Ellipse

(griechisch: élleipsis, lateinisch: detractio, defectio, defectus)

Diese Figur der Kürze (brevitas) zeichnet sich dadurch aus, dass bestimmte Teile des Gesagten bzw. Geschriebenen ausgelassen werden können. Ein Beispiel aus dem Alltagsbereich ist die oft gestellte Frage nach dem Alter – als Antwort gibt man zum Beispiel einfach „39“ an statt vollständig aber umständlich im ganzen Satz zu antworten: „Ich bin 39 Jahre alt.“

Diese rhetorische Figur taucht bereits in der frühen Literatur der Antike auf. So verweist das HWRh auf Quintilian (siehe Quint. VIII, 6, 21f.) „[…] Dieser betont, daß er das, ‚was im Bereich der Ausdrucksfehler Ellipse genannt wird’ […] nicht als negativ als Fehler, sondern positiv als Stilfigur beurteilen will […]“. Wo sich die Ellipse früher in den Bereichen der Rhetorik und der Grammatik unterschied, gibt es nun eine Annäherung, somit wird auch die Grammatik letztendlich die Ellipse kaum noch als Fehler betrachten (vgl. HWRh, Bd. 2, Sp. 1018).

Je nach Erfahrungswissen des Empfängers kann dieser die „Auslassung“ wieder auffüllen, um den Sinn des Gesagten und/oder des Geschriebenen zu verstehen, bzw. ergibt sich eine etwaige Ergänzung aus dem Kontext. Elliptisch sind all jene Teile in einem Satz, welche für das Verständnis nicht unbedingt notwendig sind. So findet man diese Figur häufig bei Grußformeln, Befehlsformeln, aber auch bei Notizen. Gerade in der mündlichen Sprache liegt es nahe, Ellipsen anzuwenden, um ein ökonomisches Sprechen zu ermöglichen. Wer eine Fremdsprache erlernt, hat es schwerer, Ellipsen zu erkennen und zu vervollständigen.

Für die zahlreichen Anwendungsbereiche hat die Ellipse verschiedene Ursachen und Bedeutungen. „Guten Morgen!“ oder nur „Morgen!“ statt „Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!“ Solche Verkürzungen, die häufig im Alltag vorkommen, geschehen meist völlig unwillkürlich. Eine elliptische Sprechweise fällt hier nicht als sprachliche Besonderheit auf und wird zumeist gar nicht wahrgenommen.

Dient die Ellipse in einem Fall der Sprachökonomie, kann sie in anderen Fällen Ausdruck eines Sprachdefizits sein. Dann wird sie ungewollt verwendet – etwa bei der Verständigung in einer Fremdsprache: „Wollen mitkommen?“

Ein weiterer Anwendungsbereich ist das Militär – hier gehören kurze Befehle zum üblichen Jargon:

„Rechts um!“ – „Rührt Euch“ – „Abtreten“ – „Zu Befehl“.

Von besonderem Interesse ist hier jedoch die Ellipse als ein bewusst eingesetztes rhetorisches Stilmittel, wie es vor allem in den Bereichen Lyrik und Werbung zum Tragen kommt. In Gedichten können Ellipsen zur Verdunkelung (obscuritas) beitragen und das Verständnis erschweren – auch für Muttersprachler. Dies ist häufig in bestimmten (esoterischen) Formen der Lyrik der Fall. Relativ einfach zu vervollständigen sind dagegen die folgenden Zeilen aus dem Gedicht „Nacht in London“ von Erich Fried:

„Und das gemähte Gras / zu riechen beginnen / und oben über den Fichten / in langsamen Kreisen ein Vogel / klein und schwarz / gegen das Himmelblau“

Wer Deutsch nicht als Muttersprache spricht, für den wird der (Sinn-)Zusammenhang möglicherweise schwerer zu erfassen sein, müsste es ja der Vollständigkeit halber etwa heißen: Und das gemähte Gras [können wir] zu riechen beginnen und oben über den Fichten [fliegt] in langsamen Kreisen ein kleiner, schwarzer Vogel gegen das Himmlblau.

Die Ellipse tritt oft in Form eines Zeugma (Verbindung) auf – Beispiel: „Er wollte gehen, sie nicht“ – oder als Asyndeton („Unverbundenes“). Beim Asyndeton werden die Konjunktionen ausgelassen und so kommt es zu einer Aneinanderreihung von koordinierten Satzgliedern, wie im folgenden Beispiel aus der Erzählung „Das Majorat“ von E.T.A. Hoffmann. Die Konjunktion „und“ wird ausgelassen, stattdessen erfolgt eine Trennung durch Beistriche.

„Aber ich bitte Sie, wiederholen Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht sahen – hörten – fühlten – ahnten.“ (E.T.A. Hoffmann, Das Majorat).

Überaus häufig findet man Ellipsen in der Werbung: „Die Sonne genießen. Strahlend schön bleiben.“ (Werbung für Kosmetikartikel). In der Werbesprache ist die Ellipse sehr dienlich. Da man meist für jeden gedruckten Buchstaben bzw. für gesendete Sekunden bezahlt, ist es wichtig, die Botschaft äußerst kurz zu halten. Auch bleibt Produkt bzw. Unternehmen dadurch besser im Gedächtnis haften. Ein weiteres Beispiel aus der Werbung: „Viel mehr als du erwartest. Schlafzimmer von Ikea.“ Hier ist das Wort „bietet“ ausgelassen.

Monika Berghuber

Literatur:

S. Dentler: Verb und Ellipse im heutigen Deutsch. Zum „Fehlen“ verbabhängiger Bestimmungen in Theorie und Praxis. Acta Universitatis Gothoburgensis. Göteborg 1990.