohropax? Das kann doch fast nicht sein, oder? Doch eigentlich, wenn es sich der Besucher genauer überlegt, dann schaut der Wärter schon die ganze Zeit recht eigenartig. Der Besucher widmet sich nun mit verstöpselten Ohren und viel Muße den Bildern. Doch mit den bösen Blicken geht es weiter, jetzt kommen sie allerdings von den anderen Besuchern. Unser Besucher versteht jetzt gar nichts mehr. Was ist denn los? Aber er versteht einfach nicht, dass ihn die anderen Besucher bitten, ein wenig zur Seite zu gehen. Es ist nämlich ein bisschen eng beim Francis, es ist ja schließlich auch sein Umkreis dort. Mit freien Wänden muss also ein wenig gespart werden, vielleicht auch, weil der Fernseher sonst keinen Platz gehabt hätte. Der irritierte Besucher geht weiter und verliert nun komplett die Orientierung. Er sucht verzweifelt nach Text und Infos zu den Bildern. War es doch ein Fehler, nicht ins Kino zu gehen? Er seufzt, und das durch die verstöpselten Ohren so laut, dass schon wieder böse Blicke folgen. Welch Glück, der Besucher hat jetzt endlich den Ausstellungskatalog entdeckt. Nun wird alles besser. Er darf jetzt nämlich mehr über Francis und seinen Umkreis erfahren und langsam versteht er auch, wie sein Umkreis und Francis in Zusammenhang stehen. Es handelt sich wohl um lauter Infos, die eigentlich schon im Vorfeld über das Umfeld hätten gewusst sein sollen. Der Besucher schämt sich.
Er seufzt und geht zum nächsten Bild. Er sucht es im Katalog, doch er findet es nicht. Er sucht es noch einmal im Katalog, doch er findet es wieder nicht. Kann das sein? Er sucht es noch einmal, doch er findet es einfach nicht, dafür aber ein ähnliches. Eigentlich ist es genau das gleiche, nur seitenverkehrt. Der Besucher versteht nur mehr Bahnhof. Langsam wird ihm schwindelig, und er nimmt sich die Ohropax raus. Hinter ihm ist eine Schulklasse, die sich dicht um ihn drängt, und er wird von den Schülern nahezu eingequetscht. Jetzt muss er genau da stehen bleiben und kommt nicht mehr weg – das ist ja wirklich fast wie im Film! Was er nun aber hört, das gefällt ihm sehr, das ist sogar noch viel besser als ein Film! Das Bild bezieht sich auf Albrecht Dürers Bild „Melancholia“. Ach, das hätte man im Vorfeld schon auch wissen sollen, es gibt so viel zu wissen über Francis’ Umfeld. Die Lehrerin der Schulklasse hat sogar ein Bild von Dürers „Melancholia“ dabei. Der Besucher ist nun ganz aus dem Häuschen. Außerdem ist er so fasziniert vom Wissen der Frau Lehrerin, dass er beschließt, sich der Schulklasse anzuschließen. Leider ist ihr Unterricht schon zu Ende. Der Besucher ist enttäuscht und mag gar nicht mehr bleiben, er fühlt sich ohne die Klasse jetzt einsam. Obwohl da der Wärter wäre, der ihn die ganze Zeit anstarrt, als wäre er selber ein Bild, das ausgestellt wird. Der Besucher geht noch aufs WC, wäscht sich die Hände, trinkt einen Schluck Wasser und geht dann zum Lift, um Francis und seinen Umkreis alleine auf dem Mönchsberg zu lassen. Irgendwie ist er verwirrt und ein bisschen enttäuscht. Vielleicht geht er morgen wieder ins Kino.


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