Ambiguität

(griechisch: amphibolié, lateinisch: amphibolia)

Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit, das heißt, ein Wort, eine Wortgruppe bzw. ein Satz kann mehrere Deutungsmomente beinhalten. Eine weitere Bezeichnung dafür ist Amphibolie; diese gilt zwar als veraltet, wird jedoch noch häufig verwendet. Deutsche Entsprechungsbegriffe sind Doppelsinn oder Zweideutigkeit. Die Ambiguität ist als Gedankenfigur zu klassifizieren.

Eine Ambiguität kann sich phonetisch, lexikalisch oder syntaktisch bilden: „[…] Eine lexikalische A[mbiguität]. liegt beim Wort ‚Laster’ (Untugend oder Transportmittel?) vor, eine syntaktische bei ‚Der Sohn des Bäckers, den ich getroffen habe’ (den Sohn oder den Bäcker?). Selten ist darüber hinaus von der phonetischen A[mbitguität]. die Rede […]“ (HWRh, Bd. 1, Sp. 437). Beispiel: Bären – Beeren.

Aristoteles hat sich bereit mit dieser Figur beschäftigt, ebenso Platon, Empedokles, der Auctor ad Herennium, Cicero und nicht zuletzt Quintilian. Dabei wurde diskutiert – ob man mehrdeutig reden/schreiben darf bzw. soll oder nicht. „Quintilian […] fordert, so zu sprechen, daß man keinesfalls nicht verstanden werden könne. Er widmet der A[mbiguität] […] ein eigenes Kapitel, in dem er die Bedeutung der A[mbiguität] als Anlaß [sic!] von Konflikten auch linguistisch behandelt und Ratschläge zu ihrer Vermeidung erteilt.“ (siehe HWRh, Bd. 1, Sp. 438)

Die Ambiguität ist eine wunderbare Möglichkeit mit den Bedeutungen zu spielen. So ist sie häufig in der Werbung und in der Literatur vertreten. Gerade die Literatur wendet sie häufig an, wenn es um Tabuthemen, wie Tod oder Sexualität geht. Die Ambiguität kann sich auf einzelne Wörter oder ganze Sentenzen beziehen. Kann der Empfänger die Ambiguität mit seinem Wissen nicht deuten, so führt sie zur Unverständlichkeit in gewisser Weise, da sie die Wahl zwischen zwei Deutungsmöglichkeiten lässt.

Ob es sich bei bestimmten Figuren um Stilmittel oder um Fehler handelt, ist häufig umstritten. Je nach Absicht des Sprechers bzw. des Schreibers ist auch die Ambiguität als Fehler oder als Figur zu beurteilen. „Eine A[mbiguität]. wird durch den Kontext oder durch die Paraphrase aufgelöst. Die A[mbiguität]. ist daher nicht grundsätzlich eine rhetorische Figur, sondern eine sprachanalytische Kategorie bzw. eine semantische Form, die rhetorisch genutzt werden kann. Sie ist von der Vagheit zu unterscheiden, da diese keine Wahl zwischen bestimmten Interpretationen eröffnet, sondern es grundsätzlich an Bestimmtheit fehlen lässt […].“ (HWRh, Bd. 1, Sp. 437)

In beiden Fällen beinhaltet die Ambiguität auch manchmal Ironie – zum Beispiel bei Witzen. Wird die Mehrdeutigkeit erkannt und auch richtig gedeutet, so ist sie sicherlich unterhaltend und wird im Alltagsleben oft auch bewusst eingesetzt.

Beim Sprechen im Alltag können wir zweideutige Aussagen anhand der Stimmlage/-ton etc. meist richtig fassen. Im schriftlichen Text muss eine bewusste Ambiguität deutlich formuliert werden. Verstanden wird man jedoch immer, ob es jedoch die beabsichtigte Reaktion oder ein völlig andere ist, hängt zu einem großen Teil von unseren Formulierungen ab; in gewisser Weise von einer eindeutigen Mehrdeutigkeit.

Tomato – eine britische Künstlergruppe – sagte einmal: „Wörter haben ihre eigene Architektur. Und sie sind mehrdeutig, denn wir begegnen ihnen nicht im luftleerem Raum, sondern im Leben.“ (Die Zeit, 10.10.1997)

Beispiele:

„Bank“: ob es sich hier um ein Geldinstitut oder eine Sitzgelegenheit handelt, ist nur aus dem Kontext zu erschließen. Selbiges gilt zum Beispiel bei „Gläser“ (Brille oder Trinkgefäß), bei „Zug“ (Transportmittel oder Wind) und auch bei „Birne“ (Obst oder Glühbirne) – um nur einige mehrdeutige Begriffe aus dem Alltagsbereich zu nennen.

„Wenn ihr ‚Lieblingskleid’ eine Nummer zu groß geworden ist“.

Diese Zeile stammt aus einer Werbung für Antifalten-Creme. Die Mehrdeutigkeit lässt sich aus dem Kontext erschließen. Unterstützend wird hier die bildhafte Darstellung (siehe nächste Seite): Die Werbung zeigt eine Frau, die eine Hautstelle zwischen ihren Fingern hält und so andeutet, dass die Haut ein wenig an Spannkraft nachgelassen hat.

Im Gegensatz dazu ist es bei dem folgenden Beispiel nicht so wichtig, eine Illustration zur näheren Deutung zu haben; es reicht hier aus, wenn man die Branche weiß, welche beworben wird:

„Männer dies’s drauf haben, haben’s auch drunter.“ (Werbung für Unterwäsche)

Monika Berghuber

Literatur:

R. Bernecker, T. Steinfeld: Amphibolie, Ambiguität, in: HWRh, Bd. 1. Tübingen 1992. Sp.436-444.

 

Print Friendly, PDF & Email