Anapher und Epipher

Anapher

(griech.: anaphorá, lat.: conduplicatio, iteratio (Einzelwort) repetitio (Wortgruppe),   Synonyme: Epanaphora, Prälation, dt.: Rückbeziehung, Wiederaufnahme)

Bei der Anapher handelt es sich um eine  Figur auf Wortebene: dasselbe Wort bzw. dieselbe Wortgruppe am Anfang aufeinander folgender Sätze, Satzteile, Verse oder Strophen wird wiederholt.

du selige gnadenbringende Weihnachtszeit…“

Die Anapher kann auch als auseinander gezogene Geminatio (Wiederholung eines Wortes oder Satzteiles unmittelbar hintereinander) verstanden werden, stehen doch zwischen den wiederholten Wörtern ganze Sätze oder Satzteile.

Das Gegenstück zur Anapher bildet die Epipher.

Epipher

(griech.: epiphorá oder Epistrophe, Synonyme: Konversion, Relation, dt.: Wiederkehr)

Bei der Epipher wird das gleiche Wort bzw. die gleiche Wortfolge am Ende aufeinander folgender Sätze oder Sinneinheiten wiederholt, beispielsweise aus Nietzsches „Um Mitternacht“:

„Doch alle Lust will Ewigkeit,

will tiefe, tiefe Ewigkeit.“

Im Historischen Wörterbuch der Rhetorik taucht die Epipher nicht als eigenes Stichwort, sondern lediglich innerhalb des Artikels Anapher auf, woraus sich schließen lässt, dass die Epipher im Gegensatz zur Anapher historisch nicht so greifbar ist.

Was die Verwendung der Anapher angeht, lassen sich drei wesentliche Traditionsstränge verfolgen. Der erste Strang geht von der antiken Rhetorik aus, die zweite Linie weist auf die Tradition magischer Beschwörungsformeln hin, und bei dem dritten Strang handelt es sich um eine poetische Linie, die aus der christlichen Liturgie entspringt (vgl. HWRh. Bd. 1, Sp. 543). Diese Traditionsstränge sollen hier nur der Vollständigkeit halber angeführt werden, sie sind jedoch für die Definition der Anapher als rhetorische Figur nicht relevant.

Eine verbreitete Figur ist die Verknüpfung aus Anapher und Epipher, die als Symploké (auch complexio oder exquisitio) bezeichnet wird. Dabei werden sowohl der Beginn als auch das Ende eines Satzes beziehungsweise einer Sinneinheit wiederholt. Goethe verwendet die Symploké in seinem Werk „Aus einem Brief an Gräfin Auguste zu Stolberg“:

Alles geben die Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen ganz“

Die rhetorische Figur der Anapher verlangsamt die Rede, rhythmisiert sie aber auch und verleiht dem Gesagten Nachdruck. Aufgrund dieser Eigenschaften findet sich die Anapher häufig in Reden oder emotionalen, eindringlichen Schriften und Gedichten. Bereits in Ciceros De re publica taucht eine Anapher auf:

Scipio hat Numantia vernichtet,

Scipio hat Karthago zerstört,

und Scipio hat Frieden gebracht.“

Durch die Wiederholung des Namen „Scipio“ rhythmisiert  Cicero seine Aussage und verleiht ihr auf diese Weise Nachdruck. Durch Anaphern etwas zu betonen, seine Rede zu gliedern und so dem Publikum das Folgen einer Rede zu erleichtern, beschränkte sich jedoch nicht auf die Antike. Auch im 20. und 21. Jahrhundert griffen viele Politiker auf dieses Mittel zurück. Martin Luther King formuliert in seiner bekannten Rede „I have a dream“ eine Passage so:

One hundred years later, the Negro still is not free.

One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination.

One hundred years later, the Negro lives on a lonely island of poverty in the midst of a vast ocean of material prosperity.

One hundred years later, the Negro is still languished in the corners of American society and finds himself an exile in his own land.”

Auch Barack Obama und Hillary Clinton bedienten sich im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008 in ihren Reden sehr häufig der Anapher, um ihre Worte eindringlicher wirken zu lassen. So sagte Barack Obama in seiner Rede am 20. Mai 2008:

You spoke of an America where working families don´t have to file for bankruptcy just because a child gets sick; where they don´t loose their home because some predatory lender tricks them out of it; where they don´t have to sit on the sidelines of the global economy because they couldn´t afford the cost of a college education.

You spoke of an America where our parents and grandparents don´t spend their retirement in poverty because some CEO dumped their pension – an America where we don´t just value wealth, but the work and the workers who create it.

You spoke of an America where we don´t send our sons and daughters on tour after tour of duty to a war that has cost us thousands of lives and billions of dollars but has not made us safer.

You spoke of an America where we match the might of our military with the strength of our diplomacy and the power of our ideals – a nation that is still the beacon of all that is good and all that is possible for humankind.”

(http://www.barackobama.com/2008/05/20/remarks_of_senator_barack_obam_67.php abgerufen am 20. 6. 2008)

An diesem Beispiel erkennt man sehr gut, wie die Anapher einerseits dazu führt, das Gesagte eindringlicher werden zu lassen und andererseits auch eine gliedernde Funktion hat. Durch den immer gleichen Satzanfang „You spoke of an America“ ist dem Zuhörer der Anfang einer jeden neuen Aussage klar und er kann der Rede gut folgen.

Die Epipher hat eine ähnliche Wirkung wie die Anapher, sie verleiht etwas Gesagtem Nachdruck. Doch die gliedernde Funktion der Anapher findet sich bei ihrer Schwester, der Epipher, weniger, wahrscheinlich, weil die Wiederholung des gleichen Wortes oder der gleichen Phrase erst am Ende des Satzes beziehungsweise der Sinneinheit erfolgt. Das nachstehende Beispiel aus einem Roman von Isabelle Minière verdeutlicht diese Aussage sehr gut:

„Ich bin unglücklich.

Ich habe zwei Arme, zwei Beine, bin bei bester Gesundheit und dennoch unglücklich.

Ich habe ein quicklebendiges Kind, das wohlauf ist, ein wunderbares Kind, und doch bin ich unglücklich.

Ich habe einen interessanten Beruf, verdiene nicht schlecht, habe eine schöne Wohnung und bin unglücklich.

Meine Frau ist schön, intelligent, und ich bin unglücklich.

Viele Menschen wären gern an meiner Stelle, im Leben, im Bett, und ich bin unglücklich.

Ich bin privilegiert und unglücklich.“

(I. Minière: Ein ganz normales Paar. 2007. S. 161)

Magdalena Koch-Dithör

Literatur:

C. Blasberg: Anapher. In: HWRh Bd. 1. Tübingen 1992. Sp. 542-545.

L. Kolmer /C. Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002.