Antithese

Barbara Schnitzer

 

(griechisch: antítheton; lateinisch: contrapositum, contrarium; deutsch: Gegenüberstellung)

 

Einer allgemeinen Definition zufolge ist die Antithese eine „der These gegenübergestellte Behauptung, Gegenbehauptung, Entgegenstellung“ (Wahrig, 184). Daneben bezeichnet die Antithese eine rhetorische Figur. In dieser speziellen rhetorischen Bedeutung kann man sie als Gegenüberstellung gegensätzlicher Begriffe, Gedanken und Gegenbehauptungen definieren. Diese Gegenüberstellung kann in Form eines Einzelwortes, einer Wortgruppe, eines Satzes oder einer Satzfolge auftreten. Dabei muss sie nicht unbedingt einem logischen Widerspruch gerecht werden. Vom ehemaligen Papst Johannes Paul II stammt diese treffende Antithese: „Irren ist menschlich, vergeben göttlich“. Die Antithese wird oft verbunden mit anderen rhetorischen Figuren, zum Beispiel dem Chiasmus (Überkreuzstellung korrespondierender Satzteile), dem Parallelismus (paralleler Aufbau einander entsprechender Satzglieder), dem Homoioteleuton (Wiederholung derselben Endsilbe) und der Klimax (Steigerung).

 

Der Sophist Gorgias von Leontinoi (ca. 485-380 v. Chr.) gilt als der erste große Redelehrer. Er begründete die Gelegenheitsrede und die Stilkategorien, so genannte Gorgianische Figuren. Dazu zählen Isokolon (gleiche Silbenzahl der korrespondierenden Satzglieder in einer Periode), Homoioteleuton (Wiederholung derselben Endsilbe in unmittelbar aufeinander folgenden Wörtern) und Antithese (vgl. HWRh, Bd. 1: Gorgianische Figuren). Gorgias war es, der den Begriff der Antithese prägte. Im HWRh wird betont, dass sie sowohl den Wortfiguren, als auch den Sinnfiguren zuzuordnen sei, es wird aber darauf hingewiesen, dass die Zuordnung unter den Hauptvertretern der antiken Rhetorik strittig sei. „So rechnet sie Cicero den Sinnfiguren zu, während andere (z.B. Rutilius Lufus, Tiberius, der Auctor ad Herennium und Hermogenes) die Alternative negieren und die Antithese ebenso als Wort- wie als Sinnfigur ansehen.“ (HWRh, Bd. 1, Sp. 723). Quintilian ordnete die Antithese den Wortfiguren zu. Dem HWRh zufolge sei sie durch die „semantische Präzisierung“ ebenso als Gedankenfigur zu behandeln. Kolmer/Rob-Santer ordnen die Antithese den Gedankenfiguren zu, da sie zum Bereich „Gedankenzuspitzung“ gehöre. (vgl. Kolmer/Rob-Santer, 55).

 

Die Antithese wird auch heute noch oft verwendet, vor allem in Gedichten. Goethe übersetzt den bekannten Spruch des Hippokrates: „Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben“. Durch die Polarisierung zweier Gegenstücke erzeugt die Antithese Spannung und schafft Klarheit. Wegen dieser Eigenschaften zählt sie zu den wichtigsten rhetorischen Stilmitteln (vgl. Kolmer/Rob- Santer, 84).

 

Beispiele:

 

„Heiße Schnäppchen für die kalte Jahreszeit“

 

Diese Antithese stammt aus der Werbung und ist ein Werbeslogan für einen Baumarkt. Sie enthält einen sehr klaren Gegensatz. Die „kalte Jahreszeit“ steht „heißen Schnäppchen“ gegenüber und assoziiert somit beim Adressaten, dass er im Winter das haben kann, was er nicht hat, nämlich „Wärme“.

 

„Lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach.“

 

Dieses bekannte Sprichwort beinhaltet gleich mehrere Gegensätze. Der „Spatz“ steht der „Taube“ gegenüber und die „Hand“, dem „Dach“. Es wird vor allem dann verwendet, wenn man ausdrückt, ein kleineres Übel einem größeren vorzuziehen. Dieses Sprichwort ist nicht nur eine Antithese, sondern auch eine ? Metapher.

 

„Irren ist menschlich, vergeben göttlich.“

 

Die Gegensätze werden auch hier klar genannt. „Irren“ und „menschlich“ stehen „vergeben“ und „göttlich“ gegenüber. Diese Aussage wirkt durch ihre Prägnanz und Satzstellung sehr weise. Das Beispiel ist außerdem ein Zeugma, das heißt, der Satzteil „ist“ wird einmalig für zwei Satzteile gesetzt.

 

„Gut und böse“ / „Jung und alt“ / „Berg und Tal“

 

Ein Begriff steht klar und deutlich einem anderen gegenüber. Diese Antithesen sind zugleich ? Zwillingsformeln. Sie sind kurz und prägnant und haben floskelhaften Charakter. In dieser Form treten Antithesen häufig auf. Sie bedürfen keiner weiteren Satzglieder, denn sie wirken so wie sie sind rund und abgeschlossen.

 

Literatur:

 

L. Kolmer/C. Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002.

J. Villwock: Antithese. In: G. Ueding: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1992.

G. Wahrig: Wahrig. Deutsches Wörterbuch. 7. Auflage. Gütersloh/München 2006.