Anspielung

Bei der Anspielung setzt der Redner ein gewisses Hintergrundwissen des Publikums voraus und nimmt (meist nur ansatzweise) darauf Bezug. Als Hintergrundwissen gelten berühmte Zitate, bekannte Volkslieder, historische Daten, Redewendungen und vieles andere. Ein Beispiel:

„Leise rieselt der Staub auf die Steuererklärung vom Vorjahr. „

(Beilage der Salzburger Nachrichten, am 16.05. 2008)

Hier wird auf das bekannte Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“ angespielt. Dem Verfasser des Textes ist die Anspielung geglückt, wenn der Leser sie also solche erkennt, sich an das Lied erinnert  und die Übertragung auf den Sachverhalt als treffend anerkennt. Darin liegt die Überzeugungskraft dieser rhetorischen Figur.

In der griechischen Antike wird die Anspielung eher mit dem Rätselhaften (aenigma) in Verbindung gebracht. Im Lateinischen wird Anspielung mit allusio übersetzt. In der „Retorica ad Herennium“  findet man nur etwa die Figur der significatio, die dem Begriff der Anspielung im heutigen Sinn zwar ähnlich ist, aber nicht vollkommen damit übereinstimmt. Quintilian definiert die allusio gar nicht.

Für die moderne Theorie ist auf Heinrich Lausberg zurückzugreifen. Er klassifiziert die Anspielung treffend als „Gedankenfigur ohne Umrisse“ (Lausberg, § 419). Die Anspielung ist der Emphase (Nachdruck), der ?Ironie, und besonders der ?Ambiguität (Zweideutigkeit) sehr ähnlich. Äußerst schwierig ist die Grenze zur Ambiguität zu ziehen. Im Gegensatz zur dieser setzt die Anspielung nicht nur einen Gedankensprung voraus, sondern  ein Wissen beziehungsweise eine „kulturelle Mitgift“, ohne welche die Figur nicht zu entziffern ist. Im folgenden Beispiel ist die Ähnlichkeit zur Ambiguität sehr groß:

„Der Besuch der kleinen, alten Dame.“

(Standard, am 19.05.2008)

Es handelt sich um den Titel eines Zeitungsartikels über die 25.000 Jahre alte Venus von Willendorf. Der Journalist spielt auf das Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt „Der Besuch der alten Dame“ an. Jemandem, dem das Theaterstück nicht geläufig ist, wird trotzdem keine Schwierigkeiten haben zu verstehen worum es geht, da man es auch für eine Zweideutigkeit halten kann.

Eine Anspielung gelingt nicht immer, denn manchmal wird sie einfach nicht erkannt. Das hängt damit zusammen, dass der Verfasser eventuell von einem Wissen ausgeht, das im Publikum gar nicht vorhanden ist. Mit seiner Anspielung  schießt er dann am Schwarzen vorbei und bleibt unverstanden und wirkungslos.

Alexander Stille gab seinem Buch von 2006 den Titel „Citizen Berlusconi“. Er spielt auf den Film „Citizen Kane“ an. Das ist nicht für jedermann klar: Wem der Film bekannt ist, der bringt den derzeit amtierenden italienischen Ministerpräsidenten sofort mit dem korrupten Leinwand- Helden in Verbindung. Wem der Film aber nicht geläufig ist – vermutlich der jüngeren Generation – der versteht schlichtweg den Titel des Buches nicht.

Im Bereich der Politik hat die Anspielung eine besonders wichtige Funktion.

Im Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ schreiben Lakoff und Wehling, dass Franz Luntz (der Sprachexperte der Republikaner in den Vereinigten Staaten) im Dokument Communicating the Principles of Prevention and Protection in the War on Terror folgendes angibt:

„Jede Rede über unsere nationale Sicherheit oder den Irak sollte mit einem Hinweis auf 9/11 beginnen.“

In der Tat wird sehr oft zu Beginn mancher politischen Reden auf dieses historische Datum angespielt, um dann einen völlig anderen Diskurs ins Rollen zu bringen. Das Gefährliche liegt meiner Ansicht nach hierin: Eine Anspielung auf den Terroranschlag des 11. Septembers 2001 in New York ruft in den Zuhörern böse Vorahnungen und Emotionen wie Angst und Wut wach. Während die Erinnerungen an jene grauenvollen Bilder wieder hochkommen, ist der Redner in der Zwischenzeit schon bei seinem eigentlichen Diskurs angelangt, zum Beispiel der Rechtfertigung des Irak-Krieges. Für ihn ist es jetzt ein Leichtes, das Publikum zu überzeugen, das durch seine Anspielung schon voreingenommen ist.

Franziska Guggenbichler-Beck

Literatur:

  1. Delahunty/ S. Dignen/ P. Stock: The Oxford dictionary of allusions. Oxford 2001.
  2. Hughes: Anspielung, in: HWRh Bd. 1. Tübingen 1992. Sp. 652-655.
  3. Lakoff/ E. Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht. Heidelberg 2008.
  4. Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. München 1973.
  5. Lennon: Allusions in the press. An applied Linguistic Study. 2004.

 

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