Anticipatio

(antizipation, dt. Vorwegnahme, engl. anticipation, ital. anticipazione, frz. anticipatio)

Diese rhetorische Figur bedeutet soviel wie, „vorher erfassen“ und setzt sich aus zwei lateinischen Begriffen zusammen: ânte = vorher, früher und câpêre= erfassen, ergreifen, nehmen. Richtigerweise müsste es eigentlich antecipatio heißen, üblichweise wird jedoch von anticipatio oder Antizipation gesprochen.

Allgemein versteht man darunter eine Vorwegnahme von Aussagen bzw. ein Vorausahnen und Vorwegnehmen zukünftiger Ereignisse – wie es etwa für einen guten Fußballspieler charakteristisch ist: „Kopfballstark, schnell und mit einer natürlichen Gabe zur Antizipation ausgestattet, sah er nie eine gelbe Karte, weil er immer schon dort war, wo der Gegenspieler hinlief. (Süddeutsche Zeitung, 17.6.2006)

Den Begriff Anticipatio findet auch in der Biologie, der Sprachwissenschaft, im Sport und der Erzähltheorie Verwendung. In der Sprachwissenschaft  werden Antizipationen bei Versprechern und Sprachstörungen als ein besonderer Typ von Fehlern wahrgenommen. Sie bestehen darin, eine sprachliche Einheit früher als gewollt gesagt zu haben. Beispiel: „Die Sympather ….die Spanier sind mir viel sympathischer.“ In der Erzähltheorie ist es eine Vorwegnahme eines späteren Ereignisses in der Erzählfolge.

Im konkreten Zusammenhang mit der Rhetorik bezeichnet Anticipatio die Vorwegnahme eines gegnerischen Arguments, um mögliche Einwände zu entkräften. Ihren Ursprung findet diese rhetorische Figur in der Antike. Sie wird als Gedanken- oder auch Argumentationsfigur klassifiziert. Synonyme Bezeichnungen sind prolepsis, praeoccupatio, anteoccupatio, praemunitio und praesumptio. Anders als die Anticipatio ist die Prolepse jedoch nicht als Gedanken- oder Argumentationsfigur, sondern als Wortfigur aufzufassen.  Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Linksversetzung, bei der ein Element des Satzes, zumeist das Subjekt, an den Satzanfang gestellt und später durch ein Pronomen wieder aufgenommen wird, wie in dem Satz: „Meine Schuhe, wo habe ich sie nur gelassen?“

Die Anticipatio im Sinne der Vorwegnahme eines gegenerischen Einwandes ist ein zentrales Mittel der Rhetorik, dem man in der klassischen Redekunst wie in der modernen Verhandlungsrhetorik sehr häufig begegnet. Der Deutsche Anwaltsverein rät beispielsweise jungen Anwälten bei Honorarverhandlungen:

„Nur zu oft rechtfertigen sich junge Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte bei Honorarvereinbarungen für die Kosten. Ein solches Vorgehen führt häufig nicht zum gewünschten Erfolg, da der Mandant merkt, dass sein Anwalt nicht vom Wert der eigenen Leistung überzeugt ist […] Wenn Sie einen Einwand zu den Kosten erwarten, nehmen Sie den Einwand vorweg: ,Der Stundensatz kommt Ihnen sicher hoch vor, darin enthalten ist jedoch [,,,]‘ “ (AdVoice 1/06, S. 2f.)

In der folgenden Passage aus einer Rede über „Die Zukunft des wissenschaftlichen Publikationswesens im Zeitalter der Cyber-Wissenschaft“ setzt der Redner die Anticipatio geschickt an den Anfang:

„Bevor wir in medias res gehen und uns konkret die Zukunft der wissenschaftlichen Publikationsformen vorstellen, ist es wohl angebracht, einen gewichtigen Einwand vorweg auszuräumen. Zumeist wird spontan gegen Mutmaßungen über das Ende der Publikationen eingewandt, dass kein Mensch gerne und über lange Zeit und schon gar nicht überall vom Bildschirm lesen kann oder will. Diese Argument geht von einer, wie ich meine, unzulässigen Vorstellung über die zukünftige technologische Entwicklung aus […].“

Marco Sturm

http://www.oeaw.ac.at/ita/ebene5/frankfurt.pdf

Literatur:

D. Harjung: Lexikon der Sprachkunst. Die rhetorischen Stilformen. Mit über 1000 Beispielen. München 2000.

G. und I. Schweikle: Metzlers Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart 1884.

M. Backes: Antizipation, in: HWRh B1. Tübingen 1992. Sp. 750-753.