Exclamatio

(griech. ekphônesis, dt. Ausruf/ Aufschrei, engl. exclamation)

Der Begriff selbst setzt sich aus den lateinischen Wörtern ex (aus) und clamare (schreien, laut rufen) zusammen. Die Exclamatio ist eine rhetorische Figur bei der ein affektgeladener Ausruf / Aufschrei den Zuhörer emotional berühren und so in seinem Urteil beeinflussen will. Im HWRh wird die Exclamatio als ein Stilmittel beschrieben welches die Bezeichnung irgendeines Schmerzes oder irgendeiner Empörung bewirkt und zwar durch das Anreden eines Menschen, einer Stadt, eines Ortes oder irgendeiner Sache. (vgl. HWRh. Sp. 48)

Der Exclamativsatz an sich kann als Aussage, Frage oder Aufforderungssatz konstruiert sein, wobei durch Intonation und/ oder Interjektion die emotionale Beteiligung des Redners ausgedrückt werden kann.

Aussage:„Du bist aber seltsam!“

Frage: „Ist Bierbrauerei nicht ein seltsamer Beruf!“

Aufforderungssatz: „So geh ihr doch endlich zur Hand!“

Dieses rhetorische Stilmittel ist eine sehr affektive Stilfigur und kommt ebenso in der Umgangssprache und in der direkten Rede vor. Durch die Nähe zur Alltagssprache genießt die Exclamatio eine gewisse Unmittelbarkeit, welche insbesondere in der Werbung genutzt wird. Die Exclamatio ist den Gedankenfiguren zuzuordnen.

Die Exclamatio hat verschiedene Ausformungen und Subtypen wie die Exsecratio (Verwünschung) oder die Exprobratio (Vorwurf). Letztere bildet ein typisches Element der Schimpf- und Tadelrede und zeigt den Redner im Zustand höchster Wut oder Verzweiflung. Dabei liegt die Aufgabe darin, den Effekt auf das Publikum zu übertragen. Cicero hingegen hält sie allerdings nicht für eine Form der Exclamatio, da diese zu den Wortfiguren gehöre. Quintillian dagegen hält sie für eine eigenständige Figur, da sie zu den Vorzügen des guten Ausdrucks gehört und notwendig für leidenschaftliche Gefühlsäußerungen ist.

Ein klassisches Beispiel für den emotionalen, emotionalisierenden Ausruf findet sich in Goethes („Mailied“):

„O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!“

Ein modernes, massenwirksames Beispiel stammt aus der Zeitung:

„Haben einst sie viel versprochen und fast alles dann gebrochen!
Aufgeblasen, abgehoben, regieren sie uns von oben!
Sie gieren nur nach Macht und Geld, der kleine Mann für sie nicht zählt!“

Dieser Vers mit dem Titel, „Ein Dankeschön!“ stammt aus der populären „Kronenzeitung“ (3. 6. 2008). Darin wirft „der kleine Mann“ Politikern Arroganz, Habgier, Egoismus und Betrug vor; indem er seinen Gefühlen Ausdruck verleiht, will er zugleich die Leser emotional aufstacheln.

Ein weiteres Beispiel bietet die Werbung: „Alles muss raus!“ Dies ist ein Slogan für einen Schlussverkauf, der an die Kunden appelliert, mehr zu kaufen. Das letzte Beispiel schließlich, ein Gedicht der modernen Gattung „Slam Poetry“ von Bas Böttcher, formuliert an eben dieser Manipulation der Konsumenten Kritik:

„Dran glauben!

„Kram kaufen“

„Augen schließen!

„Den Schwindel genießen!“

Marco Sturm

Literatur:

D. Harjung: Lexikon der Sprachkunst. Die rhetorischen Stilformen. Mit über 1000 Beispielen. München 2000.

D. Till: Exclamatio, in: HWRh Bd 3. Tübingen 1996. Sp. 48-52.

G. Wahrig: Wahrig. Deutsches Wörterbuch. 7. Auflage. Gütersloh/München 2006.