Euphemismus

(griech.: euphemismos, lat.: euphemismus, Synonym: Beschönigung, dt.: Ersatzwort, Deckwort, Glimpfwort)

Allgemein gesprochen handelt es sich beim Euphemismus um eine mildernde oder beschönigende Umschreibung für ein Wort, das unter Umständen als anstößig oder unangenehm empfunden wird.

Der Unterschied zur Periphrase ist, dass man dabei von einer Umschreibung allgemein spricht, während beim Euphemismus eine beschönigende Absicht hinter der Umschreibung steht. Aufgrund dieser Beweggründe zur Verwendung des Euphemismus ist er zu den Gedankenfiguren zu zählen.

Der Begriff „Euphemismus“ wurde bereits in der Antike verwendet, zum Beispiel bei Aristophanes, Sophokles oder Horaz. Dabei beinhaltete der Begriff die Aufforderung, „Worte guter Vorbedeutung zu sprechen bzw. andächtig zu schweigen.“(HWRh Bd. 3, Sp. 3). Von Thukydides wurden Euphemismen als Propagandamittel im Peloponnesischen Krieg angeführt. Quintilian bezeichnet den Euphemismus als Unterart der Ironie, die er wiederum zur rhetorischen Figur der Allegorie zählt.

„Außerdem findet die Allegorie Verwendung, um Unerfreuliches aus großstädtischer Höflichkeit mit weniger harten Worten auszudrücken oder manches durchs Gegenteil zu bezeichnen […] Wenn jemand nicht weiß, wie die Griechen dieses Ausdrucksformen nennen, so möge er wissen, dass die sarkastische, urbane, euphemistisch-gegensätzliche und sprichwörtliche Allegorie heißen.“ (Quint. VIII, 6, 57)

Beim einen Autor taucht der Begriff „Euphemismus“ also bereits auf, beim anderen wird lediglich auf die Funktion einer beschönigenden Formulierung Bezug genommen. Tatsache ist aber, dass der Gebrauch von Euphemismen bereits in der Antike gang und gäbe war.

Elisabeth Leinfellner unterschied in den 1970er Jahren den politischen und den alltagssprachlichen Euphemismus. Luchtenberg widersprach dieser Unterscheidung und ersetzte sie durch eine Differenzierung des Euphemismus in „verhüllenden“ und „verschleiernden“ Euphemismus. Der erstgenannte berühre den Tabu-Bereich, in ihm manifestiere sich die Reaktion des Einzelnen auf Tabuisierungen durch die Gesellschaft. Diese reichen meistens in die Bereiche des Religiösen und des Aberglaubens, des Todes, der körperlichen und geistigen Krankheiten, der Geburt oder der Sexualität.

Davon zu unterscheiden sei der verschleiernde Euphemismus. Der werde vom Sprecher bewusst eingesetzt, um die Hörer zu täuschen oder zu beeinflussen. Hier sei es nicht die Gesellschaft, die Druck auf den Redner ausübt, sondern umgekehrt. Das Individuum beeinflusse die Gemeinschaft und lenke deren Meinungsbildung. (Vgl. HWRh Bd. 3, Sp. 1).

Der Euphemismus berührt also oft Bereiche, in denen die Dinge nicht beim Namen genannt werden möchten. Auf jeder Parte und in allen Todesanzeigen finden sich Phrasen wie „er ist aus dem Leben geschieden“, „sie ging von uns“ oder „er ist entschlafen“, um den Tod eines Menschen zu umschreiben.

Auch der Bereich der Sexualität ist ein Feld des häufigen Gebrauchs von Euphemismen. Den Penis eines Mannes bezeichnet man als „kleinen Mann“, Geschlechtsverkehr als „Beiwohnung“ oder allgemein das Sexuelle, Geschlechtliche als „unterhalb der Gürtellinie“.

Doch nicht nur im körperlichen Bereich, sondern auch in wirtschaftlichen und beruflichen Gebieten werden vermehrt Euphemismen verwendet, um unangenehme Dinge nicht beim Namen nennen zu müssen. Werden in einer Firma Mitarbeiter gekündigt, spricht man von „Personal freisetzen“. Ein Problem wird als „Herausforderung“ bezeichnet, Konkurrenten als „Mitbewerber“. In einer wirtschaftlichen Depression spricht man von „negativem Wirtschaftswachstum“, Industriespionage wird als „Informationsabfluss“ beschönigt.

Auch die Modesprache hat den Euphemismus für sich entdeckt, um ein bestimmtes Zielpublikum anzusprechen. So wird Kleidung in Übergröße beispielsweise als „Mode für starke Frauen“ bezeichnet, auch die Verwendung des Adjektivs „vollschlank“ anstelle von „dick“ fällt in diese Sparte.

Ob diese Euphemismen nun als verhüllend oder verschleiernd einzuordnen sind, ist schwierig zu beurteilen. Einerseits sind es bewusst verwendete beschönigende Bezeichnungen, um den Gegenüber in einer bestimmten Weise zu beeinflussen. Andererseits finden diese Beeinflussungen aber in gesellschaftlichen Bereichen statt, die vielen unangenehm sind und nicht als salonfähig gelten.

Die generelle Unterscheidung in verhüllenden und verschleiernden Euphemismus ist meiner Meinung nach kaum durchzuhalten. Um Wirkungsabsicht oder Funktion eines Euphemismus zu bestimmen, ist eine rhetorische Analyse unter Berücksichtigung der individuellen Motivation sowie des kulturellen Kontextes notwendig.

Magdalena Koch-Dithör

Literatur:

C. Dietl: Euphemismus. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. Von Gert Ueding. Bd. 3. Tübingen 1992ff.

E. Leinfellner: Der Euphemismus in der politischen Sprache. Berlin 1971.

S. Luchtenberg: Untersuchung zu Euphemismen in der deutschen Gegenwartssprache (Diss 1975) Frankfurt 1985.


Print Friendly, PDF & Email